Botschaft von Island

Naglergasse 2/8

1010 Wien

www.iceland.org/at

  Wien, 5. September 2003

Sehr geehrter xxx

Wir bedanken uns für Ihr Schreiben betreffend Islands Walfangpolitik. Als Botschafter Islands in der Republik Österreich ist es mir ein großes Anliegen, Ihnen hiermit die richtigen Informationen zu diesem Thema zu übermitteln:

Es ist keinesfalls Islands Absicht, eine der vom Aussterben bedrohten Walarten zu fangen, die in großen Mengen von den führenden Walfangnationen in der Vergangenheit getötet wurden. Das wissenschaftliche Walfangprogramm Islands steht in engem Zusammenhang mit Islands Politik zur Sicherung der Nutzung der marinen Ressourcen und betrifft nur Walarten, deren Bestand nicht bedroht ist.

Die isländischen Behörden sind sich der Notwendigkeit einer sorgsamen Erhaltung der Meeresressourcen vollkommen bewußt. Die isländische Wirtschaft ist von diesen Ressourcen, die mehr als zwei Drittel der Exporte ausmachen, abhängig. Eine Störung des ökologischen Gleichgewichts in den isländischen Hoheitsgewässern aufgrund von Überfischung oder anderen Ursachen hätte katastrophale Folgen für den Lebensunterhalt der Isländer.

Island war weltweit eines der ersten Länder, das seine Hoheitsgewässer im Jahr 1975 auf 200 Seemeilen erweiterte, um die unkontrollierte Schleppnetzfischerei aus anderen europäischen Ländern, die die Fischereibestände bedrohte, zu stoppen. Seit damals hat Island durch die Einführung eines strikten Quotensystems für verschiedene Fischarten, einschließlich Kabeljau, Hering und Lodde, großen Wert auf die Sicherung einer ausgeglichenen und kontrollierten Fischerei in isländischen Gewässern bewirkt.

Island ist stolz auf seine Pionierarbeit, die Überfischung in den heimischen Gewässern verhindert zu haben, und dies wird von vielen Ländern in der ganzen Welt als Vorbild angesehen. Die Fischereiquoten basieren auf Empfehlungen von Wissenschaftlern, die regelmäßig den Bestand der einzelnen Walpopulationen überwachen. Wale sind integraler Bestandteil des marinen Ökosystems und müssen daher auch als Teil einer umfassenden Studie einbezogen werden.

Wissenschaftlichen Studien zufolge, die dem Wissenschaftlichen Komitee der Internationalen Walfangkommission vorgelegt wurden, liegen reiche Bestände an einigen Walpopulationen vor, andere hingegen sind noch immer vom Aussterben bedroht. Die Schätzungen der Walbestände im mittleren Nordatlantik belaufen sich auf 67.000 Zwergwale, 24.000 Finnwale und 10.000 Seiwale. Der Jahresverbrauch der Tiere an Fisch, Krill und anderer Biomasse in dieser Region wird auf 6 Mio. Tonnen geschätzt; ein Vielfaches der gesamten Anlandungen der isländischen Fischerei, die sich auf 1,5 bis 2 Mio. Tonnen belaufen. Dies ist ein wichtiger Faktor für den Einfluß der Wale auf das marine Ökosystem.

Es wäre unverantwortlich, einen Faktor dieser Größenordnung nicht in Betracht zu ziehen. Es ist bereits darauf hingewiesen worden, daß die große Anzahl an Zwergwalen die Erholung der Bestände verschiedener Fischarten gefährdet, wie dem Kabeljau, den Zwergwale in großen Mengen konsumieren. Gleichzeitig ist es sehr wahrscheinlich, daß die Erholung der Bestände einiger bedrohter Walarten, die die ökologische Nische bisher ausgefüllt haben, immer schwieriger wird, je mehr die zahlreichen Populationen an Zwergwalen, Finnwalen und Seiwalen diese Nische besetzen. Auch dies ist ein wichtiger Faktor für weitere Studien.

Islands Plan, in diesem Jahr 38 Zwergwale zu fangen, ist Bestandteil einer umfassenden wissenschaftlichen Studie über die ökologischen Wechselwirkungen zwischen Zwergwalen und anderen Meereslebewesen. Gleichzeitig ist es notwendig, die verschiedenen Aspekte der biologischen Nahrungsmittelkette und Pathologie der Finn- und Seiwale im Nordatlantik zu untersuchen. Dies wird zu einem späteren Zeitpunkt in Betracht  gezogen werden.

Island war eines der ersten Länder der Welt, das die Bedeutung der Erhaltung als auch des Schutzes für den Walfang erkannte. Als es zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts Anzeichen für eine Überfischung der Walbestände gab, erließ Island in den Jahren 1915-1935 ein Walfangverbot für Großwale in den isländischen Hoheitsgewässern. Erst 1948 wurde der Walfang wieder aufgenommen (ausgenommen begrenzte Fänge von einer Landstation in den Jahren 1935-1939). Für den Walfang in Island gelten strikte Regelungen und Einschränkungen und von 1948 bis 1985 wurde er nur auf kleine, auf dem Festland befindliche Unternehmen begrenzt, bis dann alle kommerziellen Fänge aufgrund des sogenannten Internationalen Walfangverbots wieder eingestellt wurden. Dies ist ein wesentlicher Grund für die gute Beschaffenheit der Hauptgroßwalbestände, die Island gefangen hat, d.h. die Finnwale und die Seiwale im mittleren Nordatlantik.

Island war einer der wichtigsten Fürsprecher der internationalen Zusammenarbeit zur Sicherung der nachhaltigen Nutzung der natürlichen Ressourcen, einschließlich der Wale. Dies war die Haltung Islands in der Internationalen Walfangkommission (IWC), die auf der Internationalen Konvention zur Regelung des Walfangs aus dem Jahre 1946 basiert. Die erklärte Rolle der IWC besteht darin, für die Erhaltung und den Schutz der Walbestände zu  sorgen und damit eine geregelte Entwicklung der Walfangindustrie zu ermöglichen.

Island ist der IWC vor kurzem wieder beigetreten, vorbehaltlich des seit 1986 bestehenden sogenannten Verbotes zum kommerziellen Walfang. Island war aus Protest gegen das Versagen der IWC, ihrer beabsichtigten Rolle zur Regelung des Walfangs und zur Förderung der Walforschung nachzukommen statt den Walfang unabhängig von wissenschaftlichen Erkenntnissen ganz zu verbieten, aus der IWC ausgetreten. Jetzt ist Island der Organisation wieder beigetreten und nimmt am überarbeiteten Bewirtschaftungssystem für Walbestände, Revised Management Scheme (RMS), dem Rahmen der IWC für den kommerziellen Walfang, teil. Island hat sich verpflichtet, kommerziellen Walfang nicht vor dem Jahre 2006 zu erlauben, solange nicht Fortschritte bei den Verhandlungen des RMS gemacht werden.  Island hat klargestellt, daß kommerzieller Walfang in Island unter keinen Umständen ohne eine solide wissenschaftliche Grundlage und ein effektives Programm gestattet werden wird. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt hat Island keine Pläne für den kommerziellen Walfang.

Ich hoffe sehr, daß diese Informationen zu einem besseren Verständnis für den Standpunkt der isländischen Behörden beitragen und die damit verbundenen Bedenken hinsichtlich der Haltung Islands zum Walfang nicht mehr bestehen. Als Botschafter von Island in der Republik Österreich versichere ich Ihnen, daß meine Regierung den Wunsch nach Sicherung des Erhaltes der Walbestände in den isländischen Hoheitsgewässern und auch in anderen Gewässern in vollem Maße teilt.

Weitere Informationen zu den Regelungen der isländischen Ressourcen an Meereslebewesen finden Sie auf der isländischen Homepage www.fisheries.is . Informationen zu den verschiedenen wissenschaftlichen Forschungsprojekten an Walen und anderen Meeressäugetieren im Nordatlantik finden Sie auf der Homepage des isländischen Marineforschungsinstitutes www.hafro.is und der Kommission  für Meeressäugetiere im Nordatlantik www.nammco.no  .

 

Mit freundlichen Grüßen

Thordur Aegir Óskarsson

Botschafter

 

 

 

 

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