CANIS-Interview 01/2003

mit dem renommierten Canidenforscher

 Günther BLOCH 

zum Thema:

"Die Wölfe von Bow Valley"

16./17. Januar 2003

 

CANIS: Der Anlaßfall für dieses Interview ist der Tod der Wölfe „Storm“ und „Yukon“ vor wenigen Wochen. Beide fielen sogenannten snares, Fangschlingen, zum Opfer. Du hast diese Tiere durch deine Feldforschungen im kanadischen Bow Valley sehr gut gekannt. Was sind deine Eindrücke kurz nach dem tragischen Vorfall?

G.B.: Normalerweise löst der Tod von Wölfen in Kanada kein all zu großes Aufsehen aus. Es ist fast sowas wie business as usual. Doch in diesem Fall hat es die „Falschen“ getroffen. „Storm“ und „Yukon“ sind – ich würde fast sagen – weltweit allen Wolfsfreunden ein Begriff.

CANIS: Du meinst hauptsächlich durch dein erst jüngst erschienenes Buch „Timberwolf, Yukon & Co.“?

G.B.: Ja. Gemeinsam mit meiner Frau Karin und sehr engagierten Mitarbeitern habe ich die Wölfe intensiv studiert. Sie hatten ihre Scheu vor uns mittlerweile schon soweit abgelegt, daß sie in unmittelbare Nähe unseres Autos kamen. Nach dem Tod der beiden war die Reaktion vieler Menschen: „Yukon, das ist doch der Beta-Rüde vom Bow Valley Rudel“. Eine Antwort, die zeigt, daß die Wölfe hier im Banff National Park vielen ein Begriff und Anliegen sind.

Photo : "STORM"

CANIS: Apropos Anliegen. Deine Forschungen laufen offiziell unter dem Namen Bow Valley Behavior Study. Was genau ist euere Zielsetzung?

G.B.: In den letzten Jahren starben über 17 Wölfe aus dem Banff National Park. Das liegt einerseits am Straßen- und Schienenverkehr, aber auch an den Jägern und Fallenstellern, die außerhalb der Parkgrenzen die Wölfe töten. Dagegen mußte auf wissenschaftlich-seriöser Basis was unternommen werden. Wir untersuchen den impact der menschlichen Zivilisation auf das Verhalten der Wölfe und anderer Wildtiere und bieten konkrete Lösungsvorschläge zur Verbesserung der Situation an. Wissenschaftlicher Direktor ist Dr. Paul Paquet von der Uni Calgary.

CANIS: Was wären z.B. konkrete Lösungsvorschläge, damit das Überleben der Wolfspopulation im Bow Valley gesichert ist?

G.B.: Eine wichtige Maßnahme wäre, den Parkway (1 A) des Banff National Parks für Touristen und den Autoverkehr zwischen Dämmerung und Morgengrauen zu schließen. Damit könnte das disrupting behavior – also die Störung des Jagd- und Spielverhaltens der Wildtiere – sehr eingeschränkt werden. Diese Unterbrechungen natürlicher Verhaltensregeln durch den Menschen machen bereits 40% - 50% aus. Außerdem wäre es tagsüber sinnvoll, den Individualverkehr Hunderter autorisierter Touristen zu kanalisieren; z.B. durch Shuttle-Busse. Das ist auch ökologisch viel verträglicher. Die wichtigste Forderung überhaupt geht in Richtung Installation einer „Pufferzone“, wie es im Denali National Park (Alaska) oder im Algonquin Provincial Park (Ontario) bereits Usus ist.

CANIS: Welchen Vorteil brächte diese „Pufferzone“?

G.B.: Es ist ja so, daß die Grenzen des Banff National Parks nicht ökologischen Anforderungen entsprechen, sondern willkürlich gezogen wurden. Weder Wildwechsel noch traditionelle Wanderrouten wurden berücksichtigt. Daher sollte man das Problem entschärfen, indem man die Randzonen außerhalb des Parks als Puffer nimmt, in dem weder gejagt werden darf, noch Fallenstellerei betrieben wird. „Yukon“ und „Storm“ wurden ja von Gesetzes wegen ganz legal getötet – leider!

CANIS: Wie sieht es mit Jagd, Fallenfang, Pelzindustrie im Allgemeinen rund um Banff aus?

G.B.: Alle diese Gewerbe sind natürlich im Westen Kanadas durch extrem starke Lobbies gestützt. Gerade die Jagd bringt viele Devisen. Vor allem der Wahnsinn der Trophäenjagd, dem von betuchten Hobbyjägern aus nah und fern gefrönt wird. Da werden wahllos ökologische Systeme ruiniert. Dazu kommt: Sowohl trappers als auch hunters müssen ihre kills nicht melden. Auch sehr heikel sind die „traditionellen Rechte“ der Indigenen. Gerade die Native People pochen darauf, als Pelzjäger ihr Geld zu verdienen. Hobbyjäger gibt es hier sowieso sehr viele. Es bedarf nur einer Alibi-Ausbildung sowie 45 Dollars, um eine Lizenz zum Abschuß von Wildtieren zu erhalten. In vielen Familien zählt die Jagd auf Kojoten oder Wölfe auch als eine Art „Mannbarkeitsritual“, an dem Väter mit ihren Söhnen teilnehmen.

CANIS: In Deutschland, Österreich und in vielen anderen europäischen Staaten ist der Wolf eine streng geschützte Art. Was ist der Unterschied zu Kanada?

G.B.: Die Kanadier sind stolz auf ihre scheinbar unendlichen Wildlife-Resourcen. Es ist daher aus Sicht offizieller Stellen offensichtlich nicht nötig, Wölfen einen besonderen Schutzstatus zu verleihen. Im Unterschied zur USA existiert hier auch kein Endangered Species Act. Die Berner Konvention zum Schutz wandernder Wildtierarten wurde nicht unterzeichnet.

CANIS: Wie sieht das Ökosystem im Moment im Banff National Park aus?

G.B.: Nicht nur die Zahl der Wölfe ist rückläufig. Auch Elche, Hirsche, Dickhornschafe und Kojoten wurden weniger. Lediglich die Rehdichte stieg, vermutlich, weil sie weniger anspruchsvolle Nahrungskonkurrenten der Hirsche sind. Auch die Kojotenzahl nahm wegen eingeschleppter Räude ab. Gerade bei den Wölfen zählt aber nicht nur die Zahl der Tiere, sondern das Wissen.

CANIS: Was ist unter „Wissen“ zu verstehen?

G.B.: Wenn die Leittiere eines Rudels getötet werden, bricht die ganze Struktur zusammen. Traditionelles Wissen, ein wichtiger Teil des Genpools geht verloren. Wie das jetzt z.B. durch den Tod von „Storm“ und „Yukon“ geschah.

CANIS: Bedeutet das das Ende der Wölfe im Bow Valley bei Banff?

G.B.: Ich hoffe nicht! Derzeit sind vom Rudel noch zwei Wölfe, das Weibchen „Hope“ und „Nanuk“ am Leben. „Hope“, war „Storms“ Partnerin, und der kleine schwarze „Nanuk“ ist ihr Nachkomme, der einzige von sechs Welpen aus dem Wurf des Jahres 2002, der überlebt hat. Er trägt als letzter das genetische Material von „Storm“ in sich. Aufgrund der extremen Wetterverhältnisse kurz nach seiner Geburt (Schnee im Mai), hat er einen leichten motorischen Fehler, ist aber sonst topfit.

CANIS: Deine Bewunderung gilt aber auch der Wölfin „Hope“.

G.B.: Ja, sie hat nicht nur einen Autounfall überlebt, sondern trägt auch Antikörper gegen Staupe und Parvovirose in sich. Sie ist eine Kämpferin und vollauf fit. Ihre Spuren beginnen im Fairhome-Rudel, das wiederum eine Abspaltung des bekannten Cascade Packs ist. Aber nicht nur sie, auch die Rüden waren toll. „Storm“ erhielt nach einer Hirschattacke als erster Wolf einen Sehne durch Teile eines Knochens ersetzt. „Yukon“ überstand ebenfalls eine Kollision mit einem Auto ohne größere Folgeleiden.

CANIS: Noch eine Frage zum Autoverkehr. Entlang der Freeways wurden doch zwei bogenartige Übergänge errichtet. Nehmen die Wildtiere diese architektonischen Wildwechsel über die Schnellstrassen auch an?

G.B.: Mittlerweile schon, ja. Allerdings wäre es besser gewesen, diese Tunnels nicht nur nach ökonomischen Kriterien zu errichten, sondern geographisch an jenen Punkten, wo bereits traditionelle Wildwechsel existieren. Man muß sich vorstellen, daß alleine im 25 km langen Straßenteil zwischen Castle Mountain und Lake Louise jährlich 10 Millionen Autos durchrasen. Das führt natürlich zu Unfällen. Erst im Sommer wurde eine Grizzlymutter samt ihrem Kind getötet.

CANIS: Die politische Verantwortung tragen ja die Premiers der kanadischen Provinzen Alberta und British Columbia. An sie muß der sachlich-fundierte Protest aus möglichst vielen Ländern gerichtet werden. Aber wie kann man dein Projekt unterstützen , wie kann den Wölfen direkt geholfen werden?

G.B.: Nun, zum einen gilt es, den Verantwortlichen klar zu machen, daß die Zahl der Touristen weit größer und damit auch lukrativer für die Region ist als die der Jäger. Öko-Tourismus ist sicher eine Branche mit Zukunft. Zum anderen können für „Hope“ und „Nanuk“ um 75,- Euro pro Kalenderjahr Patenschaften übernommen werden, die direkt in die Forschung und Habitatserhaltung fließen. Die Patin, der Pate erhalten ein Zertifikat, ein authentisches Foto „ihres“ Tieres sowie regelmäßige Updates über die Situation vor Ort.

CANIS: Günther, dir, deiner Crew und den Wölfen viel Durchhaltevermögen. Wenn nomen wirklich omen ist, dann birgt die erst 2 ½ Jahre junge  „Hope“ samt Sprößling sicher Hoffnung für die Wölfe im Bow Valley. Danke für das Interview.

 


 

PATENSCHAFTEN

"HOPE"

 

"NANUK"

Wenn Sie Patenschaften für die Wölfe "Hope" und/oder "Nanuk" übernehmen möchten, schreiben Sie bitte an info@canis.at . Geben Sie bitte Ihre Postadresse an und fügen Sie den Namen des Wolfes ein, für den Sie gerne eine Patenschaft übernehmen möchten. Die Bankverbindung für die Überweisung lautet : 

Kreissparkasse Euskirchen

BLZ : 382 501 10

Kontonummer : 631 98 34

BANK AUSTRIA

BLZ : 20151

Kontonummer : 739296994

 


 

 

Die beiden getöteten Wölfe " Storm " und "Yukon"

 

 

Weiterhin möchten wir Sie bitten, die Proteste nicht abreißen zu lassen ! 

 

The Hon. Ralph Klein
Premier of Alberta
Room 307 Legislature Building
10800 - 97th Avenue
Edmonton, Alberta T5K 2B7
Phone: (780) 427-2251
Fax: (780) 427-1349
E-Mail:
Premier@gov.ab.ca 

The Hon. Gordon Campbell
Premier of British Columbia
PO Box 9041  
STN PROV GOVT
           Victoria, B.C. V8W 9E1 
Phone: (250) 387-1715
Fax: (250) 387-0087
E-Mail:
Premier@gov.bc.ca 

 

Mit dem Kauf des Buches " Timberwolf, Yukon & Co." unterstützen Sie ebenfalls das Bow Valley- Projekt von Günther Bloch. Zu beziehen für € 30,- bei : 

www.kynos-verlag.de 

 


Zu den Patenschaften 

  

 

© Tierrechtsverein CANIS International

Text und Interview: Mag. Alexander Willer

© Fotos: Günther Bloch/Bow Valley Behavior Study, Uwe Brauns und Achim Füger

Photobearbeitung und Layout : H.-J. Steppuhn und Marion Schönborn

 

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