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CANIS-Interview
02/2002
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mit
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Dr.
Helmut F. Kaplan  |
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zum
Thema:
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Perspektiven
der Tierrechte
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17.März
2002
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1)
Herr Dr. Kaplan, Sie gelten als Vordenker der
Tierrechtsbewegung im deutschsprachigen Raum. Wie schätzen Sie die
Chancen ein, daß aus der bestehenden kleinen idealistischen Elite eine
breite Bewegung erwächst?
Das
ist schwer zu sagen: Je nachdem, unter welchem Gesichtspunkt man diese
Frage betrachtet, erscheint ein breiter Erfolg der Tierrechtsbewegung mehr
oder weniger wahrscheinlich. Aber das Entscheidende ist doch dies: Wir
alle, die wir die philosophische Stimmigkeit und ethische Notwendigkeit
der Tierrechtsbewegung erkannt haben, sind verpflichtet, alles in unserer
Macht Stehende zu tun, damit diese Bewegung möglichst rasch möglichst
erfolgreich ist.
2) Was muß geschehen, damit Vegetarismus/Veganismus
bzw. die Idee, Tieren Grundrechte zu verleihen, gesellschaftlich
mehrheitsfähig wird?
Zwei
Dinge sind besonders wichtig: Erstens dürfen wir nicht aufhören, den
Menschen drastisch vor Augen zu führen, welch gräßliches Leid den
Tieren überall und ununterbrochen zugefügt wird. Zweitens muß die Bevölkerung
unermüdlich über die entscheidenden biologischen Fakten - etwa die
Leidensfähigkeit der Tiere und ethischen Argumente etwa die
Parallelen zwischen Rassismus, Sexismus und Speziesismus informiert und
aufgeklärt werden.
3) Teilen Sie unsere Meinung, daß Tierrechte oder
Veganismus ebenfalls nur Mosaikteile eines noch weiter gefaßten Zieles
sein müssen, nämlich einer holistischen Gesellschaft? Damit soll nicht
ein zurück in die Höhlen gemeint sein, sondern ein ganzheitliches
Gesellschaftskonzept, daß Mensch, Tier, Natur und Kultur harmonisch
integriert? Schluß mit dem Irrglauben "Krone der Schöpfung"
oder "Spitze der Evolution".
Hier
liegt eine Riesengefahr, der wir uns stets bewußt sein müssen: Die
Vertreter der Tierrechtsbewegung kommen aus den unterschiedlichsten "weltanschaulichen
Ecken". Das Spektrum umfaßt "wertkonservative" Naturschützer,
"linke" Umweltaktivisten, "liberale" Intellektuelle,
esoterisch Orientierte usw. usw. Wenn alle diese Menschen beim Argumentieren
für Tierrechte auf ihrem jeweiligen ideologischen Hintergrund beharren,
ist das Scheitern unumgänglich. Deshalb sollten sich Tierrechtler auf das
revolutionär Neue an der Tierrechtsbewegung besinnen: auf die rationale,
"ideologiefreie" Argumentation, der sich niemand, der den
Anspruch erhebt, rational zu denken und zu handeln, entziehen kann.
4) Könnte der Holismus eine zukunftsträchtige
Alternative zum Kapitalismus der Gegenwart darstellen?
Ich
habe mich, unter anderem aus den erwähnten Gründen, nicht näher mit dem
Holismus befaßt. Aber grundsätzlich ist natürlich klar, daß die
Tierausbeutung nur ein Element eines allgemeinen "kleinteiligen"
Denkens darstellt. Auf ethischer Ebene heißt dieses "kleinteilige",
isolierte Denken und Handeln Egoismus. Und worum es bei der Tierethik wie
der Gesamtethik geht, ist die Überwindung dieses Egoismus. Noch ein Wort
zum Kapitalismus: Als institutionalisierte Egoismusförderung ist der
Kapitalismus die ethisch widerwärtigste Gesellschaftsform.
5) Das "Great Ape Project", das Vorhaben,
Menschenaffen "Menschenrechte" zu verleihen, wird allgemein als
Schritt zur Überwindung des Speziesismus gewertet. Könnte es sich aber
nicht als kontraproduktiv erweisen, Grundrechte für Tiere über deren
"Menschenähnlichkeit" erstreiten zu wollen? Da steckt der
anthropozentrische Ansatz doch weiterhin drinnen. Denn wodurch könnte
nach dieser Argumentationsschiene z.B. das Grundrecht auf Freiheit oder
Unversehrtheit bei einem Fisch oder Vogel begründet werden; Lebewesen,
die evolutionär weit weg vom Homo sapiens anzusiedeln sind?
Erstens:
Prinzipiell haben Sie mit Ihrem Einwand natürlich recht. Aber praktisch
ist es am einfachsten und effizientesten, zunächst und vor allem mit der
Ähnlichkeit zu argumentieren. Zweitens: Damit sensibilisiert man die
Menschen dafür, daß die Rechtsgrenze nicht mit der Speziesgrenze Mensch
Tier zusammenfällt. Und damit hat man das einfache, praktische
Argument: "Weil Tier, keine Rechte" vom Tisch. Mit der
Beseitigung des Pauschalurteils "Tiere haben keine Rechte" geht
automatisch eine Aufwertung aller Tiere einher eben, weil die
Feststellung Nicht-Mensch allein nicht mehr ausreicht, um Wesen
auszubeuten. Drittens: Entscheidend ist ja nicht die evolutionäre Nähe,
sondern die faktische Ähnlichkeit bzw. Vergleichbarkeit. Und die ist
zwischen Menschen einerseits und Fischen und Vögeln andererseits durchaus
auch gegeben, allem voran im Hinblick auf die Leidensfähigkeit.
6) Bei welchen Tiergattungen würden Sie persönlich
die Grenze für Grundrechte ziehen?
Bei
gar keinen. Alle Wesen haben das Recht, so zu leben, wie es ihren Anlagen,
Bedürfnissen und Interessen entspricht. Und wo wir nicht sicher sind, ob
ein Wesen bestimmte Interessen hat, müssen wir, quasi nach dem Grundsatz
"im Zweifel für den Angeklagten", davon ausgehen, daß es
sie hat.
7) Gegenwärtig gibt es Bestrebungen, Formulierungen
wie "human töten" in Gesetzestexte einfließen zu lassen. Sehen
Sie darin nicht einen Widerspruch in sich? Es sei denn, man definiert den
Menschen a priori als "Töter". Sie selbst schreiben ja auch, daß
es ein Unding ist, von "Schlachten in Würde" zu sprechen.
Selbstverständlich
ist es grober Unfug und Unsinn, von "humanem" oder "würdevollem"
Schlachten zu reden. Ebenso gut könnte man von humaner oder würdevoller
Folter oder Hinrichtung sprechen. Andererseits ist aber jede reale
Verbesserung des Schicksals der Tiere zu begrüßen.
8) Prof. Joseph Gitelson, Leiter des ehemaligen
Weltraumforschungsprogramms der Sowjetunion, antwortete in Wien bei einem
Vortrag auf die Frage, ob Vegetarismus für die Menschheit ein evolutionärer
Fortschritt wäre, mit einen knappen und klaren "Ja!". Stimmen
Sie dem zu?
Auf
alle Fälle. Andere umzubringen und aufzufressen, ist schließlich der
Inbegriff des Barbarischen, Rohen, Unzivilisierten. Jede Abkehr davon ist
ein Fortschritt. Das Gerede von "natürlichen Kreisläufen" und
dergleichen ist hohles Geschwafel, das von menschlicher Unreife und
Unmoral ablenken soll.
9) In den Niederlanden laufen beim Projekt PROFETAS
(Protein Food, Environment, Technology and Society) interdisziplinäre
Forschungen, wie sich die Herstellung von "Kunstfleisch" auf
Gesellschaft, Umwelt und Technik auswirken könnte. Glauben Sie persönlich,
daß darin eine Alternative zu Intensivtierhaltung und Umweltzerstörung
liegen könnte, nämlich in der massenhaften Produktion von "Fleisch"
auf Basis von Soja/Weizen oder Zellkulturen?
Ich
halte dies für die mit großem Abstand erfolgversprechendste
Zukunftsperspektive. Denn Menschen mit Ethik zu kommen, ist immer ein äußerst
mühseliges und unsicheres Unterfangen. Wenn aber vielfältige vegane
Lebensmittel zur Verfügung stünden, die gleich wie Fleisch
schmeckten
und vielleicht auch noch preisgünstiger und gesünder wären, so wäre
das eine sehr realistische Grundlage für revolutionierende Änderungen.
10) Sie waren einer der wenigen Philosophen, die
sogenannte "gewaltsame" Tierbefreiungen stets verteidigten,
indem Sie schrieben, daß die wahre Gewalt von den Tierausbeutern ausgeht;
die Tierbefreier hingegen in der Tradition der Bewegungen stehen, die quer
durch die Geschichte gegen Sklaverei oder Sexismus kämpften. Ist für Sie
nur "Gewalt" gegen Sachen legitim oder wäre es auch ein Fall
von Selbstverteidigung im Namen der gequälten Kreatur, wenn zum Beispiel
ein Jäger durch Körpereinsatz dabei gehindert wird, ein Tier zu töten?
Letzteres
halte ich nicht nur für zulässig, sondern für notwendig. Auch sollten
wir uns auf keine Aussagen in Richtung "nur Gewalt gegen Sachen"
festlegen lassen. Das tun wir ja auch in bezug auf Rettungsmaßnahmen für
Menschen nicht. Denken Sie etwa an Geiselbefreiungen. Als Orientierung
soll vielmehr die Frage dienen: Was wäre legitim, um Menschen in
vergleichbaren Situationen zu retten?
11) Einige persönliche Fragen zum Abschluß. Sie
selbst sind Vegetarier. Warum nicht Veganer? Welche Problematik verbinden
Sie mit Veganismus?
Zum
einen versuche ich, möglichst vegan zu leben. Zum anderen ist die Frage
"Vegetarisch oder vegan?" ungleich vielschichtiger, als es zunächst
den Anschein hat. Ich arbeite gerade an einem umfangreichen Aufsatz zum
Thema "Müssen Tierrechtler Veganer sein?" Er wird in den nächsten
Wochen auf www.fellbeisser.de erstveröffentlicht
werden.
12) Auf Ihrer Homepage steht zu lesen, daß nichts
dagegen spricht, daß Vegetarier rauchen, zumal dadurch keinen Tieren
Schaden zugefügt wird. Nun führen aber gerade die Tabakmultis Testreihen
mit Kaninchen oder anderen Tieren durch? Ihre Antwort darauf?
Ich
halte diesen Ansatz: "Das und jenes darfst Du nicht tun, denn da
laufen diverse Testreihen, die Du damit unterstützt" für völlig
willkürlich, verfehlt und wirkungslos. Was machen Sie, wenn es Testreihen
zur Entwicklung besserer Sonnen- und Lesebrillen gibt? Darf man dann nicht
mehr in die Sonne gehen und keine Bücher mehr lesen? Oder nehmen Sie den
medizinischen Bereich generell: Angesichts der vielen Tierversuche, die
hier stattfinden, dürfte dann kein Mensch mehr zum Arzt gehen. Die
einzige sinnvolle und zielführende Strategie ist: Tierversuche grundsätzlich
verbieten egal, wofür sie gemacht werden. Solange dies nicht geschehen
ist, wird es immer Diskussionen darüber geben, ob nicht zur Klärung
dieser oder jener ganz besonders wichtigen Frage Tierversuche doch noch
erlaubt werden müßten.
13) Würden Sie sich persönlich als religiös bzw.
spirituell bezeichnen; nicht im Sinne von kirchengebunden, sondern
gewissermaßen von innen heraus? Oder betrachten Sie sich selbst eher als
nüchternen Wissenschafter bzw. Agnostiker?
Ich
bin Agnostiker und glaube an keinen objektiven, vorgegebenen Sinn des
Lebens. Aber man kann dem Leben einen Sinn geben. Den Sinn
meines Lebens sehe ich im Lindern von Leiden.
Wir
danken für das Interview!
Mag.
Alexander Willer
Kontakt:
www.vegetarismus.org/kaplan
L i e f e r b a r e B ü c h e r :
- Leichenschmaus - Ethische Gründe für eine vegetarische Ernährung (rororo)
- Tiere haben Rechte - Argumente und Zitate von A bis Z (Harald Fischer
Verlag)
- Tierrechte - Die Philosophie einer Befreiungsbewegung (Echo Verlag)
- Wozu Ethik? - Über Sinn und Unsinn moralischen Denkens und Handelns (ASKU-PRESSE)
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