KLONIERUNG

 

Raelianer – Klonbaby - Schöne neue Welt?

Als 1997 das Schaf „Dolly“ in den schottischen Roslin-Labors das Licht der Welt erblickte, begann für die Weltöffentlichkeit ganz sichtbar – gegen Ende des Millenniums – das Zeitalter des durch Menschen generierten Klonens. Inwieweit diese fragwürdige Biotechnologie ethisch vertretbar ist, darüber streiten sich mittlerweile ganze Heerscharen von Gelehrten, Theologen, Autoren und Politikern. Das zukunftsträchtige Thema fand rasch Eingang in die Populärkultur. Hollywood erkannte die Relevanz wie so oft zuerst. George Lucas gab seinem zweiten „Star Wars“-Prequel den Untertitel „Angriff der Klonkrieger“; und die Macher des Konkurrenz-Space-Epos „Star Trek“ ließen im mittlerweile zehnten Kinofilm, namens „Nemesis“, einen Klonfinsterling auf der Leinwand erstehen, der dem ganzen Planeten Erde nach dem Untergang trachtet.

Symbolschwanger und medial begabt

Gerade das Gegenteil gibt der französische Sektenguru Claude Vorilhon, alias Rael, vor, im Sinn zu haben. Er will mittels seiner ebenfalls 1997 entstandenen Biotechfirma Clonaid durch die Massenproduktion von Klonen die Welt in ein neues, sorgenfreies Zeitalter führen. Dadurch, daß der Mensch den Raumfahrergöttern, die unsere Gattung vor Jahrtausenden erschaffen haben sollen, immer ähnlicher wird – bis er selbst zum „Gott“ gerät. So ein eschatologisches Vorhaben bedarf natürlich Publicity.

Mediengerecht und gut getimed ging das sekteneigene Unternehmen Clonaid kurz vor Weihnachten 2002 an die internationale Öffentlichkeit, um mit mildtätigem Lächeln zu verkünden, das erste Klonkind der Welt wäre geboren. Symbolschwanger war nicht nur das Geburtsdatum dieses „Christkindes“, sondern auch sein Namen: Eve heißt die Kleine, nach der paradiesischen Stammmutter Eva. Ein Sturm der Entrüstung brach los. Wissenschafter bezweifelten den tatsächlichen Erfolg des Clonaid-Experimentes, was wahrscheinlich auch den Tatsachen entspricht. Doch wer steckt hinter dieser nicht nur in einer Hinsicht medial begabten Sekte? Was sind ihre Ziele? Und vor allem, welche Relevanz haben ihre Umtriebe für den Tierrechtsgedanken?

Ein Guru erschafft sich neu

Rael, der Sektenleiter der „Raelianischen Bewegung“, trug nicht immer diesen prägnanten hebräischen Namen. Lange Jahre war er schlicht und einfach als französischer Bürger Claude Vorilhon bekannt und verdingte sich als Autorennfahrer, Musiker, Sänger oder Sportreporter. Der Hang zur Selbstdarstellung schien dem „letzten aller Propheten“ wahrlich schon in die Wiege gelegt worden zu sein. „Empfangen“, so seine biblische Diktion, wurde er am 25.Dezember 1945. Ein für Raelianer schicksalhaftes Datum. Schließlich soll  Jesus knappe zwei Jahrtausende zuvor um diese Jahreszeit das Licht der Sonne erblickt haben – zudem steht das Jahr 1945 als Beginn der raelianischen „Apokalypse“. Vorilhons Vater war niemand anderer als JHWH, der oberste und älteste der  unsterblichen Raumfahrergötter. Das wusste er an seinem Geburtstag, dem 30. September 1946, natürlich noch nicht. 

Offenbar gemacht hat es ihm ein  grüner, kleiner Raumfahrer am 13.Dezember 1973. Damals wandelte der Sportreporter Vorilhon gedankenschwer im Krater eines erloschen Vulkans nahe Clermont-Ferrand, als ein UFO sich niedersenkte. Der Französisch parlierende Alien erklärte ihm wenig aufschlussreich, daß er „von sehr weit her“ komme und weihte den künftigen Rael in das Geheimnis seiner wahren Abstammung ein. Da Vorilhons Genom dem der Raumfahrergötter am Ähnlichsten ist – was klar scheint bei einem „Vater“ wie JHWH – wurde ihm 1975 die große Ehre zuteil, im interstellaren Schiff zum Heimatplaneten der klonierenden Aliens gebracht zu werden. Sehr zum Leidwesen vieler rational Denkender kehrte Vorilhon von seinem space trip allerdings zurück und begann ein lukratives Geschäftsimperium, basierend auf einer Endzeitmelange aus Bibel, Science-fiction und Biotech aufzubauen.

Die Lehre der Raelianer

In den unendlichen Weiten des Weltraums soll vor Äonen ein wissenschaftlicher Streit ausgetragen worden sein, der letztlich hier zu Erden in der Erschaffung des Menschen resultierte. Die laut Rael „tyrannischen Ethiker“ am Heimatplaneten der Astrogötter verboten den klonierungsbegeisterten Forschern deren Profession, worauf diese sich auf der Suche nach einem für ihre Experimente geeigneten Himmelskörper aufmachten. Wie könnte es anders sein, flogen sie ihre Untertassen zielsicher in unser Sonnensystem. Durch die Technologie des „terraforming“ machten sie die Erde für ihre Spezies bewohnbar und legten den „Garten Eden“ an, der nichts anderes als ein bewachtes Versuchslabor war. Hierin klonten sie sich selbst und entließen ihre multiplizierten Sprosse nach und nach in die freie Wildbahn, freilich mit dem Versprechen, daß diese einst selbst wie die Götter sein werden. Laut Rael nämlich genau dann, wenn der Mensch es verstanden hat, die Klontechnologie zu beherrschen. In der Bibel steht von dieser Forschergöttern zu lesen, meint Vorilhon. Allerdings moniert er, daß der Text seit Jahrtausenden falsch übersetzt wird. Die Phrase „Bereshit bara Elohim“ („Zuerst schuf Gott Himmel und Erde“) in Genesis 1:1, stimme so nicht; ein Grammatikfehler wäre Schuld, denn „Elohim“ heißt nicht „Gott“, sondern Plural „die Götter“ – oder in wortwörtlicher Bedeutung „Die, die vom Himmel kamen“. Wie dem auch sei, den Elohim war es nicht lange gegönnt, bei ihren Klonen auf Erden zu verweilen. Die „tyrannischen Ethiker“ zwangen sie zur Rückkehr auf ihren Heimatplaneten. Allerdings verkündeten sie vor dem Abflug die frohe Botschaft, eines Tages für alle sichtbar zurückzukehren; dann, wenn die Zeit reif wäre, daß die Menschheit ihre wahre Bestimmung erkenne. Durch eine Reihe mittels Klonierung gezeugter Propheten (Buddha, Jesus u.v.m.) griffen die Elohim immer wieder in den Lauf der Geschichte lenkend ein. Rael wäre der letzte in dieser Reihe der großen Vermittler. Ihm stünde die Ehre zu, die Erde auf die Apokalypse vorzubereiten. Eine Endzeit, in der der Mensch selbst ins All aufbricht, um es mit seinen Klonen zu kolonialisieren. Dann ist es soweit, daß alle bestehenden Religionen, die nichts als „Bastarde“  der Idee der Elohim seien, durch eine „wahre Wissenschaft“ abgelöst werden. Freilich erkennt diese Möglichkeit nur ein kleiner Teil der Erdenbürger, die sogenannte „Geniokratie“. Welch Überraschung, daß diese sich ausschließlich aus Raelianern zusammensetzt; Quelle: www.gogomagazine.com/0227/coverstory.html

„All-machts“-Phantasien in 3 Teilen

Bevor die Elohim sich endgültig auf dem Planeten Erde sichtbar outen, sind die Raelianer angehalten, noch einige wichtige Vorkehrungen zu treffen.

1) Zum einen muß ein Botschaftsgebäude samt angeschlossenem Klonlabor für die Elohim errichtet werden. Weltweit sammelt die Sekte für dieses Bauvorhaben. Vorilhon versuchte immer wieder einen Baugrund in Nähe der heiligen Stadt Jerusalem zu erwerben. Vergeblich, die israelische Regierung blockte jedesmal ab. Vielleicht liegt dies schon daran, daß das ohnehin durch religiöse Fanatiker aufgeheizte Pulverfass Jerusalem keine weitere unberechenbare Endzeitsekte mehr nötig hat. Oder aber auch am Faktum, daß das Symbol der Raelianer einen Davidstern zeigt, dem sie ein Sonnenrad, sprich Hakenkreuz, einschrieben; ein Stigma, das in Israel aus historisch mehr als verständlichen Gründen absolut verpönt ist. Die Suche nach einem Grundstück für die erst im Modell existierende space embassy geht also weiter. Sicher wird das Gebäude auch noch lange nicht in Angriff genommen werden – aus theologisch-strategischen Gründen. Denn nach Fertigstellung wäre eine Landung der Elohim fast zwangsläufig fällig.

2) Was allerdings schon steht, ist das „UFOLand“, ein spaceiger Themenpark der Raelianer, gelegen zwischen Montreal und Quebec City. Für nur zehn Dollars erhält der All-begeisterte Besucher einen Rundgang samt Videoband, um zu Hause nochmals über den Masterplan der Elohim sinnieren zu können.

3) Clonaid, www.clonaid.com, ein biotechnologisches Unternehmen, ist das Herzstück der Raelianer-Sekte. In diesen Labors soll die Götterrasse der Zukunft produziert werden. Das Baby Eve war erst der Anfang, wie ihre vermeintliche medizinische Schöpferin, Dr. Brigitte Boisselier, stolz posaunte. In Zukunft soll das Labor „Standard-Klone“ um US$ 200.000 züchten, oder aber als Sparvariante sogenannte „Insuraclones“. In diesem Fall wird von lebenden Menschen ein DNS-Sample genommen, das nach deren Tod einen Klon ihrer selbst wiedererstehen läßt. Vorilhon zufolge wäre es kein Problem, nicht nur die Physis, sondern auch die Persönlichkeit des Verstorbenen „auferstehen“ zu lassen. Jesus, sein genetischer Bruder, der derzeit ebenfalls am Heimatplaneten der Elohim weilt, wäre schließlich das beste Beispiel dafür. „Man wird nach dem Tod in einem brandneuen Körper aufwachen wie nach einem guten nächtlichen Schlaf.“ (Rael); Quelle: www.uni-mainz.de/~gruensch/UFO/clonaid_rael/clonaid.html

Während in den USA die weltweit ca. 50.000 Mitglieder zählende Raelianer-Sekte noch wenig Fuß fassen konnte, sind der frankophone Teil Kanadas, www.rael.org,  sowie die Schweiz (Genf), Frankreich und Deutschland, www.rael.de, Zentren Vorilhons und seiner Jünger. Um „nationales, passives“ Mitglied der Raelianischen Bewegung zu sein, sind monetäre abgaben von 3% des Jahreseinkommens Vorschrift. Wer zum „internationalen, aktiven“ Teil der „Geniokratie“ zählen will, muß 10% berappen. Dabei ist aber dann das Flugticket zu den Elohim so gut wie all inclusive. Das empfohlene oftmalige Praktizieren sexueller Übungen soll vor allem junge Menschen anlocken, zumal Abtreibung ausdrücklich gutgeheißen wird. Wenig wunder bei der bevorzugten in-vitro-Reproduktion.

Naturwissenschaft und Tierrechtsrelevanz

Nach der vollmundigen Verlautbarung der Raelianer-Sekte, das erste Klonbaby der Welt kreiert zu haben, dem auch noch bald ein Brüderchen folgen soll, war die weltweite Empörung groß. Für den Papst wie für US-Präsident Bush war die „Würde des Menschen“ in Gefahr, sofortige Klonierungsverbote wurden gefordert. Ethik-Kommissionen schossen aus dem Boden, Biotech-Lobbyisten sahen ihre Interessen bedroht, Politiker ließen sich auf der Welle der Boulevardpresse treiben und feiern. Kaum eine Talk Show, die das Thema nicht aufnahm. Nicht thematisiert, ja, völlig ignoriert blieb wie so oft die Tierversuchsproblematik. Schon seit langem, ehe noch Vorilhon und Boisselier von Humanklonen träumten, werden unsere als „Tiere“ verharmlosten und verallgemeinerten biologischen Verwandten Klonierungsversuchen unterzogen. Daß dabei Abertausende Tiere Jahr für Jahr im „Dienste der Wissenschaft“ zu Tode experimentiert werden, wird in unserer anthropozentrischen Gesellschaft mit stillem Einverständnis quittiert.

 „Es sind ja nur Tiere“, an denen es legitim ist, zum „Wohle der Menschheit“ neue Technologien zu erproben. Im Idealfall geschehen diese Experimente „möglichst schonend“, soll heißen mit einem Mindestmaß an Schmerzen für den animalischen Probanden. Bei gering geachteteren Spezies wie Mäusen oder Ratten ist selbst dies nicht der Fall. Sie dienen als biotechnologische Wegwerfartikel par excellence. Wo liegt also der Unterschied zwischen den Allmachtsphantasien einer Sekte und den Forschungsambitionen der modernen, „rationalen“ Naturwissenschaft? Dr. Alan Colman, einer der wissenschaftlichen Väter von Schaf „Dolly“, gibt die Antwort. In einem Interview mit der Tageszeitung „Die Presse“, 17.November 2001, hält er fest, daß es beim Klonen von Tieren eine „erbärmliche Erfolgsquote“ gäbe. Es komme zu häufigen „Früh- und Fehlgeburten und Missbildungen, die man sich noch gar nicht erklären kann.“ Natürlich kosten ihm diese „riesigen Verluste auf dem Weg“ beim Tier wenig Kopfzerbrechen. Seine sorge gilt dem Menschen, bei dem es Colmans Ansicht nach „unmoralisch“ wäre „auch nur über das Klonen“ zu forschen. Beim Tier hingegen begrüßt es der renommierte Naturwissenschafter ausdrücklich, daß die Experimente vorangetrieben werden. Vor allem in drei Bereichen sei dies zum Wohle der Menschheit vonnöten:

1) Tiere als vervielfältigte „Hochleistungsnutztiere“

2) Tiere als vervielfältigte Organlieferanten zur Xenotransplantation auf den Menschen

3) Transgene Tiere als „lebende Apotheken“, jederzeit für den Menschen anzapfbar

Wie weit es mit Tierversuchen, sei es im „klassischen“ Sinn oder für Gentechnik und Klonierung steht, beschreibt Franz P. Gruber, Herausgeber der Wissenschaftszeitschrift „Altex“: „Zum Teil werden nicht einmal zehn Prozent der Tiere verwendet, der Rest landet in der sogenannten Kadavertruhe.“ Gruber folgert weiter: „So darf es nicht weitergehen.“                                             (Q: „Der Spiegel“, 3/2003; S.132)

Abschließend bleibt mit schalem Nachgeschmack die Frage im Raum, inwieweit unterscheidet sich das Idealbild der modernen Wissenschaft von einer schönen neuen Welt faktisch von dem einer obskuren UFO-Sekte? Vielleicht hilft die Lektüre dieses Artikels, damit jedeR die Antwort für sich selbst findet ...

Mag. Alexander Willer/ Tierrechtsverein CANIS International, www.canis.info

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