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TAUCHGANG
INS REICH DER KRAKEN, KALMARE UND TINTENFISCHE
Literarische
Bösewichte
Nautilus zu
attackieren. Verne wurde zu seiner Beschreibung durch einen angeblich
wahren Vorfall inspiriert, als im Jahre 1861 vor Teneriffa ein französisches
Kriegsschiff von einem Riesenkraken attackiert worden sein soll, der nur
durch Kanonenschüsse abzuwehren war. 1930 gaben norwegische Matrosen der
Brunswick an, ebenfalls Ziel eines Oktopusangriffs gewesen zu sein.1
Der Krake wäre letztendlich von der Schiffsschraube zerstückelt worden,
so der Bericht. Sind Aufeinandertreffen wie diese nur Seemannsgarn oder
steckt vielleicht ein Quäntchen Wahrheit dahinter? Was ist dran an den
Tentakel schwingenden Tintenfischen? Allgemeine
Physiologie2
Zoologisch
zählen Tintenfische trotz ihres Namens nicht zu den Fischen, sondern zur
Klasse der Kopffüßer
(Cephalopoden) im großen Stamm der Weichtiere (Mollusken). Ihre nächsten
Verwandten sind Schnecken und Muscheln. Die Kopffüßer unterteilen sich
wieder in zwei Unterklassen: Zweikiemer bzw. Vierkiemer (z.B. der
Nautilus). Und auch die Zweikiemer bilden zwei weitere Ordnungen, nämlich
Achtfüßer oder Oktopusse wie zum Beispiel Polypen bzw. Zehnfüßer wie
Kalmare und Sepien. Unterhalb dieser Klassifizierung sind der Wissenschaft
bisher an die 750 Arten bekannt. Anatomisch hervorstechend sind vor allem
zwei Dinge. Zum
einen die auffallenden Linsenaugen, die größten Sehapparate im ganzen
Tierreich, welche bei manchen Arten die Ausmaße eines Basketballs
annehmen. Augen dieser Form sind bestens für das Leben in den
lichtschwachen Bereichen der Tiefsee geeignet.
die scheinbar engsten Spalten oder Hohlräume eindringen. Die Speiseröhre geht direkt durch das Gehirn der Kopffüßer. Der Eingeweidesack ist am Rückenende mit einer Kalkschale verwachsen, dem sogenannten Schulp; ein evolutionäres Relikt der Verwandtschaft zu den Muscheln. Schulp ist im Alltag vor allem durch seine Verwendung als Futterzusatz in Vogelkäfigen bekannt. Aus einem speziellen Beutel kann der Cephalopode Tinte ausstoßen, eine Flüssigkeit, die entweder den Verfolger verwirren oder der Beute die Sicht nehmen soll. Der getrocknete Inhalt dieser Tintenbeutel dient unter dem Namen Sepia Künstlern auch als Malfarbe.4 Drei Herzen und ein "Jet-Antrieb"5 Bemerkenswert
wie so vieles an den Cephalopoden ist die Tatsache, daß sie über drei
Herzen verfügen. Diese sind aufgrund der Fortbewegungsart von Kopffüßern
ein Ding der Notwendigkeit. Denn während Fische sich durch Flossen rasch
und einfach durchs Wasser bewegen, schießen Tintenfische ruckartig durch
das Naß. Dies geschieht durch einen aus der Muskeldüse
explosionsartig ausgestoßenen Strahl, der die Tiere blitzschnell in jede
beliebe Richtung katapultieren kann. Vom Prinzip her handelt es sich um
denselben Antrieb wie bei Jet-Flugzeugen. Natürlich kostet eine solche
Form der Motion viel Energie und zwar ungefähr doppelt so viel wie
bei Fischen, wobei sie oft nur halb so schnell wie diese sind und achtmal
soviel Blut umsetzen müssen. Für diese enorme Zirkulationsleistung
brauchen Cephalopoden eben drei Herzen. Thor Heyerdahl, der legendäre
norwegische Wissenschafter und Abenteurer, berichtet davon, daß er 1947
als er mit dem Floß Kon Tiki von Südamerika nach Polynesien
segelte, beobachtete, wie Kalmare raketenartig aus dem Wasser schossen und
in einer Art Gleitflug bis zu 50 Meter weit segelten. Aufgrund ihres sehr
schnellen Stoffwechsels werden die meisten Kopffüßerarten nicht sehr
alt. Die Zoologen schreiben ihnen lediglich eine Lebenserwartung von ein
bis drei Jahren zu (der Generationswechsel geschieht durch Eiablage der
weiblichen Tiere an Steinen oder Pflanzen, die sogenannten
Meerestrauben) Aber
auch in Sachen Alter sind Überraschungen durchaus möglich, zumal größere
Kopffüßer-Spezies bisher so gut wie kaum in ihrem Lebensraum erforscht
und meist nur in totem Zustand sei es angeschwemmt oder in Fangnetzen
untersucht werden. Jean-Michel Cousteau, Sohn des Meeresforschers
Jacques-Yves Cousteau, dazu: Wir
wissen mehr über ausgestorbene Dinosaurier als über diese lebenden Tiere;
damit meint er vor allem die geheimnisumwitterten Riesenkraken der
Tiefsee.6
Chamäleons
der Meere
Kopffüßer
besitzen in ihrer Haut kleine Pigmentsäcke (Chromatophoren), die durch
feine Muskelfasern über das Gehirn gesteuert werden können. Das ermöglicht
es den Tieren, in Sekundenschnelle die Körperfarbe zu verändern. Einige
Arten schaffen diesen Farbwechsel innerhalb nur einer Stunde bis zu
tausendmal. Martin Moynihan vom Smithsonian Tropical Research Institute in Panama vermutet in dieser
Fähigkeit eine Art von Kommunikationssystem, mittels dessen Cephalopoden
Informationen über Gefahren, Beute oder Umgebung übermitteln. Der Gemeine Tintenfisch (Sepia officinalis)
kann auf seiner Haut sogar bewegte Bilder erzeugen, wobei sich helle und
dunkle Brauntöne so schnell abwechseln, daß sie Beutetieren eine
harmlose Landschaft vorgaukeln. Zudem soll dieses Farbenspiel auf die
Opfer eine Art hypnotische Wirkung haben, die sie von Flucht abhält.7
Der Karibische Rift-Tintenfisch
ist in der Lage, auf einer Körperseite dem Rivalen farblich drohen, während er
auf der anderen alle Farben spielen läßt, um einem Weibchen zu
imponieren. Sollte es
notwendig sein, ist es ihm möglich, das Verfärben der Seiten
blitzschnell umzudrehen.8
Wie vor drei Jahren publik wurde, gehen manche Tintenfischarten auch
Vergesellschaftungen ein, darunter etwa der Hawaiian
Bobtail Squid mit dem Leuchtbakterium Fibrio
fischeri. Tagsüber verbirgt sich der Molluske im Sand, nachts erwacht
er zur Nahrungssuche. Dabei wird er von Innen heraus durch besagte
Bakterien illuminiert. Für Fibrio
fischeri birgt dies den Vorteil, im Körper des Tintenfisches Nahrung
abzuzapfen, während der Hawaiian
Bobtail Squid durch die bakterielle Beleuchtung seine Schattenwirkung
im Mondlicht verringert und so für seine natürlichen Feinde schwerer
auszumachen ist.9
Die
Intelligenz von 550 Mio. Jahren
Forscherlegende
Jacques-Yves
Cousteau: Wenn ein Taucher die
Augen eines großen Kraken auf sich gerichtet sieht, empfindet er eine Art
Respekt, so als begegne er einem sehr klugen, sehr alten Tier.10
Auch andere Menschen, die je einen der großen Kopffüßer zu Gesicht
bekamen, berichten von einem eindrucksvollen Aufeinandertreffen. Immer
wieder wird dabei der Blick der Tintenfische besonders hervorgehoben. Es
scheint, als wären die Tiere in der Lage, durch ihre Augen Neugier, Wut
oder Überraschung auszudrücken. Doch sind sie dazu wirklich befähigt oder interpretiert der Mensch eigene Empfindungen in den Blick des
Tintenfischs? Nathan Tublitz, Universität von Oregon in Eugene: Wir
haben nicht die geeigneten Experimente entwickelt, um uns ein Bild von der
Intelligenz der Tiere zu machen. Und tatsächlich hielt man
Kalmare, Sepien und Polypen lange Zeit für nicht viel intelligenter als
ihre Verwandten, die Schnecken. Dies galt bis 1992, als die italienischen
Neurobiologen Graziano Fiorito und Pietro Scotto in der Bucht von Neapel
eine erstaunliche Versuchsreihe mit Kraken durchführten. In der ersten
Phase wurden die Tiere darauf konditioniert, mit Fischstückchen belohnt
zu werden, wenn sie herausfanden, hinter welchen Bällen roten oder
weißen die Nahrung verborgen war. Schon nach wenigen Versuchen hatten
die Cephalopoden den Dreh heraus. In Phase zwei ließ man bisher nicht
konditionierte Kraken ihren bereits trainierten Artgenossen beim
Nahrungserwerb hinter den Bällen zusehen. Das Ergebnis war noch
erstaunlicher: durch scheinbar reines Beobachten lernten die Tintenfische
noch schneller als durch Konditionierung.11
Natürlich gab es sofort Kritiker, die von nichts weiter als einfachem Freßinstinkt
sprachen, andere wiederum reihten die Tintenfische voller Euphorie plötzlich intelligenzmäßig
auf eine Stufe mit höheren Säugern und Vögeln; wiederum andere sprachen
sogar von morphischen Feldern. Fest steht, das Gehirn der Kopffüßer ist von der Größe und Oberflächenstruktur
relativ umfangreich. Dazu Ted Bullock, Universität Kalifornien in San
Diego: Es besitzt eine Menge
Gewebe, es ist nicht glatt oder eintönig. Es sieht aus wie ein
kompliziertes Gehirn (...)12
Ständig
Neues aus der Tiefe
Fast niemanden ist es bewußt, daß der größte Teil der Biosphäre der Erde beinahe gänzlich unerforscht ist. Denn der Lebensraum am Land macht nur 2 %, der im flachen Wasser ebenfalls nur so viel Prozent aus. Das heißt, 96 % des Ökosystems das Bathypelagial in einer Meerestiefe von 1.000 bis 4.000 Metern blieb bisher terra incognita.13 Jene Zone, in der fast völlige Dunkelheit und hoher Druck herrschen, wo die Temperatur nahe am Nullpunkt liegt. Bisher wagten sich meist nur unbemannte Tauchboote in diese Tiefen. Was die Kameras dieser U-Boote filmten, zeugt von vielfältigem Kopffüßer-Vorkommen in dieser scheinbar so lebensfeindlichen Region. Sowohl die Submarines Alvin (USA), Shinkai 6500 (Japan) als auch Tiburón (Spanien) entdeckten eine Tintenfischart, die so ganz anders war als der Rest ihrer Verwandten. Anstatt des gewohnten Jet-Antriebs bewegte sie sich mit Kopfflossen fort ähnlich gleitend wie ein Rochen.14 Des weiteren weist diese Spezies acht Arme und zwei Tentakel auf; alle hauchdünn (wie Spaghetti) und seltsam abgewinkelt.
Erfolgsmodells Kopffüßer hervor: der nur tennisballgroße Ophistotheutis
agassizii verfügt zwischen seinen Armen über Schwimmhäute; beim 10
Zentimeter großen Vampyrotheutis
infernalis sind die hautbespannten Extremitäten auf ihrer Unterseite
sogar noch mit Dornen besetzt.15
Der legendäre Riesenkrake Architheutis dux mit einer Körperlänge von
bis zu 18 Metern wurde lebend noch nie gesehen. Lediglich
Saugnapfverletzungen bei Walen bzw. abgetrennte Fangarme in Walmägen ließen
bisher auf die Größe dieser Art schließen. Wale scheinen überhaupt natürliche
Feinde der Cephalopoden zu sein, weshalb Clyde Roper, Zoologe am National
Museum of Natural History in Washington, Pottwale mit Kameras bestückt,
in der Hoffnung Bilder der Riesenkraken ja vielleicht sogar vom Kampf
mit dem Wal zu erhalten.16
Strandungen
aus jüngster Zeit
Am
23.Juli 2002 lag am Strand vor der tasmanischen Stadt Hobart ein 550 Pfund
schwerer toter Tintenfisch. Bei dem Kalmar handelte es sich um ein trächtiges
Weibchen, das aus bisher unbekanntem Grund gestorben und angespült worden
war. Obwohl es sich um keine wie zuerst vermutet neue Art handelt,
ist ein Fund eines derart großen Tintenfisches doch etwas Ungewöhnliches.
Die Überreste des Tieres werden im Zoologischen Museum von Hobart
ausgestellt werden.17
Nur wenige Tage darauf, am 27.Juli, kam es in der La Jolla Cove, nahe der
kalifornischen Metropole San Diego, zum größten Massentod von
Tintenfischen seit 100 Jahren. Sage und schreibe zwölf Tonnen Flying
Jumbo Squids (Dosidicus gigas)
waren gestrandet. Nach Vermutungen von Forschern geschah dies in
Verfolgung von Grunion-Fischschwärmen. Eric Hochberg, Santa
Barbara Natural History Museum, gab an: Es war unglaublich. Als sie starben, machten sie seltsame Geräusche
ähnlich den Lauten von Robben oder Delphinen.18 Die
Spezies der Zukunft?
Zahlreiche
Forscher vertreten die These, daß Tintenfische zu den großen Gewinnern
der ökologischen Katastrophe gehören, die derzeit in den Weltmeeren abläuft.
George Jackson, Institute of
Antarctic and Southern Ocean Studies in Tasmanien, sagt in der
neuesten Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Australasian
Science: Die (...) Spezies
scheint den Planeten einzunehmen. Tintenfische fressen alles, was sich
ihnen in den Weg stellt und wachsen bis sie sterben. (...) Die Tiere
scheinen die ökologische Katastrophe zu lieben. Nach Ansicht der
Ozeanforscher sind Überfischung und Anstieg der Meerestemperatur maßgeblich
für die Populationsexplosion der Cephalopoden. Dank der menschlichen
Fangflotten fallen Freßfeinde wie Flunder, Heilbutt, Dorsch, Meerhecht,
ja sogar Haie und Rochen weg. Vor allem die weggefischten Thunfische,
deren Nahrung zu gut einem Viertel auf Kopffüßern besteht, fehlen im Ökosystem,
wodurch sich die Tintenfische rasant vermehren. Die erhöhte
Wassertemperatur, meint Daniel Pauly, Professor am Fischereizentrum der
Universität British Columbia, Kanada, führe
zu einem Schneeballeffekt im Wachstum der gesamten Population.
Aufgrund ihrer Körperfunktionen werden Cephalopoden laut Jackson
bei reichem Nahrungsangebot auch nicht dicker, sondern größer. In
Hinkunft ist demnach mit weit mehr und auch größeren Tintenfischen zu
rechnen. Pauly ist überzeugt, daß dieses Phänomen nicht lokal, sondern
universell sei. Und tatsächlich
ist ein vermehrtes Vorkommen der Kopffüßer bis auf den Nordostatlantik
bisher in allen Weltmeeren zu beobachten.19
©
Text: A. Willer/CANIS Webtipp:
www.tintenfische.com
Zum
Thema Tiefseeforschung: -)
Der Spiegel 31/1998 (27.7.); Titelstory -)
International Herald Tribune, 15.2.1996; S.10 -) "Die Presse", Spectrum, 10.8.2002; X Quellenangaben: 1,
3, 6: TA,
4.6.2000; S.10-11 2:
Tierkunde: Wirbellose Tiere;
Franz Höpfinger/Ferdinand Pichler (Vf.), (Wien/Graz 1978); S. 129-133 4: TA, 7.10.1998; S.27 5,
7, 10, 11, 12: Der
Spiegel, 27/1997 (30.6.) 8:
New Scientist, 2085; S.30 9:
Der Standard, 9.6.1999;
S.34 13,
15: Die Presse,
Spectrum, 2.2.2002; VIII 14:
PM 7/02; S.38 sowie www.mbari.org/news/news_releases/2001/dec21_clague/dec21_clague.html
bzw.
Science
294, S.2505 16:
Der Standard, 30.7.2002; S.23 17:
http://story.news.yahoo.com/news?tmpl=story&u=/020723/1wkzr.html
18:
AP-Meldung vom 27.7.2002 19:
AHO-Meldung vom 4.8.2002
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