Navajo/Dineh: Ausbeutung und Umweltzerstörung

In Westeuropa wecken die Navajo zwei Assoziationen: Wildwestromantik und kunstvolle Schmuckerzeugung. Fernab der Hochglanz-Urlaubskataloge sieht der Alltag dieser Indianernation - die sich selbst Dineh (= "Volk") bezeichnet - allerdings weit düsterer aus. Si e sind eines jener traurigen Beispiele des noch immer anhaltenden Kolonialismus seitens der amerikanischen Eroberer.

Weg in die Knechtschaft

Im zehnten Jahrhundert brachen die Dineh - wie auch die verwandten Apachen - aus dem subarktischen Nordwesten Kanadas Richtung Süden auf. Ihr Weg führte sie in das Gebiet der heutigen US-Staaten Arizona und New Mexico. Von den dort lebenden Pueblo-Stämmen lernten sie den traditionellen Feldbau. Im 16. Jahrhundert kam von den spanischen Conquistadoren die Viehzucht sowie das Pferd hinzu. Aus einem Volk von Jägern und Sammlern wurden Ackerbauern, Hirten und Reiterkrieger. Während der mexikanischen Fremdherrschaft behielten die Dineh weitgehend ihre Unabhängigkeit. Ändern sollte sich dies erst, nachdem Mexiko das Territorium an die Vereinigten Staaten abtrennen mußte. Die Nordamerikaner glaubten auf dem Navajogebiet große Goldvorkommen; so rückte 1864 General Carleton mit einer Armee an, um entgegen allen Verträgen die Dineh von ihrem Land zu vertreiben. Unter der Führung des Scouts Kit Carson mußten die Navajo den "Long Walk" antreten. Etwa 10.000 Indianer traten den Marsch in das 400 km entfernte Fort Sumner an. 3.000 Dineh starben, der Rest wurde interniert. Im Lager Bosque Rodendo fielen nochmals einige Hunderte Krankheiten oder Streitigkeiten mit den Mescalero-Apachen zum Opfer. Schließlich gestattete die Regierung in Washington dem traurigen Häufchen die Rückkehr in ihr Hochland. Um die Navajo vom Kriegspfad fernzuhalten, wiesen die USA ihnen Schafherden als Lebenserwerb zu. 1868 kam es zum Abschluß eines offiziellen Friedensvertrages, was die weißen Siedler aber nicht daran hindern sollte, die Dineh immer weiter gegen Westen zu verdrängen, wodurch zwangsläufig Konflikte mit den dort ansässigen Hopi geschürt wurden.

Reservationspolitik

1882 wurden von US-Präsident Chester Arthur per executive order Reservatgrenzen für die Navajo festgelegt. Sie mußten sich fortan mit den Hopi ein willkürlich festgesetztes Territorium teilen. Genau vierzig Jahre danach läßt die Bundesregierung in Washington mit Zustimmung der Indianerbehörde BIA einen Navajo-Rat als offiziellen Ansprechpartner einsetzen; ein korruptes, systemtreues Gremium, das vor allem an Standard Oil Lizenzen für Ölbohrungen in der Reservation erteilte. 1934 verabschiedet der Kongreß unter dem Deckmantel des Selbstbestimmungsrechtes den Indian Reorganization Act. Dieses Gesetz sah vor, die Macht der traditionellen Stammesführer endgültig zu brechen, indem eine "repräsentative" Indianerregierung von Washingtons Gnaden "gewählt" wurde.  1941 designiert das BIA einen Teil des Reservates ausschließlich für die zahlenmäßig geringeren Hopi, den anderen Teil für Hopi und Navajo gemeinsam als Joint Use Area. Es war offensichtlich Strategie der US-Behörden, bewußt Zwietracht zwischen den Natives zu säen, um dann weitere oppressive Maßnahmen ergreifen zu können. In den 50er-Jahren treiben vor allem die Anwälte böses Spiel mit den Rechten der Indianer, so zum Beispiel John Peabody, ein Mormone mit Anteilen an der Peabody Coal Company, die fortan auf Hopi-Gebiet schürfte, bzw. Norman Littell, der alles daransetzte, die Navajo weiter gegen ihren Nachbarstamm aufzuwiegeln. 1958 war es beiden Juristen gelungen, einen Rechtsstreit über den Verlauf der Reservatgrenzen zwischen Hopi und Dineh zu inszenieren, der vor Gericht kam. Dort wurde die Regelung von 1941 erneut für ausreichend befunden und brachte für beide Parteien keinerlei Verbesserungen. Ganz im Gegenteil. Durch den Gang vor den Richter wurde der amerikanischen Öffentlichkeit ein Bild heillos zerstrittener Indianer vermittelt, die sich ohne das Eingreifen der US-Behörden wohl die Schädel skalpieren würden. Ein idealer Vorwand, um weitere Indianer zwangsumzusiedeln und deren Land zur Rohstoffplünderung freizugeben.

Umweltzerstörung und Vertreibung

In den 1960ern wurde in einigen Teilen der Reservation Schwefel und Kohlevorkommen entdeckt. Deren rücksichtsloser Abbau durch US-Konzerne verseuchte das Grundwasser, zerstörte die Landschaft oder führte zum Versiegen des Oberflächenwassers. Daneben wurden heilige Gründe der Natives entehrt sowie 4.000 kulturell wertvolle Anasazi-Kliffbauten ruiniert. 1966 scheiterte eine diesbezügliche Gerichtsklage gegen die Peabody Coal Company, da die traditionsbewußten Indianer nicht als Repräsentanten ihres Volkes anerkannt worden waren. Ein Pachtvertrag für den Uranabbau brachte zusätzliches Unheil als durch einen Dammbruch für aufgestautes verseuchtes Wasser der Landstrich am San Juan River radioaktiv verseucht worden war.

1974 verabschiedet der US-Kongreß den Navajo Hopi Settlement Act, nach dem die Joint Use Area geteilt wurde, und zwar in ein Hopi Partition Land (HPL) sowie ein Navajo Partition Land (NPL). Vertreter des jeweils einen Volkes mußten ihre Wohnungen im Land des anderen Volkes aufgeben und verlassen. Dies traf 100 Hopi, aber mehr als 13.000 Navajo. Viele vertriebene Dineh fanden Wohnungen am Stadtrand von Flagstaff (Az), wo sie in Arbeitslosigkeit, Armut und mit hoher Kindersterblichkeit dahinvegetierten. Zahlreiche Indianer verfielen dem Alkohol, landeten im Gefängnis oder begingen Selbstmord.

1988 strengen die mittlerweile immer selbstbewußteren Traditionalisten unter den Dineh einen neuen Prozeß an. Im Fall Manybeads versus USA monieren die Indianer, daß sie durch die Zwangsumsiedlungen (Relocations) seitens der amerikanischen Behörden ihr Recht auf ortsbezogene Religionsausübung verlören. Natürlich wurde diesem Einwand nicht stattgegeben und vieles entwickelte sich zur Justizfarce, so etwa das Accomodation Agreement, das bestimmten, systemtreuen Navajo zur Unterzeichnung vorgelegt wurde. Nach dieser außergerichtlichen Vereinbarung dürfen eine Hand voll Dineh für weitere 75 Jahre auf ihrem Gebiet bleiben. Natürlich als Gegenleistung für Schürf- und Förderlizenzen. Alle Gegner des Abkommens, die sogenannten Resistors, wurden in trostlose Gebiete bei Sanders, Arizona, umgesiedelt, die berüchtigten Newlands.

Widerstand in der Black Mesa

Bis heute ist der Fall nicht entschieden und befindet sich im 9th Circuit. Das heißt, der Kampf gegen die Relocations wird von den Dineh und auch einigen Hopi weitergeführt. Als Gegner mit einer Armada von Anwälten bleiben große US-Konzerne. Das Gebiet der Black Mesa, ein Tafelbergland im Norden Arizonas, nicht weit vom Grand Canyon entfernt, ist der bekannteste Anlaßfall dieses ungleichen Kampfes. Um die Natives von ihrem Land zu vertreiben, werden sie dort seit Jahrzehnten nach allen Regeln der Kunst schikaniert. Als Handlanger fungieren nicht selten korrupte Indianer.

Die Ausübung von Brauchtum wird massiv behindert
Es ist verboten, neue Häuser zu errichten. Selbst das Einsetzen einer neuen Fensterscheibe bedarf einer Genehmigung.
Bereits bestehende Häuser werden oft zerstört
Brunnen werden zugeschüttet
Vieh darf nur in so geringer Anzahl gehalten werden, daß eine Subsistenzwirtschaft  nicht möglich ist. Überzählige Tiere werden enteignet oder getötet.
Am Ende steht die Relocation der Navajo selbst

Natürlich verstößt eine solche Politik gegen eine Vielzahl von Abkommen, von denen hier nur wenige wichtige genannt werden sollen.

Universale Deklaration der Menschenrechte (UDHR)
International Covenant on Civil and Political Rights (ICCPR)
International Covenant on Economic, Social and Cultural Rights (ICESCR)
ILO Convention 169 (Rechte indigener Völker in unabhängigen Staaten)
UN-Charta über nicht-unabhängige Völker
Daneben verstoßen die USA durch den Raubbau in den Reservaten gegen ihre eigenen Umweltgesetze.

Hollywood hat den Dineh in ihrem Kampf um Rechte bereits eine Ehrung zuteil werden lassen. 1986 erhielten Maria Florio und Victoria Mudd für "Broken Rainbow" den Oscar für die beste Dokumentation.

Streitfall Crownpoint

Am 24.8.1998 berichtete das renommierte US-Nachrichtenmagazin "TIME" über einen internen Streit der Navajo im 2.500 Seelen starken Städtchen Crownpoint, New Mexico. Dort verleasten klammheimlich 200 Indianer 583 Hektar Land an Hydro Resources Inc., eine Energiegesellschaft aus Albuquerque. Diese Company plant in einem wasserhaltigen Felsgebiet Uran abzubauen. Dafür gab es für jede Leasingeinheit über $ 40.000 und bis zu 25% Gewinnanteil am Verkauf des Uranerzes. Unter dem Strich bringt der Deal für die "kooperativen" Navajo bis zu einer Millionen Dollars im Jahr; und das in einer Region mit zweistelliger Arbeitslosenrate unter den Natives bzw. durchschnittlichen Jahreseinkommen von unter $ 10.000.

Doch abgesehen von den wirtschaftlichen Vorteilen für einige Wenige bringt das Geschäft mit Hydro Resources nur Nachteile. Denn 90% der Navajo ziehen daraus keinerlei Profit. Zudem besteht Gefahr für das Grundwasser in und rund um Crownpoint. Der Disput zieht sich quer durch die Familien. Viele ältere Menschen sehen im schnellen Geld einen Ausweg aus dem jahrelangen gesellschaftlichen Siechtum, während gerade in der Jugend ein starkes Umweltbewußtsein entstanden ist. Mehr und mehr Dineh besinnen sich ihrer traditionellen Wurzeln. Für sie bedeutet die Uranförderung eine "disruption of Mother Earth", einen Raubbau an Mutter Erde - und Wasser ist gleichbedeutend mit Leben, wie durch folgenden Navajo-Slogan deutlich wird:              Tó eii be´ iiná át´ é.

Wer den Kampf der Dineh auf Grundrechte und Selbstbestimmung und gegen Umweltzerstörung unterstützen möchte, wende sich bitte um weitere Informationen an:

Indigenous Environmental Network
Dineh Relocation Resistance
Black Mesa Indigenous Support (BMIS), blackmesa@yahoo.com, Adresse: P.O.Box 23501, Flagstaff, Arizona 86002, USA

  

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