zwischen Lupus und Luxus : nordische Hunde

SCHLITTENHUNDE – Zwischen Lupus und Luxus

Daß Tierschützer automatisch Gegner von Rassehunden sind, ist ein von manchen Gruppen viel strapaziertes Klischee, mit dem dieser Artikel aufzuräumen versucht. Glaubhafter und effizienter Tierschutz darf nicht einfachen Parolen wie „Mischlinge gut, Rassehunde schlecht“ aufsitzen, sondern muß dort gegensteuern, wo Fehlentwicklungen auftreten oder Tierquälerei im Gange ist. Schlittenhunde eignen sich hierfür bestens. Einerseits haben die Hunde dieser Rassen eine Jahrtausende alte Tradition und sind von Auswüchsen der Über- oder Qualzüchtung bislang weitgehend verschont geblieben, andererseits spielen leider auch hier zusehends finanzielle Interessen eine übergeordnete Rolle. Der Siberian Husky gerät schleichend zum Modehund und in der Millionen Dollar schweren nordamerikanischen Schlittenhunde-Rennszene sind Massenhaltung und Doping traurige Realität.

Über die Jahrtausende...

...sind Mensch und Hund in den nordischen Gebieten der Erde eine sehr enge Bindung eingegangen. Eine plausible Theorie besagt, daß einige Wölfe den steinzeitlichen Jägernomaden gefolgt sind, um leicht an deren Beutereste ranzukommen, was gerade in klirrender Kälte weit energieschonender ist, als selbst auf die Jagd zu gehen. Der Wolf wurde zum „Kulturfolger“ und domestizierte sich derart selbst, indem er fortan in menschlichen Ansiedlungen lebte. Aus Canis lupus wurde Canis lupus familiaris, der Hund. Wie es in der Natur des Menschen liegt, zog dieser aus seinem neuen Gefährten sofort Nutzen. Hunde fanden als lebende Nahrungsreserve, Fellieferanten, Jagdhelfer, Wächter, Last- und Zugtiere und in späterer Zeit als Hirten oder Luxusgut Verwendung. Im schwedischen Bohuslän zeugen Felszeichnungen aus dem Neolithikum (=Jungsteinzeit) davon, daß der Hund bereits lange vor dem Pferd als Zugtier zum Einsatz kam. Bis zur Ankunft der Spanier war das Pferd auch den Ureinwohnern Nordamerikas fremd. Wieder mußte der Hund aushelfen. In Kanada zog er kufenlose Transportschlitten, sogenannte Toboggans und in den Prärien auf dem Gebiet der heutigen USA band man ihm zur Lastenbeförderung Holzgestelle um, Travois. Am wahrscheinlich längsten währt die Symbiose zum Hund in Nordostasien, was Knochenfunde aus Sibirien und der Kamtschatka dokumentieren.

Von Sibirien nach Alaska

Für die Volksstämme Sibiriens war der Hund das teuerste Gut. In den Weiten der Taiga und Tundra erhöhte er die Mobilität des Menschen unerhört, sowohl was die Verfolgung von Wild betrifft, als auch den Handel sowie die Erschließung neuer Lebensräume. Die Jugakiren verwendeten Schlitten mit sieben Hunden, die Korjaken gar Zehnergespanne. Das riesige Gebiet zwischen dem Fluß Lena, dem Ochotskischen Meer im Süden und der Beringsee im Norden ist auch die Heimat der wohl populärsten Schlittenhunderasse, des Siberian Husky. Im Jahre 1909 brachte der russische Pelzhändler Goosak Huskies nach Alaska, um an einem Hunderennen teilzunehmen. Die Alaskaner verspotteten diese schlanken Hunde anfänglich als „sibirische Ratten“. Als Goosak mit seinem Gespann auf Anhieb den 3.Platz belegte, wandte sich der Spott allerdings bald in offene Bewunderung. 1910 stellte John Johnson beim All Alaskan Sweepstake mit Huskies einen Rennrekord auf, der bis 1983 hielt. Von 1915-1917 siegte Leonard Seppala dreimal bei selbigem Rennen von Nome nach Candle. Die Huskies ließen über den Trail (=Laufstrecke) von 408 Meilen die bulligen Malamutegespanne weit hinter sich. In die Geschichte ging der Siberian Husky 1925 ein. In Nome war die Diphterie ausgebrochen, Hunderten Menschen drohte der Tod. Das rettende Serum war 1000 Meilen entfernt. Innerhalb von nur sieben Tagen legten 20 Schlittenhundestafetten diese Distanz zurück, wobei das Unternehmen gerade bei der letzten Etappe zu scheitern drohte, als ein Blizzard das Vorankommen nahezu unmöglich machte. Doch das Gespann rund um den Husky-Leithund „Balto“ brachte den rettenden Impfstoff dennoch herbei. An „Baltos“ Heldentat erinnert bis heute ein Denkmal im New Yorker Central Park. Trotz allem geriet der reinrassige Siberian Husky in Alaska bald wieder in Vergessenheit. Züchter begannen, um die Geschwindigkeit der Tiere zu steigern, mit der Einkreuzung diverser Jagd- und Windhundrassen. Und bis heute dominieren diese als Rasse nicht anerkannten Mischlinge, die Alaskan Huskies, die internationale Rennszene.

SCHLITTENHUNDERENNEN:

Man unterscheidet zwischen drei verschiedenen Renndistanzen: Kurzstrecke (bis ca. 20km), Mittelstrecke (bis zu 50km pro Etappe) sowie Langstrecke (über 100km pro Tag). Die wohl bekanntesten und aus tierschützerischer Sicht umstrittensten Rennen sind das Iditarod  (2000 km von Anchorage nach Nome) bzw. der Yukon Quest (1000 Meilen von Fairbanks nach Whitehorse). Der Schlittenführer wird als Musher bezeichnet. Die Anzahl der Hunde beginnt bei vier und ist nach oben vielfach offen. In Skandinavien wird ein besonderer Rennstil, der sog. Pulka, gepflogen, bei dem der Musher nicht am Schlitten steht, sondern auf Skiern hinterhergezogen wird.

Spaß oder Extremsport ?

Schlittenhunden – von individuellen Ausnahmen abgesehen – ist das sogenannte desire to go angeboren, der natürliche Drang nach Bewegung und Laufen. Manch Tierschützer mag es daher verwundern, zu beobachten, daß den Hunden das Ziehen von Schlitten im Rudel offensichtlich gefällt. Allerdings ist Schlittenfahrt nicht gleich Schlittenfahrt. Dort, wo es um Preisgelder und Werbeverträge in Millionen Dollar Höhe geht, wird der Hund zum Mittel zum Zweck und Wegwerfprodukt. Die nordamerikanischen Profirennen fordern alljährlich den Tieren das Letzte ab. Um „Ausfälle“ wettzumachen, haben die Musher oft über Hundert Hunde in Besitz. Massenhaltung in Reinkultur, die persönliche Beziehungen zu den Hunden nur mehr fallweise erlaubt und die Aggression der Tiere innerhalb des kennel (=Zwinger) steigert. Lauffreude wird in bloßen Triebstau degradiert und Hunde, die für Rennen nicht mehr tauglich sind, landen nicht selten entweder im Tierheim oder werden euthanasiert. In Österreich sind Auswüchse dieser Art bisher noch nicht bekannt.

Summa summarum kann ich mich nur den Worten des Verhaltensforschers Eberhard Trumler anschließen: „Mit dem Hundeschlitten fahren ist schön, und es kann dem Hund ebenfalls Spaß machen, wenn es dabei bleibt. Wo man aber Wettbewerbe daraus macht, hört die Vernunft auf, hört der Mensch auf, Tierfreund zu sein.

SCHLITTENHUNDERASSEN:

Die FCI, der Internationale Kynologenverband, führt in ihrem Rasseverzeichnis, in Gruppe 5, Sektion 1, die Nordischen Schlittenhunde an: darunter fallen der bullige Alaskan Malamute (anerkannt seit 1966), der temperamentvolle Grönlandhund (1967), der grazile Siberian Husky (1973) sowie der rein weiße Samojede (1991). Alaskan Husky ist hingegen keine Rassebezeichnung, sondern repräsentiert eine große Vielzahl von Schlittenhundemischlingen. Der Canadian Eskimo Dog war bereits einmal als Rasse anerkannt und wird diesen Status auch bald wieder haben, was Vorteile in den Zuchtbestimmungen bringt.

Schlittenhunde als Haustiere ?

Nordische Hunderassen üben ob ihres wolfsähnlichen Aussehens eine starke Faszination aus, was natürlich die Gefahr mit sich bringt, neue Modewellen einzuleiten. Beim Siberian Husky ist das ja leider schon eingetreten. Die Tierheime sind voll mit Vertretern dieser Rasse.

Wir möchten Ihnen daher einen kleinen Kriterienkatalog für die Anschaffung besagter Rassen liefern:

·  Nordische Hunde, dazu zählen neben den Schlittenhunden auch die russischen Laiki oder der japanische Akita Inu, sind sehr bewegungsfreudig. Auslauf im Vorgarten oder an der Leine sind zu wenig.

·  Hunde dieser Rassen sind nicht als Wachhunde tauglich. Bei ihrer Erziehung kommt es auf Feingefühl sowie gegenseitiges Vertrauen an. Einen Malamute auf „Gehorsam“ zu erziehen, ist zum Scheitern verurteilt. Diese Hunde sind sehr selbständig und unabhängig.

·  Hunde dieser Rassen sind oft sehr rudelorientiert, d.h., auch die Anschaffung eines „Zweithundes“ ist zu wenig. Und als Rudelführer wird nur derjenige akzeptiert, der diesen Rang täglich rund um die Uhr unter Beweis stellt. Befehle beim Abendspaziergang werden den Hund wahrscheinlich unberührt lassen.

·  Nordische Hunde erkunden gerne ihre Umgebung, was heißt, daß Ausbüchsen zur Regel zählt und niedrige Zäune bloß einen weiteren Ansporn für den Hund darstellen. Bei Spaziergängen ist eine Leine sicher angebracht.

· Der Jagdtrieb ist ausgeprägter als bei anderen Rassen. Beim Kontakt mit Schaf, Reh, Hase oder Katze ist äußerste Vorsicht angebracht. Wobei zu beachten ist, daß etwaige Tötungen dieser Tiere nicht dem Hund, sondern seinem Besitzer vorzuwerfen sind.

· Daß Nordische Hunde unter dem Klima unserer Breiten leiden, ist ein falsches Pauschalurteil. Gerade diese Rassen verfügen über ein recht ausgeklügeltes Temperaturregulativ. Das Fell besteht aus einem sogenannten Doppelmantel mit dichter Unterwolle bzw. Deckhaar. Im Winter schützt die Unterwolle vor Kälte, im Sommer wird sie aber abgeworfen.

Obwohl man dem eigenständigen Charme der Schlittenhunde sehr leicht erliegen kann, sollte man eine Anschaffung eines oder mehrerer dieser Tiere sehr genau überlegen.

Und vor allem, prüfen Sie genau, wer Ihnen das Tier verkauft. Seriöse Züchter erkennt man meist nach einem einzigen Besuch des Zwingers. Meiden Sie „Billighunde“ im Ausland genauso wie „Züchter“, die mehrere Rassen im Angebot haben. Sie fördern dadurch nur die Ausbeutung der Hunde durch brutale Geschäftemacher.

 

Home

Zurück