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Mündliche Stellungnahme anläßlich des Prozesses wegen der "Massenkeulung von Schlachttieren" vor dem Internationalen Gerichtshof für Tierrechte in Genf, 11.3.2002

Kultur des Lebens statt Kulturschande

Es war Mahatma Gandhi, der gesagt hat: „Den moralischen Fortschritt einer Nation kann man daran erkennen, wie sie mit ihren Tieren umgeht.“  So gesehen steckt Europa noch im Zeitalter der Barbarei, vor allem was die Rechtsstellung und das Verhalten gegenüber sogenannten „Nutztieren“ angeht. Vor gut einem Jahr brannten in Großbritannien die Scheiterhaufen, um die Kadaver der Maul- und Klauenseuche (MKS) zu beseitigen, am Kontinent gab es Massenkeulungen von BSE-infizierten Rindern. Es ist vielleicht polemisch formuliert, aber auf dem Altar des freien Marktes werden mehr Tiere geopfert als sämtliche Götterkulte durch all die Jahrhunderte hindurch forderten. Die Hekatomben* für Apollo waren weit geringer als die der modernen „Seuchenbekämpfung“ bei BSE und MKS. Sicherlich nicht polemisch ist es, von einer Kulturschande Europas zu sprechen.

Seuchen wie MKS oder BSE sind keine Strafe des Himmels oder Schläge des Schicksals – wie vielfach lamentiert worden war – sondern logische Konsequenz einer zynischen Agrarindustrie, bei der der Grundsatz des Immer-mehr-und-immer-schneller gilt. Goethe bezeichnete diese verquere Weltsicht treffend als „veloziferisch“*. Dabei zählen Tiere nicht als fühlende und leidensfähige Lebewesen, sondern als Ware, Zahl und Kostenfaktor. Tierschutz gilt als unrentabler Luxus, bestenfalls als luftiges Deckmäntelchen für windige Geschäftemacher. Von Tierrechten im eigentlichen Sinne kann gar nicht gesprochen werden.

Ohne Beschönigungen betrachtet, bietet sich folgendes Szenario:

   Über Hunderte und Tausende Kilometer werden Tiere - in enge Transport-LKWs oder Zugwaggons gepfercht - über den Kontinent gekarrt, um ohnehin schon ausgezehrt im Schlachthof ihr Ende zu finden. Dies alles zum Wohle des europäischen Konsumenten.

   Zuvor fristeten sie ihr Dasein, dicht gedrängt, mitunter angekettet und körperlich verstümmelt, auf Vollspaltenböden in dunklen Ställen. Freilandhaltung ist in den meisten Fällen ökonomisch nicht rentabel und der Menge der Tiere wegen kaum durchführbar.

   Um die artwidrigen Verhältnisse im Stall oder in der Massenhaltungsfabrik überleben zu können, müssen die „Nutztiere“ prophylaktisch mit Antibiotika vollgepumpt werden. Ein Giftcocktail, der dann wieder am Teller und im Magen des Konsumenten landet.

   Zusätzlich werden Wachstumspillen verfüttert und Hormone gespritzt, um die Tiere schneller reifen zu lassen. Die Gentechnik tut das ihrige hinzu, um perfekte „Hochleistungsmaschinen“ in tierischer Gestalt zu erzeugen. Mehr Fleisch, mehr Milchleistung ... das sollen unsere animalischen Sklaven bringen!

   Eine Überproduktion – etwa an Kälbern – wird bewußt in Kauf genommen, ja sogar subventioniert, um die Tiere dann in „Herodes-Schlachthöfen“ der Reihe nach zu töten. „Marktbereinigung“ heißt die ökonomische Umschreibung für das Gemetzel.

EU-Agrarkommissar Fischler sprach im Zuge der Massenkeulungen auch von „Ausstoßreduktion“. „Ausstoß“, ein Wort, das sonst nur bei umweltschädlichen Giften und Gasen Verwendung findet, aber typisch für unseren Umgang mit dem „Nutztier“ ist. Speziesismus, der Glaube an die Vormachtstellung der eigenen Art, fängt also schon in der Sprache an. Wie oft verwenden wir Ausdrücke wie „Schweinerei“, „du bist ein Schwein“ oder „blöde Kuh“. Verbale Vorurteile, die uns dann in der Praxis helfen, das scheinbare „minderere Lebewesen“ „Nutztier“ zu töten oder noch einfacher: für uns töten zu lassen. In Styropor und Zellophan fein säuberlich verpackt und mit Lebensmittelfarbe dem Auge gefällig koloriert erinnert dann nur mehr wenig an die Greuel der Schlachthöfe.

Was sind die Alternativen?

Ein allgemeines Umdenken muß her. Keine bewaffnete Revolution weniger Tierrechtsaktivisten, sondern eine breit angelegte, sukzessive fortschreitende Evolution des Bewußtseins. Der Zeitpunkt für tierische Grundrechte ist gekommen. War es vor 150 Jahren noch gängige Alltagspraxis, Schwarze als Sklaven zu diskriminieren, da sie rassisch ohnehin nur teilweise Menschen wären, ist dies heute allgemein verpönt und wissenschaftlich widerlegt. 50 Jahre danach sprach man Frauen das Wahlrecht ab, es entspräche nicht ihrer natürlichen Bestimmung hieß es. Mittlerweile bekleiden Frauen führende Rollen im gesellschaftlichen Leben. Jetzt wird argumentiert, Kühe hätten keine Ratio, Schweine würden keine Symphonien komponieren, Hühner keine Romane schreiben; es mangle ihnen an Intellekt und sie eignen sich nur als Nahrungslieferanten für Menschen. Eine gleichermaßen dumme wie vermessene Argumentation.

Prof. Joseph Gitelson, ehemaliger Leiter des sowjetischen Raumfahrtsforschungsprogramms, sprach bei einem Vortrag in Wien, im Jahr 2001, daß es hinsichtlich der wachsenden Weltbevölkerung, der schwindenden Ressourcen sowie der Umweltbelastung durch Massenhaltungsbetriebe am wirtschaftlich sinnvollsten sei, vegetarische Ernährungsweisen zu fördern. Auf eine Frage meinerseits, ob er Vegetarismus für einen evolutionären Fortschritt der Menschheit halte, antwortete er mit einem klaren „Ja!“. Konstruktive Ansätze gibt es zahlreiche. Viele Kleinbauern praktizieren bereits den Bio-veganen Landbau, der ohne Viehzucht, tierischen Dünger oder Pestiziden auskommt und Qualitätsware liefert. In den Niederlanden forschen Universitäten intensiv am Projekt PROFETAS (Protein Foods, Environment, Technology And Society), ein interdisziplinäres Vorhaben, bei dem die Auswirkungen von „Kunstfleisch“ auf Umwelt und Gesellschaft analysiert wird. Ziel ist es, in naher Zukunft große Bevölkerungsschichten mit kostengünstigem „Fleisch“ aus dem Labor (Soja,- oder Weizenbasis) zu versorgen.

Meiner Ansicht nach darf das Endziel eines jeden Menschen, der sich Tierrechtler bezeichnet, nicht das mehr oder weniger „humane“ Töten von Tieren sein, sondern das Abkommen von dieser atavistischen und anachronistischen Praxis. Ein neues ethisches Konzept muß verbreitet werden, eines auf den Pfeilern des Holismus, also der Integration der menschlichen Kultur in das natürliche Ökosystem, sowie auf denen des Veganismus, des Verzichts auf tierische Ausbeutung.

Deshalb ersuche ich den ehrenwerten Herrn Vorsitzenden und das hohe Gericht, die Forderung nach verstärkter Förderung veganer Alternativen sowie nach Etablierung allgemein gültiger Tierrechte in das Protokoll aufzunehmen. Das sind die ersten Schritte hin zu einer Kultur des Lebens!

Mit den Worten des Humanisten Leonardo da Vinci, der da sagte, „Einst wird der Zeitpunkt kommen, da Verbrechen an Tieren genauso bestraft werden wie jene an Menschen“ möchte ich meine Rede abschließen. Danke.

Genf, 11.März 2002

*Hekatombe: von griech. „heka“ = Hundert; Opferung einer Hundertschaft von Menschen oder Tieren zu Ehren der Götter; meist Stiere

** veloziferisch: Kombination der Wörter „velocitas“ = Geschwindigkeit, Eile sowie „Lucifer“ = Synonym des Teufels

 

Mag. Alexander Willer

Vorsitzender des Tierrechtsvereins CANIS International

Vertreter des Zentralverbandes der Tierschutzvereine Österreichs

www.canis.info

office@canis.at

Joanelligasse 8/12

A-1060 Wien

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