Saubere Energie aus der Kraft der Gezeiten: 

Zukunftstechnologie oder Quixoterie?

 

Hammerfest, Norwegen – Die Stadt, die sich selbst als die „nördlichste der Welt“ bezeichnet, wirbt damit, bereits vor beinahe 100 Jahren als erste in Europa Straßenbeleuchtung besessen zu haben. Wenig Wunder, in einer arktischen Region, wo die Sonne im Mitwinter für gut zwei Monate vom Firmament verschwindet.

Nun will Hammerfest in Sachen Energie wieder Vorreiter sein. Auf dem Meeresboden vor Kvalsund wurden Meeresturbinen verankert, die mit Hilfe des Mondes und der Gezeiten Energie liefern sollen. Stolz verkündet Harald Johansen, Managing Director des Stromversorgers Hammerfest Stroem gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters: „Wir werden weltweit die ersten sein, um mit Hilfe der Gezeiten Elektrizität zu erzeugen, die dann ins lokale Netz eingespeist wird.“ Tatsächlich scheiterten bisher ähnliche Projekte in Australien und Großbritannien, noch ehe der gewonnene Strom in den Verbund fließen konnte – aus Kostengründen.

Das Prinzip dieser Power Station ist ganz einfach: Alle 12 Stunden und 25 Minuten setzt durch die Gravitationswirkung des Mondes der Gezeitenwechsel ein. Die Strömungen und Wirbel bei Flut sorgen für den Antrieb der Turbinen, welche tief genug installiert sind, um keine Schiffe zu gefährden. Inklusive der Basis wiegen sie 200 Tonnen – und sind so konstruiert, daß die Schaufeln sich beim einsetzen der Flut automatisch in deren Richtung drehen.

 

Die norwegische Gezeitenanlage hat bisher 50 Millionen Kronen (6,7 Mio US-$) gekostet. Bis zu ihrer finalen Fertigstellung im Jahre 2004 ist mit nochmals so viel finanziellem Volumen zu rechnen. Für den Probelauf, Anfang Dezember 2002, können die Seeturbinen nur mit einer Kapazität von 300 Kilowatt aufwarten; 2004 sollen es 20 Millionen KW sein, was ungefähr für die Versorgung von 1.000 Haushalten reichen würde (Hammerfest hat 11.000 Einwohner). Mark Hammonds, von der Internationalen Energieagentur (IEA) in Paris sagt: „Von all den erneuerbaren Energieformen, steckt die Technologie der ‚ocean energy’ noch am meisten in der Anfangsphase“. Dennoch sieht eine wachsende Zahl von Stromversorgern und Forschern in ihr eine umweltschonende Alternative zur kalorischen bzw. zur potentiell gefährlichen Kernenergie. Gerade auch in Hinsicht auf das Kyoto-Protokoll.

Das größte Problem scheint in der Wartung der Unterwasseranlage zu bestehen, die arktischer Kälte und schweren Meeresstürmen gleichermaßen ausgesetzt ist. Weltweit wurden bereits einige experimentelle Energiestationen ähnlicher Art durch Wind und Wasser zum Wrack. Drei Jahre soll das Meereskraftwerk vor Hammerfest wartungsfrei „maintenance-free“) laufen; bei Bedarf müssen Taucher nach dem Rechten sehen.

Weltweite Pendants

Die britische Firma Marine Current Turbines plant nächstes Jahr vor der Küste von Devon, Südengland, ein vergleichbares „Gezeitensystem“ zu testen. Im Unterschied zum norwegischen Gegenstück wird dieses Modell allerdings über dem Meeresspiegel zu warten sein, was die Sache vereinfacht.

Nach anderer Funktionsweise operiert die größte Gezeitenanlage der Welt in Nordfrankreich, die bereits seit den 1960ern in Betrieb steht und eine 240 Megawatt-Kapazität besitzt. Über den Fluß La Rance wurde eine sogenannte „Barrage“ gebaut, ein Auffangbecken, das während der Flut das Wasser in künstlichen Lagunen sammelt. Sobald die Ebbe wieder einsetzt, wird das H2O aufgrund der Schwerkraft durch Turbinen gezogen, die wiederum Strom erzeugen. Electricite de France hat aber keine zukünftigen Gezeitenkraftwerke auch nur angedacht.

In der Bay of Fundy, in Nova Scotia, Kanada, herrscht die höchste Gezeitenflut weltweit, weshalb dort 1984 in Annapolis Royal eine Barrage-Anlage in Betrieb genommen wurde; übrigens die einzige in ganz Nordamerika. Sie liefert 20 Megawatt; leider sehr wenig im Vergleich zu den vor allem in den USA als verlässlich und mit 500 bis 1.000 MW auch als leistungsstark geltenden Nukleargeneratoren. Nova Scotia Power, Betreiber der Annapolis-Anlage, wird das Meeresenergiekonzept auch nicht mehr weiter verfolgen. Ähnlich wie in Dänemark sind an Kanadas Ostküste anstatt dessen Windmühlparks geplant.

 

Man muß nicht die visionäre Vorstellungskraft eines Jules Verne aufbringen, um zu sagen, Gezeitenanlagen sind gerade in Zeiten des Treibhauseffekts eine zukunftsträchtige Energieherstellungstechnologie. Dennoch ist noch einiges an Forschung zu leisten, um nicht letzten Endes feststellen zu müssen, ein Kampf gegen Windmühlen lohne sich nicht ...

Text: A. Willer/CANIS

Q: http://story.news.yahoo.com/news?tmpl=story&u=/nm/20021106/lf_nm/environment_energy_tides_dc_1

 

 

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