Paläontologie: Unser Cousin, der „Hobbit“

Kleinwüchsige menschenähnliche Wesen, so genannte Hobbits, spielen nicht nur bei Fantasyautor J.R.R. Tolkien eine bemerkenswerte Rolle, sondern - Veröffentlichungen des renommierten Wissenschaftsmagazins „Nature“ zufolge – offensichtlich auch in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit. Das beweist der auf der indonesischen Insel Flores gemachte Knochenfund einer nur einen Meter großen Frau. Alter: 18.000 Jahre. Chris Stringer, Paläontologe am Londoner Naturhistorischen Museum, meint sogar, dass durch diese Entdeckung „unser Wissen über die Evolution neu geschrieben werden muss“. Die gängige Out-of-Africa-Theorie, nach der die Wiege des modernen Menschen in Afrika stand, bekommt nun geografische Risse.

Flores ist eine kleine Insel am Äquator, östlich von Java und nordwestlich von Australien gelegen. Darauf befindet sich, umgeben von Kaffeeplantagen und bewacht von Bewaffneten, das Gebiet von Liang Bua, wo seit 1964 paläontologische Grabungen durchgeführt werden. 

Im September des Jahres 2003 gelang dann der spektakuläre Fund der ein Meter kleinen „Hobbitfrau“, deren Skelett zusammen mit den (nicht vollständigen) Knochenüberresten sieben anderer Individuen ihrer Art in einer Sandsteinhöhle lag. Die Wissenschaft bedachte die neue Spezies in unserem Entwicklungsstammbaum mit dem Namen Homo floresiensis.  

Neben den Gebeinen der prähistorischen „Hobbits“ waren Steinwerkzeuge sowie versengte Tierknochen anzufinden, was den Schluss nahe legt, dass diese kleinwüchsigen Hominiden einfache Jagdinstrumente sowie die Verwendung von Feuer – u.a. zum Kochen – kannten. Die Anatomie der „Floresfrau“ gibt Rätsel auf, zeigt sie doch sowohl Merkmale des archaischen, noch sehr affenähnlichen Australopithecus als auch des moderneren Homo erectus. Nach einjähriger Untersuchung des Skeletts in Djakarta wird mittlerweile angenommen, dass der Homo floresiensis eine durch natürliche Selektion auf die Inselverhältnisse angepasste Weiterentwicklung des Homo erectus darstellt. Nun hoffen die Paläontologen, noch mehr Knochen dieser „Halblinge“ zu finden, um festzustellen, ob „Floresmann“ bzw. „Floresfrau“ eine entwicklungsgeschichtlich kurzlebige oder aber länger bestehende Spezies war. Sollte in den Gebeinen DNA gefunden werden, wäre eine vergleichende Analyse mit anderen Hominiden möglich.

Fest steht: Beim Gehirnvolumen kam der Homo floresiensis nur auf 380 cm3, was etwa der Größe einer Grapefruit entspricht. Das mutet fast anachronistisch an, da bereits der vor 1,8 Mio. Jahren lebende Homo erectus über 1.250 cm3 bis 3.000 cm3 verfügte. Peter Brown, Forscher von der Universität New England in Armidale (Australien), sagt: „Ein so kleines Gehirn in Verbindung mit Werkzeuggebrauch erfordert eine völlig neue Vorstellung von der menschlichen Evolution.“ Wahrscheinlich lebte der Homo floresiensis sogar über Jahrtausende gleichzeitig mit dem Homo sapiens s., also dem heute existierenden Menschen.

Damit wäre eine Koexistenz verschiedener Menschenarten bewiesen. In den Legenden der Inselbevölkerung gibt es ohnehin ein reiches Gut an Erzählungen über den zwergenhaften Ebu Gogo. Dieser Waldmensch soll sich mit Seinesgleichen murmelnd verständigen und menschliche Wörter wie ein Papagei nachahmen. Zur Zeit kursieren Gerüchte, dass dieses mythische Wesen noch zur Zeit der niederländischen Kolonialisierung vor wenigen Jahrhunderten existiert hätte. Henry Gee, Herausgeber von „Nature“, hält es sogar für möglich, dass tief im indonesischen Dschungel immer noch Gruppen dieser Hominiden leben könnten.

In aller Welt existieren Überlieferungen über zwergwüchsige Menschenschläge, seien es  Leprechauns in Irland oder Yowies in Australien. Die „Spielzeuggröße“ des Homo floresiensis war an die Fauna der entlegenen Insel angepasst, wo unter anderem eine nur Pony große Elefantenspezies, das Stegodon, gelebt hatte. Andererseits aber wiesen Schildkröten – und besonders Ratten großwüchsige Dimensionen auf. Zweitere erreichten die körperlichen Ausmaße heutiger Jagdhunde und dürften eine Hauptnahrungsquelle der Hobbitinsulaner dargestellt haben. Auch mit „Drachen“ hatten es die Einmeterhominiden aufzunehmen, allerdings nicht mit Tolkiens Schätze hortendem Smaug, sondern den Komodowaranen.

Wer mehr über unseren Cousin, den hobbitgroßen Homo floresiensis, erfahren möchte: www.nature.com/news/specials/flores

Wissenswertes zur Insel Flores: http://en.wikipedia.org/wiki/Flores

Text: www.canis.info , 02.11.04  

(c) Foto: "National Geographic"

 

 

 

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