CANIS-Interview 03/2003

mit

Captain Paul Watson 

01. September 2003 

 

„Krieger der Ozeane“  

-) CANIS: Paul, wenn du zurückblickst, warst du vor 24 Jahren der einzige, der es buchstäblich Kopf an Kopf mit Wilderern aufnahm. Man denke nur an das Rammen des illegalen Walfängers „Sierra“ im Juli 1979 in einem portugiesischen Hafen. Durch die Zerstörung dieses berüchtigten Piratenschiffes hast du das Leben Tausender Wale bewahrt. Heutzutage gibt es einen Lichtstreifen am Horizont, daß deine Message verinnerlicht, zumindest aber gehört worden ist. Immerhin jagte ein Schiff der australischen Behörden einen Piratentrawler aus Uruguay, der Schwarzen Seehecht wilderte, über fast drei Wochen und 4.000 km durch das sturmgepeitschte Südpolarmeer, um ihn dann in den Gewässern zwischen Südafrika und der Antarktis zu stellen. Glaubst du, daß deine Aktionen das nötige Bewusstsein für Regierungsaktionen wie diese eine war schufen und den Weg dafür geebnet haben?

Paul Watson: Eines unserer Ziele ist es immer gewesen, Beispiele zu setzen und Regierungen solange in Verlegenheit zu bringen bis sie intervenieren. 1993 hatte ich eine Kampagne organisiert, um vor den Grand Banks von Neufundland Treibnetzfischer zu vertreiben. Ich glaube, das hat die kanadische Regierung so beschämt und beeinflusst, daß Fischereiminister Brian Tobin 1995 – eben vor den Grand Banks – auf dramatische Weise den spanischen Trawler „Estai“ aufbringen ließ. Wir zollen den Aktionen der Australier Beifall, die Sea Shepherd Conservation Society hat dem Kapitän und seiner Crew für ihre Tat den Sea Shepherd Orden des Neptun1 überreicht.

-) CANIS: 1986 versenkten Mitglieder deiner Crew die Hälfte der isländischen Walfangflotte, was so was wie der Zündfunke gegen den „legalen“ Walfang war. Wie sind deine Gefühle, wenn du nun hörst, daß Island nach 14 Jahren den so genannten „wissenschaftlichen Walfang“ auf Minkwale wieder aufnehmen will?Wird „Neptune’s Navy“, sprich die Sea Shepherd Conservation Society (SSCS), die Walfangschiffe der Isländer erneut attackieren?

Paul Watson: In der Artenschutzbewegung2 sind Siege immer temporär und Niederlagen sehr oft andauernd – Ausrottung aber ist für immer. Deshalb freuen wir uns, daß unsere Aktionen den Walfang für 17 Jahre3 gestoppt hatten. Nun, da Island erneut seine Verachtung für internationale Artenschutzgesetze verkündet hat, müssen wir den Kampf von vorne beginnen. Als ersten Schritt werden wir die Vereinigten Staaten offiziell auffordern, Island nach den Bestimmungen des amerikanischen Handelsministeriums zu verwarnen. Als zweiten Schritt werden wir genau verfolgen, welche Maßnahmen die Internationale Walfangkommission (IWC) unternimmt, um Island zu disziplinieren. Als dritten Schritt planen wir, mit unserem Schiff, der „Farley Mowat“4, im Sommer 2004 Island anzusteuern, um die isländischen Walfänger direkt zu konfrontieren.

-) CANIS: Du bist die Galionsfigur der SSCS. Auf eurer Homepage steht zu lesen, daß ihr seit dem Jahr 2000 „Operation Grindstop“ gegen die jährlichen Walmassaker vor den Färöer Inseln führt. 

Kannst du für unsere LeserInnen kurz beschreiben, was bei diesem als Tradition getarnten „Grind“ abläuft?

Paul Watson: Der Grind ist ein Sportschlachten Tausender Pilotwale, alljährlich durchgeführt durch die Bewohner der Färöer Inseln, einem dänischen Protektorat5. Es ist die grausamste und unnötigste Tötung von Walen weltweit. Die Färinger verteidigen diese Jagd dadurch, daß sie ein Geschenk Gottes wäre. Allerdings konnten sie bisher nicht darlegen, wo in der Bibel diese Schenkung festgeschrieben ist. Tatsache ist, daß das Alte Testament den Verzehr von Walfleisch ausdrücklich untersagt, da Wale keine Schuppen haben6. Seit 1983 kämpfen wir gegen diese furchtbare Schlachterei an. Zwei volle Dekaden sind es nun, daß wir diese unschuldigen Wale gegen die ruchlosesten und barbarischsten Walfänger, auf die wir bisher gestoßen sind, verteidigen. Und wir haben nicht vor, unseren Widerstand aufzugeben, solange das Massaker an diesen sanften Riesen weitergeht.

 

-) CANIS: Die indigene Nation der Makah im US-Bundesstaat Washington pocht auf ihr Recht, „traditionellen Walfang“ betreiben zu dürfen. Ist das nicht eine grobe Täuschung der Öffentlichkeit, denn die Makah führten die letzten 70 Jahre schon keinen Walfang mehr durch? Wo also wäre dann die Tradition? Wer oder was steckt hinter diesem plötzlichen Verlangen nach Walfang?

Paul Watson: Die Makah zeigten kein Interesse am Walfang bis ihre Geschäftspartner in der kommerziellen Fischerei – die Japaner – sie dazu drängten, ihre traditionellen Walfangpraktiken wiederaufzunehmen. Viele Älteste der Makah, die sahen, daß das Argument „Tradition“ [lediglich] ein Vorwand dafür ist, Walfleisch an die Japaner zu verkaufen, waren auf unserer Seite. Im Mai 1999 wurde ein Wal getötet; seitdem keiner mehr. Wir bekämpften diese Jagd zuerst auf dem Wasser, danach in den Gerichtssälen. Die höheren Gerichtshöfe entschieden zugunsten der Wale, und die Jagd wird nun sowohl in den Vereinigten Staaten als auch nach den Regelungen der Internationalen Walfangkommission als illegal betrachtet.

1995 sagte die Älteste Dottie Chamblin: „Es ist Teil unserer Tradition, Körbe zu flechten und in den Bergen Beeren zu sammeln. Aber das will keiner mehr tun. Alles, was sie [die Makah von heute] wollen, ist irgendetwas zu töten.“

Zur Zeit bearbeiten die Japaner die Stämme der Nootka auf Vancouver Island7. Sie haben einen Nootka namens Tom Mexis Happynook angeheuert, der nun dem Weltkonzil der Walfänger vorsteht8, einer Frontgruppe der Japaner und Norweger, mit der Aufgabe, den Walfang unter indigenen Völkern populär zu machen. Außerdem bin ich nicht sicher, ob die Makah qualifiziert für die Bezeichnung „indigen“ sind. Sie stammen ursprünglich aus Vancouver Island und vor 500 Jahren – etwa zur selben Zeit als die Europäer [in Amerika] einfielen – landeten die Nootka sprechenden Walfänger auf der Olympic Halbinsel9, wo sie auf das Volk der Ozette trafen, das ursprünglich dort lebte und keinen Walfang betrieb. Sie rotteten die Ozette aus und stahlen deren Land. Ich sehe daher keinen Unterschied zwischen dem, was die Makah taten und dem, was die Europäer exakt genauso machten.

Der Walfang mag eine Tradition der Makah sein, auf der Olympic Halbinsel ist er jedenfalls eine relativ neue Praktik. Ich habe mein Buch „Bury My Myth at Makah Bay“10, das die Kampagne [gegen die Makah] beschreibt, beinahe fertiggestellt. 

 

 

Das Buch wird den Mythos des „Öko-Indianers“ lüften. Denn meiner Ansicht nach sind wir alle gleich schuldig am Krieg gegen die Erde und ihre Spezies. Alle Völker haben zur Ausrottung der Arten und Zerstörung der Habitate beigetragen.

-) CANIS: Stimmt es, daß die Makah im Töten der Wale von Färinger Walfängern unterwiesen werden mußten? Ist das nicht ein Hohn für ein Volk, das ja den Walfang angeblich aus Tradition begeht?

Paul Watson: Ja, das Weltkonzil der Walfänger, das vorgibt, indigene Walfänger zu vertreten, aber von den Japanern und Norwegern finanziert wird, veranstaltete auf den Färöer Inseln eine Konferenz, während der die Makah, kanadische Indianer sowie die Maori aus Neuseeland in der Schlachtung und Zerlegung von Pilotwalen unterwiesen wurden.

 

-) CANIS: Die Aktivisten der SSCS sind sehr kreativ. Beim Fußball-Qualifikationsspiel Färöer gegen Schottland skandierten schottische Fans „Save the whales!“, nachdem ihr zuvor Info-Flyers verteilt hattet. Glaubst du, daß durch solche Aktivitäten mehr Aufmerksamkeit auf den Schutz der Wale gelenkt werden kann bzw. Menschengruppen erschlossen werden können, die sonst wenig mit Artenschutz zu tun haben?

Paul Watson: Die Sea Shepherd Conservation Society fördert Initiativen und phantasievolle Taktiken ihrer Mitglieder. Die Flyers, die beim Fußballspiel verteilt wurden, sind das geistige Kind von Jürgen Ortmüller, einem deutschen Walschützer, der sich mit viel Hingabe gegen die Walschlachtungen der Färinger einsetzt. Ich habe die Sea Shepherd Conservation Society immer als Medium zur Inspiration und Bestärkung von Einzelpersonen gesehen. Viele aus der Crew der Sea Shepherd gingen ihren Weg und wurden effektive und einflussreiche Aktivisten. Der PeTA-Mitbegründer Alex Pacheco begann seine Laufbahn als Freiwilliger auf meinem ersten Schiff. Und auch Rod Coronado startete seine Karriere bei uns, wie noch viele weitere.

 

-) CANIS: Medien und Vertreter der Walfangnationen bezeichnen dich oft als „Piraten“ oder „Terroristen“. Empfindest du das als eine Art Anerkennung deiner bisher vollbrachten Missionen? Auf deinem Flaggschiff „Farley Mowat“ hisst du ja selbst die Piratenflagge. Definierst du dich als Pirat? Was bedeutet Terrorismus für dich?

Paul Watson: Ich kümmere mich nicht wirklich darum, wie uns die Leute nennen. Als Pirat bezeichnet zu werden ist auch gar keine Beleidigung. Erinnere dich, daß sowohl die britische als auch die spanische Marine im 17. Jahrhundert unfähig war, die Piraterie in der Karibik unter Kontrolle zu bekommen. Sie waren zu sehr damit beschäftigt, Bestechungsgelder einzusacken. Die Piraterie in der Karibik wurde daher letztendlich von einem Piraten beendet, von Henry Morgan. Man braucht Piraten, um der Piraterie Herr zu werden. Dabei gibt es zwei Arten von Piraten, die guten und die bösen. Wir sind gute Piraten, die böse verfolgen. Böse Piraten sind durch Gier motiviert und brechen die Gesetze des Profites willen. Gute Piraten sind durch Mitgefühl getrieben und intervenieren gegen jene, die unsere Ozeane zerstören.

Terrorismus ist unorthodoxe Kriegsführung. Wenn arme Menschen einen Molotow-Cocktail in einen Panzer werfen, erhalten sie die Etikette „Terrorist“ umgehängt. Wenn ein Hundertmillionen Dollar teurer Kampf-Jet Napalm auf einen Schulbus abwirft, spricht man von „friendly fire“. Ich bin gegen Terrorismus, weil ich auch gegen Krieg bin. Die wahren Terroristen sind aber Konzerne wie Exxon oder Union Carbide, die Tod und Zerstörung im Namen des Profits verursachen. In der Umweltbewegung gibt es keine Terroristen, denn noch nie wurde auch nur eine einzige Person durch einen Umweltaktivisten verletzt oder getötet.

 

-) CANIS: Es gibt Staaten, die sehr gerne auf die Unterstützung der SSCS zurückgreifen, z.B. Ecuador, wo euer Schiff „Sirenian“ kreuzt. Würdest du uns ein wenig über den Auftrag der „Sirenian“ erzählen?

Paul Watson: Im Jahr 2000 unterzeichnete die Sea Shepherd Conservation Society mit dem Galapagos Nationalpark ein Abkommen, nach dem wir unser Hochgeschwindigkeits-Patrouillenboot „Sirenian“ dem Nationalpark für fünf Jahre zur Verfügung stellen. Die Crew besteht aus Park Rangers, Offizieren der Marine Ecuadors sowie Sea Shepherd-Leuten. Wir haben die Hälfte des Abkommens bereits {zeitlich] hinter uns, und das Programm ist bislang sehr erfolgreich gelaufen. Gemeinsam intervenierten wir gegen Dutzende illegale Operationen und brachten Dutzende Wildererschiffe auf. Dieses Aufbringen endete in gerichtlichen Konfiskationen. Außerdem deckten wir Korruption innerhalb der Marine auf, was dazu führte, daß ein hochrangiger Admiral der ecuadorianischen Seestreitkräfte wegen der Annahme von Bestechungsgeldern zurücktreten mußte.

 

-) CANIS: Paul, du bist von Geburt Kanadier und begannst deine Karriere mit direkten Aktionen für Wölfe in British Columbia bzw. Robben entlang der Küste von Neufundland. Was hat dich dazu veranlasst, deinen Schwerpunkt auf Cetaceen11 zu verlegen?

Paul Watson: Meine meeresgestützten Kampagnen begann ich 1974 in Sachen Wale. Unsere ersten Aktionen waren 1975 und 1976 gegen die sowjetische Walfangflotte gerichtet. 1976 organisierte ich auch die erste direkte Intervention gegen die kanadische Robbenjagd, 1984 dann gegen die Wolfsjagd in British Columbia. Ich habe zudem für den Schutz von Karibus, Elephanten, Fischen, Seevögeln, Schildkröten oder Wirbellosen gearbeitet. 

Mein Hauptaugenmerk gilt nicht den Walen, sondern der Verteidigung und dem Schutz ozeanischer Ökosysteme.

 

-) CANIS: Manche Tierschutzorganisationen werfen dir vor, du wärest pro-Delphinarium. Wie ist deine Einstellung Delphinarien gegenüber?

Paul Watson: Ich bin gegen Delphinarien. Zwei Gründe gibt es, warum manchen Gruppen mich beschuldigen für Delphinarien zu sein. Der erste liegt darin begründet, daß ich schwierige Fragen aufwerfe, was die Praktikabilität der Wiederauswilderung gefangener Delphine betrifft, vor allem jener von in Gefangenschaft geborenen Delphinen. Delphine sind wie Menschen und wie bei Menschen ist ihr Verhalten anerzogen. Alles was ich diesbezüglich verlangt habe, ist, daß vor der Wiederauswilderung der Tiere gut geplante Strategien ausgearbeitet werden müssen. Es reicht nicht, nur die Netze aufzuschneiden und zu erwarten, daß die Delphine nun überleben.

Der zweite Grund ist, daß die Sea Shepherd Conservation Society sich auf den Widerstand gegen die illegalen Delphingemetzel auf hoher See konzentriert und weder die Zeit noch die Ressourcen hat, sich auch Gefangenschaftsproblematiken zu widmen. Es gibt viele Gruppen, die sich darauf spezialisieren, wir sind aber die einzige Gruppe, die eben das macht, was wir machen. Ich kritisiere keine anderen Gruppen, weil sie keine Walfangschiffe rammen und versenken. Daher glaube ich, daß es von anderen Gruppen auch nicht fair ist, den Blick auf das zu lenken, was wir nicht tun anstatt auf das, was wir tun.

Die offizielle Position der Sea Shepherd Conservation Society spricht sich zu 100% gegen das Prinzip der Haltung von Delphinen in Gefangenschaft aus. Gleichzeitig glauben wir, daß gefangene Delphine die bestmögliche Behandlung erhalten sollen, und daß Delphinarien kontinuierlich ermuntert wie unter Druck gesetzt werden müssen, um die Delphine freizugeben. Gerade erst ist ein Team von uns von den Salomonen12 zurückgekehrt, wo Delphine massenweise zusammengetrieben worden waren, um an die Delphinarien-Industrie verkauft zu werden. Das ist ein hässliches Geschäft.

 

-) CANIS: Was ist dein Eindruck, wenn du den alltäglichen Streit zwischen Arten- und Tierschützern, Tierschützern und Tierrechtlern bzw. Vegetariern und Veganern verfolgst? Sind diese Scharmützel kontraproduktiv oder positives Symptom einer fortschreitenden ethischen Weiterentwicklung innerhalb der Bewegung?

Paul Watson: Ich glaube, die Dispute sind kontraproduktiv und illustrieren einen Mangel an Toleranz auf beiden Seiten, bei der Naturschutz- wie bei der Tierrechtsbewegung. Eines der ökologischen Gesetze ist jenes der Artenvielfalt, ein anderes jenes der Interdependenz. Beide Gesetze können auf diese Bewegungen angewendet werden. Die Stärke liegt in der Verschiedenheit der Ansätze, wobei alle Ansätze miteinander in Beziehung stehen. Das Problem liegt darin, daß die Leute über Taktik, Strategie und Philosophie streiten. Sie müssen lernen dem Widerspruch zuzustimmen. Natürlich wird ein Teil des Konfliktes auch durch das Dritte Ökologische Gesetz erzeugt, jenes der begrenzten Ressourcen. Viele Gruppen und Einzelkämpfer stehen im Wettbewerb um Spenden. Der Bereich, der mich am meisten stört ist jener, wenn anthropozentrische13 Gründe die Einstellung zu anderen Leuten in der Bewegung bestimmen. Soziale Anliegen haben ihren Platz, aber nicht innerhalb der Naturschutz- oder Tierrechtsbewegung. Genauso wie niemand zu einem Feministinnentreffen geht, um über den Schutz von Korallenriffen zu diskutieren oder über Veganismus bei einem Meeting für die Rechte der Schwule reden will. Daher sollten weder Feminismus noch Schwulenrechte einen Konfliktfall innerhalb der Naturschutz- und Tierrechtsbewegung darstellen.

 

-) CANIS: Bist du Vegetarier? Bist du Veganer?

Paul Watson: Ich bin Veganer, und mein Schiff wird als vegetarisch-veganes Schiff geführt. Meine Frau Allison ist nun schon seit 15 Jahren Veganerin, eine meiner Töchter lebt ebenfalls vegan. Ich glaube, daß der Veganismus moralisch das Richtige ist, aber vor allem glaube ich, daß wir den Veganismus dazu verwenden müssen, um die Erde von der Zerstörung, welche die Fleisch-, Fisch- und Milchindustrien im globalen Ökosystem verursacht haben, zu reinigen.

 

-) CANIS: Du hast vor kurzem gesagt, der Anthropozentrismus muss zurückgewiesen werden, da er die Plünderung des Planeten forciert. Was ist deine philosophische/ethische Alternative? Pathozentrismus14? Biozentrismus?15 Holismus?16

Paul Watson: Ich trete für den Biozentrismus ein, die Idee, daß alle Arten des Planeten ein gleiches Lebensrecht haben bzw. daß allen Arten [prinzipiell] ein Lebensrecht zusteht. Ich glaube auch, daß Habitate als Ganzes ein Recht auf Existenz haben. Das Interesse der [gesamten] Art muss vorrangig gegenüber dem Interesse einer Gruppe oder eines einzelnen innerhalb der Art sein. Zudem müssen die Interessen jeder Art vorrangig zu den Wünschen und Einwänden der Menschen sein. Kultur ist keine Rechtfertigung für die Ausbeutung eines Lebensraumes oder einer [anderen] Spezies.

 

-) CANIS: In einem Interview mit dem Tierrechtsmagazin „Bite Back“ definierst du dich politisch selbst als Konservativen im Geiste von Thomas Jefferson17. Es war Präsident Jefferson, der die Ansicht vertrat, daß jedes gesunde politische System eigentlich alle zwanzig Jahre eine Revolution nötig hätte, um nicht der Bürokratie und Korruption zu erliegen. Haben deiner Meinung nach die großen NGOs – wie Greenpeace oder der WWF – diese Jefferson’sche Revolution verpasst? Was unternimmt die SSCS, um dieser lauernden Gefahr nicht auch anheim zu fallen? Was hält deine Organisation idealistisch und entschlossen?

Paul Watson: Was ist ein Konservativer? Es ist jemand, der danach trachtet, zu bewahren, zu konservieren. Und niemand kann konservativer sein als ein Naturschützer.18 Die Republikanische Partei der Vereinigten Staaten ist keine konservative Partei, sondern eine rechtgerichtete christlich-fundamentalistische, die sich hinter einer Maske des Konservativismus versteckt.

Große Naturschutzorganisationen sind Teil der Bewegung zur Bewahrung der Natur. Sie sind Teil der Artenvielfalt – und es steht ihnen ein Platz innerhalb der Bewegung zu. Aber wir sollten uns immer in Erinnerung rufen, was die berühmte Anthropologin Margaret Mead einst sagte. Sie warnte die Menschen davor, sich darauf zu verlassen, daß die Regierung oder Institutionen irgend etwas verändern. Alle sozialen Revolutionen sind von hingebungsbereiten und überzeugten Individuen inspiriert.

Ich halte die Sea Shepherd Conservation Society bewusst in kleinem Rahmen. Wir haben bisher keine großen Mailing-Kampagnen geführt, wir investieren auch nicht in kostspielige Werbe- und Promotion-Kampagnen und führen keine Tür-zu-Tür-Sammlungen durch. Wir bleiben eine kleine unabhängige Organisation von Freiwilligen.

 

-) CANIS: Wie motivierst du dich ständig selbst, wenn du siehst, daß du z.B. von der Rücksichtslosigkeit japanischer Walfänger oder der Ignoranz der Bush-Administration umgeben bist? Hast du manchmal das Gefühl, daß wir einen Kampf gegen Windmühlen führen?

Paul Watson: Ich glaube, daß die Lösungen für unmögliche Probleme in unmöglichen Antworten liegen. Behalte den Glauben, daß diese Dinge überwunden werden können. 1970 war der Gedanke, daß Nelson Mandela einmal Präsident Südafrikas werden könnte, so unglaublich, daß er nicht einmal als Möglichkeit in Betracht gezogen wurde. Dennoch wurde er Präsident. Ich glaube auch, daß George Bush 2004 geschlagen werden wird. Und ich glaube, daß wir den Walfang in der Welt beenden werden. Ich glaube, daß wir die Welt verändern können. Wir gehen immer nur ein Stück voran. Wir gewinnen oft nur wenig Zeit. Wir machen zwei Schritte vorwärts, einen zurück – und manchmal zwei vorwärts und fünf zurück. Aber wir schlagen immer wieder zurück und hören nicht auf, vorwärts zu gehen. Der Sieg ist auf vielen Fehlversuchen aufgebaut.

Mich beeindruckt bis heute ein Zitat von Präsident Teddy Roosevelt19, als er sagte: „Es ist nicht der Kritiker, der zählt; jener Mann, der hervorhebt, wie starke Männer straucheln, oder was jene, die tatkräftig sind, noch besser hätten machen können. Die Ehre gebührt in der Tat jenem, der selbst in der Arena steht; dessen Gesicht von Schmutz, Schweiß und Tränen verschmiert ist; jenem, der sich heroisch bemüht; jenem, der irrt und immer wieder versagt – denn es gibt kein Vorwärtskommen ohne Irrtümer und Fehler Die Ehre gebührt dem, dem es nach der Tat verlangt; jenem, der großen Enthusiamus kennt und große Hingabe; jenem, der sich einer Aufgabe verschreibt, die es wert ist; jenem, der weiß, daß im besten Fall am Ende der Triumph wartet und im schlechtesten Fall – sollte er scheitern – sein Scheitern geschieht, während er Großes wagt. So wird sein Platz niemals bei jenen kalten und ängstlichen Seelen sein, die weder Sieg noch Niederlage kennen.“

 

-) CANIS: Wie ist deine Vision der nahen Zukunft des Planeten Erde? Wird sich, sagen wir, über die nächsten 50 Jahre das menschliche Bewusstsein ausreichend gewandelt haben, um die weitere Ausrottung der Arten zu verhindern? Oder ist der große Öko-Kollaps bereits unausweichlich?

Paul Watson: Traurigerweise glaube ich, daß ein ökologischer Kollaps eintreten wird, denn bisher konnte ich keine signifikanten Anzeichen erkennen, daß Menschen eine ökologische Intelligenz besitzen. Wir sind stark, wenn es um Technologie, aber schwach, wenn es um ökologischen Hausverstand geht. Wir streben Lösungen nur solange an, solange wir dafür keine Opfer bringen müssen. Wir befinden uns mitten in einer Periode des großen Artensterbens, dennoch sind die meisten Menschen blind dafür. Sie sind so beschäftigt mit ihrem trivialen Zirkus, den anthropozentrischen Zeitvertreiben Sport, Kunst, Klatsch, Politik, Wein, Essen und Spaß haben. Die Menschen fiedeln, während die Erde brennt. Es tröstet mich, daß die Erde das durchstehen wird, denn obwohl wir große Zerstörung bringen und noch bringen werden, haben wir nicht die Kraft, diesen Planeten zu zerstören. Unser destruktives Verhalten wird nämlich uns zuerst zerstören.

 

-) CANIS: Wie sehen Cpt. Paul Watsons eigene Zukunftspläne aus? Ziehst du dich irgendwann auf die der SSCS eigene Orkney Insel Little Green Hom zurück (*just kidding*)? Oder siegt dein Pioniergeist, um auch fürderhin gegen Vergewaltiger der Umwelt aufzutreten?

Paul Watson: Meine Vision der Zukunft ist so weitreichend, daß meine eigene Lebensspanne und Zukunft im Vergleich dazu unbedeutend erscheinen. Ein Naturschützer muss sich die Welt in tausend Jahren, in zehntausend Jahren, in zehn Millionen Jahren vor Augen halten und er muss verstehen, daß alle Taten der Gegenwart bestimmend sind, wie die Zukunft aussehen wird. Wenn ich von der Zukunft träume, dann von einer weit entfernten, wenn der Planet in einer relativen ökologischen Harmonie wiederhergestellt ist, wenn die Welt durch ökologische Gesetze bestimmt wird. Wir leben auch jetzt schon in einer Welt, in der diese Gesetze Gültigkeit haben. Hier und nun wird unsere kollektive ökologische Zukunft entschieden, und die Konsequenzen [unserer Handlungen] werden schon in kurzer Zeit über uns sein, innerhalb von Jahrzehnten oder Jahrhunderten. Ich kann mir nicht vorstellen, daß die menschliche Spezies noch länger als ein paar Jahrhundert Herr über diesen Planeten sein wird. Und ich glaube, daß wir Gefahr laufen, unsere eigene Ausrottung innerhalb weniger Jahrtausende einzuleiten. In 100.000 Jahren glaube ich nicht, daß es noch Menschen geben wird. Hoffentlich wird unsere [ökologische] Nische von einer Art ausgefüllt, die es mehr verdient als wir.

 

-) CANIS: Paul, wenn jemanden die Euphorie packt und dieser Jemand bei der SSCS anheuern will, was sind die Voraussetzungen, an Bord zu gehen und als Volontär aufgenommen zu werden. Und wie können weniger Abenteuerlustige eure Sache unterstützen?

Paul Watson: Jeder, der Mitglied der Sea Shepherd Conservation Society wird, kann sich als Volontär für die Crew während einer Kampagne bewerben. Informationen, wie man Crew-Mitglied wird oder uns unterstützen kann, stehen auf unserer Homepage unter www.seashepherd.org .

-) CANIS: Danke für das Interview und seitens unserer Organisation ein dreifaches Hooray auf Captain Paul Watson und seine guten Piraten!

 

Interviewer: Alexander Willer

 

FUßNOTEN:

1: Neptun war der römische Gott des Ozeans

2: Der Begriff conservation movement kann im Deutschen nicht vollends wiedergegeben werden, er beinhaltet Arten- ebenso wie Habitatschutz.

3: Hier gibt es eine Diskrepanz von drei Jahren zur offiziellen isländischen Version von 14 Jahren.

4: Benannt nach dem amerikanischen Biologen Farley Mowat, einem Pionier der Ökologiebewegung.

5: Die Färöer Inseln liegen im Nordatlantik, etwa auf halbem Weg zwischen Schottland und Island.

6: Meerestiere ohne Schuppen gelten nach dem AT als „unrein“ und daher nicht zum Verspeisen erlaubt.

7: Vancouver Island zählt zur Provinz British Columbia und liegt vor der Südwestküste Kanadas.

8: World Council of Whalers

9: Die Olympic Peninsula liegt im Nordwesten des US-Bundesstaates Washington

10: Der Buchtitel ist ein Wortspiel in Anleitung an das Schlagwort „Bury my heart at Wounded Knee“ („Begrabe mein Herz am Wounded Knee“), wo 1890 die U.S. Army an Massaker an Indianern verübte.

11: Cetaceen: Zoologische Bezeichnung für die Ordnung der Walartigen

12: Inselgruppe im Südwestpazifik

13: Anthropozentrismus: Philosophie, nach der der Mensch im Mittelpunkt aller Überlegungen steht und stehen muss.

14: Der Pathozentrismus schreibt allen Lebewesen, die leidensfähig sind (meist am Vorhandensein eines zentralen Nervensystems festgemacht) Grundrechte zu. Der Pathozentrismus wird von der Mehrzahl der TierrechtlerInnen vertreten.

15: Der Biozentrismus achtet alles, was lebt prinzipiell für gleichwertig. „Ich bin Leben inmitten von Leben, das leben will“, wie Albert Schweitzer es ausdrückte.

16: Der Holismus (holos = griech für „ganz“) betrachtet die Natur ganzheitlich und misst auch unbelebten Dingen wie Bergen, Wasserläufen, etc. einen Wert für sich bei.

17: Thomas Jefferson (1743-1826), Präsident der USA, Verfasser der Unabhängigkeitserklärung und Verfechter der Gewaltentrennung im Staat

18: Wortspiel im englischen Original: “You can't be more conservative than a conservationist.”

19: Theodore “Teddy” Roosevelt (1858-1919), Präsident der USA

 

Zur englischen Version dieses Interviews: www.canis.info/interviews/paul_watson_english.htm 

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