Mayak: Atomare Zeitbombe in Sibirien

 

Nukleares Zentrum der Sowjets

1.750 Kilometer östlich von Moskau, hinter dem Ural-Gebirge, liegt der Atomkomplex Mayak; einer der größten seiner Art weltweit. 1948 begannen die Sowjets dort mit der Aufbereitung von Plutonium für Bomben. Mayak war das Kernstück der nuklearen Abschreckung der kommunistischen Diktatur in Russland. Nach und nach wurde Mayak aber auch für andere nukleartechnische Aufgaben adaptiert. Sicherheitsstandards oder Schutz der eigenen Bevölkerung waren im Sowjetimperium sekundär. Was zählte, war alleine das atomare Muskelspiel.

Der GAU von 1957

Im Dezember 1957 kam das, was unausweichlich irgendwann kommen mußte, der nukleare Unfall. Was genau den GAU ausgelöst hatte, ist immer noch schwer zu sagen. Die sowjetische Desinformations- und Vertuschungspoltik hält bis ins Russland von heute an. Tatsache ist, daß mindestens 270.000 Menschen mehr oder weniger verstrahlt worden waren. Wahrscheinlich war ein Müllbecken explodiert und hatte ein 300 Kilometer langes und 50 Kilometer breites Gebiet auf Jahrzehntausende kontaminiert. In der offiziellen Terminologie heißt diese verseuchte Zone heute "Radioaktive Ostural-Schneise". Tausende Personen starben. Dörfer und Städte verschwanden von der Landkarte – ihre Bewohner wurden umgesiedelt. Ein riesiges Gebiet bliebt strahlungskontaminiert. Trotz des Desasters fuhren die Sowjets damit fort, die nuklear verseuchten Abwässer in den nahen Fluß Techa zu leiten. Zudem wurde der kleine Fluß aufgestaut, damit der atomare Müll sich absetzen sollte.

Der GAU von 1967

Im sehr heißen Sommer von 1967 trocknete einer dieser künstlichen Stauseen aus. Die Folge war erneut verheerend. Der Wind verblies den Nuklearstaub großflächig. Fast noch verantwortungsloser war, was danach geschah. Bewohner aus umliegenden Städten – darunter viele Schulkinder – wurden als "Freiwillige" zum Aufräumen herangekarrt. Die meisten dieser euphemistisch als "Liquidatoren" bezeichneten Menschen sind bereits lange an den verschiedendsten Krebsarten gestorben. Das Erbgut ihrer Nachkommen ist geschädigt. Leukämie wie Downs Syndrom sind häufige Folgeerscheinungen.

Die Gefahren der Gegenwart

Bis heute hat sich wenig geändert. Hochwässer des Techa haben die Verseuchung weitergetragen und mehr Grundwasser vergiftet. Jahr für Jahr werden Tonnen radioaktiven Mülls in den Karachay See gepumpt., dessen Verstrahlung bereits so stark ist, daß ein mehrstündiger Aufenthalt an seinem Ufer letale Folgen haben kann. Die russischen Behörden reagieren dennoch träge. Erst ab 2008 soll das weitere Einleiten nuklearkontaminierter Abwässer verboten werden. Und selbst dies nicht generell: unter bestimmten Auflagen erlaubt die Atomaufsichtsbehörde Gosatomnadzor die Verseuchung bis 2013. In Ozersk besteht immer noch eine "geschlossene Stadt", die niemand anderer als die 17.100 Beschäftigen betreten dürfen ("Der Standard", 1.September 2000; 20). Schwer kranke Menschen werden vom russischen Staat mit lumpigen 125 Rubel im Monat abgespeist ("Kronen Zeitung" vom 8.Juni 2003), während die Betreiber von Mayak Milliardengewinne wittern. Denn Plänen zufolge soll Atommüll aus der ganzen Welt kostenpflichtig übernommen werden, darunter auch Brennstäbe. Die AKWs von Temelin, Dukovany (Tschechische Republik), Mochovce (Slowakei), Paks (Ungarn) stehen in Verhandlungen, ebenso wie Schweizer Atommeiler. Die brisante Realität der nahe Zukunft wird aller Wahrscheinlichkeit so aussehen, daß CASTORen durch Mittel- und Osteuropa Richtung Mayak rollen: ein Sicherheitsrisiko bisher ungeahnter Dimension, sowohl, was die Länge der Transportstrecken (Unfälle, Terroraktionen) als auch den technischen Standard (Lagerung, Wiederaufbereitung) betrifft.

Text: TRV CANIS, www.canis.info , 30.Juni 2003

 

 

 

 

 

 

 

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