Maori/Neuseeland: Whalerider” (Buchrezension)

 

Maori-Parabel voller zarter Mystik

In alter Zeit, in den Jahren vor unserer Zeitrechnung, verspürten Land und Meer eine große Leere, eine Sehnsucht“, mit diesen stimmungsvollen Worten lässt der Autor Witi Ihimaera seine Geschichte „Whalerider“ ihren Anfang nehmen. Nach Äonen des Wartens wurde jene Leere allmählich gefüllt, als schaurig tätowierte Krieger in ihren Booten am östlichen Horizont erschienen. Das Volk der Maori hatte Aotearoa, das „Land der langen weißen Wolke“ entdeckt; eine Doppelinsel, die uns heute unter dem Namen Neuseeland geläufig ist. Von Hawaiki waren sie aufgebrochen, um unbekannte Gebiete zu erschließen. Nun, da das einladende Eiland gefunden ward, sandten sie Kanus zurück in die alte Heimat, um neue Siedler zu holen. Doch das Warten schien kein Ende zu nehmen, bis schließlich ER kam: Paikea, die Wogen des Ozeans auf dem Rücken eines heiligen Wales brechend. Wie ein einziges unbezwingbares Fabelwesen wirkten Mann und Wal. Paikea schleuderte kleine Speere mit mauri, Lebenskraft, auf Land und Wasser. Daraus entstanden noch im Flug viele Tiere, wie Tauben oder Aale. Nur ein Speer wollte die Hand des Walreiters nicht verlassen, so sehr er auch danach trachtete. Also sprach Paikea ein Gebet über den Holzspeer: „Möge dieser mauri gedeihen, wenn die Menschen in Not sind und die Lebenskraft am dringendsten gebraucht wird.“ Nach dieser Worten schoss der Speer – von Freude gepackt – aus seiner Hand in den Himmel; überwand flugs über 1000 Jahre.

Wo der segensreiche Speer hernach in den Boden fuhr, ergab es sich im Jetzt, daß die Nabelschnur eines Maori-Mädchens eingegraben wurde, ein Ritus, der die Verbundenheit von Land und Volk auf magische Weise bekräftigt. Dieses Mädchen sollte eigentlich ein Junge werden und einst die Häuptlingswürde in einer langen Familienreihe übernehmen, so hatte es zumindest ihr Großvater geplant. Doch das Schicksal spielte nicht mit, was den alten, engstirnigen Patriarchen verbittern ließ. Umso mehr Kahu sich bemühte, seine Anerkennung zu gewinnen, desto stärker lehnte er sie ab. Denn sie war nicht der ersehnte Krieger, der Retter der Maori vor der weißen, westlichen Zivilisation Neuseelands; nein, Kahu war „nur“ ein Mädchen. Doch die Kleine gibt nicht auf, mit Ausdauer und Zähigkeit lernt sie traditionelle Kriegsgesänge, übt sich im Stockkampf und taucht nach dem magischen Talisman. Alles spitzt sich zu, als eine Walherde bei Kahus Wohnort strandet. Scheinbar will der riesige Walbulle seinen Clan bewusst in den Tod führen, getrieben von Leere und Sehnsucht. Bis Kahu sich ihm nähert, und die Lebensenergie von Paikeas letztem Speer ihre Kraft zu versprühen beginnt ...

Witi Ihimaera, selbst Maori, schrieb „Whalerider“ nachdem er von seinem New Yorker Apartment beobachtete, wie Rettungsversuche unternommen worden waren, einen verirrten Wal aus dem Hudson River wieder zurück in den Ozean zu treiben. Nur drei Wochen benötigte er zu dieser mystisch-verwobenen Parabel im Spannungsfeld von Tradition und Moderne, Natur und Kultur, Tier und Mensch, die nicht zuletzt sehr viel Feinheit den Problemen einer heranwachsenden Frau in patriachalen Strukturen widmet. Gleichzeitig setzte Ihimaera ein literarisches Statement für den Schutz der Wale: „Als die Welt älter wurde und der Mensch sich von seinem göttlichen Ursprung entfernte, verlor er allmählich die Gabe, mit den Walen zu sprechen“, er verfolgte und tötete sie fortab. Erst wer zu kindlicher Liebe –  wie das Mädchen Kahu – bereit ist, hat die Fähigkeit diese Barriere zu überwinden und in den alten Kreislauf wiedereinzutreten. „Whalerider“ weckt Sehnsucht danach!

© Text: A. Willer, www.canis.info , 10.10.03

siehe auch Filmrezension "Whale Rider": www.canis.info/oekologie/natives_whalerider_film.htm 

 

 

 
 

 

 

 

 

 

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