| GENTECHNIK
|
||||||||||||||||||||
|
|
||||||||||||||||||||
|
Von Island bis zur Südsee: Streitpunkt Genpiraterie Island vulkanisches, Geysir schnaubendes Eiland im äußersten Nordwesten Europas ist vor allem durch zwei Dinge bekannt: einen reichen Sagenschatz (Edda, Erik der Rote) bzw. Fischfang, der 70% der Inselbevölkerung wirtschaftlich abhängig macht. Im letzten halben Jahrzehnt kam noch ein dritter Faktor hinzu, der den entlegenen skandinavischen Staat in die Weltpresse brachte: ein ehrgeiziges Gentechnik-Projekt. Da
es auf Island lange Zeit wenig berufliche Möglichkeiten zur Forschung
gab, ging der Arzt Kari Stefansson über den Atlantik in die USA, wo sich
der Doktor der Medizin an der Elite-Universität von Harvard nicht nur
seine Sporen verdiente, sondern auch mit einer revolutionären neuen Idee
gewissermaßen infiziert wurde. Stefansson träumte davon, die genetischen
Daten aller IsländerInnen in einer einzigen Datenbank zu sammeln und
diese dann sowohl wissenschaftlich wie auch ökonomisch zu verwerten.
Gedacht, getan. 1996 war Kari Stefansson nach Island zurückgekehrt und gründete
die Firma deCODE Genetics. Von nun an setzte er alle Hebel in Bewegung, um
darin das Erbgut seiner Landsfrauen und -männer
zu sammeln. Zu
welchem Zweck? Man
könnte aus den Dateien Kranke herausfiltern, ihre Familiengeschichte auf
dieselben Krankheiten durchsuchen, bei Häufung
die beteiligten Gene identifizieren und Folge dessen Medikamente
entwickeln. Doch warum gerade Island?
Im
Dezember 1998 stimmte das Althing, das isländische Parlament, mit 37 zu
20 Stimmen für Stefanssons Plan der genetischen Datenbank. Für die nächsten
zwölf Jahre, so der Beschluß, dürfe die Firma deCODE die Gendaten aller
IsländerInnen kommerziell nützen. Ein gewichtiges Argument für die
Politiker war wohl der Wirtschaftsfaktor. Schließlich erklärte sich der
Pharma-Riese Hoffman-La Roche als Hauptgeldgeber bereit, über 200
Millionen US-Dollars in das Projekt zu investieren; was die Schaffung
neuer Arbeitsplätze versprach. Die Boulevardpresse kürte Stefansson
alsbald als Isländer des Jahres. Widerstand
regt sich Doch
auch der Widerstand regte sich, vor allem unter der Ärzteschaft, die die
Anonymität der Patienten massiv gefährdet sieht. Schärfster Kritiker
ist Tomas Zoega, Chef des Psychiatrischen Krankenhauses in Reykjavik. Um
ihn bildete sich schnell die Plattform Mannvernd, in der sich Stefanssons
Gegner sammelten. Der Gesetzesentwurf war von deCODE selbst ausgearbeitet
und dem Parlament vorgelegt worden. Eine Einwilligung der Patienten (informed
consent) war darin ursprünglich nicht enthalten. Erst durch Mannvernd
wurde die Möglichkeit des opt out geschaffen, wodurch IsländerInnen
die Verwertung ihrer genetischen Daten untersagen können. Etwa 20.000
Menschen nahmen von diesem Recht bisher Gebrauch. Stefanssons
Euphorie Kari
Stefansson hingegen bleibt weiterhin euphorisch: Wir
haben in den letzten fünf Jahren 32 Gene identifiziert, die mit komplexen
Krankheiten im Zusammenhang stehen, von Alzheimer bis Hirnschlag; zuletzt
Fettleibigkeit und Angstzustände, berichtete er bei einer
Fachtagung im September 2001 in Wien. Island
ist ein gutes Modell, gibt er sich überzeugt und weist auch den
Vorwurf zurück, wonach seine Ergebnisse schwer überprüfbar waren, da
sie weder von deCODE noch Hoffman-La Roche publiziert würden.
Mittlerweile wurde aber das Schizophrenie-Gen patentiert. Eine neue
finanzielle Goldader? Oxford
Genetic Atlas Interessantes
Detail am Rande. Im Jahr 2000 brachte eine Untersuchung des Teams um Agnar
Helgason (Code Genetics, Reykjavik, und der Universität Oxford) durch
eine Analyse der mitochondrialen DNS (mtDNA) an den Tag: Die heutigen Isländer
sind nicht nur Nachfahren der skandinavischen Wikinger, sondern auch der
Briten. Denn während 80% der männlichen Kolonisatoren nordische
Seefahrer waren, waren 60% der Frauen keltischen Ursprungs. Gleichermaßen
umgekehrt überraschend ist, daß einige der heutigen Briten von
Wikingerfrauen abstammen: 35 % der Bewohner der Orkneys haben
skandinavische mtDNA; auf der Isle of Skye sind es immerhin noch 12%.
Diese Erkenntnisse sind Teil des Oxford Genetic Atlas. Folgebeispiel
Estland Offensichtlich
vom isländischen Vorbild inspiriert, beschloß die Regierung dieses
kleinen baltischen Staates 2001 die Gründung einer estnischen
Genbank. Mindestens zwei Drittel der etwa 1,4 Millionen EinwohnerInnen
sollen in den nächsten Jahren Blutproben zur Verfügung stellen und einen
medizinischen Fragebogen ausfüllen. Ziel ist es auch dort, Medikamente
gegen Krebs oder Diabetes zu entwickeln. Dabei gibt es zwei wesentliche
Unterschied zum deCODe-Projekt. Die Bevölkerung Estlands ist weit
heterogener als die Islands und zudem existieren keine so genauen
Ahnentafeln. Auch rechtlich fällt ein Unterschied auf: die Möglichkeit
des opt out besteht in Estland nicht. Die Esten scheinen dies ohne
Protest hinzunehmen. Ein Sprecher des Gesundheitsministeriums dazu: Die
Menschen sind um ihre Gesundheit besorgt. Sie wollen lieber alles als
nichts wissen. Mehr als 90 % der Bevölkerung hatte sich an einer
Testumfrage bereit erklärt, an der Genbank mitzuarbeiten. Was
bisher noch fehlt: ein zahlungsstarker Sponsor á la Hoffman-La Roche. Genpiraterie
weltweit? Kritiker
dieser Gen-Projekte sprechen immer wieder von Genpiraterie, wobei Menschen
nicht nur der Information ihrer Erbsubstanz beraubt, sondern auch noch
gläsern gemacht werden; d.h., Behörden oder Arbeitgeber können
sich de facto jederzeit Zugriff zu privaten Gesundheitsdaten schaffen, was
nicht selten in Diskriminierung enden könnte. Auch in einer Region in
Schweden bzw. auf der Pazifikinsel Tonga laufen Genetik-Projekte dieser
Art. Untersucht werden auch:
Immer
mehr stellt sich die Frage: wem gehören die genetischen Daten? Den
betroffenen Menschen selbst? Der ganzen Menschheit? Oder wenigen
wagemutigen Genetik- oder Gentechnik-Firmen? Text:
Mag. Alexander Willer/CANIS Quellen: Der
Standard, 2.5.1998; 8 Salzburger
Nachrichten, 19.12.1998; 8 Der
Standard, 7.1.1999; 24 Der
Standard, 7.9.1999; 30 Der
Standard, 30.9./1.10.2000; 37 Der
Standard, 10./11.3.2001; 24 Der
Standard, 20.3.2001; 34 Kronen
Zeitung, 1.4.2001; 6 Der
Standard, 26.9.2001; 34 Webtipps: www.decode.is
(pro-deCODE) www.mannvernd.is (anti-deCODE)
|
||||||||||||||||||||
| Zurück | ||||||||||||||||||||