Gipfel von Johannesburg (I)

"Atlantis 2100?"

 

 

Resignation statt Aufbruchsstimmung

Zehn Jahre nach dem mittlerweile historischen „Erdgipfel von Rio“ ist es wieder soweit. Im Namen der UNO treffen sich Staat- und Regierungschefs, Wirtschaftsvertreter sowie Delegationen von NGOs gleichermaßen; diesmal vom 26. August bis 4. September in der südafrikanischen Metropole Johannesburg. Der "World Summit on Sustainable Development“ steht bevor. Waren in Rio de Janeiro die Hoffnungen noch groß, ist diesmal schon im Vorfeld Resignation angesagt. Kaum einer der fast 50.000 Teilnehmer erwartet sich wirklich einen Konsens, geschweige denn Durchbruch, in so gewichtigen Fragen wie Bekämpfung der weltweiten Armut, Stopp der Umweltzerstörung oder Erhaltung der Artenvielfalt. Die Interessen zwischen Nord und Süd klaffen einfach zu weit auseinander. Dabei geht es um nichts Geringeres als die Zukunft des Planeten Erde.

 

Kurze Chronik der „Umweltgipfel“

Alles nahm seinen Anfang im Stockholm des Jahres 1972, als bei der ersten Umweltkonferenz der Vereinten Nationen ein Aktionsplan zur Internationalen Kooperation gegen Umweltverschmutzung beschlossen wurde. „Stockholm“ führte zu so etwas wie einem länderübergreifenden Umweltgewissen – in Folge dessen Umweltministerien und –agenturen entstanden.

Der nächste Schritt hieß „Washington 1973“: Nur ein Jahr nach Stockholm war es gelungen, auf der Washingtoner Artenschutzkonferenz den Handel mit bedrohten wildlebenden Tier- und Pflanzenarten zu regeln. Zumindest hier war ein Minimalkonsens zuwege gebracht worden.

Es sollte bis 1987 dauern, als in Montreal ein weiterer Schritt in Richtung Umweltbewußtsein genommen wurde. 25 Staaten unterzeichneten ein Abkommen zum Schutz der Ozonschicht, wodurch in Folge FCKWs und andere die Ozonschicht schädigende Substanzen in den meisten Industriestaaten ihren Namen auf der Verbotsliste fanden.

Dann kam der Earth Summit von Rio 1992: 178 Staaten vereinbarten einen Aktionsplan für das 21. Jahrhundert – die Agenda 21 –, bei der als wesentliches Ziel zwei Punkte angepeilt wurden: Verbesserter Lebensstandard bei gleichzeitiger Bewahrung der Ökosysteme.

In der alten japanischen Kaiserstadt Kyoto kam 1997 ein Klimaschutzabkommen zustande. Im sogenannten „Kyoto-Protokoll“ verpflichteten sich die Industriestaaten ihre sechs schädlichsten Treibhausgase bis zum Zeitraum 2008-2012 im Durchschnitt um 5,2 % gegenüber 1992 zu verringern. Das Protokoll tritt aber erst in Kraft, wenn es von jenen Staaten umgesetzt wird, die zusammen 55 % aller Treibhausemissionen verursachen. Im Mai 2002 ratifizierte die EU das „Kyoto-Protokoll“, Japan zog im Juni nach, während Rußland und die USA – der  Hauptverursacher schädlicher Treibhausgase – erst gar nicht paraphierten.

Im kanadischen Montreal folgte im Jahre 2000 aufgrund der rapiden Fortschritte im Bereich Biotechnologie die Konferenz zur Biologischen Sicherheit. Das von 135 Ländern signierte Protokoll regelt den Handel mit gentechnisch veränderten Organismen (GVOs) – wie zum Beispiel Saatgut.

 

Das „Commodore-Perry-Syndrom“

UN-Generalsekretär Kofi Annan hat fünf Punkte in den Mittelpunkt des Gipfels von Johannesburg gestellt, der ja als ein Treffen zur „nachhaltigen Entwicklung“ ausgegeben wird.

-) Trinkwasserversorgung und Kanalisation für alle Menschen

-) umweltfreundliche Energieversorgung

-) globale Gesundheit

-) Artenvielfalt

-) landwirtschaftliche Entwicklung

Fraglich ist, ob diese Punkte nur Überschriften auf geduldigem Papier bleiben, oder aber in die Realpolitik Einfluß werden finden. Der Graben scheint schwer zu überbrücken: Die sogenannten 3.Weltstaaten wollen in erster Linie ökonomisch zum reichen „Norden“ aufschließen und fordern Entwicklungshilfe ein. Die Industrienationen hingegen wollen weiter billige Rohstoffe und Arbeitskräfte. Eine Pattstellung. Positiv zu bewerten ist der EU-Vorstoß nach Anwendung umweltfreundlicher Technologien – auch oder „vor allem auch“ in den Entwicklungsländern. Die Europäische Union wird es nicht leicht haben. Wie die Wochenzeitung „Die Zeit“ schreibt, leiden viele 3.Weltstaaten am „Commodore-Perry-Syndrom“.1 Matthew Perry (Bild 1) war ein US-amerikanischer Kommodore, der 1853 wie aus dem Nichts mit schwarzen dampfbetriebenen Kriegsschiffen (Bild 2) vor Japans Küste aufgetaucht war, um das asiatische Inselreich zur Öffnung seiner Häfen – und damit seines Marktes zu zwingen. Der Fall Perry war kein einzelner; egal ob Amerikaner, Briten, Franzosen oder Deutsche, immer wieder setzte der Westen auf Wirtschaftsimperialismus. Und die Angst vor dieser ökonomischen Bevormundung sitzt in den Köpfen vieler Politiker der Entwicklungsländer ganz tief verankert. Sie drängen immer mehr aus ihrer Rolle des Ausgebeuteten in die des Ausbeuters. All das, was der reiche Norden schon hat, will nun auch der arme Süden – und zwar möglichst schnell. Menschenrechte, Klima- oder gar Tierschutz steht da nur allzu oft im Wege. Die indische Ökofeministin und Trägerin des Alternativen Nobelpreises, Vandana Shiva, sieht daher für Johannesburg schwarz: Es wird keine Konferenz sein, die über Erfolge im Jahrzehnt nach Rio („Rio+10“) debattieren wird, sondern eine die hinter den Status von Stockholm 1972 („Stockholm-10“) zurückfallen wird.2

 

 

Atlantis 2100?

 

Für Mitteleuropäer, die gegenwärtig an den Schäden der Hochwasser leiden, mag es schwer vorstellbar sein, daß anderswo am Globus 1,1 Milliarden Menschen Durst leiden oder aber „zumindest“ ohne sauberes Trinkwasser auskommen müssen. Schätzungen des UNEP (Umweltprogramm der UNO) zufolge, ist jede vierte vermeidbare Krankheit auf verschmutztes Wasser oder verdreckte Luft zurückzuführen.3 Aber nicht nur der Mensch leidet am sorglosen Umgang mit dem Wasser, auch die Natur tut es. Die Desertifikation (Wüstenbildung) schreitet aufgrund der Abholzung riesiger Waldflächen, durch Umlenkung in gewaltige Staubecken oder durch erosionsfördernde Monokulturen unaufhaltsam voran.

Hinzu kommt erschwerend der Treibhauseffekt. Prof. Hans-Joachim Schnellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, erklärte in einem TV-Interview, das im kommenden Jahrhundert mit einer durchschnittlichen Erwärmung von 3 Grad Celsius zu rechnen wäre, das wäre um etwa sechs Grad mehr gegenüber der letzten Eiszeit und somit als „Heißzeit“ zu bezeichnen, da es wahrscheinlich die seit 20 Millionen Jahren wärmste Klimaperiode sein wird.4

Daß die Klimaerwärmung vom Menschen zu einem Großteil mitverursacht und nicht bloß ein natürlicher Zyklus ist, bestätigen immer mehr Naturwissenschafter. Dr. Mojib Latif vom Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie gegenüber dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“: „“Wir beobachten, daß die Anzahl extremer Wetterereignisse in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen hat. Ungewöhnlich starke Niederschläge kommen in Deutschland beispielsweise heute doppelt so häufig vor wie noch vor 100 Jahren. (...) So etwas sind schon gravierende Änderungen“. Und Latif zieht Resümee: „Auf Grund unserer Analysen gehen wir davon aus, daß die Schwankungen der Sonnenaktivität nur für ein Drittel der globalen Erwärmung verantwortlich sind. Der dominierende Faktor ist der Mensch.“5

Und immer noch steigen statt sinken die Emissionen von Kohlenmonoxid (CO) und Kohlendioxid (CO2) – und zwar um 9 % pro Jahr. Im Vergleich dazu schrumpfen die Urwaldflächen, die einen Teil des CO2 aufnehmen und damit „neutralisieren“ könnten drastisch. Im vergangenen Jahrzehnt verschwand eine Fläche, die so groß wie Deutschland, Frankreich und die Schweiz zusammengenommen ist. Im Maximalfall könnte durch die Erwärmung der Meeresspiegel bis 2100 weltweit um bis zu 88 Zentimeter steigen6, was Überflutungen an den Küsten vieler Kontinente bzw. das Verschwinden ganzer Inselstaaten zur Folge hätte. Doch all diese Warnungen verhallen wie im alten Mythos von Atlantis, das Platons Erzählung nach durch eigene Überheblichkeit in nur einer Nacht und einem Tag im Ozean versank – eine wahrhaft passende Parabel auf die Unvernunft der Politik.

 

Johannesburg 2002 – was nun, was tun?

 

Die Welt steht vor der Situation, daß die Gruppe der stärksten Wirtschaftsmächte (G7) inklusive der Russischen Föderation auf eine ökonomische Wachstumsideologie – eine verbrauchsintensive Güterproduktion – setzt, die sie mittels der „Globalisierung“, das heißt durch multinationale Großkonzerne, aufrechterhalten will. Die in der G77 organisierten Staaten der Dritten Welt, allen voran die Volksrepublik China, drängen in diesen Markt hinein. So kommt es immer öfter zur Verbreitung der absurden Vorstellung, der Wohlstand in Entwicklungsländern könne im Grunde nur durch multinationale Konzerne erreicht werden, die Kapital und Arbeitsplätze bieten. Die Degradierung vieler Menschen zu Billigstarbeiten (1,2 Milliarden Menschen müssen mit einem Tageseinkommen von einem US-Dollar auskommen7) oder die rücksichtslose Zerstörung der Natur wird dabei bagatellisiert. Auch daß 30 Prozent der Weltbevölkerung immer noch von natürlichen Erträgen lebt, also außerhalb der herkömmlichen Geldökonomie steht, wird ignoriert.8 Gleichschaltung und Uniformität sind das Ziel im Global Village. Vandana Shiva: „Die Zerstörung von Natur und die entfremdete Nutzung von Ressourcen sind die größten Ursachen von Armut.“ Für sie liegt die Grundvoraussetzung, die Armut in den Entwicklungsländern zu überwinden in der „Sicherung von Rechtsansprüchen auf Land, Wasser und Biovielfalt.“9

Frau Shiva sieht im „Kampf gegen die Armut“ nur eine „Ausrede“ der Industriestaaten, deren Interesse alleinig die „Aneignung der Ressourcen der Armen“ bleibt. Der Westen führe daher „keinen Kampf gegen die Armut, sondern gegen die Armen“. Als Beispiele führt sie an, daß die in Rio eingeführten Instrumente Konvention über Biologische Vielfalt (CBD) bzw. Klimarahmenkonvention (CCT) längst durch die Agenda der Welthandelsorganisation WTO rückgängig gemacht wurden. Oder aber, daß die verpflichtend beschlossene Revision des Abkommens über Geistiges Eigentum (TRIPs) von den USA blockiert wird; der Hintergrund: ein Verbot von Patenten auf Pflanzen und andere Lebewesen würde die Biopiraterie vieler US-Konzerne stören.10

Auch in den USA weiß man nicht erst seit den Unruhen beim WTO-Gipfel in Seattle (Ende 1999)11, daß sich Widerstand gegen die eigene Politik formiert; mittlerweile zeigt sich nicht nur Engagement auf der Straße, sondern auch in Hollywood. SchauspielerInnen wie Cameron Diaz, Toby Maguire oder Leonardo di Caprio fordern Präsident George W. Bush in einer Petition der Umweltinitiative Global Green auf, „verbindliche Richtlinien zur Verringerung der Treibhausgase und die Förderung erneuerbarer Energiequellen“ anzugehen. Im Klartext soll die Bush-Administration endlich das „Kyoto-Protokoll“ unterzeichnen;12 ein fast utopischer Wunsch, weiß man, daß Bush junior wie schon sein Vater zuvor engstens der Erdölindustrie verbunden ist.

Tatsächlich gibt Johannesburg wenig Grund zur Hoffnung. Laut Angaben des WWF Österreich ist knapp vor Beginn des „Weltgipfels für nachhaltige Entwicklung“ rund ein Drittel des Vertragstextes noch völlig umstritten, entsprechende Passagen im Entwurf stünden in zahllosen Klammerausdrücken; vor allem in den Bereichen Klima, Handel und Finanzen.13

Parallel zum Gipfel veranstalten nichtregierungsgebundene Organisationen (NGOs) einen „Gegengipfel“, der im bekannten Vorstadtghetto Soweto eröffnet werden wird. Auch zu diesem Event werden 40.000 Delegierte erwartet. Am Programm der Paralleltagung stehen Themen in einer Breite von Globalisierung, Frauen, Jugend, Erziehung bis Umwelt. Ein verzweifeltes Aufbäumen engagierter Idealisten oder doch ein Hoffnungsschimmer am düsteren Horizont der Globalisierung?14

Nach dem 4.September 2002 weiß die Welt mehr. CANIS wird die Ergebnisse des Johannesburg Summit zusammenfassen. Die Zeit zum Umdenken, für ein holistisches Weltbild, in dem das Ökosystem inklusive dem Menschen als Ganzes, als Einheit gesehen wird, wäre in Anbetracht von Klimakatastrophen, Artensterben, Tier-KZs und nicht zuletzt Ausbeutung weiter Kreise der Weltbevölkerung längst überfällig.

Vandana Shiva: „Diejenigen, die an den Hebeln der Macht sitzen, haben gezeigt, wie hervorragend sie sind, wenn es darum geht, die Erde zu vergewaltigen und Menschen, die ihnen im Weg stehen, durch Krieg und Hunger zu beseitigen. Werden wir als Gattung nun in der Lage sein, genug Weisheit und Mitgefühl aufzubringen, die Erde und ihre Bevölkerung zu schützen?“15

Text: A. Willer/CANIS

Quellenangaben:

1,8: “Die Zeit”, Nr. 34/2002 (15.8.); 23

2, 9, 10, 15: „Der Standard“, 5.8.02; 19

3, 6, 7, 12: „Kurier“, 17.8.02; 16

4: ZIB 2, ORF 2, 20.8.02

5: „Der Spiegel“, 34/2002 (19.8.)

11: „Der Standard“, 2.12.99; 2-3

13: „Der Standard“, 21.8.02; 17

14: „Wiener Zeitung“, 16./17.8.02; 23

Linktipps:

www.johannesburgsummit.org  

CANIS - KLIMA - Gipfel_Johannesburg2

www.canis.info/klima/jahrhundertflut1.htm

www.canis.info/klima/jahrhundertflut2.htm 

www.canis.info/klima/elnino.htm

www.canis.info/klima/klimaeins.htm

www.canis.info/klima/klimazwei.htm

 

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