| Gefährdete
Arten
Großkatzen und das Geheimnis ihrer Zeichnung Melanismus
Morphogene Mathematik Ein
Sprichwort besagt, ein Leopard verliert auch im Regen seine Flecken nicht.
Doch hat ein Leopard überhaupt Flecken, und welche evolutionären
Mechanismen und Strategien stecken hinter der Fellzeichnung von Großkatzen? Sind
schwarz gefärbte Tiere aggressiver? Im
Prinzip sind ja alle Arten der Familie Felidae (Katzen) gemustert. Bei Löwen
sind zwar im Erwachsenenalter einfarbig, die Jungen aber sind gefleckt
und zwar ganz ähnlich wie ihre nächsten Verwandten, die Leoparden
(Panther). Bei einigen Arten gibt es auch schwarze Individuen: Bei
Leoparden wird die Schwarzfärbung, auch Melanismus genannt, rezessiv
vererbt, bei Jaguaren dominant. In ein und demselben Wurf können schwarze
und gefleckte Jaguare vorkommen. Für die Beobachtung, daß etwa schwarze
Panther aggressiver sind als andere, gibt es eine nette psychologische
Erklärung: Da die Schwarzen in den Würfen meist in der Minderzahl sind,
werden sie scheel angesehen, man erinnere sich nur an das Märchen und
Gleichnis vom hässlichen Entlein. Schwärzlinge müssen daher mehr um
Rang und Futter kämpfen und entwickeln zumal auch höhere Aggressivität. Melanozyten
und Melanismus Grundsätzlich
wird die Farbe der Fellhaare von Pigmentzellen (Melanozyten) bestimmt, die
unter der Haut liegen und den Farbstoff Melanin bilden, den sie an das
Haar abgeben. Dabei unterscheidet man zwei Sorten: Eumelanin, das die
Haare schwarz bis braun färbt, und Phaeomelanin, das eine gelbe bis rötlich-orange
Färbung bewirkt. Tiere mit Melanismus erzeugen mehr Melanin; wenn man
genau hinsieht, erkennt man aber auch bei ihnen die typische Zeichnung.
Wie kann man die Raubkatzen an ihrem Muster erkennen? Tiger sind leicht zu
identifizieren, da gestreift. Geparde haben vergleichsweise kleine
Flecken, charakteristisch sind die Tränenstreifen, die sich von den
inneren Augenwinkeln hinab zu den Mundwinkeln erstrecken. Bei Jaguaren und
Leoparden spricht man nicht
von Flecken, sondern Rosetten: In deren Mitte sind hellere Bereiche. Bei
Jaguaren sind die Rosetten größer als bei Leoparden und tragen in ihrer
Mitte einen schwarzen Punkt, aber der Unterschied ist für einen Laien
nicht leicht erkennbar. Da hält man sich besser an den Körperbau der
Jaguar ist schwerer und massiger oder an die Kopfform. Fellzeichnung
durch Morphogene? Für
Mathematiker sind tierische Muster seit langem eine Herausforderung. Schon
Alan Turing, Vater der modernen Computertheorie, befaßte sich damit. 1952
postulierte er einen chemischen Mechanismus für die Entstehung von
Fellzeichnungen. Danach werden die Muster durch die Konzentration von
ihm völlig unbekannten Morphogenen geprägt. Diese Morphogene
sollen diffundieren und miteinander reagieren können. Auf diese Weise läßt
sich bei zwei Morphogenen ein System von zwei Differentialgleichungen
aufstellen, sogenannte Reaktions-Diffusions-Gleichungen. Ohne Diffusion würden
Morphogene bis zur Erreichung des chemischen Gleichgewichts miteinander
reagieren und zwar überall gleich. Die Diffusion wirkt gegen die
Etablierung eines Gleichgewichts und stabilisiert daher so paradox es
klingt Instabilitäten. Wie
Flecken entstehen
Ein
wesentliches Ergebnis seiner Simulationen: Nur durch Änderung der Größe
und Geometrie der zu bemusternden Fläche lassen sich sehr
unterschiedliche Muster erzeugen, was für Mathematiker nicht verblüffend
ist. Sie wissen, wie wichtig Randbedingungen für die Lösung von Systemen
von Differentialgleichungen sind. Man denke an die Schwingungen diverser
Trommeln: Nur durch Variation von Größe und Form entstehen bei denselben
Materialien nicht nur verschiedene Tonhöhen, sondern auch ganz
verschiedene Klänge. Embryonale
Phase für Muster entscheidend Bei
Tieren werden die Muster bereits in der embryonalen Phase angelegt. Daher
ist es entscheidend, wann in der Embryogenese dieser Prozeß aktiviert
wird. So sollten laut Murrays Rechnungen kleine Tiere mit kurzen
Tragzeiten einheitlich gefärbt sein, was sie meistens auch sind. Wenn der
Embryo zur Zeit der Aktivierung schon etwas größer ist, können die
Tiere halb schwarz, halb weiß werden wie etwa Honigdachs oder
Walliser Ziege. Dann steigt die Komplexität der Muster mit wachsender
Fellfläche zur Zeit der Aktivierung stetig bis zu den Giraffen. Ganz
große Tiere sollen dieser Theorie nach wieder uni gefärbt sein: siehe
Elefanten, Flußpferde und Nashörner. Murray konnte mit seinen
Simulationen auch erklären, warum die Schwänze der Leoparden fast bis
zur Spitze gefleckt sind, während sie bei Geparden und Jaguaren am Ende
gestreift sind. Bei Leoparden
ist nämlich im Gegensatz zu anderen Großkatzen der Schwanz im
embryonalen Stadium spitzkegelig und vergleichsweise kurz. Selbst wenn man
die Bildung von Mustern noch so gut erklären kann, bleibt die Frage: Sind
die Muster mehr oder weniger zufällige Nebenprodukte notwendiger Schritte
in der Embryonalentwicklung, oder sind sie selbst durch Selektion
entstanden? Daß die Melaninproduktion insgesamt mit den Breitengraden
variiert, weil Melanin die UV-Strahlen abfängt, ist bekannt. So hat der
Sibirische Tiger ein helleres Fell als seine Verwandten in wärmeren
Regionen. Und bei allen Großkatzen sind Körperteile, die der Sonne
weniger ausgesetzt sind, heller als der Rest (Innenseiten der Beine,
Unterseite des Halses) Muster
als Tarnung? Aber
wozu können die Muster gut sein? Naheliegende Antwort: zur Tarnung.
Allerdings wird es schwer fallen, die Zeichnungen der Giraffen daraus zu
erklären, daß sie vor ähnlich gefleckter Umgebung weiden. Bei Zebras
gibt es die Erklärung, daß die Anophelesmücken, welche die Malaria übertragen,
eher auf einfarbige Tiere ansprechen als auf gestreifte. Es fragt sich
allerdings, warum die Mücken, deren Generationsdauer ja viel kürzer ist
als die der Zebras, sich nicht schon längst so entwickelt haben, daß
ihre Vorlieben besser ihrem Vorteil dienen. Oft hört man auch, daß
schwarze Panther besser in der Nacht jagen können, da man sie schlechter
sieht. So groß kann dieser Effekt aber nicht sein, sonst hätte sich der
Melanismus längst durchgesetzt. Mit der natürlichen Selektion kommt man
bei der Erklärung der Muster offenbar nicht sehr weit. Eine nicht zu
unterschätzende Rolle dürfte die sexuelle Selektion spielen: es ist
naheliegend, daß die gut sehenden Raubkatzen ihre Sexualpartner auch an
ihrer Zeichnung erkennen oder sie nach deren Ausformung aussuchen. Anm. CANIS: Dieser Text ist eine verkürzte und abgewandelte Form eines Artikels von Thomas Kramar, der am 9.3.2002 in Die Presse erschienen war. |
||||||||||
| Zurück | ||||||||||