Herr Foß, Sie sind Geschäftsführer des Siegener Tierschutzvereins. In kürzester Zeit haben Sie dort mit der im angeschlossenen Tierheim praktizierten vegetarischen Fütterung unterschiedlichste Reaktionen hervorgerufen. Wir würden gerne die Beweggründe beleuchten und mehr über Ihre tägliche Praxis in Erfahrung bringen. 1 ) Wann haben Sie die Fütterung erstmalig umgestellt und welcher Gedankenanstoß veranlaßte Sie dazu ? Wir begannen uns im September 2001 mit diesem Thema auseinanderzusetzen und erste vegetarische Futtersorten auszuprobieren. Der Anstoß über vegetarisches Futter nachzudenken, kam von einem Tierrechtler aus unserer Region. Mit dieser Idee wurden bei uns offene Türen eingerannt, es fehlte bis dato einfach an dem zündenden Funken. Unsere Motivation sollte offensichtlich sein: Wir können unsere Tierliebe nicht auf Hunde und Katzen beschränken, aber Schweine, Rinder und Hühner schlachten lassen, zudem diese vorher sogar noch in Tierfabriken grausam gequält wurden. Bei der Verfütterung von tierhaltigem Futter würden wir genau dies aber tun! Auch Schweine, Schafe, Hühner oder andere als 'Nutztiere' bezeichneten Arten werden in unserem Tierheim aufgenommen, gehegt, gepflegt und geliebt wie alle anderen uns anvertrauten Tiere. Hier zeigt sich noch mehr das Paradoxe: Wir können nicht einige Schweine, nur weil sie zufällig bei uns gelandet sind, lieben und pflegen, aber gleichzeitig die Tötung anderer Schweine in Auftrag geben. 2 ) Wird diese Umstellung von allen Mitarbeitern geschlossen getragen oder bestehen vereinzelte Vorurteile ? Die erste Reaktion vieler Mitarbeiter war zurückhaltend und vorsichtig. Etwas Neues, mit dem sich vorher von uns noch niemand beschäftigt hatte. Die größten Bedenken waren, übrigens wie bei vielen Tierhaltern, dass nun die Tiere irgendwie ein müsliartiges Etwas vorgesetzt bekämen, was sie nicht mögen. Mit den mittlerweile obligatorischen Argumenten wurde die erste Hemmschwelle aber bei allen schnell genommen, so dass die Entscheidung von Anfang an geschlossen getragen wurde. In den folgenden Wochen und Monaten konnte die Praxis und weitere wissenschaftliche Studien alle restlichen Bedenken und Vorurteile aus dem Weg räumen. 3 ) Wie reagieren andere Tierheime auf die vegetarische Ernährung ? Wir hatten bisher sehr wenig Reaktionen von anderen Tierheimen. Ein recht großes Tierheim aus dem Ruhrgebiet äußerte sich sehr negativ, allerdings völlig argumentationslos. Einige kleinere Gruppen hingegen, die sich ohne Tierheim um notleidende Haustiere kümmern, zeigten Interesse. Wir möchten den anderen Tierheimen, wie auch den Tierhaltern, gerne Komplettlösungen aufzeigen und vorleben. Wenn wir dies vorbereitet haben, werden wir uns verstärkt um eine Verbreitung - auch in anderen Tierheimen - einsetzen. Wir mussten sehr viel Energie darauf aufwenden, Informationen zu sammeln und logistische Probleme zu lösen. Vegetarisches - oder gar veganes Tierfutter - ist ein Nischenprodukt, welches man leider nicht in jedem Futtermittelhandel erhalten kann - noch nicht. Unsere Erfahrungen, Bezugsquellen und andere nützliche Informationen sind auf unserer Homepage http://www.tierheim-siegen.de/ zusammengestellt.
4 ) Wurde die Fütterung für Hunde und Katzen umgestellt oder werden die Katzen weiterhin herkömmlich ernährt ? Die Umstellung bei den Hunden ist zu 100% vollzogen. Durch die vielen verschiedenen Sorten sind alle unsere Hunde mit Begeisterung dabei - es schmeckt offensichtlich hervorragend. Bei den Katzen ist es ungleich komplizierter: Nicht der medizinische Aspekt ist das Problem, sondern die Akzeptanz bei den Katzen. Uns ist lediglich ein Hersteller für vegetarisches Katzenfutter in Europa bekannt. Dieses Futter wird von einigen Katzen gerne angenommen, von einigen lediglich "verdünnt" mit konventionellem Futter, von anderen gar nicht. Daher haben wir bei den Katzen lediglich eine teilweise Umstellung. Einige Wissenschafter arbeiten allerdings derzeit an einer Akzeptanzverbesserung für das Katzenfutter, wir bemühen uns parallel weitere Produkte zu suchen und zu testen. Mit dem uns bekannten Fertigfutter ist daher derzeit nur eine teilweise Umstellung realisierbar, wir hoffen aber auf baldige Besserung und informieren dann diesbezüglich.
5 ) Gab es bei einigen Tieren Probleme bei der Nahrungsumstellung ? Nein. Selbst ohne tagelanges "dran gewöhnen" fraßen es die Hunde gerne. Bei sofortiger Umstellung auf reines Flockenfutter gab es bei dem ein oder anderen Tier weichen Kot. Bei einer Umstellung auf Trockenfutter oder Naßfutter jedoch traten solche Effekte nicht auf. Unsere Erfahrungen zeigen, dass Umstellungen völlig unproblematisch sind. Gerade im Tierheim (wir vermitteln jährlich etwa 600 Hunde) müssten diese Probleme ja auftauchen, tun sie aber nicht.
6 ) Haben Sie kompetente Beratung zur Seite, z.B. in Form eines Veterinärmediziners ? Unsere Tierheimtierärztin untersucht alle unsere Hunde. Einmal wöchentlich werden einen ganzen Vormittag nur Routineuntersuchungen durchgeführt, dass war vor der Futterumstellung aber auch schon so. Irgendwelche möglichen Symptome würden bei uns sofort erkannt, dies war bisher nicht der Fall. Zusätzlich engagieren sich ein Humanmediziner mit ausgezeichneten ernährungsphysiologischen Kenntnissen und ein Chemiker, beides Tierfreunde, sehr engagiert für diese Sache und unterstützen uns maßgeblich. Die verschiedenen Studien und Futteranalysen werden ebenfalls gemeinsam mit Ihnen besprochen.
7 ) Was antworten Sie Biologen, die vegetarische Ernährung bei Hunden als "tierquälerisch" bezeichnen, da Caniden alleine von der Gebißstruktur - also von natura - primär auf Fleischverzehr angelegt sind ? Wissenschaftlich erwiesen ist, dass der Verdauungstrakt des Hundes sehr wohl in der Lage ist durch rein pflanzliche Produkte alle lebensnotwendigen Stoffe aufzunehmen. Weil es essentiellen Aminosäuren für Menschen, Hunde und Katzen gibt, die dem Körper zugeführt werden müssen, sollten wir sie dem Körper auch zuführen. Dabei ist es völlig gleichgültig, ob diese Aminosäuren pflanzlichen oder tierischen Ursprungs sind, entscheidend ist, dass sie aufgenommen werden. Auch die Zuführung sämtlicher wichtiger Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente wird durch die rein pflanzliche Kost garantiert. Jemand der behauptet, vegetarische Ernährung für den Hund sei nicht artgerecht oder ungesund hat sich offensichtlich mit diesem Thema nicht ausreichend befasst. Die Ernährung unseres Haushundes kann nicht mit der seines Vorfahren verglichen werden, wie es immer wieder einige Leute gerne tun. Wir reden über domestizierte Tiere, also Haushunden, welche zwar in ihrer Verhaltensweise ihre Abstammung nicht leugnen können, aber keinesfalls ist ihre Lebensweise mit der ihrer Vorfahren vergleichbar. Möchte man eine artgerechte Ernährung für den Haushund an der artgerechten Ernährung eines Wolfes messen, so würden demnach ALLE Haushunde nicht artgerecht ernährt, denn auch die fleischhaltige Fertignahrung ist alles andere als eine artgerechte Ernährung für die Vorfahren des Hundes! Ferner kann über die wahren Inhaltsstoffe fleischhaltiger Fertignahrung nur spekuliert werden: Garantiert werden dort üblicherweise Fleisch und tierische Nebenprodukte in einer Form wie beispielsweise "mind. 4% Rind und 4% Lamm". Entnehmen Sie der Deklaration fleischhaltigen Futters was dort alles enthalten ist? Mir gelingt es bei 90% der Produkte jedenfalls nicht! Wir vertreten den Standpunkt, dass jede wohlschmeckende, gesunde Ernährung, mit welcher ein optimaler Gesundheitszustand eines domestizierten Tieres garantiert werden kann, artgerecht ist!
8 ) Welche Erfahrung haben Sie mit den Menschen gemacht, die einen Hund aus Ihren Tierheim adoptieren ? Besteht dort das Interesse diese Ernährung fortzuführen oder siegen oftmals die Vorurteile ? Wir geben bei jeder Hundevermittlung schriftliche Informationen über die vegetarische Ernährung im Tierheim an Hand. Auch zahlreiche praktische Tipps gehören dazu. Wir möchten uns allerdings nicht aufzwingen, sondern lediglich die Möglichkeit geben, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen, weil für viele Tierhalter eine vegetarsiche Fütterung völlig unbekannt ist. Einige neue Halter zeigten aber sehr wohl Interesse diesbezüglich, der grössere Teil wird aber derzeit noch nicht überzeugt werden können. Wir denken, es muss einfach verbreiteter und selbstverständlicher werden, seine Tiere vegetarisch zu ernähren. Dann werden sich auch umsomehr anschließen. Somit ist es umso wichtiger für uns, dass möglichst viel und oft über dieses Thema gesprochen und diskutiert wird.
9 ) Wie verfahren Sie mit den Futterspenden, die nicht vegetarisch sind ? Anfangs
wurden die Futterspenden verfüttert. Zu diesem Zeitpunkt glaubten wir
auch noch, dass nicht alle Hunde das vegetarische Futter annehmen würden.
Mittlerweile sehen wir aber immer mehr von einer Verfütterung der
nichtvegetarischen Spenden ab, da wir und unsere Hunde von den
vegetarischen Futtersorten begeistert sind!
1 0 ) Hat das Tierheim Siegen einen Sponsor in puncto 'vegetarisches Futter' oder woher beziehen Sie die von Ihnen benötigten Mengen ? Die von uns bezogenen Mengen, und das ist einiges, werden im Großhandel oder direkt beim Hersteller bestellt. Da es bei unseren Bestellungen aber immer um ganze Euro-Paletten geht, können wir entsprechende Preise aushandeln. Dies sind mitunter schon erhebliche Unterschiede zu Endverbraucherpreisen. Andere Tierheime könnten bei Interesse natürlich ebenfalls von diesen ausgehandelten Konditionen profitieren. Eine gemeinsame Bestellung mehrerer Tierheime würde den Preis natürlich weiter verbessern.
1 1 ) Verzichten Sie persönlich ebenfalls auf tierische Produkte ? Ich bin Vegetarier und verzichte weitestgehend auch auf andere tierische Produkte - als Veganer kann ich mich jedoch nicht bezeichnen. Ich unterstütze den Veganismus und halte ihn für die anzustrebende Ideallösung.
1 2 ) Die Meinungen gehen natürlich bei diesem Thema weit auseinander und Vorreiter haben es stets schwer. Welches sind die heftigsten Vorwürfe, die Sie sich anhören müssen und wie begegnen Sie ihnen ? Die
Vorwürfe halten sich überraschender Weise in Grenzen. Nur wenige Äusserungen
wie "jetzt sind die Tiere schon im Tierheim und kriegen noch nicht
mal Fleisch", oder "das ist tierschutzwidrig" sind uns
zugetragen worden; diesen Vorwürfen treten wir stets freundlich und
argumentativ entgegen, die Argumente sprechen eindeutig für uns. Wir
danken für das Interview! Marion Schönborn
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