Gefährdete Arten

 

 

 

„BRUDER AFFE“, Vortrag von Prof. Volker Sommer (Zusammenfassung)

Am 04.03.04 hielt Professor Volker Sommer an der Veterinärmedizinischen Universität Wien einen Vortrag über „Bruder Affe“. „Affen gehören in die Familie der Menschen. Oder Menschen in die Familie der Affen. Was bedeutet das für uns – und was für sie?“ Das war die Fragestellung des Abends.

Professor Sommer beobachtete in Afrika lange Jahre das Verhalten von Menschenaffen bzw. betrieb Fallstudien an indischen „Tempelaffen“. Gegenwärtig hält er den Lehrstuhl für Evolutionäre Anthropologie an der University of London.

Die Kultur der Schimpansen von Gashaka-Gumti

Die Diareise begann im westafrikanischen Staat Nigeria, genauer im Nationalpark von Gashaka-Gumti [6.670 km2], dem einzigen noch nicht von multinationalen Firmen zerstörten Flecken Urwald, der Lebensraum für die Schimpansenunterart Pan troglodytes vellerosus bietet.

Analog zu indigenen Menschenvölkern oder Pavianen wissen auch Schimpansen um die Heilkraft bestimmter Pflanzen. Wie dieses „Wissen“ entstand, ist umstritten (Vererbung, „Nachäffen“, beides?). Fest steht,, daß nigerianischen Schimpansen im Gashaka-Gumti gefaltete Blätter ungekaut schlucken: als Abfuhrmedium zum Ausscheiden schädlicher Endoparasiten.

Überhaupt kann aus dem Kot der Schimpansen viel über ihr Nahrungsverhalten gesagt werden. So genannte n-Alkane (ungesättigte Fettsäuren) geben ein für jede Pflanzenart charakteristisches elektrophoretisches Profil ab, aus dessen Analyse der Speiseplan der Chimps rekonstruiert werden kann.

Prof. Sommer berichtete von allerlei Kulturleistungen der Schimpansen von Gashaka-Gumti:

Täglich errichten sie in den Bäumen frische Schlafnester (männliche Chimps schlafen einzeln, Mütter mit den Babys), Blätter- und Astkonstruktionen, die so stabil konstruiert sind, daß sie sogar Menschen tragen könnten (Eine gute Schlafstatt scheint für Schimpansen nötig, um in die biologisch wichtige REM-Traumphase zu gelangen).

Schimpansen im Westen Nigerias, in Sierra Leone oder an der Elfenbeinküste entwickelten die Fähigkeit, mithilfe von Amboss (Baumstumpf, Felsmulde) und Hammerstein Nüsse zu knacken (Wobei Äffinnen geschickter vorgehen und die Nüsse nur öffnen, während männliche Affen sie zerbröseln). Hammersteine sind im Urwald nicht so häufig vorzufinden, weswegen die Schimpansen sie mitnehmen – oft über 500 Meter. Das setzt ein planendes Handeln, ein Gefühl für Zukunft, für DENKTIEFE voraus. Hinzu kommt, daß Schimpansen in Zentral- oder Ostafrika, ja, sogar schon im Osten Nigerias, nur durch einen Fluss getrennt, die Fähigkeit des Nüsseknackens noch nicht entwickelt haben. Das heißt, es gibt KULTURELLE TRADITIONEN bei Schimpansen.

Ein weiteres Indiz für kulturelle Unterschiede bei Schimpansen liefern die digging sticks, mittels derer im Boden nach Insekten gegraben wird, z.B. nach Treiberameisen (driver ants), einer Spezies, die an und für sich fähig ist, Fische aus Aquarien zu rauben oder angebundene Hunde zu skelettieren – geschickte Tierchen also. Doch die Schimpansen handeln geschickter: Sie locken die Ameisen auf ihre Grabstöcke und führen die darauf krabbelnden Insekten genüsslich in den Mund. Achtung! Nicht alle Schimpansen tun das;: in manchen Regionen streichen sich die Affen ihre Ameisenmahlzeit auf die Faust, ehe sie die Beute verzehren. Wieder ein Indiz für kulturelle Unterschiede, da keine der beiden Essvarianten evolutionär besser oder schlechter wäre.

Daß Schimpansen nicht nur Werkzeuge verwenden, sondern auch modifizieren, beweisen Grabstöckchen, die sie an einem Ende besenartig ausfransen („Bürstenstöcke“), um Insekten besser hervorkehren zu können.

Die Conclusio von Prof. Sommer: Würde etwa die Schimpansenunterart in Gashaka-Gumti aussterben, wäre dies nicht nur ein Verlust an Biodiversität, sondern auch an kultureller Vielfalt, da Schimpanse nicht gleich Schimpanse ist. Sommer sieht sich selbst als „Panthropologe“, der noch viel über Schimpansen zu forschen hat.

Makaken, Kapuzineraffen und local enhancement

Der nächste Diaweg führte in den Norden Japans, zu jenen Makaken, die berühmt dafür sind, im Winter Bäder in warmen Quellen zu nehmen. In den 1950ern kamen japanische Ethologen auf die Idee, die Affen mit Süßkartoffeln zu füttern. Anfangs aßen die Makaken das Gemüse samt dem beim Teich liegenden Sand. Solange bis die Affendame „Imo“ herausfand, daß es für Zahn und Geschmack besser wäre, die Kartoffeln vorher zu waschen. Abgesehen von den ältesten Affenmännern – die am wenigsten flexiblen Individuen der Gruppe – taten ihr das die anderen sukzessive nach. Ein Musterbeispiel einer so genannten „Protokultur“ bzw. des local enhancement (lokale Unterarten entwickeln neue Technologie).

Danach kam ein kleiner Ausflug zu Kapuzineraffen, die weit weniger „überlegten“. Sie malträtierten die Plastikbehälter einer Testreihe einfach solange bis sie kaputt gingen und der Nahrungsinhalt greifbar war (destructive foraging). Andere ihrer ArtgenossInnen kamen dahinter, von welcher Seite man mit dem Stock in einer Röhre reinfahren muss, damit die darin versteckte Nahrung nicht in eine in der Bodenmitte angebrachte Senke fiel. Allerdings behielten sie diese Richtung auch bei, wenn die Senke kuppelartig nach oben angelegt war, sodaß die Nahrung logischerweise gar nicht reinfallen kann. Für Prof. Sommer ein mögliches Indiz, daß vielleicht auch Affen „abergläubisch“ sind.

Paviane und die theory of mind

Wieder ein Sprung: Diesmal zum Verhalten der Paviane: Gezeigt wurde das Bild einer Paviandame, die genau in der Mitte zwischen ihrer Rivalin und dem männlichen Pavian steht. Während sie nach vorne die Kontrahentin anfletscht, bietet sie nach hinten submissiv den Anus dar. So droht sie der anderen Äffin und beschwichtigt gleichzeitig den Affenpascha. Das Interessante daran: Die Äffin weiß genau, daß ihre Rivalin nicht zurückdrohen darf, denn dann würde diese den Affenmann von Angesicht zu Angesicht herausfordern. Für Prof. Sommer ein gutes Beispiel der theory of mind (Premack 1978), also der Fähigkeit, so vorauszudenken, daß die Gedanken anderer Individuen „gelesen“ werden.

Diese theory of mind ist eingebettet in die order of mental representation (Daniel Dennett 1983), einem mentalen Stufensystem. Ein erklärendes Beispiel:

Stufe 0: Ein kleiner Pavian hat Hunger und schreit

Stufe 1: Er will daher, daß seine Mutter zu ihm kommt (am Besten mit Futter)

Stufe 2: Er will, daß seine Mutter zu ihm kommt, indem er sie glauben macht, er wäre in Gefahr

In den nächsten stufen wird das Denken immer abstrakter und komplexer. Stufen 5 und 6 sind etwa wahre Ränkeschmiede á la Nicolo Machiavelli (1469-1527), die vom Menschen bestens bekannt sind. Diese in der Forschung als Machiavellian intelligence bezeichnete Eigenschaft geht von der Maxime aus: Es muss nicht wahr sein, was du tust, es genügt, wenn es die anderen für wahr halten. Täusche den Täuschenden ist eine weitere Fortführung dieses Prinzips. Aus der Fähigkeit, sich in den anderen hinversetzen zu können, geschehen bei Schimpansen Bandenkriege, bei denen eine örtliche Gruppe eine andere überfällt und nicht selten Einzelne tötet. Auch zur Jagd auf kleinere Affen ist eine Intelligenz nach Machiavelli von Vorteil. Die positive Seite: Dieses Wissen um den anderen ermöglicht auch Sympathie, das „Mitleiden“ mit ArtgenossInnen.

Resümee des Vortrages

-) Die Fähigkeit der technologischen Werkzeugbenutzung entwickelte sich aus der komplexen sozialen Benutzung von ArtgenossInnen als „Werkzeug“ zur Erlangung des Angestrebten.

-) „In der Natur geht es wie in der Kultur zu“; sie ist nicht „heil“.

-) Menschenaffen und Menschen sind eng verwandt, das beweist beider Verhalten: „Sie sind Tiere, und wir sind Tiere. Dafür müssen wir uns nicht schämen, es ist eine Erweiterung unserer Gemeinschaft.“

-) Tierversuche an Menschenaffen sind für Prof. Sommer daher „völlig indiskutabel“.

Text: www.canis.info , 05.03.04

Buchtipp: 

"Heilige Egoisten: Die Soziobiologie indischer Tempelaffen", Volker Sommer, Verlag C.H. Beck (München 1996)  

 

 

 

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