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Egoli
Stadt des Goldes , wie Südafrikas Metropole Johannesburg aufgrund
der naheliegenden Gold- und Diamantenminen auch genannt wird, liefert
selbst das beste Beispiel für die ungerechte Verteilung des (weltweiten)
Reichtums. Während im Nobelviertel Sandton wo die 53 Millionen teure1
UN-Konferenz über Nachhaltige Entwicklung im brandneuen
Tagungszentrum abgehalten
wird die Einkaufspassagen in Chrom und Glas glitzern, ist praktisch
nur einen Steinwurf entfernt die Armen-Township von Alexandra gelegen, ein
Slum mit einer Million Einwohner und extrem hoher Kriminalität.
Johannesburg als Mikrokosmos und Parabel der globalen Schere zwischen arm
und reich. Der
Nord-Süd-Konflikt An
die 50.000 Delegierte, Journalisten und Zaungäste werden bereits vor
Beginn des Gipfels am 26. August 2002 erwartet. Einer wird freilich nicht
dabei sein, US-Präsident George W. Bush. Der Freund und Förderer der Ölindustrie
läßt sich auf seiner Ranch in Crawford, Texas, von Fragen der
Nachhaltigkeit nicht nachhaltig den Urlaub stören. Außenminister Colin
Powell wird die Interessen der USA wahrnehmen, die bereits im Vorfeld
bekundeten, weder das Kyoto-Protokoll über die Reduktion von
Treibhausgas-Emissionen unterzeichnen, noch andere konkrete Umweltziele
schriftlich fixieren zu wollen.
Klaus
Töpfer, Chef des UN-Umweltprogramms (UNEP) macht hingegen moralischen
Druck: Wir haben die Pflicht und Schuldigkeit, die Konferenz in
Johannesburg nicht scheitern zu lassen, mahnt er2. Rio
war der Gipfel der Deklaration, Johannesburg muß der Gipfel der Aktion
werden3, fordert er mit deutschem Pflichtbewusstsein,
das aber nicht nur bei den Amerikanern , sondern auch bei vielen
Entwicklungsländern auf taube Ohren stößt. Rio 1992 stand ganz im
Zeichen des Endes des Kalten Krieges, eine Aufbruchsstimmung auch in
der Umwelt- und Entwicklungspolitik war zu verspüren. Von diesem
Geist ist mehr wenig übrig. Durch die egoistische Haltung einiger
Industriestaaten wie der USA, Kanada, Australien, Neuseeland oder Japan,
die ihre Märkte durch Zölle und Subventionen von der sogenannten
3.Welt abschotten, machte sich in dieser Unmut breit. Die G 77, die
Gruppe der Entwicklungsländer, weigert sich im Gegenzug zu den
Handelsbeschränkungen, Umweltauflagen verbindlich festzulegen. Die Ölstaaten
oder die Volksrepublik China setzen auf Industrialisierung und
Gleichziehen mit dem Westen; dabei wird der Umweltschutz nur als lästiger
Hemmschuh empfunden. Der aus Uruguay stammende Schriftsteller Eduardo
Galeano: Mit wachsender Begeisterung kopiert und vervielfacht der Süden
die schlechtesten Gewohnheiten des Nordens: die US-amerikanische
Autoreligion und die ganze
Mythologie des freien Marktes und der Konsumgesellschaft. Mit offenen
Armen werden gerade jene Industriebetriebe empfangen, die die Umwelt am
meisten versauen im Tausch gegen Hungerlöhne.4
Weltbankstudien zeigen, daß in Thailand etwa die Verdoppelung des
Bruttosozialprodukts in den 1980ern mit der Verzehnfachung der
Schadstoffbelastung einherging. Die
UNEP schließt in ihrem jüngst veröffentlichten Bericht Geo 2002
an Galeanos düstere Feststellungen an: Armut und exzessiver Konsum,
die Zwillingsübel der Menschheit, setzen die Umwelt weiterhin enorm unter
Druck. (...) Nachhaltige Entwicklung bleibt für die meisten der über
sechs Milliarden Erdenbewohner hauptsächlich theoretisch.6
Die UNEP resümiert: Die Umweltsituation hat sich konstant
verschlechtert besonders in weiten Teilen der Dritten Welt.7
Der Generalsekretär des Johannesburger Gipfels, Nitin Desai, warnte, wenn
die Menschen ihre unüberlegten Entwicklungsmodelle nicht ändern,
setzen wir die langfristige Sicherheit der Erde und ihrer Bewohner
aufs Spiel.8 Für den EU-Handelskommissar Pascal Lamy
ist daher klar, daß es ohne Integration der Entwicklungsländer in die
Weltwirtschaft keine Nachhaltigkeit geben könne.9 Mangelware
Wasser Ein
wichtiger Rohstoff der Zukunft wenn nicht der wichtigste überhaupt
wird das Wasser sein. Bis 2030 werde sich nach einigen Prognosen der
weltweite Wasserverbrauch aufgrund von Bevölkerungszunahme oder Dürren
verdoppeln.10 Schon heute haben 1,1 Milliarden Menschen kein
sauberes Trinkwasser.11 1,7 Milliarden der gegenwärtig 6,2
Milliarden Erdenbürger leiden an Wasserknappheit. In wenigen Jahrzehnten
könnten bei einer geschätzten Weltbevölkerung von 8 Milliarden sage und
schreibe 5 Milliarden mehr oder minder Durst leiden. Diese Befürchtungen
sind keine Unkenrufe von Umweltschützern oder Apokalyptikern, sondern
seriöse Annahmen des Internationalen Expertengremiums für Klimawandel (IPCC):
Trinkwasserknappheit stellt die größte Bedrohung dar, der die
menschliche Spezies je ausgesetzt war, heißt es in einem jüngst
der UN-Menschenrechtskommission vorgelegten Bericht.12 Schon
jetzt gibt es dramatische Szenarien, so etwa in Mexiko, wo die Bevölkerung
jährlich um zwei Millionen wächst, während etwa der Grundwasserspiegel
in der als Kornkammer bekannten Provinz Guanajuato im selben Zeitraum um
bis zu 3,3 Meter fällt. Noch weiter sank im Jahr 2001 der Wasserspiegel
in der fruchtbaren Chenaran-Ebene im Nordosten des Irans. Sanaa,
architektonisches Juwel und Hauptstadt des Jemens, hat wegen akut
wachsender Wasserknappheit in den nächsten Jahren mit einem wahren Exodus
von Wasserflüchtlingen zu rechnen.13 Wasser ist auch
disproportional verteilt. China etwa beherbergt 22 % der Weltbevölkerung,
ist aber nur mit 7 % aller Regengüsse gesegnet; während auf Amazonien,
wo nur 3 % aller Menschen leben, 15 % der globalen Niederschlagsmenge
kommt. Wasser könnte demnach so rar und begehrt werden, daß es zum Anlaß
bewaffneter Auseinandersetzungen wird. Wie der US-Geowissenschafter Aaron
T. Wolf recherchierte, gab es in der Menschheitsgeschichte bereits
mindestens siebenmal Krieg ums H2O; zum ersten Mal dokumentiert
vor 4.500 Jahren als die Stadtstaaten Lagash und Umma um die
lebenswichtigen Wasser des Tigris stritten.14 Und auch heute
liegt im Zweistromland ein hohes Konfliktpotential rund ums kühle Naß.
So zum Beispiel speichert die Türkei im Oberlauf des Euphrat das Wasser
in riesigen Staudämmen, während es weiter südwärts, in Syrien und im
Irak, immer weniger wird. Nicht
nur Wassermangel, auch Wasserverschmutzung ist ein weltweites Problem.
Global werden nur zehn Prozent aller Abwässer auf die eine oder andere
Art gefiltert aus Kostengründen. Der Rio Bogotá in Kolumbien wurde
so zu einer Giftkloake ohne tierisches Leben. Die gezielte
Industrialisierung des Goldenen Korridors nördlich des indischen
Bombay führten zu kontaminiertem rotem Grundwasser. Die Giftbrühen
chinesischer Fabriken haben bereits die Hälfte der Flüsse des riesigen
Landes verseucht.15 Hinzu kommt, daß die extrem tierquälerische
Intensivhaltung von Rindern, Schweinen, Geflügel u.a. das Grundwasser
durch Gülle stark belastet. Eine weitere Zahl, die den Widersinn der
Fleischproduktion kenntlich macht: Man braucht 1.000 Liter Wasser, um ein
Kilogramm Weizen zu erzeugen, aber gar 16.000 Liter für ein Kilo
Rindfleisch.16 Das hieße, eine rein pflanzliche Ernährung wäre
16 Mal nachhaltiger als eine solche auf Kosten des Tiermordes. Eintritt
in die Heißzeit Während
es in vielen Weltgegenden Wassermangel gibt, wird es in anderen verstärkt
zu Überschwemmungen kommen. Die Jahrhundertflut in Mitteleuropa der
vergangenen Tage könnte bereits ein Vorbote gewesen sein. Der Grund dafür
ist in der Erwärmung der Erdatmosphäre zu finden. Fabriken, Kraftwerke,
Autos oder Abertausende Holzöfen in der Dritten Welt setzen Kohlenstoff
frei, der sich als CO2 in der Luftschicht anreichert und der
der von der Erdoberfläche emittierten Infrarotstrahlung den Weg ins All
versperrt. Ein Treibhauseffekt ist die Folge, der Planet wird aufgeheizt,
da er nicht abstrahlen kann. Laut IPCC ist bis 2100 mit einer
Temperaturzunahme von 1,4 bis 5,8 Grad Celsius zu rechnen17
eine Heißzeit steht demnach bevor. Je wärmer die Luft wird, desto mehr
Wasser speichert sie, was dann in sintflutartigen Güssen abregnet:
Hochwasserkatastrophen erleichtert durch Abholzung der Waldflächen,
Bodenerosion und Verbauung der Entlastungsgerinne
treten ein. Daß die Temperatur steigt, darüber herrscht immer
weniger Zweifel, schließlich kamen die zehn wärmsten Jahre seit
Menschengedenken alle nach 1989.18 Eingebettet in den von
Menschenhand verursachten Klimawandel liegen Dürre, fortschreitende Wüstenbildung,
Artensterben und Leerfischung der Meere. Dazu gesellt sich eine wachsende
Mülllawine. Global
contract
oder Kapitalismus pur? Trotz
der deutlichen Schrift an der Wand steigt die Emission von Treibhausgasen
als wäre nichts geschehen. Präsident Bush kündigte unbekümmert an, daß
der Ausstoß in den nächsten 18 Jahren sogar noch um 43 % zunehmen
werden; bei alleine 200 Millionen Kraftfahrzeugen in den USA wenig Wunder.
Tatsächlich stammt Dreiviertel der globalen Umweltverseuchung von nur
einem Viertel der Weltbevölkerung. Galeano nimmt sich ob dieser Ignoranz
kein Blatt vor den Mund: Die USA praktizieren mit ihrer
Energiepolitik Terrorismus gegen die Umwelt, der keine Gewissensbisse
kennt. Legitimiert wird diese egozentrisch-kurzsichtige Haltung
durch Androhung von Gewalt: Die Kräfte, die den Planeten
beherrschen, argumentieren mit Bomben. Diese verleihen Macht, und diese
schafft Freiheit, Luft in Dreck zu verwandeln und der Menschheit ihr Heim
zu rauben. Diese Macht walzt einfach alles nieder, was sich ihr in den Weg
stellt. Sie ist taub gegenüber Warnungen und zerstört, was sie berührt.
Kapitalismus als Grundübel? Galeano weiter: Die Schönheit ist schön,
wenn man sie verkaufen und die Gerechtigkeit, wenn man sie kaufen kann.
(...) Wenn sich dieser Planet nicht mehr rentiert, ziehe man eben auf
einen anderen.19. Selbst das honorige
Wissenschaftsmagazin Science berichtete jüngst, daß die
Orgie der Ausrottung, von der auch die Hälfte aller Primaten der nächsten
Verwandten des Homo sapiens betroffen sind, von einem schrecklich
verkürzten Wirtschaftsverständnis zeugt. Denn die Zerstörung der
Wildnis kostet weit mehr als ihre Umwandlung in Äcker, Plantagen oder
Siedlungen einbringt.20 Harvard-Professor John Ruggie, nach
Eigendefinition Realist, findet klare Worte: Kapitalismus
basiert nun mal auf Eigeninteresse und Habgier. Er funktioniert aber nur,
wenn diese Motive kontrolliert werden. (...) Jetzt müssen wir
lernen, wie wir den globalen Kapitalismus zähmen können. Dafür fehlt
uns der Rahmen. Deshalb setzt Ruggie in seinem den Vereinten
Nationen präsentierten global contract auf Zusammenarbeit
mit Großkonzernen. Diese könnten schließlich schneller reagieren
als die nationalen Bürokratien. Er baut darauf, daß Multis wie
Shell oder BP, die sich umweltschonender verhalten als zum Beispiel ihr
Konkurrent Exxon, auf längere Sicht den Vorteil des Gruppendruckes nach
einer Allgemeinverbindlichkeit haben. Als Exempel führt
Ruggie die Sportartikelfirma Nike an, die von einem kalifornischen Aktionär
geklagt worden war, der dem Konzern vorwarf, in der Dritten Welt zu wenige
Standards zu beachten. Nike verlor das Verfahren für den
Harvard-Theoretiker ein Beweis, daß er mit seinem Glauben an die
Selbstregulation richtig liege. Vom Gipfel in Johannesburg erwartet Ruggie
sich hingegen wenig: Johannesburg kann man weitgehend vergessen.
(Alle Zitate 21) Aldo
Leopold: Thinking like a mountain Der
Gipfel für Nachhaltige Entwicklung läuft also Gefahr zu einer
diplomatischen Masseninszenierung zu werden, Sunita Narain, Direktorin des Wissenschafts- und Umweltzentrums in New Delhi sowie Herausgeberin der Zeitschrift Down to Earth, bringt es auf den Punkt: Was Johannesburg am dringendsten braucht, ist ein Traum. Und tatkräftige Akteure, die an diesen Traum glauben.22 Wie könnte so ein Traum aussehen? Einer, der ihn schon vor einem Jahrhundert zu träumen begann, war der amerikanische Ökologe und Ethiker Aldo Leopold (Bild), der zum Vorbild vieler Umweltschützer geworden ist. Beeinflusst wurde Leopold einerseits von den Naturphilosophen Ralph Waldo Emerson (1803-1882) bzw. Henry David Thoreau (1817-1862), welche in Anlehnung an die deutsche und englische Romantik die Wildnis zum Inbegriff von Freiheit und Schönheit machten. (Thoreaus Credo war: Das Wilde sichert die Erhaltung der Welt.),; andererseits vom russischen Schriftsteller Pjotr D. Uspenskij (1878-1947), der die These vertrat, die Erde sei ein selbstregulierendes Ganzes, ein koordinierter Organismus, ein Lebewesen eine Idee, die in Lovelocks Gaia-Theorie ebenso einfloß wie in den Holismus der Moderne. Aldo Leopold forderte einen wise use, einen weisen Umgang, eine vernünftige Verwendung der natürlichen Ressourcen. Er kritisierte, daß man den Boden als bloße food factory (Nahrungsmittelfabrik) ansehe. 1933,
als Dozent an der Uni in Wisconsin schreibt er: Das eigentliche Ziel
ist eine universale Symbiose mit dem Land, ökonomisch und ästhetisch, öffentlich
und privat. Die Nazis, die in ihm einen Sympathisanten ihrer
verqueren Naturverkitschung wähnten, luden ihn nach Tharandt, in die
Forstfakultät der Universität Dresden, ein. Doch Leopold ließ scharfe
Kritik anklingen: Die regulierten Flüsse stecken in Zwangsjacken,
erinnern an tote Schlangen, die geschlagenen Bäume wären
wie kubistische Werke zu Holz gestapelt und mit der Ausrottung der
Beutegreifer sei eine unheimliche Stille eingekehrt. Der Wunsch Görings,
gleichzeitig viel Wald und jagdbares Wild zu haben, war seiner Meinung
nach schädlich, denn er ginge nur durch Unterdrückung des
Eigenlebens der Natur durch Menschenhand. Wieder zu Hause in
Amerika formulierte Leopold eine eigene Vision, wie man einem systematisch
ausgebeutetem Land wieder sein harmonisches festes Gefüge
geben könne: Durch möglichst vollständige Ansiedlung der potenziellen
natürlichen Fauna und Flora, von den Bakterien im Boden bis zu den
Wanderfalken in der Luft. Eine intakte Ökologie (dieses Wort benutzte er
seit 1920) als Schlüssel zum Überleben. Als Beispiel ökologischer
Unvernunft führte er die intensive Verfolgung der Wölfe in den
Vereinigten Staaten an. Farmer und Siedler betrachteten diese Tiere als
Schädlinge, die das Vieh und Wild fraßen
ohne dabei in Betracht zu ziehen, daß eine Überpopulation an
Beutetieren die Natur als Ganzes schädige. Leopold griff zur Metapher: Nur
der Berg habe lange genug existiert, um das Geheul der Wölfe objektiv
beurteilen zu können. Durch ihre Anwesenheit wird der Baumbestand vor dem
Verbiss des Wildes bewahrt, der Wald wiederum schützt den Berg vor
Erosion. Diesen natürlichen Kreislauf müsse auch der Mensch erkennen
Thinking like a mountain (Denken wie ein Berg) wäre das Ziel. Und
für diese Denkweise lieferte er Richtlinien (alle Zitate 23)
Mögen
die Worte Aldo Leopolds von vielen Entscheidungsträgern in Johannesburg
aufgegriffen werden. ©
A. Willer/CANIS Quellenangaben: 1,
2, 7, 9, 10: Die Presse,
24.8.02; 3 3,
6, 11: Der Standard, 23.8.02; 2 4,
19: Der Standard, 24./25.8.02; 35 5,
22: Der Standard, 24.8.02; A2 8,
12, 13, 17, 18: Die Zeit,
35 (22.8.02); 11 14,
15, 16, 20: ibid.; 12 21:
ibid.; 18 23:
ibid: Zeitläufe Linktipps: CANIS - KLIMA - Gipfel_Johannesburg www.canis.info/klima/jahrhundertflut1.htm www.canis.info/klima/jahrhundertflut2.htm www.canis.info/klima/elnino.htm
www.canis.info/klima/klimaeins.htm
www.canis.info/klima/klimazwei.htm
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