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Kolumbien: Grünes Wunder statt schwarzes Gold Fast mutet es an, als wäre man im altbekannten kleinen Dorf der unbeugsamen Gallier irgendwo an der bretonischen Küste, wo Asterix und Co. gegen Roms scheinbar unbezwingbare Legionen kämpfen. Nur daß es sich diesmal um eine Ansammlung von Dschungelhütten der Uwa im tiefsten Kolumbien handelt; daß die Römer US-Amerikaner sind; und daß ihre übermächtigen Legionen durch multinationale Ölkonzerne ersetzt wurden. Die Akteure wechselten, der Rahmen blieb der gleiche: Natur gegen Zivilisation, Stammesminorität gegen Weltmacht. Ja und statt Miraculix Zaubertrank gibt es jede Menge Tropenkräuter und Gebete letztere sollen nach Vorstellung der Uwa nämlich den Sieg gegen die Pipelines bringen.
Bis
auf 3.600 Meter Tiefe drangen die Bohrköpfe vor, doch alles, worauf sie
stießen war Wasser und etwas Gas vom Erdöl fehlte jede Spur. Im
Mai 2002 räumte der Occidental Petroleum Corporation, US-Multi
mit Sitz in Los Angeles kurz Oxy genannt entmutigt das Feld. Den
eigenen Aktionären wurden dafür technische
und wirtschaftliche Gründe mitgeteilt. Das Unterfangen hatte
bereits 100 Millionen Dollars verschlungen, doch trotz guter seismischer
Prognosen blieb das schwarze Gold aus. Um nicht noch mehr Kapital zu
verlieren, zog sich Oxy aus dem Gebiet zurück, die teure Bohrkonzession
fiel wieder an den Staat Kolumbien. Des einen Verlust, des anderen
Gewinn. Für die Uwa steht fest, hier war höhere Macht im Spiel.
Denn im komplizierten Weltbild des kleinen indigenen Volkes stellt das
Erdöl das Blut der Erde
dar, welches in der Tiefe ruht und die Erde im Gleichgewicht hält. Würde
es emporgepumpt, fürchten die Uwa Erdbeben und das Vergehen der
Sonne (Eine mystisch-kosmologische Vorstellung, die sie im übrigen mit
den Lakota Nordamerikas teilen). Der
König des Geldes wie sie den Kapitalismus in ihre Worte
fassen hält uns für verrückt.
Und das wollen wir auch
bleiben, wenn wir dadurch nur weiter auf unserer lieben Mutter Erde
leben können. Wie ernst sie die Natur nehmen, verspürte die Zentralregierung in Bogotá schon 1992: Nach Vergabe einer 28 Jahre andauernden Lizenz zur Erdöl-Exploration an die Oxy-Tochtergesellschaft Occidental de Colombia, drohten die Uwa mit kollektiven Selbstmord. Bereits vor mehr als 400 Jahren sollen den Erzählungen ihrer Stammesältesten nach viele von ihnen auf der Flucht vor den spanischen Konquistadoren von Felsklippen gesprungen sein. Das Gesetz eines Gottes erlaubt es ihnen, Suizid zu begehen, wenn ihre Nation in großer Gefahr sei. Freitod betrachten sie allemal besser als das Ende der Welt sehen zu müssen. Und Ende der Welt bedeutet in ihrem Fall Zerstörung ihres Lebensraumes. Voller Selbstbewußtsein glauben die Uwa durch ihren Gesang und ihr pures Dasein die Erde in Gang zu halten. Nachbarstämme nennen die Dschungelphilosophen deswegen auch die denkenden Leute.
Heute
zählen die Uwa nicht mehr als 5.000 Köpfe. Viele von ihnen waren in
der Vergangenheit an den Seuchen der Weißen, gegen die ihr Immunsystem
streikte, gestorben. Und auch das Land der Väter und Mütter schmolz
rasant dahin. Dort, wo Oxy Probebohrungen durchführte, streiften einst
die Ahnen, teilten sich den Lebensraum mit Jaguar und Anaconda. Weshalb
die Uwa das Argument der Amerikaner auch ziemlich unberührt ließ,
daß ein Großteil des 200.000 Hektar großen Samoré-Blockes wie
das Gebiet im Erdöljargon heißt ohnehin außerhalb des
Uwa-Reservates gelegen wäre. Es handelte sich um traditionelles
Stammesland und zudem um den Mittelpunkt der Welt, der in Einklang
mit der Natur gehalten werden müsse. Wie berechtigt die Sorge der
Indigenen um das Ökosystem ist, zeigt das Beispiel am nahegelegenen Caño-Limón-Feld,
dessen Pipeline alleine im Jahr 2001 sage und schreibe 170mal Ziel eines
Anschlages war, wobei jedesmal Öl in das Erdreich sickerte und es so
vergiftete. Schließlich zielt das Öl nicht nur Konzerne, sondern auch
Rebellen, Banditen oder paramilitärische Todesschwadronen an, die sich
gegenseitig im Schädigen des anderen übertreffen wollen. Dem
kalifornischen Öko-Aktivisten Tony Freitas
kostete sein Einsatz für die Sache der Uwa 1996 sogar das
Leben ermordet von Guerilleros. Ob
das Wunder anhält und das schwarze Gold unterm grünen Blätterdach
des Dschungels weiterhin unauffindbar bleibt, wird schon die nahe
Zukunft zeigen. Denn nach dem Rückzug der Amerikaner hat die staatliche
kolumbianische Ölfirma Ecopetrol angekündigt, im voruntersuchten Feld
selbst nach Erdöl bohren zu wollen. Dazu Uwa-Oberhaupt Roberto Cobaría:
Wir ziehen es vor in Würde zu
sterben und unsere Seelen dem ewigen Vater zu übergeben, als durch die
Hände derer zu sterben, die uns ausbeuten.
Hoffen wir auf ein gutes Ende wie nach jedem Abenteuer im
kleinen Dorf der unbesiegbaren Gallier , die auch nur eines fürchten: daß die Sonne vergehen und der Himmel ihnen auf den Kopf
fallen würde. © A. Willer/CANIS
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