Australien: Aborigines leiden an Spätfolgen von Nuklearversuchen

Zwischen 1952 und 1963 führte das britische Militär mit Zustimmung und Unterstützung der australischen Regierung Nuklearversuche auf australischem Boden durch. Das erste Versuch fand am 3.Oktober 1952 unter dem Codenamen „Hurricane“ bei Monte Bello Island statt, einer der Westküste vorgelagerten kleinen Insel, unweit des heutigen wegen seiner Delphine bekannten Touristenzentrums Monkey Mia. Dabei wurden 25 Kilotonnen 

radioaktives  Material an der Meeresoberfläche zur Explosion gebracht. Australien war endgültig von der Dreamtime der Aborigines-Ureinwohner ins Atomzeitalter übergewechselt; mit verheerenden und in ihrer Tragweite unabsehbaren Folgen. Die Krebsrate stieg rapide an, ganze Landstriche wurde verseucht und viele Aborigines warten bis dato auf Reparationszahlungen.

Tage des Donners

Monte Bello sollte im Jahre 1956 nochmals Ort von nuklearen Experimenten werden, doch die Hauptaktivitäten wurden aber bald auf das Festland verlegt, an den Rand der Great Victoria Desert, im Süden des australischen Kontinents. Dort finden sich die Testzonen Emu und Maralinga. In der Emu-Zone fanden unter dem Code „Totem I“ bzw. „Totem II“ im Jahre 1953 zwei weitere Atomversuche mit insgesamt 18 kt Sprengkraft statt. Permanentes Versuchsgelände wurde aber nach ihrer Fertigstellung 1956 die Anlage in Maralinga. Hunderte kleinere Tests wurden bis zur offiziellen Schließung 163 dort durchgeführt. Am schrecklichsten sind aber die sogenannten major nuclear trials, also die „großen Nuklearversuche“, gewesen. Insgesamt sieben Versuchen unter den Namen „Operation Buffalo“ sowie „Operation Antler“.

Eine kurze Übersicht:

Codename Ort Datum Sprengkraft Art der Explosion
Buffalo „One Tree“ Maralinga 27.09.1956 15 kt von 31 m hohem Turm
Buffalo „Marcoo“ Maralinga 04.10.1956 1,5 kt am Boden
Buffalo “Kite” Maralinga 11.10.1956 10 kt aus 150 m Höhe
Buffalo „Breakaway“ Maralinga 22.10.1956 10 kt vom Turm 
Antler „Tadje“ Maralinga 14.09.1957 1 kt vom Turm
Antler „Biak“ Maralinga 25.09.1957 6 kt vom Turm
Antler „Taranaki“ Maralinga 09.10.1957 25 kt Ballon in 300 m Höhe

Kurioserweise bedeutet das Wort Maralinga in der Sprache der Pitjantjatjara-Aborigines „Feld des Donners“, ein wahrlich passender Name für ein atomares Versuchsgelände.

Radioaktive Verseuchung

Im Moment der Kernexplosion entsteht eine intensive Gamma- und Neutronenstrahlung. Danach steigt ein „Atompilz“ kilometerweit in die Höhe, der hochradioaktiven Abfall mit sich trägt. Durch Windeinwirkung kann dieser debris über Tausende Meilen verschleppt werden. In Form von Partikeln schlägt er als fallout am Boden nieder (Strontium-90, Cäsium-137, Europium-137). Die erwähnte Strahlung bewirkte eine radioaktive Reaktion („Neutronenaktivierung“) im Boden, was zur Entstehung von Kobalt-60 bzw. Europium-152 führte. 1967 startete Großbritannien mit „Operation Brumby“ eine offizielle Entstrahlung und Entgiftung des Testgeländes durch. 1984 bis 1987 untersuchte das Australian Radiation Laboratory (ARL) Maralinga nochmals, um festzustellen, wie erfolgreich die Briten mit dem Dekontaminieren waren. Dabei wurde festgestellt, daß aufgrund der geringen Halbwertszeiten der meisten genannten radioaktiven Stoffe ein Großteil des Gebietes ab einem Umkreis von 200 Metern vom Detonationspunkt ungefährlich wäre. Nach den derzeit geltenden Strahlenbelastungsstandards gelten weite Zonen von Maralinga ab dem Jahr 2030 sogar für „permanente Besiedlung“ geeignet. Als Ausnahme wurde die Teststätte Tadje herausgenommen, die mit Plutonium-239 verseucht ist, einem Isotop mit Halbwertszeit von 24.110 Jahren. Auch Taranaki erhielt aufgrund der Plutoniumbelastung den Status einer „non-residential area“, einer unbewohnbaren Zone. 

Folgeschäden

Plutonium und das verwandte Element Amerikum gelten als Auslöser von Lungen-, Leber- oder Knochenkrebs. Ebenfalls karzinogen wirken die Isotope Uran-235 sowie Uran-238. Das Schwermetall Uran ist ebenso toxisch wie das Beryllium. Abfallprodukte beider Elemente wurde vom Militär in Betonsärgen und Senken verscharrt. Damit kontaminierte Lebewesen können schwere Atemschäden und Geschwüre davontragen. Wachsende Proteste von strahlenverseuchten Soldaten und Aborigines führten schließlich dazu,   

daß das australische Parlament 1984 die ARL mit der Untersuchung der Folgeschäden beauftragt hatte. Unter Druck geraten, gab auch Großbritannien geheime Dokumente frei. Damit ließ sich das Fiasko nicht mehr verbergen. Zaghaft aber doch stand im Kommissionsbericht zu lesen: „...die Tests führten wahrscheinlich zu einem Anstieg der Krebsrate bei der gesamten australischen Bevölkerung, besonders aber bei den Aborigines, die in der Nähe des Testgeländes gelebt haben, und bei Tausenden an den Tests beteiligten Soldaten und Zivilisten.“ („Der Standard“, 26.01.1995). Die Briten hatten den plutoniumverseuchten Boden lediglich umgegraben und oberflächlich mit nichtbelastetem Erdreich kaschiert. Außerdem wurde klar, daß nur 10% der zum Einsatz gekommenen 22 kg Plutonium endgelagert worden waren. Zieht man in Betracht, daß radioaktiver fallout sogar auf die Städte Adelaide und Melbourne niederging, wird das Ausmaß der Langzeitfolgen noch umso drastischer.

Aborigines als Hauptgeschädigte

Hauptleidtragende sind erneut die Aborigines. Die komplette Section 400, also das ca. 3.000 km2 große Testgelände von Maralinga wird von Stammesland der Natives umgeben. Das Betreten dieser Zonen ist ohne Einwilligung der Aborigines strengstens untersagt; es gilt als Entweihung heiliger Stätten. Freilich machte der radioaktive fallout vor diesen Grenzen keinen Halt. Es gilt als erwiesen, daß viele Ureinwohner aus dieser Gegend übermäßig anfällig für Lungenleiden sind. Der ARL-Report von 1987 belegte zudem, daß Millionen von verseuchten Metallpartikeln rund um das Testgelände zu finden sind. Selbst in einem 130 km entfernten Lager der Aborigines fanden die Wissenschafter Spuren von Plutonium. Entschädigungsprozesse sind derzeit vor den Gerichten anhängig.

 

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