Phytoremediation 

Menschen neigen andere Lebensformen nur nach ihrem Nutzwert zu bewerten und zu benennen. Was für die eigenen Bedürfnisse und Wünsche nicht instrumentalisierbar erscheint, erhält speziesistisch-abwertende Namen. Ein gutes Beispiel dafür liefert das Unwort „Unkraut“. Im gemeinen Sprachgebrauch steht diese Titulierung für alle Pflanzen, die weder gegessen, zu Stoffen oder Arzneien verarbeitet oder als sterbende Ziergegenstände in Vasen gesteckt werden können. „Unkraut“ entfaltet meist keinen Duft, es wächst in Einöden (ein weiteres Unwort) und entzieht Nutz- und Zierpflanzen nur die Nährstoffe aus dem Boden wie das Licht der Sonne. Conclusio: Der Mensch reißt „Unkraut“ aus, verbrennt es, begießt es mit Säuren, besprüht es mit Giften oder – im nachhaltigsten Fall – verfüttert es an Tiere.

Mit „Unkraut“ gegen Giftstoffe

Was aber, wenn plötzlich entdeckt wird, daß „Unkraut“ doch einen Nutzen hat? Dann wird es im Nu Gegenstand der Forschung, erhält einen Wert zugewiesen, wird schlicht und einfach interessant. Das beste Beispiel dafür liefert der Forschungszweig, der sich mit Phytoremediation beschäftigt. Darunter wird nichts Anderes verstanden als die Fähigkeit einiger bisher für wertlos gehaltener Pflanzen, Giftstoffe aus dem Erdreich zu filtern, abzubauen und/oder zu verarbeiten. Bodensanierung ohne aufwendigen Einsatz; ohne künstlicher Chemikalien, deren Einsatz selbst wieder zu Belastungen führen würde.

 

Die Acker-Schmalwand (Arabidopsis thaliana)

Das unscheinbare Kraut am Wegesrand verfügt über natürliche Fähigkeiten, die Millionen von Menschenleben retten könnten: Es ist in der Lage, das karzinogene und hautschädigende Halbmetall Arsen aus dem Erduntergrund zu filtern. In Staaten wie Indien oder Bangla Desh, wo durch Umweltverschmutzung vielerorts das Grundwasser mit Arsen kontaminiert ist, wäre der Einsatz von Acker-Schmalwand eine kostengünstige Lösung, um die eigene Bevölkerung vor Verseuchung und Erbdefekten zu bewahren. Das lebenswichtige Wasser könnte wieder ohne Bedenken trinkbar gemacht werden. 

US-Gentechniker haben das Genom der Pflanze  zusätzlich mit Bakterien-Genen modifiziert, um diese gewünschte phytoremediative Wirkung noch zu verstärken. Doch dem Ackerkraut scheinen auch andere Giftstoffe nicht gewachsen zu sein. Arabidopsis thaliana soll durch Ausscheidungen über die Wurzeln in der Lage sein, Schwermetalle in wasserlösliche ungefährliche Verbindungen umzuwandeln, wie „Stern“ (46/2002; 271) kolportierte. Quecksilber könnte so aus dem Erdboden gesaugt und transmutiert über Blätter ausgeatmet werden; das Gleiche gilt für das Halbmetall Selen, für Pestizide und toxische Lösungsmittel.

 

Der Zurückgekrümmte Fuchsschwanz (Amaranthus retroflexus)

Wie der amerikanische Wissenschafter Leon Kochian vom US Plant Soil and Nutrition Laboratory bewies, fördert diese Amaranthart 40-mal mehr radioaktives Caesium aus dem Boden als andere Pflanzen. Im Versuch sank in nur drei Monaten die Bodenbelastung um 3 Prozent. Kalkulationen Kochians zufolge würden drei jährliche Ernten des Zurückgekrümmten Fuchsschwanzes ausreichen, um in 15 Jahren verstrahlte Zonen komplett zu entseuchen. 

Die US-Regierung könnte 300 Mrd. Dollar für die Dekontaminierung von Nuklearversuchsgeländen einsparen.

 

 

Die Wüsten-Quecke (Agropyron desertorum)

Mit dieser Pflanze senkten Forscher in einem 155-Tage-dauernden Test die Belastung von Boden und Grundwasser durch das toxische Holzschutzmittel PCP um 58%

 

 

 

Das Gebirgs-Täschelkraut (Thlaspi caerulescens)

Die Pflanze schluckt förmlich Nickel und Zink aus dem Erdboden. Rufus Chaney, vom Agricultural Research Service, Maryland, fand in der Asche von Täschelkraut Zinkanteile von 30 bis 40 Prozent. Diese hohe Konzentration von Verbrennungsrückständen könnte zur Verhüttung in Schmelzöfen verwendet werden.

Diese Auflistung  ließe sich fortsetzen und beweist vor allem eines. Nicht alles, was der Mensch als wertlos einschätzt, ist es auch. Am Beispiel „Unkraut“ wird klar, daß auch pflanzlichen Lebewesen ein Eigenwert beizumessen ist. Sie erfüllen ihren Teil des Ganzen im Ökosystem, ob es der Homo sapiens erkennt oder nicht.

Text: TRV CANIS, www.canis.info, Juni 2003

www.canis.info/oekologie/phytoremediation.htm

 

 

 

 

 

 

 

 

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