USA: Familienzusammenführung für Orca „Lolita“?

 

In einem chlorierten Tank des Miami Seaquarium dreht der weibliche Orca „Lolita“ tagtäglich seine trostlosen Runden. Mittlerweile ist „Lolita“ 38 Jahre alt, 33 davon verbrachte sie in Gefangenschaft. Genau am 8. August 1970 wurde sie bei Penn Cove, an der Nordwestküste der USA, aus ihrem natürlichen Meereshabitat entführt –- gemeinsam mit 56 anderen Orcas –- , um für Showzwecke in Delphinarien verfrachtet zu werden. Elf Orcas starben schon vor ihrer Überführung in menschliche Vergnügungsparks, und die anderen 44 sind in Gefangenschaft verendet. „Lolita“ ist der einzig noch lebende Schwertwal des damaligen Fangs.

Ihre Verwandten schwimmen in Familienverbänden, sogenannten pods, noch heute vor der Küste des Bundesstaates Washington. 82 Orcas zählen J-, L- und K-pod zur Zeit. „Lolita“ stammt aus dem L-pod. Alle drei Walfamilien sind von Meeresforschern über Jahrzehnte wissenschaftlich beobachtet worden. Anhand von Fotographien können alle Walindividuen voneinander unterschieden werden; entweder durch Besonderheiten der Finne und/oder durch die charakteristische Hautmusterung. Unterwassermikrophone machten es möglich, verschiedene Orca-Dialekte herauszufinden; ja sogar innerhalb der pods gibt es Unterdialekte. Besonders beeindruckend ist, daß alle drei Familien zu bestimmten Zeitpunkten zusammentreffen und dann freudige Tänze im Wasser aufführen. Jeden Sommer und Herbst kann die Orca-Großfamilie im Puget Sound, an der amerikanisch-kanadischen Grenzregion, beobachtet werden.

Genau dorthin möchten Howard Garrett und Susan Berta von der Organisation Orca Network, beheimatet auf Whidbey Island, „Lolita“ zurückbringen. Seit acht Jahren kämpfen sie nun um eine Familienzusammenführung der Orcas. Während männliche Schwertwale im Durchschnitt nur etwa ein Alter von 30 Jahren erreichen, steht die Lebenserwartung von Orcafrauen bei 50 Jahren. Einzelne Schwertwale wurden sogar 90 – alles in Freiheit wohlgemerkt! Im Delphinarium sterben Wale in der Regel sehr früh. So gesehen ist „Lolita“ eine Überlebenskünstlerin. Ihren Lebensabend soll sie nach dem Willen vom Orca Network in Freiheit, bei ihrem pod verbringen.

Nicht um eine Million Dollar“ würde er dem zustimmen, kontert Arthur Hertz, Geschäftsführer von Wometco Enterprise, jenem Unternehmen, dem das Miami Seaquarium gehört. Auch er spricht davon, daß „Lolita“ ein Familienmitglied wäre, allerdings meint er damit seine Delphintrainer samt den Besucherscharen. „Ich würde es hassen, ein Familienmitglied wegzuschicken“, merkt er an. Rückendeckung erhält Hertz’ sonderbare Sicht der Dinge durch die Auswilderungsprobleme von „Free Willy“, jenem vermeintlichen männlichen Orca, der eigentlich eine Sie ist, „Keiko“ heißt, und durch einen rührseligen Hollywoodstreifen Bekanntheit erlangt hatte.

„Keiko“ ist 26 Jahre alt, wurde 1978 vor Island gefangen, in ein Aquarium nach Mexico City gebracht und von dort schwer krank durch eine international gut geplante Kampagne nach Oregon, in die USA, geflogen. Dort erhielt der Orca Gelegenheit und Training sich an ein Leben in Freiheit zu gewöhnen – ein schwieriges Unterfangen. Schließlich trat „Free Willy“ den Flug nach Island an, wo der Schwertwal in den Nordatlantik entlassen wurde. Allerdings klappte bislang der geplante Anschluss an seinen ehemaligen Familienverband nicht. „Keiko“ schwamm stattdessen zur norwegischen Küste, wo sie gerne in der Nähe von Schiffen verweilt und von Fischern gefüttert wird. Scheinbar hat die lange Gefangenschaft den Wal darauf konditioniert, Kontakt zu Menschen zu suchen.

Der renommierte schottische Biologe Eric Hoyt gesteht ein, daß „Keiko“ immer noch zu menschenbezogen ist, hält das Grundprinzip Wiederauswilderung von gefangenen Walen und Delphinen allerdings für richtig und wichtig. Jetzt aufzugeben, ist verfrüht, es müsse ganz einfach noch mehr Forschung betrieben werden. Dieselbe Meinung vertreten auch Garrett und Berta in Bezug auf „Lolita“. Nur weil es bei der noch jungen Disziplin der reintroduction noch Schwierigkeiten gibt, lasse sich dadurch keine Existenzberechtigung für Delphinarien herauslesen. Ganz im Gegenteil, die Tatsache, daß Orcas über eines der größten Gehirne unter allen Säugern  verfügen, schaffe für den Menschen die „moralische Verpflichtung“, sie aus der Gefangenschaft freizulassen. Das große Gehirn läßt nicht nur auf hohe Intelligenz, sondern vor allem auf ausgeprägte Leidensfähigkeit schließen.

John Crowe, aus Newport, Oregon, war einer der Taucher, die vor 33 Jahren halfen, „Lolita“ einzufangen. Heute noch ist er berührt, wenn er an damals zurückdenkt. Denn nachdem er „Lolita“ vom Rest ihres pods getrennt hatte, ließen die Orcas nicht locker – sie schwammen bis knapp an den Strand und hörten nicht auf, miteinander zu kommunizieren, wieder und wieder. Crowe besucht heute nicht einmal mehr Zoos. Er rät aber, den Schwerpunkt nicht auf die Wiederauswilderung zu legen, sondern alle Bemühungen zu tätigen, die international weitere Wildfänge zu verhindern, um so den Delphinarien den Nachschub abzuschneiden.

 

© www.canis.info , 17.09.03

Q: www.heraldnet.com/Stories/03/8/14/17340474.cfm

 

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