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Sibirien: Bad im Hirschblut lockt Touristen in die Wildnis
Julius Strauss (Reporter der britischen Zeitung "The Telegraph") berichtet aus dem Altai Gebirge in Sibirien über einen blutigen Brauch reicher Russen. Es beginnt damit, daß der Hirsch geschlagen und in einen großen hölzernen Zwinger getrieben wird, der ihn schraubstockartig festhält. Und wenn er vor Schmerzen stöhnt, wird aus seinem Nacken Blut abgelassen, das man in Glasphiolen füllt. Dann wird sein Geweih knapp über dem Ansatz abgesägt. Blut spritzt aus den Stümpfen. Ganz in der Nähe stehen Zuschauer, von denen einige Tausende Kilometer angereist sind, um mit dabei zu sein. Sie sehen dem blutigen Spektakel mit Zustimmung zu. Einige schießen Photos, anderen werden Phiolen mit frischem Hirschblut angeboten. Die ganz Mutigen haben die Möglichkeit, direkt aus der Geweihwunde zu trinken; eine Zurschaustellung von Machismo, die vom Rest mit Bewunderung goutiert wird. Jeder der anwesenden Gäste gab Hunderte Pfund aus, um ins entfernteste Sibirien zu reisen, um bei diesem jährlichen Blutritual dabei zu sein. Sie gehören zu einer wachsenden Zahl von Russen, die meinen, das Trinken oder Baden von/in Hirschblut kuriere Leiden, schaffe Resistenz gegen Krankheiten oder erhöhe die Manneskraft. Dieses Phänomen ist das jüngste Beispiel auf welch unorthodoxe Weise die Profiteure des nach dem Fall der Sowjetunion wild wuchernden Kapitalismus ihre Gewinne ausgeben. Für die meiste Zeit des Jahres ist Chendek, der Ort, wo das Ereignis stattfindet, ein vergessenes sibirisches Dorf im Altai Gebirge; 2.500 Meilen von Moskau und zehn Stunden Fahrt vom nächsten Flughafen weg gelegen. Aber für ein paar Tage Mitte Juni wandelt es sich zur Szenerie eines Blutrituals, durch das die Russen sich ihrer urtümlichen Vergangenheit als Jäger in diesen jungfräulichen sibirischen Wäldern erinnern. Innerhalb weniger Stunden wird Hunderten majestätischen Maral-Hirschen ihr Geweih abgesägt und Blut abgelassen. Danach werden die Tiere wieder in den Wald entlassen. "Ich kam extra aus Moskau, um das zu tun", sagt Anatoly Gensiorovski, 66-jähriger Direktor einer Ingenieurfirma, nachdem er aus einer speziell angefertigten Wanne entstieg, in der er dampfend im frischen Hirschblut gelegen hatte. "Ich habe alle möglichen Kuren gegen meine Rückenschmerzen probiert, aber das ist die einzige, die wirkt. Vergangenes Jahr war ich zum ersten Mal da, von nun an komme ich aber jedes Jahr. Es ist nicht billig, aber es ist es wert." In diesem Teil Sibiriens war der Hirsch schon ein Symbol für Gesundheit und Männlichkeit lange bevor die Russen vor 400 Jahren eintrafen. Im 18. Jahrhundert tauschten Jäger die Hirschgeweihe im Süden mit den chinesischen und mongolischen Stämmen gegen Pelz und Gold. Zu Sowjetzeiten begannen örtliche Kollektive mit einem kommerziellen Handel nach Korea, wo das Hirschgeweih als Heilmittel gegen eine Reihe von Leiden bzw. als Aphrodisiakum angesehen wird. Für die Ortsansässigen hat das Geschäft mit den Hirschen schon ein Körnchen Wohlstand gebracht. Vadim Mesheryakov leitet eine Firma in der Regionshauptstadt Gorny Altaisk, die jährlich mehrere Tonnen an Hirschprodukten exportiert. Er sagt: "Die Hirsche helfen gegen viele Zustände: Sie stärken das Immunsystem, können gynäkologische Probleme kurieren genauso wie Krebs oder Bluthochdruck. Im II. Weltkrieg verabreichte man sie sogar verwundeten Soldaten. Die Sowjets versorgten die Kosmonauten ihres Weltraumprogrammes damit. In Korea essen sie eine Menge unserer Hirsche mit dem Resultat, daß sie keinen einzigen SARS-Fall haben." Der
Altai, in Südsibirien, entlang der Grenze zwischen Russland, der
Mongolei, China und Kasachstan, ist ein entlegenes, klimatisch feindliches
Gebiet, in dem im Winter die Temperaturen auf minus 50 Grad Celsius
fallen. Die Wälder sind voll mit Wölfen und Bären. Auch Schneeleoparden
und Luchse finden sich dort. Aber der Altai mit seinen atemberaubenden
Bergen und schnell fließenden Flüssen ist auch eine der schönsten
Regionen der Russischen Föderation. Einer dieser Flüsse, der Katun, stößt
bei den Russen auf mystische Resonanz. Vladimir
Weinberger, ein sibirischer Nachkömmling einer deutschen Familie, lebt an
der Wolga und besitzt die Hirschfarm von Chyorny Klyuch. Diese Woche hatte
er 30 Gäste, die alle gekommen waren, um im Hirschblut zu baden. Er baut
an einem neuen Hotel samt Badehaus und hofft, nächstes Jahr 30 Pfund pro
Nacht bei russischen Touristen verlangen zu können; eine gewaltige Summe
für lokale Standards. "Die
Zahl der reichen Leute in Russland ist im Wachsen begriffen und genau
wie im Westen sind diese Reichen auf ihre Gesundheit bedacht",
sagt er. "In
wenigen Jahren werden entlang der Ufer des Katun Hotels und Häuser
stehen, die sich mit westeuropäischen vergleichen lassen. Wir haben Pläne
zur Entwicklung der Infrastruktur, z.B. bei Straßen und in der
Kommunikation." Offiziellen Angaben zufolge wird nächsten Monat in Koksa, dem Herzen der Region Katun, ein aufgelassener Flughafen aus der Sowjetära wiedereröffnet. Geplant sind regelmäßige Flüge von Nowosibirsk, Sibiriens größter Stadt. Herrn
Weinbergers Angebot beinhaltet Speisen Wild, Bär oder Lamm sind
typische lokale Gerichte und Wodka; entweder ohne oder mit Hirschblut.
Dazu bietet er eine Reihe von Hirschprodukten zum Verkauf an. Die Besucher
haben Anrecht auf ein Blutbad pro Tag plus einem Glas frischen Hirschblut,
das aus dem Nacken des Tieres gepresst wird. "Es
schmeckt wie Eidotter", sagt Park-Chang-Yer, ein Russe
koreanischer Abstammung, nachdem er eine Phiole der dunkelroten, immer
noch warmen Flüssigkeit hinuntergeschluckt hatte. Eine
ortsansässige Frau, Lyobov Petrovna, hat aufgrund der ansteigenden
Touristenzuflusses ein Gästehaus eröffnet. Diese Woche war sie auf
Kundenfang. "Alle möglichen Leute kommen hier her", sagt sie. "Es
ist ein anerkanntes Faktum, daß das Blutbad viele Leiden kuriert. Ich
hatte Arthritis und nach vier Bädern war sie weg." Nicolai
Semenchenko, ein 46-jähriger Manager aus dem Ural, sagt: "Ich glaube nicht, daß das Bad Krankheiten heilt, aber es tut mit
Sicherheit gut."
Quelle:
"The Telegraph", 14.
Juni 2003 Dt.
Übersetzung: TRV CANIS, www.canis.info
, 16. Juni 2003
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