Kolumbien: Grünes Wunder statt schwarzes Gold

 

Fast mutet es an, als wäre man im altbekannten kleinen Dorf der unbeugsamen Gallier – irgendwo an der bretonischen Küste, wo Asterix und Co. gegen Roms scheinbar unbezwingbare Legionen kämpfen. Nur daß es sich diesmal um eine Ansammlung von Dschungelhütten der U’wa im tiefsten Kolumbien handelt; daß die Römer US-Amerikaner sind; und daß ihre übermächtigen Legionen durch multinationale Ölkonzerne ersetzt wurden. Die Akteure wechselten, der Rahmen blieb der gleiche: Natur gegen Zivilisation, Stammesminorität gegen Weltmacht. Ja – und statt Miraculix‘ Zaubertrank gibt es jede Menge Tropenkräuter und Gebete – letztere sollen nach Vorstellung der U’wa nämlich den Sieg gegen die Pipelines bringen.

Und sieh da. ein kleines Mirakel hat sich ja bereits ereignet: Geologen wähnten in den Ausläufern des Gletschers Sierra Nevada del Cocuy, im Nordosten Kolumbiens, eines der größten Ölfelder ganz Lateinamerikas. Probebohrungen sollten Gewißheit bringen. Die Aussicht auf Petrodollars ließ die Bohrer Tag und Nacht fräsen. Amerikanische Unternehmer wie kolumbianische Behörden waren gleichermaßen erfreut. Wäre da nicht eine Schar von Indianern, welche die industrielle Eingeweideschau bei Mutter Erde gar nicht erbaute. Unweit der Bohrtürme waren sie „inständig am Beten und Fasten“, wie „Der Spiegel“ schreibt. „Wochenlang erklangen ihre Gesänge: Gott Sira möge das Öl in der Unterwelt verstecken und vor dem weißen Mann, auf daß dieser in seiner Gier das Erdreich nicht ausblute.“

Bis auf 3.600 Meter Tiefe drangen die Bohrköpfe vor, doch alles, worauf sie stießen war Wasser und etwas Gas – vom Erdöl fehlte jede Spur. Im Mai 2002 räumte der Occidental Petroleum Corporation, US-Multi mit Sitz in Los Angeles – kurz Oxy genannt – entmutigt das Feld. Den eigenen Aktionären wurden dafür „technische und wirtschaftliche Gründe“ mitgeteilt. Das Unterfangen hatte bereits 100 Millionen Dollars verschlungen, doch trotz guter seismischer Prognosen blieb das schwarze Gold aus. Um nicht noch mehr Kapital zu verlieren, zog sich Oxy aus dem Gebiet zurück, die teure Bohrkonzession fiel wieder an den Staat Kolumbien. Des einen Verlust, des anderen Gewinn. Für die U’wa steht fest, hier war höhere Macht im Spiel. Denn im komplizierten Weltbild des kleinen indigenen Volkes stellt das Erdöl das „Blut der Erde“ dar, welches in der Tiefe ruht und die Erde im Gleichgewicht hält. Würde es emporgepumpt, fürchten die U’wa Erdbeben und das Vergehen der Sonne (Eine mystisch-kosmologische Vorstellung, die sie im übrigen mit den Lakota Nordamerikas teilen). „Der König des Geldes“ – wie sie den Kapitalismus in ihre Worte fassen – „hält uns für verrückt“. „Und das wollen wir auch bleiben, wenn wir dadurch nur weiter auf unserer lieben Mutter Erde leben können.“

Wie ernst sie die Natur nehmen, verspürte die Zentralregierung in Bogotá schon 1992: Nach Vergabe einer 28 Jahre andauernden Lizenz zur Erdöl-Exploration an die Oxy-Tochtergesellschaft Occidental de Colombia, drohten die U’wa mit kollektiven Selbstmord. Bereits vor mehr als 400 Jahren sollen den Erzählungen ihrer Stammesältesten nach viele von ihnen auf der Flucht vor den spanischen Konquistadoren von Felsklippen gesprungen sein. Das Gesetz eines Gottes erlaubt es ihnen, Suizid zu begehen, „wenn ihre Nation in großer Gefahr sei“. Freitod betrachten sie allemal besser als das „Ende der Welt“ sehen zu müssen. Und Ende der Welt bedeutet in ihrem Fall Zerstörung ihres Lebensraumes. Voller Selbstbewußtsein glauben die U’wa durch ihren Gesang und ihr pures Dasein die Erde in Gang zu halten. Nachbarstämme nennen die Dschungelphilosophen deswegen auch „die denkenden Leute“.

Heute zählen die U’wa nicht mehr als 5.000 Köpfe. Viele von ihnen waren in der Vergangenheit an den Seuchen der Weißen, gegen die ihr Immunsystem streikte, gestorben. Und auch das Land der Väter und Mütter schmolz rasant dahin. Dort, wo Oxy Probebohrungen durchführte, streiften einst die Ahnen, teilten sich den Lebensraum mit Jaguar und Anaconda. Weshalb die U’wa das Argument der Amerikaner auch ziemlich unberührt ließ, daß ein Großteil des 200.000 Hektar großen Samoré-Blockes – wie das Gebiet im Erdöljargon heißt – ohnehin außerhalb des U’wa-Reservates gelegen wäre. Es handelte sich um traditionelles Stammesland und zudem um den „Mittelpunkt der Welt“, der in Einklang mit der Natur gehalten werden müsse. Wie berechtigt die Sorge der Indigenen um das Ökosystem ist, zeigt das Beispiel am nahegelegenen Caño-Limón-Feld, dessen Pipeline alleine im Jahr 2001 sage und schreibe 170mal Ziel eines Anschlages war, wobei jedesmal Öl in das Erdreich sickerte und es so vergiftete. Schließlich zielt das Öl nicht nur Konzerne, sondern auch Rebellen, Banditen oder paramilitärische Todesschwadronen an, die sich gegenseitig im Schädigen des anderen übertreffen wollen. Dem kalifornischen Öko-Aktivisten Tony Freitas  kostete sein Einsatz für die Sache der U’wa 1996 sogar das Leben – ermordet von Guerilleros.

Ob das „Wunder“ anhält und das schwarze Gold unterm grünen Blätterdach des Dschungels weiterhin unauffindbar bleibt, wird schon die nahe Zukunft zeigen. Denn nach dem Rückzug der Amerikaner hat die staatliche kolumbianische Ölfirma Ecopetrol angekündigt, im voruntersuchten Feld selbst nach Erdöl bohren zu wollen. Dazu U‘wa-Oberhaupt Roberto Cobaría: „Wir ziehen es vor in Würde zu sterben und unsere Seelen dem ewigen Vater zu übergeben, als durch die Hände derer zu sterben, die uns ausbeuten.“  Hoffen wir auf ein gutes Ende – wie nach jedem Abenteuer im kleinen Dorf der unbesiegbaren Gallier –, die auch nur eines fürchten:  daß die Sonne vergehen und der Himmel ihnen auf den Kopf fallen würde.

© A. Willer/CANIS 

Quellen:

1)       Der Spiegel“ 21/2002; Seite 210

2)       www.starhawk.com/uwa/

3)       www.gfbv.de/voelker/oel/210/uwa.htm

4)       www.uni-koeln.de/phil-fak/fs-rwl/portunol/12/kolumbien.htm

5)       www.amazonwatch.org/megaprojects/bernsteinfactsheet.html

6)       www.american.edu/TED/colspill.htm

7)       www.varsity.utoronto.ca/archives/118/nov03/feature/uwa.html

 

 

 

 

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