Vom Gebrauchshund zum Modeartikel

Am 22. April 1999 feierte der Deutsche Schäferhund seinen 100. Geburtstag. Ein Tag zur Freude, aber auch zur nüchternen Betrachtung der Realität. Denn durch Überzüchtung ist das Genpotential vieler Hunde dieser Rasse bereits stark geschädigt.

Rittmeister von Stephanitz

Der junge Adjutant der schweren Reiter aus Köln-Deutz, Max-Emil von Stephanitz, langweilte sich beim Manöver. Seine Blicke schweiften ab und er sah einen Hirten, der seine Schafherde mittels zweier Hunde perfekt dirigierte. Ein Schauspiel, das den preußischen Militär von Stephanitz faszinierte. Von nun beseelte ihn die Idee, den perfekten Gebrauchshund zu finden: gehorsam, intelligent und leistungsfähig sollte er sein. Die Suche blieb erfolglos. Zu unterschiedlich verhielten sich Hunde selbst rasseintern. So beschloß von Stephanitz - mittlerweile aus dem Militärdienst ausgeschieden - selbst eine Hunderasse zu schaffen.

Horand von Grafrath

Anfang 1898 erwarb er den dreijährigen Hirtenhundrüden Hektor von Linksrhein und zog nach Oberbayern, wo er einen Zwinger eröffnete. Hektor wurde in Horand von Grafrath umgetauft und sollte zum Stammvater von bis heute über zwei Milliarden Deutscher Schäferhunde (DSH) werden. Sukzessive kreuzte der Rittmeister robuste Landschläge aus Thüringen und Württemberg ein. Am 22. April 1899 war es dann soweit:  in Karlsruhe gründete er den Verein für Schäferhunde (SV), der bis in die Gegenwart zu den einfluß-

reichsten im ganzen Hundewesen zählt. Von Stephanitz starb auf den Tag genau 37 Jahre später. Die Popularität des DSH begann aber erst richtig zu wachsen.  

Mißbrauch im Krieg

Im ersten Weltkrieg mußte der DSH für vielfältige Dienste herhalten. Er diente als Minen,- Melde- oder Sanitätshund. Zigtausende der Tiere fanden dabei den Tod. Im zweiten Weltkrieg wiederholte sich das Drama. 200.000 wurden auf deutscher Seite für das Schlachtfeld rekrutiert. Auch Hitler selbst besaß mit "Wolf" und "Blondie" zwei DSH. Der Hunderasse haftet so bis dato unverdient das Stigma des deutschen Nationalismus und Faschismus an.

Vom Gebrauchshund zum Statussymbol

Ab den 50er-Jahren begann der weltweite Siegeszug des DSH. Als Allrounder eignet er sich zum Aufspüren von Erzen ebenso wie zur Bewachung von Öl-Pipelines. DSH versehen Dienst bei Polizei, Grenzschutz, Zoll, als Rettungs- oder Blindenhunde. Nach Auskunft des SV befinden sich aber in Deutschland 90 % der rund 500.000 DSH in Privatbesitz. Und auch in Österreich führt der DSH die Beliebtheitsskala aller Hunde weit voran an. Diese Popularität trug nicht zur Gesundheit der Tiere bei. Die rege Nachfrage und vermenschlichte Schönheitsideale im Rassestandard trugen zur Schädigung des Genpools bei. Bei vielen DSH kann von Überzüchtung gesprochen werden. So klagen immer mehr Diensthundeführer über körperliche Leiden und "Triebschwäche" ihrer Schützlinge; seien es Krankheiten im Bewegungsapparat, Apathie oder Hypernervosität. Aus Sicht des Tierschutzes gibt es da nur einen Ausweg aus der Misere: die Zuchtbasis erhöhen, dafür aber weniger züchten...und vor allem nur mit gesunden Tieren !

Überzüchtung und Erbkrankheiten

Von Überzüchtung spricht man, wenn das Erbgut des Tieres durch züchterische Maßnahmen nachteilig verändert wird. Diese Veränderungen manifestieren sich in genetisch bedingten Krankheiten, Krankheitsanfälligkeiten oder Wesensschwächen.

Beim Deutschen Schäferhund führte z.B. der inzwischen geänderte Rassestandard, der ein um 23% abfallendes Hinterteil vorschrieb, zu krankhaften Veränderungen des Bewegungsapparates, wie etwa:

·    Hüftgelenksdysplasie (kurz HD): Fehlstellung des Hüftgelenks, bei welcher der Kopf des Oberschenkelknochens aus der Gelenkspfanne tritt (=Luxation). Dies führt zu chronischen Entzündungen und je nach Grad der HD zu argen Schmerzen bei Bewegungen.

·    Cauda Equina Syndrom (CES): Einengung von Nervenkanälen am Ende des Rückenmarks. Kann zur Lähmung der Hinterhand führen.

·    Spondylose: krankhafte Knochenbildungen entlang der Wirbelsäule. Führt ebenfalls zur Lahmheit

Daneben gibt es eine Hornhautentzündung (Keratitis superficialis chronica), die bisher nur beim DSH beobachtet werden konnte. Die Hauptursache für die Überzüchtung liegt, wie Claudia Noé in der Hunde Revue 5/99, Seite 12, es pointiert ausdrückt "bei den inkompetenten, verantwortungslosen Hundevermehrern, die ein Bombengeschäft machen"; angeheizt durch Kuschelserien wie "Kommissar Rex".

 

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