Japan: Stammzellenforschung am Frosch

1791 führte Luigi Galvani, in der krausen Annahme, tierisches Gewebe eigne sich zur Herstellung von elektrischem Strom, Experimente mit abgetrennten Froschschenkeln durch. Kollege Volta verstümmelte bald danach weitere  Frösche, nur um zu beweisen, daß Galvani irrte. Anno 2002 produziert Professor

Makoto Asashima im Reagenzglas Froschaugen – im Namen der Wissenschaft und im Dienste der Menschheit – wie es heißt.

 Frankensteins Erbe

Tokio – betritt man Asashimas Labor, stechen einem Reihen von Reagenzgläsern mit den verschiedensten Chemikalien ins Auge, Testtuben schwirren in Zentrifugen, während Mitarbeiter im Gedanken versunken über ihren Tischplatten an der Datenausarbeitung brüten. Das Wichtigste im ganzen Laboratorium befindet sich, stecknadelgroß, in Wasser getaucht, auf dem Boden von gut gehüteten Petrischalen: Froschembryonen, etwa ein Dutzend davon! Was sich wie die Rauminnenausstattung Dr. Viktor Frankensteins liest, existiert tatsächlich und wird von der Universität Tokio bzw. einer regierungsnahen „Wissenschaftsfördergruppe“ subventioniert.

Und wie die Romanfigur Frankenstein prophezeit auch Asashima wahrlich faustische Erfolge: „Wenn wir in dieser Richtung konsequent weitergehen, wird es möglich werden, daß Menschen, die ihr Augenlicht verloren haben, wieder sehen können.“ Stammzellenforschung heißt die moderne Zauberformel. Mit ihrer Hilfe soll von Alzheimer über Blindheit bis Krebs alles kuriert werden können. Medizinischer Machbarkeitsglaube, für den Millionen Tiere geopfert werden; unzählige Fehlversuche fix einkalkuliert. Der Weg ist schließlich das wissenschaftliche Ziel.

 Ein Protein namens Aktivin

1989 hatte Asashima entdeckt, daß ein Eiweiß namens Aktivin die Gene in den Stammzellen eines Froschembryos dazu veranlasst, Nieren, Leber und andere Organe zu bilden. 1998 war er einer der ersten Wissenschafter, denen es gelang, ein Sinnesorgan in vitro aus Stammzellen herzustellen: ein Froschauge. 2001 hatte Asashima Erfolg, ein im Tubus gewachsenes Auge erfolgreich einer zuvor geblendeten Kaulquappe zu implantieren. Seitdem hat er etwa 60 weiteren Kaulquappen künstlich gezüchtete Augen übertragen; 70% davon konnten wieder sehen. Sein emeritierter amerikanischer Biomediziner-Kollege Carl Pfeiffer (State University of Virginia) war voll des Lobes: Makoto Asashima wäre ein „wahrer Pionier an vorderster Front“. Der solcherart Gelobte selbst möchte wissenschaftliche Basisarbeit an den Fröschen leisten; schon bald will er an Mäusen experimentieren, deren Organismus „menschenähnlicher“ wäre. Fernes Ziel bleibt, menschliche Organe aus Stammzellen im Labor herzustellen. Ähnlich wie Echsenarten einen abgetrennten Schwanz regenerieren können, sollen einst geschädigte Humanorgane, egal ob Auge, Herz, Lunge oder Gehirnteile aus der Retorte ersetzt werden. Und zwar innerhalb kürzester Zeit, ohne langes Warten auf passende Spenderorgane. Das Aktivin soll den Weg in diese Zukunft weisen.

Asashima schneidet jene Teile des Froschembryos weg, die für Gewebebildung zuständig sind. Danach weicht er sie in einer aktivinhältigen Lösung ein, bis sie durchtränkt sind. Anschließend packt er diesen „behandelten“ Embryonenteil zwischen zwei „unbehandelte“ Embryonenteile und wartet, bis diese – durch das Aktivin veranlaßt – Organe bilden. Der ganze Vorgang dauert rund fünf Tage. Je nachdem wie hoch die Konzentration des Aktivins ist bzw. mit welchen anderen Substanzen es kombiniert wird, desto andersartiger fallen die Baubefehle in den Zellen aus. Zum Beispiel produziert eine niedrige Konzentration Blutzellen oder Muskelgewebe, während eine hohe Dosis Herz, Leber oder Bauchspeicheldrüse heranwachsen läßt.

 Wie legal ist Stammzellenforschung?

Professor Asashima schränkt ein, daß seine Froschexperimente trotz Erfolges noch weit davon entfernt sind, um ähnliche Ergebnisse beim menschlichen Organismus zu liefern. Dafür wäre Forschung am humanen Embryo notwendig. In Japan herrscht diesbezüglich eine gesetzliche Grauzone. Menschliche embryonale Zellen dürfen nur dann für Stammzellenforschung verwendet werden, wenn sie anderenfalls bei Befruchtungsexperimenten ohnehin  „weggeworfen“ („discarded“) werden würden.  In den USA beschloß Präsident George Bush, jr., 2001, keine Steuergelder des Bundes dafür zu verwenden, Forschungen zu unterstützen, bei denen menschliche Embryonen zerstört werden, soferne diese nicht schon im wissenschaftlichen Prozess (“research pipeline“) einbezogen sind. In Europa verbieten nur vier Staaten: Deutschland, Frankreich, Irland und Österreich jegliche Stammzellenforschung mit dem menschlichen Embryo. In den restlichen Staaten ist sie in variierendem Ausmaß prinzipiell erlaubt.

 Skepsis über Asashima

Während sein bereits erwähnter US-Kollege Carl Pfeiffer über Asashima meint: „Das Prinzip, das er an niederen Tieren entwickelt, wird auf Menschen übertragbar sein“, ist Professor Jonathan Slack, Biochemiker der Universität Bath, England, skeptisch: „Die menschlichen Stammzellen werden verschiedene Gewebe bilden, aber keine intakten Organe, und selbst wenn, müßten auch diese Organe über Monate hin wachsen, um groß genug für eine Transplantation zu sein.“*

Die Biotechnologie ist ein besonders eindrückliches Beispiel des kalten menschlichen Speziesismus, nachdem Tiere ohne Skrupel dazu verwendet werden dürfen, gequält, zerstückelt, wieder zusammengenäht und letztendlich als leblose Masse weggeworfen zu werden. Auch die Kirche trägt hier Mitschuld, denn während der Vatikan jegliche Versuche an menschlichen Embryonen kategorisch verurteilt, werden Tierversuche im Katechismus explizit für notwendig erachtet. Speziesismus macht auch vor Religionen nicht halt!

© Mag. Alexander Willer, www.canis.info

* Direkte, kursiv gesetzte, Zitate wurden von Scott Stoddard, Reporter der Associated Press, 24.3.2002, übernommen.

 

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