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Das
Palio von Siena: Pferdeschinderei
im Namen der Mutter Gottes Mittelalterliche
Tradition Etwas
nördlich von Florenz liegt die Stadt Siena, gekennzeichnet durch
wunderbare Architektur und mittelalterliches Flair. Aus dem Mittelalter
stammt auch das Brauchtum des Palio di Siena, eines Pferderennens rund um
den Stadtplatz des toskanischen Kulturjuwels; ein Wettstreit zu Ehren der
Jungfrau Maria abgehalten. Wann genau das bis in unsere Tage ausgetragene
Rennen zum ersten Mal stattfand, kann nicht genau gesagt werden. War es
1224 oder 1289? Die meisten Historiker nehmen 1260
zum Ausgangspunkt. Damals im September wurde Siena von einer Übermacht
florentinischer Soldaten belagert. Die Lage schien aussichtslos. Im einem
Morgengrauen wagten die Belagerten den Ausfall und gingen selbst zum
Angriff über. Einen ganzen Tag lang tobte die Schlacht. Am Ende lagen
10.000 Florentiner tot am Feld, 15.000 weitere Gegner gerieten in
Gefangenschaft. Die Sienesen schreiben diesen Sieg von Montaperti dem Eingreifen der Heiligen Jungfrau Maria zu.
Denn am Vorabend der Schlacht, nachdem die Stadt sich feierlich unter den
Schutz der Gottesmutter gestellt hatte, soll ein glänzender Schimmer über
dem belagerten Siena gelegen sein - der schützende Mantel der Madonna -;
die Florentiner freilich erklärten dies profan als Widerschein der
Lagerfeuer. Wie dem auch sei, nach diesem militärischen Erfolg nahm
Sienas wundersam rascher Aufstieg seinen Anfang. An der Frankenstraße von
Rom Richtung Alpen gelegen wuchs die Bedeutung als Handelsstation, zudem
beherbergte die Stadt viele Bankiers des Papstes. Reichtum, Ansehen und
Einfluß stiegen. 1555 wurde Siena dennoch vom alten Rivalen Florenz
besiegt und unter Tribut gestellt. Den neuen Herrschern zum Trotz lebte
eine Tradition bis heute fort: das Pferderennen zu Ehren der Mutter
Gottes, das Palio. Identität
in der Contrada Siena
besteht aus 17 historisch gewachsenen Stadtteilen. Und obwohl die Stadt
mittlerweile sehr weltoffen ist, fühlen sich viele ihrer Einwohner noch
immer primär dem eigenen Bezirk (= Contrada)
und erst in zweiter Linie ganz Siena zugehörig. Jede Contrada verfügt über
eine eigene Flagge, Hymne, Kirche, einen eigenen Schutzpatron sowie über
einen separaten Regierungssitz. Zweimal pro Jahr treffen sich die
Bezirksvertreter, um das Los entscheiden zu lassen, welche 10 der 17
Contraden am Pferderennen um den Stadtplatz von Siena teilnehmen dürfen,
das jeweils am 2.Juli (Mariä Heimsuchung) bzw. am 16.August (einen Tag nach Mariä Himmelfahrt) abgehalten wird. In
besonderen Jahren findet im September noch ein drittes Palio statt, was
bisher 45 mal geschah (z.B. 1945 nach Ende des II.Weltkrieges, 1961 zum
100Jahr-Jubiläum Italiens, 1969 nach der Mondlandung oder im heiligen
Jahr 2000). Diese Rennen stellen den Höhepunkt im Leben der Stadt dar.
Bereits im Vorfeld geht es heiß her. Ränkeschmiede, geheime Abmachungen
und Bestechungen sind Teil der Tradition. Hat schon die eigene Contrada
keine Chance auf den Sieg, so soll zumindest auch das verfeindete Viertel
als Verlierer dastehen. Dabei gilt automatisch: der Feind meines Feindes
ist mein Freund. Der Prior agiert als Bezirkschef, der Capitano als
oberster Stratege und der Fantino schließlich als Reiter, dem es obliegt,
die Ehre der Contrada zu verteidigen. Dabei wird weder vorm Einkauf
erstklassiger Pferde noch Jockeys gespart. Und auch neue Einwohner der
Contrada können sich vom Prior am 15.August im Stadtteilbrunnen feierlich
als Mitglieder taufen lassen. Unter
dem Deckmantel der Mutter Gottes Schon
Tage vor den Rennen sind die Fenster der Stadtteile mit den jeweiligen
Wimpeln reichlich geschmückt, die Anhänger tragen die contradentypischen
Farben als Kleidung. Spannung liegt förmlich über dem Campo, dem
Stadtplatz von Siena. Ein Fahnenmeer begrüßt die Reiter. Dann endlich
der Start. In nur 75 Sekunden wird der Tuffsteinplatz dreimal umritten,
wobei in den engen Kurven San Martino und Cassato enorme Sturzgefahr
besteht. Sattel bleiben untersagt, sonst ist erlaubt, was den Sieg bringt;
vor allem der Ochsenziemer, der sowohl im Einsatz gegen Pferde als auch
gegen andere Fantini gestattet ist. Ebenso gang und gäbe ist das
Behindern durch Ellenbogentechnik oder
Rempeln des gegnerischen Reittieres. Viele Contraden führen zwar Tiere
(Giraffe, Gans, Schildkröte oder Schnecke) als Emblem; der traditionellen
Verbrämung entkleidet, bleibt aber nur der Eindruck der Abgestumpftheit
gegenüber Tierleid über. Denn alleine seit 1967 mußten 40 Pferde ihr
Leben am Campo lassen. Dabei
winkt dem Sieger des Pferderennens nicht etwa ein hoher Geldbetrag,
sondern "bloß" eine kunstvoll gestaltete Flagge mit dem Abbild
der Mutter Gottes; ein Stoffsymbol mit der Bezeichnung Palio
(von lat. "pallium" = Mantel), das dem Rennen den Namen gab und
Sinnbild für den himmlischen Schutzmantel Marias sein soll. Tatsächlich
ist es eher Deckmantel für Tierquälerei.
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