Die "Jahrhundertflut" – Folge der Umweltzerstörung oder natürliche Kapriole?

 Teil II: Ursachenforschung und Prognosen für die Zukunft

 

„Die ich rief die Geister, werd’ ich nun nicht los“, formulierte schon der literarische Altmeister J. W. von Goethe in seinem „Zauberlehrling“. Umweltschützer werden ihm mit Bedacht auf die gegenwärtige klimatische Hexenküche dabei Recht geben. Was der Mensch durch Schändung der Natur angerichtet hat, bekommt er nun zurück, meinen viele von ihnen. Oder prosaischer formuliert: die Flutkatastrophe in Mitteleuropa ist zum einen Folge eines verfehlten Flussmanagements bzw. einer noch verfehlteren Klimapolitik. Etliche Wissenschafter teilen diese Meinung, andere wiederum gar nicht. Der umstrittene Däne Bjørn Lomborg sieht sogar eine Tendenz in Richtung „Alles wird besser“. CANIS gibt Einblick in Dispute und Prognosen.

 

 

Vorboten der Treibhauskatastrophe?

Claude Martin, Generalsekretär des WWF International: „Einerseits führt die Klimaveränderung zu einer Zunahme extremer Wetterereignisse. Andererseits spielt das Flussmanagement der letzten Jahrzehnte – mit massiven Verbauungen und einem Verlust an Überschwemmungsräumen – eine entscheidende Rolle bei den derzeitigen Katastrophen.“ Und auch Günther Lutschinger, Geschäftsführer des WWF Österreich sieht dies ähnlich: „Wir haben Kanäle aus unseren freien Flüssen gemacht. Bodenerosion und der Rückgang an Waldflächen tragen das Ihrige dazu bei, daß die Situation jedes Jahr schlimmer wird.“1 Die Umweltschutzorganisation Global 2000 insistiert, daß Klimaschutz nach der akuten Katastrophe kein „leeres Versprechen“ mehr bleiben darf. Österreich muß den Verpflichtungen des „Kyoto-Protokolls“2 nachkommen und die im Juli 2002 im Ministerrat beschlossenen Klimaschutzmaßnahmen „budgetieren“ und „rasch umsetzen“. Denn leider liegt das selbsternannte „Umweltmusterland“ Österreich bei der Erreichung der Kyoto-Ziele nur auf Platz 11 von 15 EU-Staaten. Tatsächlich steigen in der Alpenrepublik die Treibhausgasemissionen weiter an anstatt daß sie kontinuierlich zurückgeschraubt würden.3 Österreich ist dabei nur exemplarisch zu sehen. Geschieht auch in anderen Industriestaaten nichts in dieser Richtung, könnten die verheerenden Unwetter der Gegenwart nur leichte Vorboten einer globalen Treibhauskatastrophe der Zukunft sein.

 

 

Natürliche zyklische Variabilität?

Der Ökologe Georg Hauger findet die Position der durch die Umweltschützer  beeinflussten öffentlichen Meinung überzogen und kritisiert, daß die „kollektive Wahrnehmung“ dazu neigt, Wetterkapriolen „zu einem apokalyptischen Pandämonium zu stilisieren“. Mit anderen Worten glaubt er, daß hier Propheten des Untergangs am Werk wären, die diesen herbeiredeten. Hauger hält fest: „Unser derzeitiger Wissensstand reicht (...) bei weitem nicht aus, so komplexe Systeme wie das Klima hinreichend zu verstehen“. Er drängt auf eine noch viel genauere empirische Forschung, um einerseits festzustellen, inwieweit es sich bei den Wetteranomalien um eine natürliche Variabilität des Klimas handle, und um andererseits zu klären, wie weit sie „hausgemacht“ – durch Einwirkung des Menschen verursacht sind. Er hält es durchaus für möglich, daß es diese klimatischen Extrema im Laufe der Erdgeschichte immer gab, auch in der näherliegenden Vergangenheit. Doch durch Technologien wie Internet oder Mobiltelefon, vermutet er, rücken Naturkatastrophen, die sich in vergangenen Generationen außerhalb unseres geographischen Wahrnehmungshorizonts befanden, nun plötzlich in unser Blickfeld. Dadurch könnten wir zum Fehlschluß verleitet werden, Wetterextrema häuften sich. Hauger gibt weiters zu bedenken, daß Naturereignisse in der Regel erst durch die Anwesenheit des Menschen als „Katastrophen  empfunden werden. In unbewohnten Gebieten werden weder Muren noch Lawinen oder Überschwemmungen als solche angesehen. Für ihn logischer Schluß: Mit der Bevölkerungszunahme stieg auch der „Schadenstrend“; d.h., je mehr Menschen den Globus bevölkern, desto mehr von diesen nehmen auch Schaden an Naturereignissen. Allerdings warnt Hauger vor Bagatellisierung des Phänomens: „Seriöse Wissenschaft muß sich von Schnellschüssen enthalten, ohne aber Umweltsündern damit einen Freibrief auszustellen. Denn der Umkehrschluß, daß die Häufung der Naturkatastrophen NICHTS mit dem Klimawandel zu tun habe, ist ebenso unzulässig“.4

Hauger mag in einem Punkt sicher richtig liegen. Nicht für alle Lebewesen bedeuten zum Beispiel Überflutungen eine Katastrophe. „Für Auwälder sind diese lebenswichtig“, weiß Erika Hofer, Pressesprecherin des Nationalparks Donauauen.5 Hochwässer spülen Altarme von Flüssen durch, reinigen sie und erweitern Zuflüsse. Während Rehe, Füchse oder Hasen von Überflutungen ernsthaft bedroht sind, erweisen sich Hirsche oder Wildschweine in der Regel als gewandte Schwimmer. Und Störche freuen sich nach dem Rückgang der Wassermassen über den reich gedeckten Tisch an verendeten Kleintieren; ergo sind Katastrophen im Ökosystem relativ zu sehen.

 

 

Prognosen über die Klimazukunft

Das wahrscheinlich seriöseste Gremium in Sachen Klimaforschung ist der zwischenstaatliche Beirat IPCC (International Panel on Climatic Change), der durch ein kompliziertes Verfahren mit hochqualifizierten Wissenschaftern besetzt wird. Vor zwei Jahren gaben 500-IPCC-Experten einen 1.000-seitigen Bericht heraus, der von weiteren 300 Fachleuten begutachtet wurde. Der Report gelangte zu folgender Prognose:6

Die beobachtete Erwärmung der letzten 50 Jahre ist wahrscheinlich zum Großteil auf menschliche Aktivität zurückzuführen.
Die Erde erwärmt sich im nächsten jahrhundert im globalen Mittel um 1,4 bis 5,8 Grad.
Der Meeresspiegel steigt bis zum Jahr 2100 voraussichtlich um 9 bis 88 Zentimeter an.
Sommerliche Dürren, starke Niederschlagsschwankungen und Überschwemmungen werden in allen mittleren Breiten zunehmen.

Die Bandbreite der unterschiedlichen Wahrscheinlichkeiten beruht auf verschiedenen Szenarien künftiger Umweltverschmutzung. Bis zum Jahr 2007, wenn der nächste IPCC-Report vorliegen soll, wollen die Forscher ihre Modelle verbessert haben. Ein wichtiger Schritt dazu wird zur Zeit in Japan gemacht, wo unlängst der Earth Simulator in Betrieb genommen wurde; der leistungsfähigste Rechner der Welt – fünfmal so schnell wie der beste US-Computer.7

Im Auftrag der EU-Mission „Continent“ reiste der Geologe Michael Sturm samt international zusammengesetztem Team an den sibirischen Baikalsee, dem größten Süßwasserreservoir der Erde. Dieses in sich geschlossene Ökosystem mit 300 Zuflüssen, aber nur einem Abfluß ist eines der bemerkenswertesten Naturarchive der Erde.8 Etwa 25 Millionen Jahre alt sind die bis zu sieben Kilometer dicken Sedimentschichten am Grund des Sees. Dabei ist ein Zentimeter Sediment als Geschichtsbuch für bis zu 250 Jahre zu sehen. Die Forscher glauben, aus Kohlenstoffmolekülen oder den Pigmenten toter Algen gewichtige Rückschlüsse auf vergangene Klimate und ihren Wandel ziehen zu können. Die Zahl der Kieselalgen verändert sich etwa je nach Klima bzw. Verschmutzungsgrad des Wassers. Bis 2003 will die EU konkrete Erkenntnisse über den Klimawandel vorliegen haben – schließlich verschlingt das Forschungsprogramm € 2,5 Millionen.

Hans-Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), prognostiziert schon jetzt: „Es gibt nur drei Gebiete auf der Erde, wo der Niederschlag deutlich zunehmen wird: Nordamerika, Nordasien und die Sahara – dort werden in Zukunft über 20 Prozent mehr Niederschlag fallen“.10 Worte wie diese lassen Assoziationen an die „Schwimmer in der Wüste“ zu, vorzeitliche Höhlengravuren in der südägyptischen Wüste, die darauf deuten, daß die Sahara einst Wasserläufe besaß.

 

Die „Lomborg-Kontroverse“

Der Däne Bjørn Lomborg (37) ist studierter Politikwissenschafter und Statistiker. Gegenwärtig bekleidet er das Amt des Direktors am Institute for Environmental Assessment 11 und ist mit Abstand die umstrittenste Person in der Diskussion um den weltweiten Klimawandel. Im Herbst  2001 veröffentlichte er den mit beinahe 3.000 Fußnoten gespickten 600-Seiten-Wälzer „The Skeptical Environmentalist. Measuring the Real State of the World12 Schon im Titel des Werkes wird Lomborgs Faible für das Großspurige deutlich. Als Politologe nimmt er für sich in Anspruch, den „wirklichen (klimatischen) Zustand der Welt“ zu „bemessen“, ein Unterfangen, das ganz offensichtlich scheiterte. Bei genauerem Hinsehen erweist sich die seriös wirkende hohe Zahl an Fußnoten als Sammelsurium von Sekundär- und Zeitungsquellen bzw. von einseitigen weltanschaulichen Pamphleten. Was sind nun Lomborgs Kernthesen?

Lomborg lehnt nach eigenen Worten die „Litanei“ vieler Wissenschafter und Umweltschützer ab, wonach es der Umwelt schlecht ginge, die Ressourcen schwinden, die Bevölkerungsexplosion drohe, das Artensterben eingeleitet wäre usw. Dies „entspricht einfach nicht der Realität“.13
Geht es nach Lomborg, so habe sich das Leben der Menschen auf der Erde im Vergleich zur Vergangenheit in praktisch jedem ihm relevant scheinenden, messbaren Indikator verbessert, nicht verschlechtert.14 „Alles wird besser“, lautet seine Prognose.
Vom Club of Rome schon vor 30 Jahren vorhergesagte Katastrophenszenarien traten nicht ein, vielmehr verbessere sich die Umweltsituation durch eine immer verfeinertere Technik. Aus diesem Grunde lehnt er auch das „Kyoto-Protokoll“ ab. Seiner Analyse zufolge stehe der Nutzen dieses Abkommens in keiner Relation zu den Kosten seiner Umsetzung.
Bezeichnend ist auch seine Position, wonach der Wert des Waldes nicht etwa in seiner Biodiversität, sondern in der Gewinnung von Nutzholz besteht.15 „Markt“ und „natürlicher Reichtum“ müssen bei ihm anhand gehen.
Bevölkerungswachstum ist für ihn nicht klimaschädigend, sondern überaus positiv. Er steht damit in der Schule des neoliberalistischen Ökonomen Julian Simon, der meinte, es könne gar nicht genug Menschen geben – sie wären die wertvollste Ressource des Planeten überhaupt.16

Prof. Stephen Schneider, Biologe der Stanford University und prominentes Mitglied des IPCC, warnt ausdrücklich vor den pseudo-wissenschaftlichen und tendenziösen Positionen Lomborgs17, ebenso wie der Chefredakteur des „Scientific American“, John Rennie.18. Dem dänischen Politologen wird vorgeworfen, daß er geschickt „objektive“ und „subjektive“ Wahrscheinlichkeiten vermische bzw. stets von den minimalsten Klimaänderungswerten seine Theorien ableite, ohne andere Szenarien auch nur in Betracht zu ziehen. Bezeichnend für seine gute Beziehung zur Industrie ist auch sein Auftreten beim Europäischen Forum Alpbach, bei den Technologiegesprächen, am 23.August 2002, zu werten.

Im Internet ist die „Lomborg-Kontroverse“ unter folgenden Adressen zu verfolgen: www.lomborg.org (pro), www.anti-lomborg.com bzw. www.sciam.com (beide contra)

Einer, Lomborgs gefärbten Thesen absolut entgegensteht, ist der Klimaforscher Mojib Latif vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg: „Wer jetzt noch bestreitet, daß ein Klimawandel stattfindet, dem ist nicht zu helfen“, meint er in Anbetracht der akuten Unwetter in Mitteleuropa. Versicherungsgesellschaften sehen dies ähnlich, denn die aus Naturkatastrophen resultierenden Gesamtschäden haben sich seit den 1960er-Jahren verachtfacht. Und die Prognosen sehen düster aus. Selbst wenn das Kyoto-Ziel sofort realisiert würde, wären erste klimatische Verbesserungen frühestens in 20-30 Jahren spürbar. Um rascher Erfolge zu erzielen, müssten die Treibhausgas-Emissionen bis 2050 um 80% im Vergleich zu 1992 gesenkt werden – ein utopisches Unterfangen.19 Fazit: Die „Jahrhundertflut“ von 2002 wird nicht erst in 100 Jahren erneut über uns hereinbrechen, sondern wahrscheinlich schon viel schneller. Damit wir uns nicht alle nasse Füße holen, wäre die Politik jetzt dringend am Zug – z.B. mit intelligenterer Bau- und Landschaftsplanung respektive couragierter Umweltpolitik!

© A. Willer/CANIS

Quellenangaben und Erörterungen:

1, 3, 5: „Der Standard“, 16.8.02; 5

2: Das „Kyoto-Protokoll“ vom Dezember 1997 sieht eine Reduktion des Ausstoßes von 6 klimaschädlichen

    Treibhausgasen  im Zeitraum von 2008-2012 um mindestens 5% im Vergleich zu 1992 vor.

4: „Der Standard“, 17./18.8.02; 35

6: „Die Zeit“, Nr. 34 (15.8.2002); 28

7, 10: ibid.; 27

8: Der Baikalsee ist etwa so lang wie Österreich. Alle Flüsse der Welt bräuchten länger als ein Jahr, um ihn zu füllen.

    Und würde dieser See ausrinnen, stünde das Wasser am ganzen Planeten 20 cm hoch. („profil“ 32/02; 100)

9: „profil“ Nr. 32 (5.8.2002); 100-103

11, 13, 18: “Die Presse”, Spectrum, 17.8.02; IX

12: dt. Ausgabe: Bjørn Lomborg, Apokalypse No! – Wie sich die menschlichen Lebensgrundlagen wirklich entwickeln; Lüneburg  2002 (Zu Klampen)

14: „Wiener Zeitung“, 16./17.8.02; 9

15: „Spektrum der Wissenschaft“ August 2002; 45                            

16: ibid.; 36

17: ibid.; 43

19: „Die Zeit“; 1

Fotos: © AP

Weitere Literatur:

Rüdiger Glaser, Klimageschichte Mitteleuropas – 1.000 Jahre Wetter, Klima, Katastrophen; Darmstadt 2001 (Primus)

Auf unserer Website:

www.canis.info/klima/jahrhundertflut1.htm

www.canis.info/klima/elnino.htm

www.canis.info/klima/klimaeins.htm

www.canis.info/klima/klimazwei.htm

 

 

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