Gefährdete Arten

 

Madagaskar: Waldrodung raubt Lemuren den Lebensraum

Madagaskar, viertgrößte Insel der Welt, gelegen im Südwesten des indischen Ozeans, verfügt nicht nur über eine einzigartige Fauna, sondern auch Flora – wie der bekannte Baobab-Baum beweist. Im Trias-Erdzeitalter bildete das Eiland mit Südamerika, Afrika, Indien, Australien und der Antarktis den gewaltigen Südkontinent Gondwana. Aufgrund der Plattentektonik brach diese riesige Landmasse im Laufe der Jahrmillionen auseinander. Madagaskar blieb lange Teil des afrikanischen Kontinents, ehe es vor gut 160 Millionen Jahren – zu einer Zeit als Dinosaurier die Erde dominierten – in Richtung Osten driftete. Madagaskar wurde zur Insel, und die Evolution schuf auf ihr Arten, die es nirgendwo anders gibt.

Vor 2.000 Jahren besiedelten Seefahrer aus dem malayisch-polynesischen Raum in mehreren Wellen die Insel. Seitdem wurden neun Zehntel des Regenwaldes zerstört. Viele Tierarten wie das Zwergflusspferd, der Riesenlemur oder der in arabischen Fabeln am Leben gebliebene Rokh, größter bekannter Vogel aller Zeiten, wurden ausgerottet. Dieses Zerstörungswerk durch den Menschen hält bis in die Gegenwart unvermindert an. Immer noch wird der Urwald gerodet, um Platz für Monokulturen – wie Eukalyptusplantagen – zu schaffen. Diese beuten den Boden nach wenigen Jahren aus, machen ihn wertlos und sind zudem zu nährstoffarm, um etwa Lemuren, den berühmten koboldgesichtigen Affen, Madagaskars, Nahrung zu bieten.

Zusätzlich läuft zur Zeit auf Madagaskar eine humanitäre Katastrophe ab, die von der Weltöffentlichkeit großteils verborgen bleibt. Dürre, Stürme und Überschwemmungen auf der einen, ethnische Unruhen auf der anderen Seite, machte den Inselstaat zum Armenhaus. Die UNO schickte vor wenigen Wochen 2.800 Tonnen Nahrung, EU und USA haben zusätzlich 10.000 Tonnen versprochen (1). Dennoch bleibt die Lage dramatisch, denn mittelfristig sind diese Nahrungspakete zu wenig für die rasch wachsende 17-Millionen-Bevölkerung Madagaskars. 

Um zumindest etwas Geld zu machen, gehen viele Bauern in den Wald und brennen Bäume nieder. Circa 100 kg Holz braucht es, um 5-8 kg Holzkohle zu gewinnen. Umgerechnet müssen für 20 Säcke Holzkohle/Monat 15 Bäume niedergebrannt werden. Dabei standen manche der Baumriesen schon vor dem Beginn des römischen Imperiums, sind also älter als 2.000 Jahre. Die aus ihnen gewonnene Kohle bringt umgerechnet lumpige 30 Britische Pence ein. (2). Umweltschützer warnen, daß, wenn die Vernichtung der Urwälder in diesem Tempo weitergeht, Madagaskar eine Landschaft aus Sand und kümmerlichen Büschen droht. Humanitäre und ökologische Krise gehen auf Madagaskar Hand in Hand.

Die Rodung der Wälder entzieht vor allem den Lemuren ihren Lebensraum. Diese baumbewohnenden Affen erhielten ihren Namen nach den sagenumwobenen Bewohnern von Lemuria, einem angeblich vor Äonen im Ozean versunkenen Kontinent. Man hielt die Lemuren für Geister der Bewohner Lemurias. 

Im Analamazaotra Reserve, einem Naturreservat etwa 100 km von der Hauptstadt Antananarivo entfernt, existiert die zahlenstärkste Lemurenpopulation. Dort lebt auch auf 2.000 Acres verteilt die größte Lemurenart Madagaskars, der Indri (Indri indri). Mit seinen übermäßig großen Augen, seiner außergewöhnlichen Sprungfähigkeit, dem oft menschenähnlichem Habitus und seinem bis zu einem Kilometer durch den Dschungel schallenden Gesang, gleicht der Indri optisch einem Kobold, einem sehr sympathischen Kobold wohlgemerkt.

Indris teilen sich die Insel mit geschätzten 50 anderen Lemurenspezies (wobei seit Ankunft der asiatischen Siedler vor 2.000 Jahren 15 weitere Arten verschwunden sind). Zudem lebt gut die Hälfte der weltweit 135 Chamäleonarten auf der Insel im Indischen Ozean. Hirsche oder Antilopen gibt es dort nicht, ebenso wenig Giftschlangen (eine relativ junge Erfindung der Evolution) oder große Beutegreifer. Die Lemuren haben – abgesehen von Schleichkatzen oder Würgeschlangen – keine natürlichen Feinde, was ihre Entwicklung in Vielfalt begünstigt hatte. Dennoch sieht durch die anhaltende Vernichtung des Urwaldes ihre Zukunft trist aus, da ihnen mit der Zerstörung der Bäume der Lebensraum genommen wird. Pinien- oder Eukalyptusmonokulturen sind als Habitat untauglich. Einzigartige Arten sind im Laufe der Besiedelung Madagaskars bereits unwiederbringlich verschwunden, so etwa das Zwergflusspferd, der Riesenlemure oder der in der arabischen-indischen Mythologie weiterlebende Rokh, die größte bekannte Vogelspezies aller Zeiten. 

 

Als der Naturforscher Joseph Philibert Commerson 1771 die Insel betrat, schwärmte er: „Madagaskar ist für Naturalisten wahrlich das Verheißene Land“. Er befand: „Hier scheint sich die Natur in ein privates Schutzzentrum zurückgezogen zu haben, wo sie an verschiedenen Modellen arbeiten kann, die sie anderswo noch nie verwendet hatte“ (3). In Anbetracht der steigenden 17-Millionen-Bevölkerung Madagaskars scheint diese Biodiversität mehr denn je gefährdet. Ein Naturschützer mahnt, davor, daß in wenigen Jahrzehnten der Regenwald durch eine Strauch- und Sandwüste ersetzt werden wird, sollte die Deforestation in diesem Tempo weitergehen.

 

Text: TRV CANIS, www.canis.info , 18. Juli 2003

(1): http://observer.guardian.co.uk/worldview/s...,987373,00.html , „The Observer“, 29.06.03

(2), (3): http://story.news.yahoo.com/news?tmpl=stor...car_lemurs_dc_4

Webtipp:

www.yale.edu/ceo/Projects/Students/indri/EndangeredIndri.html , University of Yale

 

 

 


 

 

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