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Brasilien: US-Menschenversuche an den Yanomami?
Darin beschuldigte er den Anthropologen Napoleon Chagnon - im zwielichtigen Zusammenspiel mit dem Genetiker James Neel sowie der Atomenergiekommission der USA - Experimente an den Yanomami durchgeführt zu haben. US-Expedition zu den Yanomami 1967 besuchte die Expedition von Chagnon und Neel das Yanomamigebiet. Den strahlenunbelasteten Einheimischen wurde Blut abgenommen mit dem Zweck, dieses mit dem von Hiroshima-Opfern zu vergleichen und daraus Strahlengrenzwerte zu entwickeln. Dabei ergab sich als unbeabsichtigter Nebenbefund, daß die Yanomami keine Antikörper gegen Masern aufwiesen. Demnach wären sie bei einem möglichen Ausbruch dieser Krankheit extrem bedroht gewesen. Ein Jahr darauf kam Chagnon mit einem riskanten Masern-Impfstoff wieder, der in den USA bereits nicht mehr zugelassen war. Kurz nachher brachen die Masern aus; warum genau, weiß niemand. Ob aus Schlamperei, durch einen Unfall oder für ein gesteuertes Experiment, konnte bisher auch keiner befriedigenden Antwort zugeführt werden. James Neel: Genetische Überlegenheit der Naturvölker Dem Genetiker Neel wird vorgeworfen, daß er seinen Mitarbeitern verboten hätte, die infizierten Yanomami medizinisch zu behandeln: mit der Begründung, man wäre zum Forschen, nicht zum Helfen hier. James Neel, der 2000 verstarb, wird eine Nähe zum Gedankengut der Eugenik nachgesagt. Er soll die weniger überlebensfähigen Individuen bewußt sterben haben lassen, um bei den Überlebenden ein von ihm postuliertes "Führer-Gen" (leader gene) zu belegen. Dieses Gen trägt seiner Meinung nach Sorge, daß die Starken sich letztendlich durchsetzen (survival of the fittest). Neel war Vertreter einer These, wonach Naturvölker den "verzärtelten" Kulturvölkern überlegen wären; er übertrug Rousseaus Bild vom "edlen Wilden" sozusagen eins zu eins auf die Genetik. Im Auftrag der US-Atomenergiekommission hätte Neel so Vermutungen Sterbemuster für nukleare Katastrophen studieren sollen. Napoleon Chagnon: Folgenschweres Buch über die "Wilden" 1968 brachte der gleichermaßen renommierte wie umstrittene Anthropologe "The Fierce People" heraus, ein Werk, indem er die Yanomami als blutrünstiges Volk darstellt, bei dem die Frauen gerade die größten Mörder bevorzugten. Chagnons Buch löste einen "Soziobiologen-Krieg" aus, der bis heute immer wieder aufflammt. Aber die akademischen Scharmützel alleine waren nicht das Verheerende: als Ende der 1980er Goldsucher und andere Desperados ins Yanomamigebiet eindrangen und Massaker wie Verwüstungen anrichteten, verweigerten die Militärbehörden mit dem Hinweis auf Chagnons Buch jeglichen Schutz für die Indigenen. Die Militärs nutzten das Werk als "wissenschaftlichen Befund", wonach hervorginge, daß die Wilden nicht zu schützen wären. Yanomami: Verfall der Sozialstruktur Die Tradition der Yanomami sagt, daß Wissen an Außenstehende nicht weitergegeben werden und der eigene Name nicht laut ausgesprochen werden darf. Kapitalismusgeschädigt veräußerten sie daher ihre Blutproben wie auch ihre persönlichen Daten an Chagnon als Gegenleistung für Macheten und Äxten. Solcherart hochgerüstet machten sie sich alsbald auf, um Nachbardörfer zu überfallen. Das Sozialgefüge der Indigenen begann sich aufzulösen, was Chagnon in seiner These von den "Wilden" bestätigte. "Soziobiologen-Streit" Ende 2001 stellte die American Anthropological Association (AAA) einen Zwischenbericht zu den Anschuldigungen gegenüber Napoleon Chagnon auf ihre Homepage. Darin wurde der Forscher davon freigesprochen, die Masern unabsichtlich, geschweige denn absichtlich ausgelöst zu haben. Bezüglich der Aufrüstung indigener Gesellschaften mit Waffen wurde Chagnon teilweise rehabilitiert. Nur zwei Tage nach dem Gang ins Internet, mußte der Bericht aufgrund innergesellschaftlicher Dispute wieder zurückgenommen werden. Kritiker wie Verteidiger von Chagnon bzw. dem mitbeschuldigten James Neel hatten massiv protestiert. Für Ende Februar 2002 wird ein endgültiger Bericht erwartet. Egal ob Menschenversuch, Eugenik oder einfach nur westliche Arroganz, den Yanomami läuft die Zeit davon. Durch die immer stärkere Rodung und Erschließung des Amazonasgebietes ist ihr Lebensraum akut bedroht; wenigstens darin sind sich die Anthropologen einig.
© Mag. Alexander Willer, Tierrechtsverein CANIS Quellen: "Der Standard", 26.9.2000; 6.2.2001; 16.1.2002
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