CANIS-Interview 02/2003

mit dem Wildbiologen

 Vladimir BOLOGOV 

zum Thema:

„Wolf sein in Russland“

23. Januar 2003

 

 

CANIS: Herr Bologov, viele Österreicher und Deutsche sahen ihren Dokumentarfilm „Der den Wolf versteht“ („Understanding wolves“). 

Die gezeigten Bilder waren faszinierend. Nichts desto trotz scheint die Situation für Wölfe in Russland schwierig zu sein. Was sind ihrer Meinung nach die Hauptprobleme dafür?

Bologov: Da gibt es zwei Hauptprobleme. Erstens, das Kopfgeldsystem und zweitens den Einsatz von Gift zur Bestandskontrolle. Beides ist als administrative Konsequenz zu sehen, die der Einstellung von Bauern und Jägern Folge leistet.

CANIS: West- und Zentraleuropa haben eine reiche Tradition an Märchen (z.B. „Rotkäppchen“ oder Werwolferzählungen). Gibt es in Russland ähnliche Geschichten? Hat der Wolf dort einen vergleichbar schlechten Ruf?

Bologov: Ich glaube, da gibt es einen großen Unterschied bezüglich der Menschen und ihrer Einstellung Wölfen gegenüber. Als Beispiel: Vor drei Wochen lief mein Wolf „Alf“ in ein Dorf und die Leute waren freundlich zu ihm.

CANIS: Können Sie einen Unterschied zwischen europäischen und asiatischen Russen (z.B. indigenen Völkern Sibiriens) feststellen, was deren Einstellung dem Wolf gegenüber betrifft? Gibt es so was wie eine „kulturelle Scheide“?

Bologov: Das glaube ich nicht. Es gibt aber einige Einstellungsunterschiede zwischen Stadt- und Landbewohnern.

CANIS: In welchem Teil Russlands arbeiten Sie? Über wie viele Mitarbeiter verfügen Sie? Wie viele Wölfe leben in etwa in dieser Gegend?

Bologov: Ich arbeite im Territorium der Region Tver. Das liegt zwischen Moskau und St. Petersburg. 

Unsere Biologische Station liegt im Nordwestteil von Tver, wo die größte Wolfsdichte im europäischen Teil Russlands zu finden ist. Gewöhnlich arbeite ich alleine. Seit 1996 helfen mir in der Feldforschung von Zeit zu Zeit Freiwillige und seit 1998 auch Studenten.

CANIS: Es gibt Schätzungen, die davon ausgehen, daß es in ganz Russland noch 200.000 Wölfe gäbe. Können Sie so eine enorm hohe Zahl bestätigen?

Bologov: Nein, das ist nicht die Wahrheit. Meiner Meinung nach gibt es in Russland heute zwischen 20.000 und 25.000 Wölfe. Die Zahl der Wölfe basiert auf einer Schätzung des Federal Hunting Game Survey Service, einem Büro der Abteilung für Jagd, die dem Landwirtschaftsministerium unterstellt ist. Die Analyse der Daten sieht so aus, daß einerseits regionalen Jagdverantwortlichen Fragebögen zugeteilt, andererseits im Winter Spuren untersucht werden. Nach diesen Schätzungen werden dann die staatlichen Abschussunterstützungen ausbezahlt. Auch die Intensität der „Wolfskontrolle“ beruht auf diesen Analysen.

Seit 1993 führt das Naturschutzgebiet des Central Forest Biosphere, im Westen der Tver-Region, auf seinem etwa 2.000 km2 großen Gebiet eigene Populationserhebungen durch. Von 1996 bis 1999 nahm die Wolfszahl von 10-11 auf 5-7 pro 1.000 km2 ab. Nach dem offiziellen Bericht der Abteilung für Jagd hat aber im selben Zeitraum die Zahl der Wölfe von 800 auf 950 zugenommen. Mit anderen Worten, es sieht so aus, daß wenn unsere lokalen Erhebungen ergeben, daß die Zahl der Wölfe von 22 auf 12 fiel (minus 45%), die Behörden von einer Zunahme um 16% sprechen. Dieser Trend in einem lokalen Untersuchungsgebiet ist repräsentativ für die ganze Region. Daher nehmen wir an, daß die offiziellen Zahlen in Tver um 30%-35% zu hoch liegen. Mit so einer fehlerhaften Methodik kann es natürlich passieren, daß die Gesamtzahl aller russischen Wölfe um 10.000 bis 15.000 Tiere überbeziffert ist.

CANIS: Gibt es in Russland viele Wolfsjäger, nachdem der Staat ja Kopfprämien aussetzt?

Bologov: Während der vergangenen Jahren töteten russische Jäger 10.000 bis 15.000 Wölfe. Die Wolfsjagd ist aber relativ teuer. Deshalb greifen die Landbewohner auch zu passiveren, weniger effektiven Methoden. 

Nur wenige schießen jedes Jahr einen Wolf. Aber reiche Städter sind oft bereit, ein- bis zweitausend Dollars für einen getöteten Wolf zu bezahlen. Die staatliche Kopfprämie variiert zwischen 10 und 70 US-Dollars.

CANIS: Wie sieht es mit amerikanischen oder europäischen Trophäenjägern aus, die hohe Summen für den Abschuss der Wölfe bezahlen? Massaker dieser Art sollen ja selbst vom Helikopter aus möglich sein. Haben Sie so etwas Ähnliches schon erlebt?

Bologov: Im März 2002 haben fünf deutsche Jäger in der Tver-Region drei Wölfe erschossen. Ich glaube, sie wussten aber nicht, daß ihnen russische Jäger dafür zahme Wölfe vor die Läufe trieben. Eine Wölfin ging sehr nah an ein Dorf heran, wo sie dann ein russischer Jäger erschoß. Aber das passiert seltener, denn die Jagd auf wilde Wölfe ist schwierig.  Das ist auch der Grund, warum manche russische Jagdveranstalter bereit sind, 100 bis 150  US$ für jeden Wolfswelpen zu bezahlen. Die Chance, einen Wolf vom Hubschrauber aus zu töten, ist sehr gering. Ein Beispiel: Im Februar 2000 habe ich einen Wolf innerhalb dreier Tage nur 11 Stunden vom Helikopter aus beobachten können.

CANIS: Gibt es in Russland irgendwelche Gesetze zum Schutz der Wölfe?

Bologov: In Russland wird der Wolf traditionellerweise als bitterer Feind der Haustiere betrachtet. Bis 1990 hatten alle Sowjetrepubliken dasselbe, zentralgeleitete Regulationssystem. Heutzutage haben die Regionen genug politische Kraft, um ihre Wildtierpolitik selbst zu bestimmen. Dabei gibt es viele unterschiedliche Systeme von Kopfgeldern und anderen Maßnahmen, die nicht nur von Region zu Region, sondern von Bezirk zu Bezirk variieren. Was überall gleich ist, ist das Faktum, daß die Jagd ganzjährig und mit allen Methoden erlaubt ist. Diese beinhalten auch solche, die bei anderen Wildtieren verboten sind, z.B. Jagd aus dem Auto, Flugzeug, durch Schlingen oder Gift.

CANIS: Auf welche Weise könnten sogenannte Nutztiere am Besten vor Wölfen geschützt werden? Durch elektrische Zäune? Oder wären diese für russische Bauern zu kostspielig?

Bologov: Mein Vater hat eine sehr einfache Schutzmethode entwickelt, eine Technik zum Abschrecken der Wölfe, die wir sehr empfehlen. Sie sieht so aus, daß Gegenstände entweder an der Abzäunung oder zusätzlich auch 10-20 m davor montiert werden; und zwar im Abstand von 40 bis 60 Metern. Am Besten rundherum um die Koppel. Diese Gegenstände können Fetzen, Zellophan oder Alufolien sein. 10 bis 15 Tage später verändert man die Anordnung der Objekte oder tauscht sie am Besten durch andere aus. Bei Weiden gilt dasselbe. In die Richtung, aus der Angriffe durch Predatoren am Ehesten zu erwarten sind, müssen die Gegenstände gelegt werden. Neben dem ist die Person des Hirten entscheidend. Er muß ebenfalls in der Richtung sein, aus der die Beutegreifer attackieren würden; die Wölfe müssen ihn oft sehen und er muß laut sprechen. Einzelgängerische Nutztiere oder solche, die am Rande der Herde grasen, müssen Glöckchen tragen. Sobald die abschreckenden Objekte nicht mehr gebraucht werden, sammelt man sie ein und hebt sie für das nächste Jahr auf.

CANIS: Was halten Sie vom Einsatz von Herdenschutzhunden? Durch diese speziellen Rassen würde der Riss von „Nutztieren“ minimiert und es gäbe für die Bauern und Jäger keinen Grund, Wölfe zu töten.

Bologov: Niemand hier verwendet Herdenschutzhunde. Vielleicht liegt das daran, daß die Wölfe hier öfter Hunde als Schafe töten.

CANIS: Wie können Österreicher oder Deutsche Ihr Projekt unterstützen?

Bologov: Da gibt es drei Möglichkeiten. Erstens, die Aufmerksamkeit der Menschen für das Projekt wecken. Zweitens kann sich jeder als Voluntär melden. Durch die Gelder dieser Freiwilligen wird ja der Großteil der Projektkosten getragen. Mehr Informationen dazu auf der Website www.ecovolunteer.de. Und zum Schluß: durch finanzielle Unterstützung. 

Wer spenden möchte, kann dies auf mein Konto tun*.

CANIS: Einige persönliche Fragen. Warum haben Sie Ihr Leben den Wölfen gewidmet? Gab es da Schlüsselmomente in der Vergangenheit?

Bologov: Ja, ich glaube, Schlüsselmomente sind typisch für jeden Wolfsforscher. Es ist das Treffen mit Wölfen in der Natur.

CANIS: Was an Wölfen fasziniert Sie am meisten?

Bologov: Der Rhythmus ihrer Bewegungen.

CANIS: Und  was war bisher überhaupt Ihr beeindruckendstes Erlebnis mit Wölfen?

Bologov: Jeder einzelne Tag mit den Wölfen im Wald ist beeindruckend. Aber ich erinnere mich immer wieder an den 31.März 1995 als mich vier Wölfe für etwa eine Minute beobachteten.

CANIS: Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, wie würde der lauten?

Bologov: Ich würde gerne fliegen können. So wäre meine Feldforschung leichter zu bewältigen.

 

SPENDEN AN VLADIMIR BOLOGOV:

Corresponding Bank: The Bank of New York; Swift: IRVT US 3N, 890-0057-610 

oder  

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© Tierrechtsverein CANIS International                                                                                                                Text und Interview: Mag, Alexander Willer                                                                                                              Layout und Bearbeitung: Marion Schönborn/H.-J.Steppuhn
© Fotos: Vladimir Bologov

 

 

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