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Gutachten von Frau Prof. Irene Stur, Universität Wien |
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Teil II |
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Bei der Gefahr, die von Hunden ausgeht, sind zwei Punkte zu unterscheiden: 1) die allgemeine Tiergefahr: sie ergibt sich aus der Unberechenbarkeit des nicht vernunftbegabten Tieres und gilt grundsätzlich für alle Tierarten in der Obhut des Menschen. 2) die spezielle Gefahr, die von einem Einzeltier ausgeht und die sich aus individuellen Besonderheiten ergibt. Diese Besonderheiten können a) individuelle Wesensmerkmale des Hundes b) individuelle körperliche Merkmale des Hundes c) individuelle Merkmale des Hundebesitzers bzw. Hundehalters d) Unfallsituation e) individuelle Merkmale des Geschädigten betreffen. Der Gesetz- bzw. Verordnungsgeber geht davon aus, daß von Hunden bestimmter Rassen allein auf Grund ihrer Rassezugehörigkeit eine höhere Gefahr ausgeht als von Hunden anderer Rassen. Das würde voraussetzen, daß in einem oder mehreren der oben genannten Punkte erfaßbare Unterschiede zwischen Hunden verschiedener Rassen bestehen. zu a) individuelle Wesensmerkmale des Hundes Das Wesen des Hundes wird definiert als die Gesamtheit aller angeborenen und erworbenen körperlichen und seelischen Anlagen, Eigenschaften und Fähigkeiten, die sein Verhalten zur Umwelt bestimmen, gestalten und regeln (SEIFERLE 1972). Der Begriff umfaßt das gesamte Verhalten eines Hundes seinen Menschen gegenüber, seine Bindung an diese, weiter das Verhalten fremden Menschen und neuen Reizen gegenüber und das Verhalten zu anderen Hunden. Er beinhaltet dabei die Neigung eines Hundes zur Dominanz bzw. zur schnelleren Unterordnung, umschließt konstitutionelle Faktoren wie Reaktionsbereitschaft, Reaktionsgeschwindigkeit und Ausdauer und bezieht sich auf das Verhaltensinventar eines Hundes, das mehr oder weniger vollständig sein oder z.B. Ausfälle einerseits wie Übersteigerungen andererseits innerhalb bestimmter Funktionskreise ausweisen kann. Auch das Temperament, die Ausdauer, die Fähigkeit des Hundes, assoziativ und durch Kombination zu lernen, fließen in den Begriff Wesen mit ein. Der Begriff Wesen ist somit äußerst komplex und schließt daher per se eine einfache und meßbare Beurteilung bei einzelnen Hunden bzw. bei Hunden einer Rasse aus, zumal in die Definition auch die Umwelt des Hundes, die weder meßbar noch standardisierbar ist, eingeht. Wesensmerkmale gehören daher großteils zu den niedrig heritablen Eigenschaften, deren genetische Erfassung beim Einzeltier bzw. in einer Population nur bedingt möglich ist. Objektive Einzelbeurteilungen bzw. Beurteilung von Rassenunterschieden lassen sich allenfalls in Bezug auf einzelne definierte Verhaltensweisen verwirklichen. So beschreiben FEDDERSEN-PETERSEN (1992) und FEDDERSEN-PETERSEN und HAMANN (1994) Unterschiede in der Verhaltensontogenese verschiedener Rassen (Labrador Retriever, Golden Retriever, Siberian Husky, Bullterrier, Großpudel, Zwergpudel, Schäferhund), beurteilt am Zeitpunkt des frühesten Auftretens bestimmter Verhaltensweisen. HART und MILLER (1985) erstellten auf der Basis subjektiver Beurteilungen, bei denen ausgewählte Tierärzte, Formwert- und Leistungsrichter sowie Hundeausbildner 56 Hunderassen nach dem Ausprägungsgrad vorgegebener Merkmale zu reihen hatten, Rassenprofile für bestimmte definierte Verhaltensweisen wie z.B. Erregbarkeit, Bellfreudigkeit, Bereitschaft zum Gehorsam, Aggression gegen andere Hunde, Dominanz über den Besitzer etc.. Sie stellten fest, daß für verschiedene Merkmale wie z.B. Erregbarkeit und allgemeine Aktivität größere Unterschiede zwischen den Rassen zu erkennen waren als für andere Merkmale wie z.B. Aggression gegen Hunde und Dominanz über den Besitzer. Auf der Basis von Faktorenanalyse und Clusteranalyse stellten HART und HART (1985) aus dem gleichen Datenmaterial Rassengruppen mit ähnlichen Verhaltenstendenzen zusammen. So gehören z.B. der Rassengruppe mit den Merkmalen "sehr hohe Aggressionsbereitschaft, niedrige Reizschwelle und mittelgradige Erziehbarkeit" Rassen wie Dackel, Zwergschnauzer, Chihuahua und diverse Terrier an. Zu der Rassengruppe mit den Merkmalen "sehr hohe Aggressionsbereitschaft, sehr gute Erziehbarkeit und sehr hohe Reizschwelle" gehören Rassen wie der Deutsche Schäferhund, Akita Inu, Dobermann und Rottweiler. Ein Hinweis auf besondere Gefährlichkeit bestimmter Rassen läßt sich aus diesen Ergebnissen nicht ableiten, da speziell die Merkmale Reizschwelle und Erziehbarkeit nur in der Interaktion mit der individuellen Umwelt einen Einfluß auf gefährdendes Verhalten eines Einzeltieres haben. Die Autoren untersuchten in dieser Studie auch Unterschiede im Verhalten zwischen weiblichen und männlichen Tieren und fanden bei den weiblichen Tieren eine Überlegenheit bei den Merkmalen Gehorsamstraining, Erziehung zur Stubenreinheit und Fordern von Zuwendung; bei den männlichen Tieren waren Merkmale wie Dominanz gegenüber dem Besitzer, Aggression gegen andere Hunde, generelle Aktivität, Territorialverteidigung, Schnappen nach Kindern, Destruktivität und Verspieltheit stärker ausgeprägt. Bei der Wertung dieser Ergebnisse ist allerdings die sehr subjektive Grundlage der Datenauswertung zu berücksichtigen. Die wissenschaftlich fundierte Beurteilung von Verhalten und Wesen bei Hunden, die die Voraussetzung für eine berechtigte Differenzierung zwischen verschiedenen Rassen wäre, setzt in jedem Fall eine möglichst objektive Merkmalserfassung, eine standardisierte Prüfsituation sowie ausreichendes Zahlenmaterial für eine statistische Absicherung voraus. Wesenstests wie z.B. der Campbell-Test (CAMPBELL, 1975) wären möglicherweise geeignete Verfahren zur Beurteilung von Wesens- und Verhaltensmerkmalen einzelner Hunde bzw. zur Erfassung von Rassenunterschieden. Es fehlen allerdings bis jetzt ausreichend wissenschaftlich abgesicherte Untersuchungen zur Evaluation der Testaussage. Nur bei Beagles (VENZL, 1990) wurde bisher der Campbell-Test in Hinblick auf seine Aussagekraft evaluiert. Aggression als ein definiertes Wesensmerkmal läßt sich ebenso schlecht objektivieren. Eine Untersuchung von SCHLEGER (1983) weist den Bullterrier als angeblich besonders aggressive Rasse aus, bei der selbst arterhaltende Funktionskreise wie Paarung und Welpenaufzucht durch extrem aggressives Verhalten der Paarungspartner gegeneinander bzw. der Mutter zu ihren Welpen gestört sind. Das beobachtete Untersuchungsmaterial umfaßte allerdings nur 11 Würfe mit insgesamt 58 Welpen. Zudem lag im Untersuchungszeitraum in der betreffenden Bullterrierpopulation ein sehr hoher Inzuchtkoeffzient vor (zwischen 19% und 22%), da seit 1960 zur Verbesserung des Rassestandards einige Bullterrier aus England importiert wurden und in der Folge enge Linienzucht auf einige wenige Ahnen betrieben worden war. Die beobachteten aggressionsbedingten Probleme sind somit eher als inzuchtbedingte Konsolidierung von ethopathieauslösenden Defektgenen in einer Abstammungslinie zu sehen, denn als rassetypische Verhaltensweisen. Bei Berner Sennenhunden wurde von van der VELDEN et al. (1976) ein Hinweis auf eine genetisch bedingte Ethopathie gefunden, die zu aggressivem Verhalten der Hunde führte. Die betroffenen Tiere waren immer Rüden und fielen als Welpen durch besondere Scheu und Nervosität auf. Als Grundlagendefekt wurde eine Verringerung der Reizschwelle für sexualhormongesteuerte Aggression angenommen. Nach SCOTT und FULLER (1965) ist eine wesentliche Grundlage für genetische Unterschiede in der Aggression zwischen Rassen der Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Tieren. In aggressiveren Rassen ist der Geschlechtsunterschied in Bezug auf aggressives Verhalten stärker ausgeprägt als in weniger aggressiven Rassen. In dieser Studie wurden als aggressivere Rassen Foxterrier und Basenjis, als friedlichere Rassen Cockerspaniels und Shelties eruiert. Vergleichbare Ergebnisse wurden von PINXTEREN et al. (1983) gefunden. Aus Befragungen von insgesamt 202 Hundebesitzern ging hervor, daß aggressives Verhalten den größten Anteil an Verhaltensstörungen ausmacht. Es konnte keine direkte Rassenpredisposition gefunden werden, allerdings zeigte sich, daß bei Mastiffs, Hütehunden und Mischlingen Rüden deutlich aggressiver waren als Hündinnen derselben Rasse. Eine objektive Bewertung der besonderen Aggressivität und damit wesensbedingter Gefährlichkeit bestimmter Rassen könnte sich allenfalls aus einer Überrepräsentation einzelner Rassen an der Beteiligung an Unfällen mit Hunden ergeben. Dazu gibt es eine Reihe von Untersuchungen. WRIGHT (1985) fand bei insgesamt 5711 Beißzwischenfällen mit Hunden insgesamt 16 schwerwiegende Vorfälle, bei denen der Hund mehrmals zubiß. Alle 16 Hunde waren Rüden und 10 hatten bereits vorher gebissen. Es waren dies fünf American Staffordshire Terrier, drei Bernhardiner und zwei Cockerspaniel. Alle Vorfälle spielten sich in unmittelbarer Nähe der Wohnung des Hundebesitzers ab. Nach einer Untersuchung von PODBERSCEK and BLACKSHAW (1990) waren vor allem männliche Vertreter großer Hunderassen, vor allem Deutsche Schäferhunde, Bullterrier, Pit Bull Terrier und Labradors an Bißverletzungen beteiligt. In den meisten Fällen waren die Opfer dem Hund bekannt und der Vorfall geschah in unmittelbarer Umgebung des eigenen Territoriums. Streunende Hunde attackierten Menschen nur selten. AVNER und BAKER (1991) werteten Bißverletzungen bei insgesamt 168 Kindern aus. In 35 Fällen waren Deutsche Schäferhunde beteiligt, in 33 Fällen Pit Bulls, weiters 9 Rottweiler, 7 Dobermann, 6 Terrier und 5 Huskies. Rüden bissen häufiger als Hündinnen und die meisten Bißverletzungen erfolgten durch dem Kind bekannte Hunde und im direkten Umkreis des Wohnbereiches des Hundes. BLACKSHAW (1991) fand in einer Auswertung von Daten einer Spezialklinik für Verhaltensstörungen in Australien bei 87 Hunden, die wegen Aggression gegen Menschen vorgestellt wurden 16% Bullterrier, 15% Deutsche Schäferhunde und Schäfermischlinge, 9,2% Hütehunde, 9,2% Terrier, 8% Labradors, je 5,7% Pudel und Cockerspaniel und 4,6% Rottweiler. SHEWELL und NANCARROW (1991) untersuchten im Rahmen einer Fragebogenaktion die Beteiligung von Rassen an Beißvorfällen. Aus insgesamt 107 retournierten Fragebögen zeigten sich am häufigsten beteiligt Staffordshire Bullterrier (15 Fälle), Jack Russel Terrier (13 Fälle), mittelgroße Mischlinge (10 Fälle) und Deutsche Schäferhunde (9 Fälle). In den meisten Fällen waren es Rüden, die bissen und es wurden vor allem die Besitzer der Hunde im Heim des Hundes gebissen. Eine Polizeistatistik von HARTWIG (1990) über Schußwaffengebrauch zum Töten von Hunden weist von insgesamt 34 Fällen, in denen Hunde wegen Schädigung von Menschen oder Tieren mit der Schußwaffe getötet wurden, 16 Deutsche Schäferhunde, 1 Mischling, 5 Pit Bulls, 2 Rottweiler, 3 Boxer, 1 Wolfspitz, 1 Windhund, 2 Berner Sennenhunde, 1 Bernhardiner, 1 American Staffordshire Terrier und 1 Dogge aus. REHAGE (1992) gibt aus einer Kleintierpraxis eine Übersicht über Hunde, die seit 1987 wegen Hyperaggressivität euthanasiert werden mußten. Es waren dies insgesamt: 5 Rottweiler, 4 Deutsche Schäferhunde, 2 Münsterländer, 7 rote Cockerspaniel, 5 Mischlinge, 1 Hovawart, 2 Chow Chow, 1 Pudel, 2 Dackel, 1 Deutsch Kurzhaar. In einer Untersuchung über Bißunfälle mit Todesfolge (insgesamt 109 Fälle) (SACKS et al., 1996) waren in 24 Fällen Pitbullterrier, in 16 Fällen Rottweiler und in 10 Fällen Schäferhunde beteiligt. Eine andere entsprechende Studie, in der Bißvorfälle mit Todesfolge über einen Zeitraum von 1979 bis 1996 ausgewertet wurden (MMWR, 1997) weist 60 Pitbullterrier, 29 Rottweiler, 19 Schäferhunde, 14 Huskys, 12 Alaskan malamute, 8 Dobermann, 8 Chow Chow, 6 Doggen, 4 Bernhardiner, 4 Akita Inu, 14 Wolfhybriden, 11 Schäfermischlinge, 10 Pitbullmischlinge, 6 Husky Mischlinge, 3 Alaskan Malamute Mischlinge, 3 rottweiler mischlinge, 3 Chow Chow Mischlinge und 199 Mischlinge unbekannter Herkunft als beteiligte Rassen aus. In einer an der Universität Utrecht durchgeführten Studie über angstbedingte Aggression bei Hunden (GALAC und KNOL, 1997) wurden insgesamt 284 Hunde, die im Zeitraum zwischen 1991 und 1994 wegen Verhaltensproblemen vorgestellt wurden, ausgewertet. Bei 26% wurde angstbedingte Aggression diagnostiziert. Am häufigsten waren mit insgesamt 18 Hunden Mischlinge vertreten, gefolgt von Golden Retrievern (9 Hunde), Rottweiler (6 Hunde) und Berner Sennenhunden (4 Hunde). Das aggressive Verhalten bestand in Knurren, Schnappen, Beißen mit angelegten Ohren, gesenktem Schwanz und geduckter Körperhaltung. Es richtete sich gegen Kinder und Erwachsene und wurde vor allem im Haus gezeigt, wenn ein Mensch sich dem Hund näherte oder ihn berührte. Alle genannten Untersuchungen zeigen zwar bestimmte Rassen in Zusammenhang mit Bißvorfällen, für eine fundierte und berechtigte Inkriminierung bestimmter Rassen als besonders gefährlich auf der Basis dieser Untersuchungen müßte aber a) die Zahl der an Bißvorfällen beteiligten Hunde einer Rasse in Relation zu der Gesamtzahl der Hunde dieser Rasse im Untersuchungsgebiet bewertet werden b) die Überrepräsentation von Vertretern einer Rasse statistisch abgesichert werden. c) der Einfluß anderer Faktoren auf den Bißvorfall bei der Auswertung berücksichtigt werden. d) jeweils ein größeres Zahlenmaterial ausgewertet werden
Die ersten beiden Plätze werden vom Deutschen Schäferhund und dem Mischling eingenommen. Auf die übrigen, in der Verordnung der Steiermärkischen Landesregierung genannten Rassen, wird in dieser Arbeit kein Bezug genommen. Aus der Rangierung gehen keine genaue Zahlenangaben hervor und die Beteiligung einzelner Rassen an Beißvorfällen wird nicht in Relation zur der Gesamtzahl der Hunde dieser Rassen gewertet. In einer Untersuchung von BERZON (1978) wurde festgestellt, daß 44% aller Hundebisse auf das Konto Deutscher Schäferhunde gingen, obwohl diese nur 22% der Hundepopulation ausmachten SZPAKOVSI et al. (1989) fanden in einer Untersuchung an 250 Beißvorfällen eine im Verhältnis zur Gesamtpopulation um 2% erhöhte Beteiligung von Schäferhunden und Mischlingen. In einer Untersuchung von TERNON (1993), die aus Protokollen österreichischer Versicherungen die Ursachen von Bißvorfällen mit Hunden analysierte, wurde unter anderem die Zahl der an Vorfällen beteiligten Hunde einzelner Rassen mit der Zahl der jeweils im Österreichischen Hundezuchtbuch (ÖHZB) eingetragenen sowie mit der Rassenverteilung in einer österreichischen Kleintierpraxis verglichen. Bei den Bißvorfällen waren der Schäfer-hund im Vergleich mit der Rasseverteilung in der Patientenkartei und der Rottweiler sowohl in Relation zum ÖHZB als auch in Relation zur Rassenverteilung in der Kleintierpraxis überrepräsentiert. Auch in dieser Untersuchung war die Zahl der ausgewerteten Vorfälle für eine fundierte Aussage viel zu klein und eine statistische Absicherung wurde nicht durchgeführt. Da in der Arbeit nur Bisse durch versicherte Hunde und nur solche, die auch der Versicherung gemeldet worden waren, ausgewertet wurden, ist das in dieser Untersuchung ausgewertete Material nicht als repräsentative Stichprobe für alle Bißvorfälle anzusehen. Die Untersuchung zeigte außerdem, daß der Rottweiler besonders häufig an Bißvorfällen mit Beteiligung von mehr als einem Hund beteiligt war, so daß aus der Arbeit eine besondere Gefährlichkeit des Rottweilers als Einzelhund auch nicht abzuleiten wäre. Eine besondere Gefährlichkeit durch die Beteiligung von zwei Hunden ergibt sich nach ZIMEN (1992) im Zusammenhang mit der angstgesteuerten Aggressionshemmung bei Hunden. Aggressives Verhalten unterliegt aus der Sicht des Hundes immer einer Kosten-Nutzenrechnung. Der Hund muß immer davon ausgehen, daß er im Kampf selber verletzt wird und Schmerzen empfindet. Aggressives Verhalten ist daher aus der Sicht des Hundes nur dann sinnvoll, wenn er entweder sicher sein kann, daß er den Kampf gewinnt, bzw. im Kampf nicht subjektiv geschädigt wird oder die Motivation zum Kampf stärker ist als die Angst vor Beschädigung. Wenn zwei oder mehrere Hunde gleichzeitig angreifen, sinkt für den Einzelhund das Risiko der Beschädigung und daher steigt die Bereitschaft zum Angriff auch bei geringem Nutzen für den Einzelhund. Gemeinsam angreifende Hunde sind daher unabhängig von der Rasse als besonders gefährlich zu betrachten. In einer Untersuchung von UNSHELM et al. (1993) werden zunächst einige Statistiken zu Körperverletzungen durch Hunde aus deutschen Großstädten zitiert. So wurden im Raum Köln in der Zeit von 1989 bis 1990 45 Vorfälle aktenkundig, davon wurden 18 durch Schäferhunde, 12 durch Rottweiler, 4 durch Boxer, 3 durch Mischlinge, 2 durch Dobermänner sowie je einer durch Bullterrier, Beagle, Labrador Retriever, Dalmatiner, Tigerdogge und Zwergpudel ausgelöst. Im Raum Dortmund wurden in der Zeit zwischen 1988 und 1990 insgesamt 234 Vorfälle erfaßt davon waren 85 Schäferhunde, 53 mischlinge, 18 rottweiler, 9 Bullterrier, 3 Collies, 3 Jagdhunde und 63 Tiere ohne Rasseangabe bzw. sonstige Rassen.. In der Untersuchung selbst wurden insgesamt 330 Hunde (davon 248 Rassehunde), die im Zeitraum von 1986 bis 1990 durch aggressives Verhalten aufgefallen sind, ausgewertet. Der Autor weist im Chi2-Test abgesicherte signifikante einflüsse folgender Faktoren auf den Unfall nach:
Die in der Studie erfaßten Rassen wurden mit der VHD (Verband Deutscher Hundezüchter) - Welpenstatistik verglichen. Rassen, die bei den Bißvorfällen im Vergleich zur Welpenstatistik überrepräsentiert waren, waren
Mischlinge waren an den Bißvorfällen nicht überproportional beteiligt. Die Überrepräsentation der genannten Hunderassen wurde allerdings nicht statistisch abgesichert. Es erfolgte auch keine Korrektur auf die übrigen erfaßten Einflüsse wie sie von GERSHMAN et al. (1994) postuliert wird. Der Autor weist überdies auf die Problematik der Erfassung genauer Zahlen zur Rassenstatistik hin und daß dadurch die Ergebnisse der Untersuchung nur mit Vorbehalt zu sehen sind. In einer gezielten Studie auf der Basis einer "matched pair analysis" (GERSHMAN et al, 1994) wurden 128 Paare von Hunden ausgewertet. Jeweils ein Hund eines Paares war ein Hund, der gebissen hatte, wobei nur solche Bißvorfälle ausgewertet wurden, die einen Fremden, also kein Mitglied des Haushaltes betroffen haben. Der zweite war ein zufällig ausgewählter Hund aus der näheren Umgebung des ersten, ausgewählt auf der Basis der ersten 5 Ziffern der Telephonnummer der Hundebesitzer. Dieser zweite Hund wurde in die Studie nur aufgenommen, wenn er bisher noch nicht gebissen hatte. Die Besitzer jeweils beider Hunde wurden telephonisch befragt. Die Rassenzuordnungen erfolgten auf der Basis der Besitzerinformation, konnten die Besitzer ihren Hund keiner Rasse zuordnen oder handelte es sich um einen Mischling, wurde gefragt welcher Rasse der hund am meisten ähnlich schaut, bzw. welche Rasse am meisten beteiligt war. Ausgewertet wurden außerdem Geschlecht und Alter des Hundes, Ort des Bißvorfalles, Ausbildung bzw. Erziehung des hundes und Erfahrung des Besitzers in der Hundehaltung. Über Chi2-Test wurden die beiden Gruppen miteinander verglichen. Eine signifikante Überrepräsentation bei den beißenden Hunden zeigte sich für die Rassen: Akita Inu, Chow Chow, Collie, Deutscher Schäferhund, signifikant unterrepräsentiert bei den beißenden Hunden waren Golden Retriever und Pudel. Rottweiler scheinen in dieser Untersuchung überhaupt nicht auf, Dobermann waren gleichmäßig auf die beißenden und nicht beißenden Hunde verteilt. Bei anderen Faktoren zeigten sich ebenfalls signifkante Unterschiede in der Verteilung auf beißende und nicht beißende Hunde. So waren unter den beißenden Hunden signifikant mehr männliche Tiere, nicht kastriert, schwerer als 50 Pfund und jünger als 5 Jahre. Bei statistischer Korrektur auf diese Einflüsse blieb nur für die Rassen Schäferhund und Chow Chow eine signifikante Überrepräsentation bei den beißenden Hunden übrig. Da in dieser Studie nur solche Bißvorfälle ausgewertet wurden, bei denen der Hund ein Nicht-Haushaltsmitglied gebissen hatte, ist das Ergebnis nicht als wirklich repräsentativ für alle Bißvorfälle zu sehen, da in anderen Studien (AVNER und BAKER, 1991; SHEWELL and NANCARROW, 1991; BANDOW, 1996; KLAASEN et al., 1996) belegt wird, daß ein großer Teil der Gebissenen vom eigenen oder einem bekannten Hund gebissen wurde. Eine Studie der University of Washington (BANDOW, 1966) zeigt ebenfalls einen Vergleich zwischen dem Anteil von Rassen bei Bißverletzungen im Vergleich mit den Eintragungszahlen. Folgende Rassen traten in höherem Prozentsatz unter den beißenden Hunden auf als ihrer Verteilung unter den eingetragenen Hunden entsprach:
Auch in dieser Untersuchung erfolgte keine statistische Absicherung der abweichenden Rassenverteilung. Die Rassenstatistik ist außerdem nach Angaben des Autors mit Vorbehalt zu sehen, da die Rassezuordnung auf Angaben des Opfers beruhen, das nicht immer in der Lage ist in der Unfallsituation die Rasse des angreifenden Hundes richtig zu erkennen, bzw. auf Angaben des Besitzers, der sofern nicht der Hund in einem Zuchtverband eingetragen ist, die Rasse auch nicht immer richtig angibt. Nach RIECK (1997) ist der typische beißende Hund männlich, unkastriert, jünger als 2 Jahre und gehört einer Gebrauchshunderasse an, wie z.B. Schäferhund oder Rottweiler oder er ist z.B. ein Cocker Spaniel oder Chow Chow und stammt aus einer Massenzucht, in der Temperament bzw. andere wünschenswerte Eigenschaften eines Hundes bei der zucht nicht berücksichtigt werden. Der Autor zitiert eine Statistik zu Todesfällen durch Hundebisse. Von 34 Todesfällen aus den Jahren 1989 bis 1990 wurden 10 durch nordische Rassen wie Husky, Samojede oder Malamute, 10 weitere durch Hunde vom Pitbull-Typ verursacht. 6 Todesfälle wurden von Deutschen Schäferhunden bzw. -mischlingen, 3 von einem Dobermann, einer durch einen Rottweiler und 5 durch Hunde sonstiger Rassen verantwortet. In einer Untersuchung aus Australien (Thompson, 1997) an insgesamt 154 Bißvorfällen wird für einzelne hunderassen die Representation-Ratio (=Anteil der Rassen an Hundeattacken/Anteil der Rasse insgesamt) angegeben. Diese beträgt für
Auch in dieser Untersuchung wird auf eine statistische Absicherung der Abweichungen verzichtet, sonstige Faktoren, wie Geschlecht des Hundes oder die Unfallsituation werden nicht berücksichtigt. Auf die Problematik der Verfügbarkeit von genauen Zahlen über die ingesamt vorliegende Rassenverteilung zur Feststellung von prozentual an Bißvorfällen überrepräsentierten Rassen weist der MMWR (1997) hin, da auch die Eintragungszahlen nicht die wirkliche Rassenverteilung widerspiegeln, zumal Besitzer unterschiedlicher Rassen eine unterschiedliche Bereitschaft zur Eintragung ihres Hundes haben können. Zusammenfassend ist zu sagen, daß zwar in diversen Untersuchungen an Bißvorfällen prozentuell überrepräsentierte Rassen gefunden wurden, daß aber keine einzige Arbeit allen Anforderungen an eine methodisch und statistisch einwandfreie Auswertung gerecht wird. Eine besondere Gefährlichkeit bestimmter Rassen aufgrund rassetypischer Wesensmerkmale ist somit weder von der Definition des Wesens her noch auf der Basis bisheriger Untersuchungen über die Beteiligung bestimmter Rassen an Beißvorfällen zulässigerweise abzuleiten zu b) Körperliche Merkmale des Hundes Körperliche Merkmale lassen sich im allgemeinen besser erfassen als Wesensmerkmale. Gewicht, Widerristhöhe, Körperlänge, Kaliber, sind meßbare Parameter, die in den verschiedenen Rassestandards beschrieben sind und die von Rasse zu Rasse nicht unwesentlich variieren. Kraft und Geschwindigkeit sind Merkmale, die aus körperlichen Eigenschaften resultieren und daher ebenfalls von Rasse zu Rasse differieren. Geschwindigkeit ist objektiv meßbar, Kraft ist ein komplexerer Parameter, der zur objektiven Erfassung nicht so gut geeignet ist und zur Meßbarmachung standardisierter Versuchsanordnungen bedarf. Beißkraft ist ein Parameter, der im Rahmen einer besonderen Versuchsanordnung meßbar ist (TRISKA, 1924); die damaligen Untersuchungen beschränkten sich aber auf 24 Hunde verschiedener Rassen und verschiedenen Alters, so daß ein Schluß auf besondere Beißkraft bestimmter Rassen nicht möglich ist. In Beschreibungen mancher Hunderassen wird zwar auf die besondere Beißkraft hingewiesen, wissenschaftlich abgesicherte Untersuchungen dazu sind uns aber nicht bekannt. Es ist auch ohne wissenschaftliche Absicherung nachvollziehbar, daß größere und kräftigere Hunde grundsätzlich ein höheres Gefahrenpotential darstellen als kleinere und schwächere. Eine Gefährdung, die u.a. auf der Größe eines Hundes basiert, kann sich auch aus durchaus freundlich gemeintem Begrüßungsverhalten von Hunden ergeben. Freundliches Anspringen durch einen großen Hund egal welcher Rasse kann Menschen zum Sturz bringen. Da aber auch innerhalb einer Rasse eine Varianz in Bezug auf die Größe besteht (die meisten Rassestandards geben für die Größe nur Grenzen an) und andererseits die Kraft eines Hundes abgesehen von der genetischen Grundlage auch vom Trainingszustand abhängt, läßt sich auch auf der Basis äußerer körperlicher Merkmale keine Rassenpredisposition für besondere Gefährlichkeit ableiten. Ein Parameter, der ebenfalls zu den körperlichen Merkmalen zu zählen ist und der im Rahmen der Aggressionsbereitschaft eine nicht unwesentliche Rolle spielt, ist die Schmerzempfindlichkeit. In fast jeder Konfrontation zwischen annähernd gleich großen und gleich starken Hunden übt die Angst vor Schmerz und Verletzung eine hemmende Wirkung auf die Aggressionsbereitschaft aus. Im natürlich selektierten Wolfsrudel sind echte Beschädigungskämpfe daher eher selten und finden nur dann statt, wenn die Motivation (Rangordnung bzw. Territorialverteidigung) stärker ist als die Angst vor Schmerz und Verletzung (ZIMEN, 1992). Grundsätzlich muß man daher auch beim Hund davon ausgehen, daß Angst vor Schmerz hemmende Wirkung auf die Aggression hat. Erhöhte Bereitschaft zur aggressiven Auseinandersetzung kann daher grundsätzlich auf zwei Ursachen beruhen: 1) starke Motivation zur Auseinandersetzung 2) Hemmungsverlust durch hohe Schmerztoleranz So scheint nach ZIMEN (1992) das Kampfverhalten der Jagdterrier nicht in erster Linie auf einer erhöhten Reizproduktion endogener Aggression zu beruhen sondern eher auf dem Abbau von Schmerzempfindlichkeit und Angst, der zu einem entsprechenden Hemmungsverlust und damit zu gefährlichen Situationen führt. Dieser Hemmungsverlust ist wichtig für den jagdlichen Einsatz (Jagdterrier müssen unter der Erde gegen Fuchs und Dachs kämpfen). Auch bei Hunden, die für die Großwildjagd gegen wehrhaftes Wild eingesetzt wurden bzw. werden, ist eine hohe Schmerztoleranz von Vorteil, da sie dem Hund jene Hemmungslosigkeit verleiht, die als Härte bezeichnet wird und für den Hund die psychische Voraussetzung zum Angriff auf das ihm eigentlich überlegene Raubtier darstellt. Auch in diesem Fall stellt die Meutejagd, also der gemeinsame Angriff mehrerer Hunde, zusätzlich zu der hohen Schmerztoleranz einen Verstärker dar, der ja in der Praxis auch genutzt wurde bzw. wird. Auch bei Hirtenhunden, die die Herden vor Raubtieren, wie Wölfen oder Bären zu schützen hatten, war hohe Schmerztoleranz ein funktioneller Vorteil. Hohe Schmerztoleranz stellt aber auch für Hunde, die für Hundekämpfe eingesetzt wurden, eine wichtige Voraussetzung dar, da die Auseinandersetzung mit dem etwa gleich starken Gegner sonst durch angstbedingte Hemmung entweder gar nicht stattfinden oder frühzeitig abgebrochen würde. Eine Möglichkeit zur wissenschaftlich exakten objektiven Beurteilung der Schmerztoleranz beim Hund ist uns nicht bekannt, es besteht daher auf der Basis bisheriger Erkenntnisse auch keine Möglichkeit zu prüfen, ob bestimmte Rassen eine höhere Schmerztoleranz haben als andere. Hohe Schmerztoleranz als Aggressionsauslöser spielt aber nur im Zusammenhang mit einem gleich starken oder stärkeren Gegner eine Rolle, da ja nur bei solchen Gegnern Angst vor Schmerz aggressionshemmend wirkt. Bei Hunden mit hoher Schmerztoleranz ergibt sich eine allenfalls darauf basierende erhöhte Gefährlichkeit somit wohl vor allem im Zusammenhang mit dominanzbedingter Aggression also in Rangordnungsauseinandersetzungen mit dem eigenen Besitzer oder mit anderen Hunden. Zu den körperlichen Merkmalen eines Hundes ist auch sein Geschlecht zu zählen. Daß Rüden häufiger als Hündinnen an Bißvorfällen beteiligt sind, wird von verschiedenen Autoren beschrieben (Wright, 1985; PODBERSCEK and BLACKSHAW, 1990; AVNER und BAKER, 1991; SHEWELL und NANCARROW, 1991; TERNON, 1993; UNSHELM et al., 1993; GERSHMAN et al., 1994; GALAC and KNOL, 1997; RIECK, 1997) wobei vor allem der junge männliche unkastrierte Hund als Hauptverursacher von Bißverletzungen bezeichnet wird (GERSHMAN et al., 1994; RIECK, 1997). Auch HART und HART (1985) fanden in ihrer Untersuchung, daß Merkmale wie Dominanz gegenüber dem Besitzer, Aggression gegen andere Hunde, Territorialveteidigung und Schnappen nach Kindern bei Rüden stärker ausgeprägt sind als bei Hündinnen. Rüden sind daher unabhängig von der Rasse als gefährlicher anzusehen als Hündinnen. Kastration als therapeutische Maßnahme bei Hyperaggressivität zeigt nach Untersuchungen von HOPKINS et al. (1976) und HART (1976) in etwa der Hälfte der Fälle Erfolg. Zu den individuellen körperlichen Merkmalen, die aggressionsauslösend wirken können, sind außerdem alle Gesundheitsstörungen zu zählen, die direkt oder indirekt das Verhalten der Tiere beeinflussen. Zu nennen wären hier unter anderem:
Gesundheitsstörungen dieser Art können bei allen Rassen auftreten und berechtigen somit ebenfalls nicht zu einer Inkriminierung bestimmter Rassen. Auf der Basis körperlicher Merkmale ist somit eine besondere Gefährlichkeit bestimmter Hunderassen nach bisherigen Erkenntnissen nicht zulässigerweise abzuleiten zu
c) individuelle Merkmale des Hinsichtlich der Art ihres Zusammenlebens mit Menschen sind Hunde Haustiere besonderer Art. Im Verlaufe dieses Zusammenlebens, das vor 12 000 bis 14 000 Jahren begann, entwickelte sich eine Art soziale Symbiose mit enger verhaltensbiologischer Bindung, die so ausgeprägt unter Menschen und Haustieren wohl einzigartig ist. Die vielen unterschiedlichen Aufgaben, die Hunde für ihren menschlichen Kumpan erfüllen, basieren zum großen Teil auf dieser Partnerbeziehung. So kann Hundeverhalten ohne Einbeziehung des Menschen wohl kaum treffend analysiert werden (FEDDERSEN-PETERSEN, 1992a). In Bezug auf die Gefährlichkeit eines Hundes muß der Besitzereinfluß in zweierlei Hinsicht betrachtet werden. 1) Einfluß des Besitzers auf die Verhaltensentwicklung des Hundes 2) Einfluß des Besitzers auf die aktuelle Unfallsituation Einfluß
des Besitzers auf die Verhaltensentwicklung des
Hundes Um den Einfluß des Besitzers auf die Verhaltensentwicklung des Hundes richtig zu bewerten, soll im folgenden die Frage nach den ethologischen Gründen, die dazu führen, daß ein Hund beißt, diskutiert werden. Nach FEDDERSEN-PETERSEN (1991) lassen sich Verhaltensstörungen bei Hunden nach ihrer Ursache folgendermaßen einteilen: 1) Ethopathien: a) genetisch bedingte organpathologische Verhaltensstörungen b) exogen bedingte organpathologische Verhaltensstörungen 2) Neurosen: Erworbene Verhaltensstörungen infolge fehlender Umweltreize oder Umweltbelastungen, die zu Fehlanpassungen führen a) Frühontogenetisch erworbene Verhaltensstörungen mit oft hochstabilen neuronalen Entwicklungsstörungen. - Deprivationsschäden infolge fehlender sozialer Reize - Deprivationsschäden infolge Reduktion von Umweltreizen - Fehlprägungen - versäumte Prägungen b) Aktualgenetisch erworbene Verhaltensstörungen - Verhaltensstörungen infolge räumlich beengter und reizarmer Haltung - Stereotypien von Bewegungsmustern - Traumatische Verhaltensstörungen nach Lernprozessen Bei allen Formen von Verhaltensstörungen wird als eines der Symptome Aggressivität genannt. Abgesehen von den angeborenen genetischen (SCHLEGER,1983; van der VELDEN et al., 1976) bzw. exogen bedingten organpathologischen Verhaltensstörungen spielt der Mensch als Auslösefaktor bzw. Modifikator des Fehlverhaltens eine wesentliche Rolle. Auf die Frage "Warum beißt ein Hund" nennt FEDDERSEN-PETERSEN (1992b) vier Hauptgründe: 1) Aus Angst, aus sozialer Unsicherheit und aus unzureichender Umweltangepaßtheit. Die soziale Bindung an Artgenossen und/oder den Menschen ist unzureichend oder fehlt vollständig aufgrund nicht richtig ausgenützter Sozialisierungsphasen im Verlauf der Jugendentwicklung. Solche Hunde stellen die typischen Angstbeißer dar. 2) Sozial expansive Hunde, die in ungeklärten Rangverhältnissen mit ihren Menschen leben. Solche Hunde beißen besonders häufig Familienmitglieder im eigenen Territorium aber auch Fremde, die das Territorium betreten (z.B. Briefträger). 3) Hunde, die durch fehlgelenkte Zuchtauslese massive Fehlentwicklungen in ihrem Sozialverhalten aufweisen. Die Autorin meint in diesem Zusammenhang wohl Hunde, die speziell für den Hundekampf gezüchtet worden sind, bzw. Hunde, die aufgrund angeborener gnenetisch bedingter Ethopathien erhöhte Aggressivität aufweisen (siehe auch SCHLEGER, 1983). Die Autorin räumt aber auch ein, daß Hunde, die bewußt auf erhöhte Angriffsbereitschaft gezüchtet worden sind, in der Regel auch eine massiv gestörte Jugendentwicklung hinter sich haben, so daß es im Einzelfall schwierig bis unmöglich ist, angeborene von erworbenen Verhaltensdefekten zu trennen. 4) Hunde beißen, wenn sie im Zuge einer unbiologischen Ausbildung auf besonders aggressives Verhalten konditioniert worden sind. Ursächlich sind in diesen Fällen oft Hundehalter, die mit dem Hund imponieren wollen, beteiligt. Besonders gefährlich sind in diesem Zusammenhang Hunde, die eine Ausbildung zum Schutzdienst vorzeitig abgebrochen haben. Die besondere Gefährlichkeit solcher Hunde liegt wohl darin, daß sie zwar zu aggressivem Verhalten ermutigt worden sind, die Unterordnung, die aber bei jeder vollständigen Schutzhundeausbildung (ÖKV, 1990) obligater Bestandteil ist, nicht ausreichend trainiert wurde. REHAGE (1992) klassifiziert hyperaggressive Hundepatienten nach drei Gesichtspunkten: 1) ganz normale Familienhunde, die ihren Besitzern aufgrund von Unkenntnis oder Unfähigkeit schlicht entgleiten. 2) entgleiste Schutz- und Wachhunde aus privater Hand. Hier handelt es sich häufig um Hunde die, bei einem vom Besitzer ursprünglich erwünschten Ausmaß an Aggressionsbereitschaft, mangelhaft sozialisiert werden und dann hyperaggressives Verhalten oft gegen den eigenen Besitzer zeigen. 3) "Kampf-" und "Imponierhunde". Die sogenannten "Kampfhunde" die teilweise auch den gegenständlichen inkriminierten Rassen entsprechen und die als Halbweltstatussymbole Prominenz erlangt haben, spielen bei dieser Gruppe zahlenmäßig so gut wie keine Rolle. "Imponierhunde" sind an keine Rasse gebunden, werden aber übereinstimmend mit dem Ziel gehalten, der Umwelt dadurch zu imponieren, daß man einen furchteinflößenden Hunden hält und ihn bändigen kann. Neben einem klassischen Werdegang hyperaggressiver Patienten, der in der Regel bereits beim Welpen beginnt und auf stereotypen Erziehungsfehlern seitens des Besitzers basiert, gibt die Autorin als typische Determinanten von Hyperaggresionsproblemen folgende an: 1) ein subdominanter Besitzer 2) ein großrahmiger Hund mit/ohne Deprivationssyndrom 3) ein Hund, der auf dem Hundeplatz regelmäßig Schärfe am Mann übt. 4) der aber außerhalb des Hundeplatzes häufig nicht einmal in der Lage ist auf Kommando zuverlässig "Platz" zu machen. PINXTEREN et al. (1983) stellten im Rahmen von insgesamt 202 Befragungen von Besitzern verhaltensgestörter Hunde fest, daß Aggressionsprobleme vorwiegend dadurch entstanden, daß der Hund aufgrund der Unwissenheit der Besitzer eine abnorme Rangordnungsstellung im Haushalt innehatte. 80% der Problemfälle konnten durch Aufklärung der Besitzer und Unterordnungstraining des Hundes erfolgreich behandelt werden. Auch die Bedingungen unter denen ein Welpe aufgezogen wird, spielen eine große Rolle für die spätere Gefährlichkeit eines Hundes. So nennen FEDDERSEN-PETERSEN und HAMANN (1994) Deprivationsschäden durch reduzierte unspezifische Umweltreize bei isolierter Zwingeraufzucht als eine häufige Ursache für durch hunde verursachte Unfälle. Die Autoren fordern in diesem Zusammenhang Überlegungen zu einem Verbot des gewerblichen Hundehandels und der überwiegenden bzw. ausschließlichen Zwingeraufzucht bzw. -haltung. In diesem Zusammenhang scheint ein Hinweis auf die Problematik der illegalen Importe von Hunden aus dem ehemaligen Ostblock notwendig. Tierschutzrelevante Aufzuchtbedingungen im Sinne der Angaben von FEDDERSEN-PETERSEN und HAMANN (1994) begünstigen bei diesen Hunden spätere Haltungsprobleme im Sinne der Gefährdung von Menschen und Tieren. Einen Einfluß des Hundebesitzers auf das Entstehen von "Wiederholungstätern" fanden UNSHELM et al. (1993): Sie fanden einen signifikant höheren Anteil an Wiederholungstätern bei Hunden, die dem Besitzer nicht gehorchten. Bei Angriffen auf andere Hunde zeigte sich ein Einfluß der Ausbildung des Hundes. Hunde, die eine Ausbildung absolviert hatten, waren an 17% der Bißvorfälle beteiligt, der Anteil von Hunden, die keine Ausbildung absolviert hatten, betrug 83%. BANDOW (1996) nennt als einen der Gründe dafür, daß ein Hund beißt, die Tatsache, daß der Hundebesitzer keine Ahnung von Hundehaltung und Hundeverhalten hat bzw. daß der Hund nicht ordentlich verwahrt bzw. nicht ordentlich sozialisiert war.
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