Gutachten von Frau Prof. Irene Stur, Universität Wien

Teil I

 

Zur Frage der besonderen Gefährlichkeit  von Hunden auf Grund der Zugehörigkeit  zu bestimmten Rassen

von A.Univ.Prof. Dr. Irene Stur

Institut für Tierzucht und Genetik

der Veterinärmedizinischen Universität  Wien

 

phänotypische Merkmalsbildung  

Die individuelle phänotypische Merkmalsbildung erfolgt auf der Basis von Wechselwirkungen zwischen Genotyp und Umwelt. Die Heritabilität ist ein Maß für den Anteil, den der Genotyp an der phänotypischen Merkmalsausprägung ausmacht. Merkmale mit niedriger Heritabilität werden durch Umwelteinflüsse stark modifiziert und lassen sich züchterisch nur in geringem Ausmaß bearbeiten, Merkmale mit hoher Heritabilität sind durch Umwelteinflüsse nur geringfügig zu verändern und lassen sich im allgemeinen züchterisch gut bearbeiten (SCHLEGER und STUR, 1986). Die züchterische Problematik von niedrig heritablen Merkmalen liegt unter anderem darin, daß  einerseits die Beurteilung des Genotyps beim Einzeltier und andererseits die Erfassung der genetischen Varianz in einer Zuchtpopulation, die die Voraussetzung für die Selektion ist, nur unter streng standardisierten Umweltbedingungen möglich ist. Da bei Hunden die übliche Haltungsform die indviduelle Einzelhaltung darstellt, kann man ganz allgemein nicht davon ausgehen, daß die für die genetische Beurteilung eines Einzeltieres bzw. für die Erfassung der genetischen Varianz als Voraussetzung für effektive Selektionsmaßnahmen bei niedrig heritablen Merkmalen notwendige Standardisierbarkeit der Umwelt gegeben ist.

Rassebegriff

Eine Rasse ist eine Gruppe von Individuen innerhalb einer Art, die sich in bestimmten Merkmalen von anderen Individuengruppen unterscheiden und diese Merkmalsvariationen vererben (WIESNER und RIBBECK, 1978)). Die häufigsten Erscheinungsbilder innerhalb der Rasse stellen die Norm, den Rassestandard, dar (COMBERG, 1971). Zwischen den Rassen herrscht im allgemeinen eine diskontinuierliche Variation in Bezug auf die rassebestimmenden Merkmale - das heißt, daß Tiere mit extremen Merkmalswerten einer Rasse immer noch außerhalb der Normvariation einer anderen Rasse liegen. Innerhalb jeder Rasse liegt für alle Merkmale eine genetische bzw. phänotypische Varianz vor, deren Ausmaß für jedes Merkmal unterschiedlich ist und die von der Populationsgröße, vom Inzuchtniveau der Population und vom Selektionsdruck, dem jedes Merkmal ausgesetzt ist, abhängt.

Domestikation und Rassenbildung

Infolge der Domestikation kommt es zu einer Änderung des Selektionsdrucks von der natürlichen Selektion, der die Wildpopulation ausgesetzt ist, zur künstlichen Selektion durch den Menschen. Entsprechend den unterschiedlichen Interessen, die der Mensch an den Haustieren hat, kommt es zum Entstehen verschiedener Rassen.

Rasseentstehung beim Hund

Abgesehen von geographisch bedingten Unterschieden in Bezug auf Fellfarbe und Fellänge, Knochenbau oder Ohrenform, die allenfalls auch bereits bewußt züchterisch bevorzugt wurden, entstanden die ersten Hunderassen als Folge der Selektion auf bestimmte Verwendungsmöglichkeiten (ZIMEN, 1992). In erster Linie nutzte der Mensch wohl den Kampf- und Schutztrieb des Hundes. Daraus entstanden die ersten Hütehunde, die die Herden gegen den Angriff von Wölfen oder Kojoten beschützten (FINGER, 1988), die ersten Jagdhunde, die u.a. für die Jagd auf wehrhaftes Wild eingesetzt wurden, die ersten Hofhunde zur Bewachung der menschlichen Siedlungen und später die Kriegshunde, die als lebende Waffen mit in den Krieg zogen (ZIMEN, 1992). Rassestandards im heutigen Sinn gab es in den Anfängen der Hundezucht sicher keine, die Selektion erfolgte auf halbnatürlicher Basis, zur Fortpflanzung kamen die Hunde, die für den jeweiligen Verwendungszweck am besten geeignet waren. Da für alle ge­nannten Nutzungen große, kräftige und mutige Hunde die besten Voraussetzungen boten, werden sich wohl die ersten rasseähnlichen Fortpflanzungsgemeinschaften des Hundes weder in Bezug auf ihr Exterieur noch in Bezug auf ihren Charakter wesentlich voneinander unterschieden haben. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich an den Hauptverwendungsmöglichkeiten des Hundes nichts wesentliches geändert, spezialisiertere Zuchtrichtungen ergaben sich einerseits im Bereich der Jagdhundezucht sowie allenfalls aus speziellen Freizeitvergnügungen, die sich in England gegen Ende des 16. Jhdt. etablierten. Windhunderennen und Kämpfe von Hunden gegen Bullen führten zur Zucht für diese "Sportarten" besonders geeigneter Hunde, wobei für die Verwendung als Kampfhund Eigenschaften genutzt wurden, die auch für den ursprünglichen Verwendungszweck der eingesetzten Hunde als Jagd- Wach- und Schutzhunde wichtig waren. Ursprünglich dem Adel vorbehalten wurden vor allem die Bullenkämpfe bald zum Volksvergnügen. Später kämpften Hunde aus praktischen Erwägungen (Bullenbeschaffung war zu teuer) gegeneinander bzw. nachdem 1835 die Hundekämpfe vom Parlament verboten wurden auch gegen Ratten (SEMENCIC, 1984). Rassehundezucht im modernen Sinn gibt es etwa seit Mitte des 19. Jhdt. 1859 fand in England die erste Hundeausstellung statt. Mit Gründung des British Kennel Clubs 1873 wurden die Rahmenbedingungen für Rassezugehörigkeit, Zucht und Ausstellungsgeschehen festgelegt (ZIMEN, 1992).

Rassehundezucht heute

Die Zuchtziele in der heutigen Hundezucht betreffen im Wesentlichen das rassetypische, in den von der Federation Cynologique international (FCI) anerkannten Standards definierte, Exterieur. In manchen Rassen wird als Zuchtvoraussetzung Freiheit von bestimmten Erbfehlern, z.B. Hüftgelenksdysplasie, verlangt und bei manchen Rassen (Jagdhunde, Gebrauchshunde) werden Gebrauchsleistungsprüfungen für Zuchttiere gefordert Als internationaler Dachverband ist die FCI weltweit die bedeutendste züchterische Institution in der Hundezucht. In jedem Land wird von der FCI ein nationaler Zucht­verband anerkannt, in Österreich der Österreichische Kynologenverband (ÖKV). Die FCI ist für die Anerkennung von Rassen und Rassestandards zuständig, wobei der Standard der einzelnen Rassen von dem jeweiligen Ursprungsland der Rasse erstellt wird. In den Rassestandards sind die äußeren Merkmale sowie allenfalls Hinweise auf erwünschte Wesensmerkmale der jeweiligen Rasse vorgegeben. Der ÖKV erstellt auf nationaler Ebene eine Rahmenzuchtordnung in der die Mindestanforderungen für die Zuchtzulassung festgelegt sind. Von den einzelnen Rassezuchtverbänden kann diese Rahmenzuchtordnung nur im Sinne einer Verschärfung der Zuchtvoraussetzungen modifiziert werden.

GEBRAUCHSPRÜFUNGEN ALS SELEKTIONSGRUNDLAGE

Bei Rassen, die auf der Basis von Gebrauchsprüfungen selektiert werden, müssen nicht notwendigerweise aggressionsfördernde Gene züchterisch bevorzugt werden. Bei der Schutzarbeit wird auf dem Beutetrieb und auf Spielverhalten aufgebaut. Der Hetzärmel ist für den Hund nur Beute, die ihm vom Scheintäter streitig gemacht wird (BECHTOLD, 1985; SWAROVSKI et al., 1986). Dieser Zusammenhang wird auch durch Ergebnisse einer Unter­suchung von HRUBY (1991) bestätigt, die in einer Untersuchung an 1119 Hunden, die Gebrauchsprüfungen absolviert hatten, eine signifikante Korrelation zwischen den Schutz­arbeitsfächern "Kampftrieb", "Überfall" und "Mutprobe" und dem Unterordnungsfach "Bringen", das vor allem auf Beutetrieb und Apportierfreude beruht, fand. In dieser Untersuchung wurden außerdem signifikante Korrelationen zwischen den in der Schutzarbeit erzielten Punkten und den Punkten in der Unterordnung gefunden, was einerseits die Leistung in der Schutzarbeit als zu einem großen Teil trainierbare Leistung ausweist, und anderseits die Bedeutung unterstreicht, die dem Gehorsam und der Bereitschaft zur Unterordnung bei der Ausbildung des Schutzhundes und damit auch bei der Zuchtwahl zukommt.  Durch diese Er­gebnisse wird auch die Meinung von FEDDERSEN-PETERSEN (1992b) und REHAGE (1992) unterstützt, die als besonders gefährlich jene Hunde bezeichnen, die im Rahmen einer Schutzausbildung zu aggressivem Verhalten ermutigt werden, bei denen die Ausbildung dann aber abgebrochen wird und die dadurch nicht ausreichend auf Unterordnung trainiert werden.

Identifikationsmöglichkeiten

Identifikationsmöglichkeiten beim Einzeltier sind auf der Basis von angeborenen oder erworbenen Abzeichen möglich, wobei aber die Möglichkeit von Verfälschungen und Irrtümern nie auszuschließen ist. Eindeutige Identifikation ist möglich auf der Basis der Bestimmung von Blutgruppen bzw. polymorphen Protein- und Enzymsystemen (SCHLEGER und STUR, 1986), auf der Basis von DNA- Fingerprints (Jeffreys and Morton, 1987; GEORGES et al., 1988) sowie mittels Microchipidentifizierung (N.N., 1993). Auf der Basis von Blutgruppen, polymorphen Protein- und Enzymsystemen sowie DNA-Fingerprints bzw. caninen Microsatelliten ist auch bei einem Einzelhund die Überprüfung der angegebenen Abstammung von zwei bestimmten Eltentieren möglich (MORTON et al. 1987; Binns et al., 1995; FREDHOLM and WINTERO, 1996; ZAJC and SAMPSON, 1996; ) Die Identifizierung einer bestimmten Rassezugehörigkeit ist allerdings nur auf der Basis äußerer Merkmale möglich, die zwar in den Rassestandards definiert sind, im Einzelfall aber die zweifelsfreie Zuordnung eines Hundes zu einer bestimmten Rasse nur bedingt ermöglichen. Über canine DNA-Marker lassen sich zwar genealogische Studien  über die  genetische Distanz  zwischen Rassen oder Populationen  durchführen (FREDHOLM and WINTERO, 1995; OKUMURA et al., 1996; PIHKANEN et al., 1996; ZAJC et al., 1997) eine Zuordnung eines Einzelhundes zu einer bestimmten Rasse oder die Feststellung der Abstammung eines Mischlings von bestimmten Rassen auf der Basis caniner Marker ist nach aktuellem Wissensstand nicht möglich (TEMPLETON, 1990).

Kurze Übersicht über Geschichte und Entwicklung einzelner inkriminierter RasseN

1) Mastiff (SCHMIDT, 1990): molossoide, mastiffähnliche Hunde findet man bereits in sehr frühen Kulturen. Eine Terrakottatafel assyrischen Ursprungs aus dem 7.Jhdt. v. Chr. zeigt einen Mann, dessen Hand auf dem Rücken eines Hundes von enormer Größe und eindeutig im molossoiden Typ ruht. Aus archäologischen Funden, Darstellungen und Plastiken läßt sich auf den Verwendungszweck der mastiffähnlichen Hunde der vorchristlichen Zeit schließen. Sie wurden offensichtlich als Wachhunde und Kriegshunde und als Jagdhunde für wehrhaftes Wild genutzt. Im antiken Rom wurden solche Hunde für Gladiatorenkämpfe und für Kämpfe gegen wilde Tiere, wie Bären oder Löwen eingesetzt. Auch in der nachchristlichen Zeit wurden mastiffähnliche Hunde vor allen im angelsächsischen Raum vorwiegend als Wach- und Schutzhunde sowie als Kriegshunde verwendet. Allerdings wurden sie auch in England für Schau­kämpfe gegen Löwen und Bären genutzt. Geregelte Pedigreezucht gibt es beim Mastiff allerdings erst seit der Gründung des OEMC (Old English Mastiff Club) im Jahr 1883. Der erste und der zweite Weltkrieg stellten für die Rasse einen populationsgenetischen Flaschenhals dar, so daß durch Einkreuzungen von Bernhardinern und Bullmastiffs die Population größenmäßig erweitert wurde.

Mastiffzucht heute: Vom heutigen Mastiff wird neben den detaillierten Exterieurstandardvorschriften folgendes verlangt (FCI Standard):

Charakterisitsche Merkmale: groß, massiv, kraftvoll, ebenmäßig, gut gebauter Körper. Eine Kombination von Erhabenheit und Mut.

Wesen: Ruhig, liebevoll seinem Besitzer gegenüber, aber fähig, diesen zu schützen.

Mastiffzucht in Österreich: Mastiffs werden in Österreich im Rahmen des Molosser-Club-Austria im ÖKV gezüchtet.

Grundsätzliche Voraussetzung für die Zuchtverwendung (Molosser-Club-Austria) sind Gesundheit, altersmäßige Entwicklung und ein rassetypisches Wesen und Aussehen. Als zuchtausschließende Erbfehler gelten neben Exterieurfehlern und schwerer Hüftgelenksdysplasie  (HD)

übersteigerte Aggressivität

ausgeprägte Ängstlichkeit.

 

2) Bullterrier (Schleger, 1983): Stammvater des Bullterriers war der Mastiff, aus dem Anfang des 17. Jhdt. der Bull dog gezüchtet wurde. Er war kleiner und leichter als der Mastiff und wurde für Bullenkämpfe eingesetzt. Um für reine Hundekäpfe (Kampf Hund gegen Hund) wendigere und schnellere Hunde mit Bereitschaft zur Unterordnung zu züchten, wurden  Ende des 18. Jhdt. in den Bull Dog Terrier eingekreuzt. 1835 wurde der Tierkampf in England offiziell verboten; inoffiziell dauerten die Hundekämpfe aber weiter an. Der Selektionsdruck beim ursprünglichen Bullterrier ergab sich aus dem Verwendungszweck. Zur Zucht kamen nur Hunde, die sich im Kampf bewährt hatten, d.h. ihre Kämpfe überlebt hatten. Besonderer Wert wurde aber immer auf die Bereitschaft zur Unterordnung gelegt, da es einerseits möglich sein mußte, die Hunde nach den einzelnen Kampfrunden zu trennen andererseits sich die Aggres­sion des Hundes nicht gegen den Besitzer richten sollte.

Bullterrierzucht heute: Vom heutigen Bullterrier wird neben detaillierten Exterieurstandardvorschriften folgendes verlangt (FCI Standard):

Allgemeine Erscheinung: Der Bullterrier muß kräftig, symmetrisch muskulös und beweglich gebaut sein. Sein Ausdruck ist lebhaft und intelligent; er soll Mut verbunden mit einem ausgeglichenen Wesen und der Bereitschaft zur Unterordnung zeigen.

Bullterrierzucht in Österreich: Bullterrier werden in Österreich im Rahmen des Österreichischen Bullterrier-Club im ÖKV gezüchtet.

Zuchtvoraussetzungen sind (Österreichischer Bullterrier-Club, 1979): Gesundheit, einwandfreies Gebäude, genügend starke Knochen. Ausstellungsbewertungen bei Rüden mindestens zwei "Vorzüglich" auf internationalen Ausstellungen, bei Hündinnen zwei "Sehr gut" bzw. ein "Vorzüglich" auf internationalen Ausstellungen.

3) Mastino Napoletano (Weisse, 1990): Der Ursprung des Mastino Napoletano lag in den mittelalterlichen Packerhunden Italiens, die ähnlich wie der Mastiff und der Bulldog in England, der Saupacker in Deutschland, der Dogue de Bordeaux in Frankreich zur Jagd auf wehrhaftes Wild eingesetzt wurden. Die eigentliche Rassegründung des Mastino Napoletano erfolgte im Jahr 1949 mit der Anerkennung des Rassestandards.

Mastino Napoletanozucht heute: Vom Mastino Napoletano wird neben  detaillierten Exterieurstandardbestimmungen folgendes verlangt (FCI Standard):

Allgemeine, rassetypische Merkmale: Der Mastino Napoletano ist der Wach- und Schutzhund par excellence. Er ist enorm wuchtig, starkknochig, kraftvoll, von derbem und gleichzeitig majestätischem Aussehen, robust und mutig, sein Ausdruck ist intelligent, das Wesen ausge­glichen, gehorsam und nicht aggressiv; als Verteidiger von Personen und Besitz unübertroffen.

Mastino Napoletanozucht in Österreich: Der Mastino Napoletano wird in Österreich im Rahmen des Molosser-Club-Austria im ÖKV gezüchtet.

Grundsätzliche Voraussetzung für die Zuchtverwendung (Molosser-Club-Austria) sind Gesundheit, altersmäßige Entwicklung und ein rassetypisches Wesen und Aussehen. Als zuchtausschließende Erbfehler gelten neben Exterieurfehlern und schwerer Hüftgelenksdysplasie

übersteigerte Aggressivität

ausgeprägte Ängstlichkeit.

 

4) Fila Brasileiro (DASER, 1990): Die molossoiden Hunde Südeuropas sind als die Stammväter des Fila Brasileiro anzusehen. Diese Hunde begleiteten die Einwanderer nach Brasilien wo sie ähnlich wie in der ursprünglichen Heimat zunächst vor allem zu Jagdzwecken genutzt wurden. Außerdem dienten sie dem Schutz der Haziendas und der Bewachung der Sklaven. Flüchtige Sklaven sollten durch die Hunde gesucht und gestellt, keinesfalls aber verletzt werden, da der Verlust eines Sklaven als wirtschaftlicher Verlust angesehen wurde. Im Lauf der Zeit wurden verschiedene Rassen in die ursprünglichen mastiffähnlichen Hunde Brasiliens eingekreuzt wie Bulldoggen und Bluthunde, aber auch Foxhounds, Greyhounds und Pointer.

Fila Brasileirozucht heute:  Vom Fila Brasileiro wird neben  detaillierten Exterieurstandardbestimmungen folgendes verlangt (FCI Standard): Ein bedeutender Teil seiner Charakteristika sind Mut, Entschlossenheit und herausragende Tapferkeit. Er ist seinem Besitzer und dessen Familie gegenüber fügsam und Kindern gegenüber äußerst tolerant. Seine Treue wurde in Brasilien sprichwörtlich. Er sucht immer die Gesellschaft seines Herren. Einer seiner Wesens­züge ist sein Mißtrauen Fremden gegenüber. Er ist von Haus aus ruhig, sein Selbstbewußtsein und sein Selbstvertrauen werden weder durch unbekannte Geräusche noch durch eine neue Umgebung erschüttert. Er ist als Wachhund unübertroffen, vom Instinkt her ein Jagdhund für Großwild und ein Hütehund für Rinderherden.

Fila Brasileirozucht in Österreich: Der Fila Brasileiro wird in Österreich im Rahmen des Molosser-Club-Austria im ÖKV gezüchtet.

Grundsätzliche Voraussetzung für die Zuchtverwendung (Molosser-Club-Austria) sind Gesundheit, altersmäßige Entwicklung und ein rassetypisches Wesen und Aussehen. Als zuchtausschließende Erbfehler gelten neben Exterieurfehlern und schwerer Hüftgelenksdysplasie 

übersteigerte Aggressivität

ausgeprägte Ängstlichkeit.

 

5) Bordeauxdogge (PUFAHL, 1990): Die Bordeauxdogge ist der direkte Nachfahre einer der zahlreichen Doggenarten, die seit sehr langer Zeit in Frankreich existieren. Sie wurden als Packhunde für Großwild, Kriegshunde, in der Arena, zum Schutz von Viehherden oder als Metzgerhunde eingesetzt. Der erste Rassestandard wurde 1896 veröffentlicht.

Bordeauxdoggenzucht heute: Von der Bordeauxdogge wird neben  detaillierten Exterieurstandardbestimmungen folgendes verlangt (FCI Standard):  Gesamterscheinung: Die Bordeauxdogge ist ein außergewöhnlich kräftig gebauter Koloß mit einem sehr muskulösen, insgesamt harmonischen Körperbau. Sie bietet den Anblick eines Respekt einflößenden, untersetzten, muskulösen, imposanten und stolzen Athleten. Ehemals Kampfhund findet sie heute als Wachhund Verwendung, eine Aufgabe, die sie mit Aufmerksamkeit und großem Mut, jedoch ohne Aggressivität erfüllt. Sie hängt sehr an ihrem Herrn und ist Kindern gegenüber sehr liebevoll.

Bordeauxdoggenzucht in Österreich: Die Bordeauxdogge wird in Österreich im Rahmen des Molosser-Club-Austria im ÖKV gezüchtet. Grundsätzliche Voraussetzung für die Zuchtverwendung (Molosser-Club-Austria) sind Gesundheit, altersmäßige Entwicklung und ein rassetypisches Wesen und Aussehen. Als zuchtausschließende Erbfehler gelten neben Exterieurfehlern und schwerer Hüftgelenksdysplasie

übersteigerte Aggressivität

ausgeprägte Ängstlichkeit.

 

6) Dogo Argentino (SCHIMPF, 1992): Der Ursprung des Dogo Argentino lag wahrscheinlich im spanischen Alano, einem Hund, der im Zuge der germanischen Völkerwanderung  etwa 400 n. Chr. von den Alanen nach Spanien gebracht wurden. Diese Hunde entsprachen im Typ einem  doggenartigen Packer- und Hetzhund. Im Zuge der Kolonialisierung wurden diese Hunde nach Südamerika gebracht unter anderem auch zum Zwecke der Unterstützung der Spanier bei der Kolonialisierung Südamerikas. Durch Leistungsselektion entwickelte sich eine Hunderasse mit unübertroffenem Kampftrieb, die weitgehend schmerzunempfindlich und widerstandsfähig bis zur Selbstaufopferung war. Engländer, die zum Bau des Eisenbahnnetzes nach Argentinien kamen, brachten Bullterrier mit, um sich bei Hundekämpfen von ihrem Heimweh abzulenken. Dadurch wurden einerseits Bullterrier in die lokale Hunderasse eingekreuzt, anderseits Hundekämpfe als Volkssport etabliert. Etwa 1920 wurden Hundekämpfe gesetzlich verboten. Um die Rasse des Dogo Argentino zu erhalten, wurde beschlossen auf der Basis der alten Kampfhunde eine neue Rasse zu begründen, die vor allem in der Jagd auf wehrhaftes Wild wie Wildschwein und Puma einzusetzen ist. Zur Verbesserung der Jagdeigenschaften wurden in den Fünfzigerjahren Hunde verschiedener Rassen eingekreuzt wie Pointer, Deutsche Dog­gen, Bullterrier, Bordeauxdogge, Boxer, Irish Wolfhound. 1947 wurde das Zuchtziel festgelegt: ein stumm jagender Hund mit hoher ausdauernder Nase, kampftriebstark wegen des wehrhaften Wildes (Wildschwein, Puma) aber kein Raufer, da er mit anderen Hunden zusammenarbeiten muß. Von weißer Farbe, damit er sich von seinen Gegnern besser abhebt. Klein genug um im dichten Bewuchs arbeiten zu können, aber groß genug um schnell und stark zu sein.

Dogo Argentinozucht heute: Vom Dogo Argentino werden neben  detaillierten Exterieurstandardbestimmungen keine weiteren allgemeinen Merkmale verlangt (FCI Standard)

Dogo Argentinozucht in Österreich: Der Dogo Argentino wird in Österreich im Rahmen des Österreichischen Dogo Argentino Klub im ÖKV gezüchtet. Voraussetzungen für die Zuchtzulassung lagen  uns zum Zeitpunkt der Niederschrift dieses Gutachtens nicht vor.

7) American Staffordshire Terrier (GORDON, 1986): Der Ursprung des American Staffordshire Terrier geht auf die Zeit der Hundekämpfe in England zurück. Für die Kämpfe Hund gegen Hund bzw. Hund gegen Ratte wurden kleinere und wendigere Hunde als die ursprünglich für den Bullenkampf eingesetzten Mastiffs und Bull Dogs benötigt. Durch Ein­kreuzung verschiedener Terrier entstand u. a. der  Staffordshire Bullterrier. 1935 wurde der erste Staffordshire Bullterrier Club gegründet, 1936 wurde der American Staffordshire Terrier vom Amerikanischen Kennel Club anerkannt.

American Staffordshire Terrierzucht heute: Vom American Staffordshire Terrier wird neben  detaillierten Exterieurstandardbestimmungen folgendes verlangt (FCI Standard):  Der American Staffordshire Terrier soll den Eindruck von großer Kraft in Bezug auf seine Größe machen. Ein harmonischer muskulöser Hund, lebhaft und interessiert an seiner Umgebung. In der Gesamterscheinung sollte er untersetzt und nicht zu langbeinig wirken. Sein Mut ist sprichwörtlich.

American Staffordshire Terrierzucht in Österreich: Der American Staffordshire Terrier wird in Österreich im Rahmen des Österreichischen Club für American Staffordshire Terrier im ÖKV gezüchtet. Als Voraussetzung zur Zuchtzulassung wird folgendes verlangt (Österreichischer Club für American Staffordshire Terrier, 1990): Nachdem der ursprüngliche Verwendungszweck der Rasse als Kampfhund keine Berechtigung mehr hat, darf unter "rassetypisches Wesen" keine Aggressivität verstanden werden. Daher ist eine Zuchtzulassungsprüfung und die BGH1-Prüfung (Begleithundeprüfung 1) als Mindestanforderung nötig.  Bei der Zuchtzulassungsprüfung wird die Reaktion des Hundes auf optische und akustische Reize, auf Bedrohung des Führers sowie beim Durchqueren einer lockeren bzw. dichten Menschengruppe geprüft. Zeigt der Hund Aggression oder Ängstlichkeit erfolgt Zuchtausschluß.

8) Rottweiler (PIENKOß, 1982): Die molossoiden Hunde der römischen Provinz Germania sind die Urahnen des Rottweilers. Aus Kreuzungen mit bodenständigen Hirtenhunden und Bullenbeißern entstand im Gebiet der Stadt Rottweil der Rottweiler Metzgerhund. Er wurde einerseits als Schutzhund anderseits als Treibhund für Rinderherden und Helfer der Metzger eingesetzt. Anfang des zwanzigsten Jhdt. wurde der Rottweiler als Gebrauchshund entdeckt und von Polizei und Heer als Diensthund verwendet. In den beiden Weltkriegen wurde der Rottweiler neben anderen Gebrauchshunderassen für Kriegszwecke als Melde-, Sanitäts- und Erkundungshund eingesetzt.

Rottweilerzucht heute: Vom Rottweiler wird neben  detaillierten Exterieurstandardbestimmungen folgendes verlangt (FCI Standard):

Allgemeines Erscheinungsbild: Der Rottweiler ist ein mittelgroßer bis großer stämmiger Hund, weder plump noch leicht, nicht hochläufig oder windig. Seine im richtigen Verhältnis stehende, gedrungene und kräftige Gestalt läßt auf große Kraft, Wendigkeit und Ausdauer schließen. Verhalten und Charakter (Wesen): Von freundlicher und friedlicher  Grundstimmung, kinderliebend ist er sehr  anhänglich, gehorsam, führig und arbeitsfreudig. Seine Erscheinung verrät Urwüchsigkeit, sein Verhalten ist selbstsicher, nervenfest und unerschrocken. Er reagiert mit hoher Aufmerksamkeit gegenüber seiner Umwelt.

Rottweilerzucht in Österreich: Der Rottweiler wird in Österreich im Rahmen des Österreichischen Rottweiler-Klubs im ÖKV gezüchtet. Von den Zuchttieren wird folgendes verlangt (ÖSTERREICHISCHER ROTTWEILER KLUB; 1990): eindeutiges Geschlechtsgepräge, Gesundheit und Lebenskraft, Ausdauer gewährleistendes Gebrauchsgebäude, starkes, vollständiges Scherengebiß, harte Konstitution, gute Nerven und festes Wesen, Selbstsicherheit, Mut und Härte. Es werden verschiedene Zuchtklassen unterschieden: Einfache Zucht: einer der Zuchtpartner muß ein Ausbildungskennzeichen (mindestens Schutzhundeprüfung I (SCHH I)) besitzen, jedoch beide Zuchtpartner eine bestandene Zuchttauglichkeitsprüfung.

Gebrauchshundezucht: beide Eltern haben ein Ausbildungskennzeichen (mindestens SCHH I)

Leistungszucht: Die Eltern und Großeltern haben ein Ausbildungskennzeichen (mindestens SCHHI)

Körzucht: beide Eltern sind angekört.

Kör- und Leistungszucht: beide Eltern sind angekört und die Großeltern haben ein Ausbildungskennzeichen.

Körungsanforderungen: Mindestalter von 36 Monaten für Rüden und 30 Monaten für Hündinnen. Bestandene Zuchttauglichkeitsprüfung.

Bei Rüden bestandene Schutzhundeprüfung III(SCHH III), bei Hündinnen bestandene SCHH I Kein Hinweis auf HD

Als zuchtausschließende Fehler gelten u.a. Verhalten: Ängstliche, scheue, feige, schußscheue, bösartige, übertrieben mißtrauische, nervöse Tiere

9) Rhodesian Ridgeback (N.N., 1992): Der Rhodesian Ridgeback stammt aus dem südlichen Afrika, wo er von den verschiedenen Hottentottenstämmen als Jagdhund zum Hetzen von Wild verwendet wurde. In der Selektion stand ursprünglich Hochläufigkeit und Schnelligkeit an erster Stelle, später wurden die Hunde etwas massiger gezüchtet, um auch mit wehrhaftem Wild, wie z.B. mit Löwen fertig zu werden. Die Buren kreuzten u.a. Bloodhounds und Airdaleterrier ein. 1922 wurde der erste Rhodesian Ridgeback Club (Lion Dog Club) gegründet, 1924 erfolgte die Anerkennung als Rasse durch die FCI

Rhodesian Ridgebackzucht heute: Der Rhodesian Ridgeback wird nach wie vor als Jagdhund verwendet, aber auch als Familien- und Wachhund sowie als Polizei- und Blindenhund. Neben detaillierten Exterieurstandardbestimmungen wird vom Rhodesian Ridgeback folgendes verlangt (FCI-Standard): Stattlicher, muskulöser und selbstbewußter Hund, dem man seine Schnelligkeit, Kraft und Ausdauer auch ansieht. Sein Temperament ist gelassen, trotzdem verfügt er aufgrund seiner Schnelligkeit, Ausdauer, Schlauheit, Beweglichkeit und seines Seh- und Riechvermögens über eine erstaunliche Dominanz. Der Rhodesian Ridgeback zeichnet sich durch Ruhe und Selbstbeherrschung aus.

Rhodesian Ridgebackzucht in Österreich: In Österreich wird der Rhodesian Ridgeback im Rahmen des Rhodesian Ridgeback Club im ÖKV gezüchtet.

Als Voraussetzung zur Zuchtzulassung wird folgendes verlangt (Rhodesian Ridgeback Club): Ablegung einer Zuchttauglichkeitsprüfung, bei der Exterieur und Wesen beurteilt wird. HD-Freiheit. Mindestens Formwert "sehr gut" bei einer Ausstellung.

10) Pitbullterrier und Bandog (SEMENCIC, 1984): Weder Pitbullterrier noch Bandog sind von der FCI anerkannte Rassen, obwohl der Pitbullterrrier in Amerika bei seinen Züchtern und Haltern sehr wohl als Rasse bezeichnet wird. Er entstand wahrscheinlich auf der Basis des Staffordshire Bullterriers durch Kreuzungen mit jeweils besonders kampfbereiten Hunden anderer Rassen. Der Bandog ist ein Kreuzungsprodukt u.a. aus Bullterrier und Mastiff. Zuchtziel ist bei Pitbullterrier und Bandog Leistung im Hundekampf. Da Pitbullterrier und Bandog nicht von der FCI als Rassen anerkannt sind, existieren auch keine FCI Rassenstandards und damit werden im Rahmen des ÖKV in Österreich auch weder Pitbullterrier noch Bandog gezüchtet.

POPULATIONSDYNAMIK

Veränderungen bzw. Stabilität im Genpool einer Population unterliegen einer Wechselwirkung aus Selektionsdruck und genetischer Zufallsdrift (FALCONER, 1984). Selektionsdruck bewirkt eine Anhäufung von Genen, die ein oder mehrere erwünschte und daher selektiv begünstigte Merkmale determinieren. Selektionsdruck wird im Rahmen natürlicher Selektionsbedingungen vor allem auf Merkmale, die der Selbsterhaltung und Arterhaltung dienen, ausgeübt. So kommt es durch natürlichen Selektionsdruck z.B. zur Anhäufung bestimmter Farbgene, die Tarnfärbung bedingen oder von Genen, die besondere Schnelligkeit oder besondere Kraft bestimmen. Im Rahmen domestikationsbedingter künstlicher Selektion ändert sich der Selektionsdruck; nicht mehr Merkmale, die das Überleben des Individuums bzw. der Art sichern, werden selektiv begünstigt, sondern Merkmale, die der zuchtbeeinflussende Mensch für wichtig erachtet. Gene, die keinem Selektionsdruck ausgesetzt sind, unterliegen genetischen Driftwirkungen. Die Richtung der genetischen Drift wird durch den Zufall determiniert, das Ausmaß der genetischen Drift und damit die Geschwindigkeit der Genpoolveränderung ist umgekehrt proportional der Populationsgröße. In kleinen Populationen kommt es daher besonders schnell zu driftbedingten Veränderungen des Genpools. Als Folge der genetischen Drift können Einzelgene entweder der Population verloren gehen oder homozygot fixiert werden. Gene, die z.B. bei Mastiffs im 19. Jhdt. selektionsbedingt besondere Kampfbereitschaft bedingt haben, können in wenigen Generationen verloren gehen, wenn Kampfbereitschaft keinem Selektionsdruck mehr unterliegt. Durchläuft eine Population zudem im Laufe der Zeit einen sogenannten populationsgenetischen Flaschenhals (die Zahl der Zuchttiere reduziert sich umständehalber vorübergehend auf einige wenige Tiere), wie es z.B. bei Mastiffs als Kriegsfolge der Fall war (SCHMIDT, 1990) entspricht der Genpool der Folgepopulation ausschließlich dem Genpool des Populationsteils, der den "Flaschenhals" passiert hat und dem allenfalls später eingekreuzter Tiere. Die Folgepopulation ist somit nicht mehr als genetisch identisch mit der ursprünglichen Population anzusehen. Betrachtet man die heutigen definierten Zuchtziele der  inkriminierten Rassen, ist bei keiner dieser Rassen Kampftrieb oder Aggressivität als Zuchtziel vorgegeben, bzw. stellt übermäßige Aggressivität sogar einen zuchtausschließenden Fehler dar. Allenfalls früher vorhandene Gene, die bei Vorfahren der heutigen Rassen entsprechend ihrer Nutzung und dem damit vorhandenen Selektionsdruck Kampfbereitschaft und Aggressivität gefördert haben, unterliegen somit heute keinem positiven Selektionsdruck und sind daher der genetischen Zufallsdrift ausgesetzt oder unterliegen sogar einem negativen Selektionsdruck, der zu einer gezielten Verdrängung der entsprechenden Gene aus der Population führt, wobei nach SCOTT und FULLER (1965) wenige Generationen gezielter Selektion genügen, um die genetische Struktur einer Population in Bezug auf bestimmte Verhaltensmerkmale zu verändern.  Dies gilt aber nicht nur für die  inkriminierten Rassen sondern grundsätzlich für alle Rassen.

Ein Beispiel für die Wirkung der genetischen Drift möge der Dackel bieten. Ursprünglich als reiner Jagdhund für die Arbeit unter der Erde eingesetzt, die hohe Kampfbereitschaft wahrscheinlich auf der Basis hoher Schmerztoleranz, wie sie ZIMEN (1992) für den Jagdterrier beschreibt, voraussetzt, liegt seine Hauptverwendung heute im Einsatz als Begleit- und Familienhund. Die ursprünglich wichtige Kampfbereitschaft unterliegt somit keinem Selektionsdruck, die determinierenden Gene driften zufällig und wenn es auch sicher heute noch Dackel gibt, die die ursprünglich geforderte Härte und Kampfbereitschaft immer noch aufbringen, so sind doch die meisten Dackel heute verträgliche und friedliche Hunde.


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