Üblicherweise ist das Thema „Delphinfang“ in Japans Medien nicht oft präsent – und schon gar nicht aus kritischem Blickwinkel betrachtet. Eine Ausnahme bildet dieser Artikel von Eric Prideaux in „The Japan Times“ vom 11. September 2003. CANIS hat den Text übersetzt:

 

Tödliche Debatte

Delphine: Töten oder in Ruhe lassen

 

Japaner mögen – wie alle anderen auch – Delphine. In Themenparks stehen sie Schlange, um Delphine durch Reifen springen oder in der Luft Pirouetten machen zu sehen. In Booten fahren sie aufs Meer hinaus und applaudieren, wenn Delphine auf den Wellen herumtoben. Die innigsten Delphinfans zahlen teures Geld, nur um Seite an Seite mit den agilen Kreaturen in riesigen Pools bzw. in deren Naturhabitat schwimmen zu können. Die Bewunderung für das weltweit wahrscheinlich am meisten verehrte Geschöpf ist keine große Überraschung. Was hingegen sogar gut informierte Japaner am falschen Fuß erwischt, ist Japans anderes Verhältnis zum Delphin – nämlich das zwischen Jäger und Beute.

Japan tötet pro Jahr fast 20.000 Delphine zur Nahrungsgewinnung. (Wobei es schwierig ist, Vergleiche anzustellen, wie hoch Japans Nachfrage nach Delphinfleisch im Vergleich zu anderen Abnehmerstaaten ist. Die Japaner sind Angaben von Beamten des Landwirtschaftsministeriums zufolge gesamt gesehen die stärksten Käufer von Cetaceen-Fleisch, sprich dem von Walen und Delphinen.) Diese Sitte, die vielleicht noch weiter zurückreicht als Japans Jahrhunderte alte Walfangtradition, macht heutzutage nur eine kleine Marktnische aus. Nichtsdestotrotz zog sie inmitten der Kritik durch in- und ausländische Tierrechtsaktivisten wachsende Aufmerksamkeit auf sich.

Die jährliche Jagdsaison begann am 1. September und endet am 31. März. Das Schlachten geschieht in zwei Grundformen. Auf See stechen die Arbeiter mit Harpunen auf die Tiere ein und ziehen sie mit Haken an Bord ihrer Schiffe. In einer weniger gebräuchlichen Praktik, als drive fishing bezeichnet, treiben kleine Bootsflotten Familien der Meeressäuger an den Strand – manchmal Dutzende auf einmal – und stechen ihnen ins Gehirn bzw. schneiden die Kehle [der Delphine] auf.

Das Fleisch des ishiiruka (Dall‘scher Tümmler) bringt um die 20.000 Yen ein. Es wird geschmort oder in Streifen geschnitten gedünstet, während das Herz oft roh gegessen wird.

Obwohl Regierungsvertreter und Industriegruppen die Delphinjagd als „eingewurzelten Teil der japanischen Kultur“ schärfstens verteidigen, gibt es Japaner, die glauben, daß es Zeit für einen Wandel ist.

Delphine töten ist schlicht überholt“, sagt Izumi Ishii, ein 54 Jahre alter sonnengebräunter Fischer, der – nachdem er über Jahrzehnte Delphine gejagt hatte – 1996 endgültig einen Schlussstrich zog und zu einem der führenden Delphinschutz-Kampaigner geworden ist. Ishii gesteht ein, daß Delphine einst eine wichtige Proteinquelle im Ressourcen armen Japan darstellten, behauptet aber, daß dies nicht länger der Fall ist: „Es gibt heutzutage so viele andere Sachen zu essen.“

Ishii sagte, daß er Delphine schon als Kind mochte, aber als Sohn eines Delphinjägers war es eine natürliche Wahl, selbst ins Geschäft einzusteigen. Aber das jährliche Schlachten wurde schlußendlich unerträglich für ihn. Die Delphine brauchten oft bis zu sechs Minuten bis sie starben, währenddessen Blut aus ihren Kehlen schoss. „Sie schreien“, sagt er „und schlagen mit weit aufgerissenen Augen wild im Wasser herum.“

Ishii muss weiterhin seinen Lebensunterhalt verdienen, weshalb er in diesem Monat vor einem Jahr damit begann, Touristen zum Delphinbeobachten auf das Meer hinauszufahren; ein Geschäft, das ihm seinen Worten nach, weit mehr als die 10.000 Yen pro Tag, die er einst durch Jagd verdiente, einbringt. Ishii begeht den ersten Jahrestag seines Unternehmens mit einer Reihe von Reden und Briefings für die Presse – mit dem Ziel, das Bewusstsein in Sachen Delphinjagd zu erhöhen.

Ironischer Weise, sagen Experten,  war die Nachfrage der Japaner nach Delphinfleisch – die höchste unter allen traditionellen Fischereiländern – zuerst 1998 gestiegen, als Walfleisch aufgrund der Umsetzung des Moratoriums der Internationalen Walfangkommission (IWC) vom Markt genommen worden war.

Um den Konsum der abnehmenden Delphinpopulationen zu verhindern, überwacht die Regierung die Jagd und hat lokalen Behörden die Erlaubnis erteilt, Gefängnis- und Geldstrafen über Fischer zu verhängen, welche die Regelungen verletzen, gibt Kiichiro Mitsutomi, Vertreter der Fischereibehörde an.

Prinzipiell lautet die offizielle Position aber, daß das Essen von Delphinen genauso akzeptabel sei wie das Essen von Rindern oder Schweinen. „Japan ist vom Ozean umgeben. Daher haben wir das Recht, uns von Rohstoffen des Meeres zu ernähren, solange dies keine wissenschaftlichen Probleme bereitet“, spricht Takanori Nagatomo, Chef der Pelagischen* Walfang-Sektion des Landwirtschaftsministeriums in Tokio.

Das ist ein Punkt, bei dem Kritiker – speziell ausländische – widersprechen. Der entschiedenste von ihnen ist vielleicht der 63-jährige Amerikaner Richard O’Barry, der in den 1960ern Delphine fing und für die TV-Serie „Flipper“ trainierte, ehe er ein gefeierter Tierschutzaktivist wurde.

O’Barry, der gerade Japan besucht, um Ishiis Kampagne zu unterstützen, argumentiert, daß Delphine ein „Selbst-Bewußtsein“ besitzen – ähnlich dem des Menschen oder anderer Primaten. Deshalb sollte ihnen der Tod durch Klingen erspart bleiben. Die Daten der Regierung verfehlen das Thema, denn „es ist nicht eine Frage der Wissenschaft, sondern der Ethik“, hält er fest.

Aktivisten sind nicht nur gegen das Schlachten der Delphine, sondern auch gegen ihre Zurschaustellung in Themenparks und Aquarien. Während des drive fishing werden üblicherweise ein paar Delphine vor der Jagd verschont, um in Aquarien verschifft zu werden. 80% dieser „Überlebenden“ sind laut O’Barry junge weibliche Tiere, die für die Zucht vorgesehen sind.

Den Angaben der Aktivisten zufolge erzeugt das Leben in Wassertanks bei den Delphinen schweren psychischen Stress, da die Wände der Pools das Sonarsystem der Tiere konfusionieren. O’Barry kritisiert auch die Delphin-gestützten Heiltherapien, bei der gefangene Delphine dazu verwendet werden, um menschlichen Patienten gegen Autismus und andere Störungen zu helfen. „Es gibt keinen wissenschaftlichen, empirischen Beweis, daß Delphine uns heilen können. Sie können sich selbst auch nicht heilen. Das ist alles Schwindel“, sagt O’Barry.

Bisher scheinen die Aktivisten in ihrer Kampagne die Delphine vor menschlicher Einmischung zu schützen, erst wenig Fortschritte gemacht zu haben. Die Delphinjagd hat zwar in Ishiis Heimatstadt Futo, Präfektur Shizuoka, gegen Null hin abgenommen, was aber eher mit dem Wandermuster der Delphine zusammenhängt als mit der Weigerung der Fischer. In anderen Gegenden scheint es wahrscheinlich, daß die Jagd zu gegenwärtigen Levels weitergeführt werden wird, sagt Ishii.

Dennoch hat Ishii etwas Grund zum Optimismus, denn ein Mitbürger aus seinem Dorf hat angeboten, sein Dolphin-watching Unternehmen zu unterstützen. Wenn zu viele Touristen Ishiis Boot buchen, befördert der andere die überzähliger Whale-watchers auf seinem Gefährt. Wiederum andere Dörfler – obwohl skeptisch gegenüber Ishiis neuem Wagnis – bieten moralische Unterstützung. Zudem stehen die meisten Delphinjäger davor in Pension zu gehen und nur wenige Junge treten in ihre Fußstapfen.

„In der Vergangenheit töteten Japaner Delphine, aber diese Ära ist nun vorbei“, sagt er [Ishii] mit einem Lächeln. „Die neue Tradition wird durch eine Freundschaft zwischen den Arten bestehen.“

* pelagisch: das offene Meer betreffend

© Übersetzung: www.canis.info , 15.09.03

 

 

 

 

 

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