Das El Niño-Phänomen

 

Pazifische "Badewanne"

Alljährlich sammelt sich in der Äquatorregion vor Peru warmes Meerwasser an, das unter normalen Umständen nach einigen Monaten von Passatwinden nach Westen abgetrieben wird. So fließt an der Meeresoberfläche ständig Wasser in Richtung Australien, Asien und Ostafrika, wo es sich aufstaut (der Meeresspiegel ist dann dort mancherorts um 60 cm höher als in Peru) und in Form von Monsun abregnet; was unerläßlich für Ernte und Vegetation ist. Ein Teil des Wassers prallt in einem Pendeleffekt von den Kontinentalplatten im Ostpazifik wieder gegen Westen zurück. Gleichzeitig quillt vor der Küste Südamerikas kaltes, nährstoffreiches Wasser aus der Tiefe, weshalb die Fischgründe vor Peru zu den reichsten der Welt zählen. Eine riesige Schwappbewegung - wie in einer Badewanne - sorgt für positive klimatische Verhältnisse westlich wie östlich des Pazifischen Ozeans.

Was ist El Niño?

Alle drei bis sieben Jahre kommt es zu Anomalien in dieser "Badewanne". Dann wehen die Passate von Peru nicht mehr Richtung Westen, sondern flauen ab oder drehen schlimmstenfalls sogar. Dabei erhitzt das unnatürlich warme Oberflächengewässer die darüberliegenden Luftschichten, welche wiederum das Hochdruck- in ein Tiefdrucksystem verwandeln und in gewaltigen Regengüssen zu Boden fallen. In Südamerika kommt es zu Überschwemmungen, während im westpazifischen Raum und rund um den Indischen Ozean Dürren die Folge sind, da der Monsun ausbleibt. El Niño ist demnach ein Klimaphänomen, das im Äquatorgebiet vor Südamerika entsteht, höchstwahrscheinlich aber von weltweitem Einfluß ist. Da die Wetteranomalie meist zu Weihnachten ihren Höhepunkt erreicht, tauften sie peruanische Fischer - vor mehr als hundert Jahren - El Niño, das "Christkind".

Dem "Christkind" auf der Spur

Manche Wissenschafter glauben, das unerwünschte Weihnachtsgeschenk bestehe schon seit 100 Millionen Jahren, als Südamerika von Gondwanaland abgedriftet war. Andere glauben, es tauchte erst vor 5.000 Jahren auf. Erstmals schriftlich - wenn auch noch ohne Namen - erscheint das Phänomen 1525, als der spanische Eroberer Pizzaro seine Verwunderung über Regen in der peruanischen Wüste zum Ausdruck brachte. Systematisch ging aber erst der Brite Sir Gilbert Walker in den 1920ern vor. Er stellte fest:

Im Laufe des Jahres erwärmt sich das Küstenwasser vor Peru. Jeweils im Dezember kommt Passat auf, der das warme H2O in den offenen Ozean treibt. Alle drei bis vier Jahre bleibt dies aus.
Immer wenn in Australien (Westpazifik) das Barometer hoch stand, wurde in Tahiti (Ostpazifik) niedriger Druck gemessen und vice versa. Er nannte diese alternierenden Luftdruckwerte "Southern Oscillation" und erklärte damit das Ausbleiben des Windes in Indien ebenso wie Dürren in Australien, milde Winter in Kanada oder starken Regen in Südamerika. 

Vierzig Jahre später bewies der norwegische Meteorologe Jacob Bjerknes die Thesen  Walkers im Wesentlichen. Heute verwendet man einen Southern Oscillation Index (Luftdruckunterschiede zwischen Darwin und Tahiti) und spricht vom Klimaphänomen ENSO (El Niño Southern Oscillation).

Dramatische Folgen

Der stärkste El Niño seit gut 200 Jahren lief 1982/83 über die Klimabühne. Weltweit starben an den Folgen des launischen Christkindes über 2.000 Menschen und unzählige Tiere. Der wirtschaftliche Schaden belief sich auf rund 140 Milliarden Schilling.

Quasi im Epizentrum dieser Wetterkapriole lagen die Galapagos-Inseln. Die Temperatur des Meerwassers war um drei Grad Celsius höher als im langjährigen Durchschnitt, und die Wirkung des kalten Humboldtstroms aufgehoben. Bereits im November statt Februar setzte der Regen ein, was die Niederschlagsmenge versechsfachte. Für die einzigartige Tierwelt der Inselgruppe ergab sich eine Tragödie. Anstelle der Grünalgen vermehrten sich die für viele Arten ungenießbaren Rotalgen rasant im Meer. Eine Kettenreaktion setze ein. Auf einigen Inseln starben 70% der Iguanas (=Meeresechsen), der Bestand der nur auf Galapagos heimischen flugunfähigen Kormorane fiel um 45% und die Population der Galapagospinguine nahm um 78% ab.

Katastrophenjahr 1997/98

In Kanada gab es Eisregen.
Sintflutartige Überschwemmungen in Kalifornien
In Guadalajara, Mexiko, sorgte El Niño für den ersten Schnee seit 1881.
Hurrikan "Linda", der stärkste jemals im Ostpazifik gemessene Sturm, verwüstete weite Teile Mexikos.
Dürre in Guatemala und Nicaragua. In Costa Rica wurde wegen der Trockenheit gar der nationale Notstand ausgerufen.
Cholera in Peru, da sich aufgrund des feuchten Klimas die Erreger rapide vermehrten.
In Indonesien und auf den Philippinen entstanden wegen dem ausbleibenden Monsun Dürren, in Australien Buschbrände.

Verheerende Folgen brachte El Niño auch der Robben- und Seelöwenkolonie auf San Miguel, einer Insel nördlich von Los Angeles. Der Pazifik hatte sich dort in Küstennähe so erwärmt, daß Heringe, Sardinen und Tintenfische - die natürliche Nahrung der Robben - nordwärts in kältere nährstoffreichere Gewässer abzogen. Die Robbenmütter waren nun gezwungen, mehrere Kilometer ins Meer hinauszuschwimmen, um überhaupt ausreichend Fische zu erbeuten. Dabei verbrauchten sie die Kalorien selbst, die sie als Muttermilch an ihre Babies weitergegeben hätten. Zahlreiche hungernde Robbenweibchen ließen ihre Heuler am Strand zurück, wo diese zum Verhungern verurteilt waren.  

Ein Gespenst ging um, das auch die Rohstoffbörsen zum Reagieren zwang. Die Preise für Weizen, Kaffee und Kakao stiegen aufgrund von Mißernten. Auch Gold, Kupfer und Nickel, für deren Abbau in Südafrika oder Neu-Guinea viel Wasser benötigt wird, das plötzlich in zu geringem Ausmaß da war, nahmen an Wert zu. Einzig die mexikanische Erdölindustrie zeigte Freude über das Wetter, da in El Niño-Jahren im Golf von Mexiko weniger Hurrikans auftreten. Auch 1999 stand im Zeichen des "Christkindes". In Kenia sorgten unzeitige Regenfälle für Pfützenbildungen und damit Moskitoansteig, was die Fälle an Malariaerkrankungen anhob.

Auswirkung auf Europa?

Direkte Auswirkungen auf Europa konnten bisher nicht nachgewiesen werden, allerdings läßt sich eine Tendenz erkennen, nach der es in El Niño-Jahren in unseren Breiten etwas kälter ist als gewöhnlich. Allerdings glauben ernst zu nehmende Wetterforscher wie der Amerikaner James Hurell, daß es auch sowas wie eine "Northern Oscillation" gäbe; eine Art atmosphärische Wippe zwischen Island und Azoren.

Ist der warme Golfstrom stark genug, braut sich ein kräftiger Luftdruckgegensatz zusammen. Und Westwinde fachen wie eine gewaltige Turbine Azorenhoch und Islandtief an. Feuchte, milde Winter sind die Folge für Europa.
Ist der Golfstrom schwach, entsteht keine Turbinenwirkung. Und arktische Luft strömt ungehindert in den Kontinent ein, was kalte Winter mit sich bringt.

Die Analogien Aufheizung des Humboldtstroms/Abkühlung des Golfstroms, Passate/Westwinde sowie Druckgefälle Darwin-Tahiti/Auf und Ab von Azorenhoch und Islandtief  sind dabei evident. Allerdings steckt die Forschung über jene Wassermassen, die vor Grönland in gewaltigen Strudeln in die Tiefe sinken und die Nördliche Oszillation bewirken, erst in den Kinderschuhen.

Folge des Treibhauseffekts?

Normalerweise hält der El Niño-Effekt höchstens ein Jahr an. Ausnahmen bildeten die Jahre 1911/13, 1939/42, 1992/94, 1997/99, wobei ein zunehmendes Ansteigen in Dauer und Intensität der Wetterkapriole festzustellen ist. Doch stehen die Anomalien der "stärksten Klimakraft auf Erden" ("Der Spiegel", 42/1997) in direktem Zusammenhang mit einem von Menschen durch Gasemissionen verursachten Treibhauseffekt? Dr. Mojib Latif, Max-Planck-Institut Hamburg, einer der führenden Klimaforscher, schließt dies nicht aus, meint aber, daß es für einen wissenschaftlichen Beweis die Menge der erhobenen Daten aber noch nicht ausreichend wäre.  

 

© A. Willer/CANIS

 

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