Tierversuche/USA: Ratten, Mäuse, Vögel sind „keine Tiere“

Im Jahr 1998 zwang die in Minnesota ansässige Stiftung für Alternative Forschung und Entwicklung*  das US-Landwirtschaftsministerium (USDA) per Gerichtsbeschluß, neue Regelungen für Ratten, Mäuse und Vögel im Tierversuch zu entwickeln. Zwei Jahre später war das USDA zum ersten Mal bereit, diese Regeln schriftlich festzuhalten, da besagte Spezies immerhin 95% aller im Tierversuch verwendeten Tiere ausmachen. Dabei sollten Mindeststandards für „ausreichenden Platz“, „Luft“, „Nahrung“, „Wasser“, „saubere Käfige“ und „sowenig Schmerz als möglich“ gewährleistet werden.

Das rief das politkonservative Establishment auf den Plan. Dem republikanischen Senator Thad Cochrane gelang es, das USDA ein Jahr lang daran zu hindern, die Regelungen umzusetzen. Und im Februar 2002 drückte sein ultrakonservativer Parteifreund, Senator Jesse Helms aus North Carolina, einen Anhang zum Farm-Gesetz durch, durch den die im Tierschutzgesetz** festgelegte Definition für „Tier“ dahingehend verändert wurde, daß Ratten, Mäuse und Vögel in Hinkunft nicht als Tiere gelten.

Senator Helms im O-Ton: „Einem Nagetier kann viel Schlimmeres passieren als in einer Forschungseinrichtung auszuleben. ... Ich frage mich, ob jemand in dieser Kammer [gemeint ist der US-Senat] schon mal gesehen hat, wie ein hungriger Python eine Maus frißt? Ist es nicht weit besser für die Maus, in einem sauberen Labor gefüttert und mit Wasser versorgt zu werden, statt als winziges Knäuel von einer riesigen Schlange verdaut zu werden?***

Diesem geheuchelten Pseudomitleid widersprach John McArdle von der Stiftung für Alternative Forschung und Entwicklung und fordert Senator Helms auf, sich einmal die schrecklichen Bilder eines von der Tierschutzorganisation PETA undercover gefilmten Videos anzusehen. Darin sind Ratten zu sehen, die an der Universität von North Carolina, in Chapel Hill, ohne Betäubung geköpft werden. Andere Aufnahmen zeigen Mäuse, die mitten unter anderen – bereits kranken oder toten – Nagern auf ihre Euthanasie warten.

Senator Helms handelte also sicher nicht aus Mitleid mit den Nagern, von Schlangen verspeist zu werden. Gewichtige Wirtschaftsinteressen bilden den wahren Hintergrund. Sein Heimatstaat North Carolina ist Standort zahlreicher biomedizinischer Forschungsstätten, die Jobs und Dollars bringen. Frankie Trull, Präsident der Nationalen Vereinigung für Biomedizinische Forschung****, gibt offen zu, daß er neue Tierschutzstandards für Labortiere für unnötig und kostspielig hält. Außerdem würden dadurch angeblich Therapiemöglichkeiten für Krankheiten verzögert. Zudem merkt er an, daß Vivisektoren, die Förderungen vom Nationalen Gesundheitsinstitut erhalten*****, bei Ratten, Mäusen und Vögeln ohnehin bereits Standards einhalten müssten; andere Labors wiederum erfüllen von der Industrie erstellte „freiwillige Richtlinien“ (voluntary guidelines)

Interessanterweise unterstützen nicht alle Industriegiganten das „Helms amendment“ zum Farm-Gesetz. Colgate-Palmolive oder Procter & Gamble schrieben die Senatoren an, um ihnen zu erklären, daß es keine logische Basis dafür gebe, Ratten, Mäuse oder Vögel vom Tierschutzgesetz zu exkludieren. John McArdle und Mitstreiter versuchen vehement, das neue Farm-Gesetz zu Fall zu bringen. Gelingt dies nicht, bestünde immer noch die Möglichkeit, Ratten, Mäuse und Vögel durch die Gesetze der einzelnen US-Bundesstaaten zu schützen.

* Alternatives Research and Development Foundation

** Animal Welfare Act

*** Quelle: http://www.nandotimes.com/healthscience/v-text/story/393916p-3136339c.html

**** National Association for Biomedical Research

***** National Institute of Health

 

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