Tödliche Hundeattacke in San Francisco

San Francisco – 26.1.2001, 4 Uhr nachmittags: die 33jährige Lacrosse-Trainerin Diane Whipple versucht gerade ihre Apartmenttüre aufzusperren als sie im Flur von den zwei Hunden der Nachbarn angefallen und letztendlich tödlich verletzt wird. Bei den beiden Tieren handelte es sich um Kreuzungen zwischen Presa Canario bzw. Mastiff. Halter des Hundeduos war ein Anwaltspaar in der Nebenwohnung.

Zur Vorgeschichte

Der Anwalt Robert Noel (59) sowie seine Frau Marjorie Knoller (45) adoptieren den im Pelican Bay Gefängnis einsitzenden John Paul Schneider. Warum weiß bis heute niemand genau. Fest steht daß Schneider, ein Mitglied der rechtsextremen Aryan Brotherhood [Arische Bruderschaft], wegen versuchten Mordes eine lebenslange Haftstrafe abzusitzen hat. Gemeinsam mit seinem Kumpel und Mitinsassen Dale Bretches, einem verurteilten Mörder, leitete er vom Gefängnis aus ein verbrecherisches Geschäft mit Hunden. Die Tiere wurden von Mittelsmännern gezüchtet und zu „Kampfhunden“ konditioniert. Danach verschacherte man die Hunde für teures Geld zu Kampfzwecken bzw. zur Bewachung von Drogenlabors der mexikanischen Mafia. In Hayfork, einem verschlafenen Städtchen in Nordkalifornien, kamen vier Welpen von Schneider unter. Janet Coumbs sorgte dort zwei Jahre lang für das Wohl von „Bane“, „Fury“, „Hera“ und „Isis“. Doch Frau Coumbs war bald mit ihrer Weisheit am Ende. Die vier Hunde hatten innerhalb kurzer Zeit nicht nur alle ihre Schafe und Hühner, sondern auch die Hauskatze gefressen. Holztüren rannten sie im Überschwang schon mal ein, weshalb ihr Auslauf durch Metallverstärkungen gesichert werden mußte. Allerdings war es nie zu Aggressionen der Tiere gegenüber Menschen gekommen. Für „Bane“ und „Hera“ gab es einen Ortswechsel. Das Anwaltspaar Noel/Knoller hatte nicht nur Häftling Schneider, sondern auch den über 60 kg schweren Rüden sowie die etwas leichtere Hündin adoptiert. Drei Monate lang lebten die beiden Tiere mit dem Anwaltspaar im noblen Pacific Heights-Viertel von San Francisco: ohne nennenswerte Vorfälle. Ein Hundekenner führte die plötzliche Aggression gegenüber der Nachbarin auf zu wenig Auslauf zurück, andere glauben, daß Mrs. Whipple durch irgend eine Bewegung den Jagdinstinkt von „Bane“ und „Hera“ geweckt hatte; wiederum andere sehen das Übel in der Rasse Presa Canario selbst begründet.

"Kampfhunderassen"?

Der Presa Canario wurde über lange Jahre in Spanien zu Kampfzwecken gezüchtet. Die geschundenen Hunde waren gezwungen, unter dem Getöse der blutgierenden Zuschauer Artgenossen, Stiere oder andere Tiere zu töten. Nur die aggressivsten Hunde wurden weiter verpaart. In den 1930ern kam es zum Verbot für reinblütige Presas Canarios am spanischen Festland; auf den Kanarischen Inseln gibt es sie heute noch. Freilich wurde in der Züchtung längst der Gegenweg beschritten, als daß nur mehr nicht übermäßig aggressive Tiere verpaart werden. Von „Kampfhunderasse“ zu sprechen, ist daher wissenschaftlich nicht korrekt, da Aggression nicht durch ein „Aggressionsgen“ festgelegt ist, sondern von vielen inneren wie äußeren Komponenten abhängt; vor allem natürlich von der brutalen Prägung und Haltung von Hunden. Mastiffs sind trotz ihres wuchtigen Aussehens ohnehin nie zu Kampfzwecken gezüchtet worden. Merry Johnson aus Baltimore, ein Experte dieser Rasse, sieht das Problem in der Kreuzung selbst: „It’s unwise because you’re taking a terrier type personality and you’re making it very large.“; d.h., seiner Ansicht nach ist es unklug, Hunde vom Typus Terrier durch Einkreuzung von Molossern wie dem Mastiff zusätzlich Gewicht und Größe zu verleihen.

Schock für San Francisco

Daß dieser Vorfall in dem für seine Liberalität und Weltoffenheit bekannten San Francisco passierte, ist doppelt als Katastrophe zu werten. Denn die Stadt war die erste in den USA, deren öffentliche Zwinger die Tiere nach einem bestimmten Zeitraum nicht einschläfert. Ein Beamter des Bürgermeisteramtes sprach vom „ersten Todesfall durch Hunde“ in der Geschichte der Stadt überhaupt. Der letale Angriff auf Diane Whipple dauerte fünf Minuten, San Francisco steht aber immer noch unter Schock – die Bewohner sind in der Hundefrage geteilter Meinung. „Bane“ wurde unmittelbar nach der Attacke euthanasiert, „Hera“ in Gewahrsam genommen. Betrachtet man die Geschichte der beiden Hunde näher, ergeben sich Parallelen zum tödlichen Unglück von Hamburg Ende Juni 2000. Auch dort stammten die beiden American Staffordshire-Terrier-Mischlinge „Zeus“ und „Gypsy“ aus dem kriminellen Milieu. Ihre Halter waren wegen Drogendelikten stadtbekannt. In San Francisco wird das Urteil mit Spannung erwartet. Schneider und sein Mithäftling dürften ungeschoren davon kommen, zumal sie ohnehin lebenslänglich absitzen müssen Ob Janet Coumbs oder letztendlich doch das Anwaltspaar Noel/Knoller verurteilt werden soll, bleibt Ansichtssache. Die traurigen Fakten sind, daß kriminelle Elemente Hunde mit aller Brutalität enthemmen und zur Aggression züchten – und dadurch ein Mensch sterben mußte. Bleibt zu hoffen, daß der Gesetzgeber in Kalifornien mit mehr Augenmaß handelt als sein Pendant in Deutschland, wo Rasselisten die Situation weit mehr erschweren als erleichtern.

Ergänzung:

Am 27.März 2001 klagte die Grand Jury von San Francisco Marjorie Knoller wegen vermeintlichen Mordes zweiten Grades an. Gegen sie und ihren Gatten, Robert Noel, wurde des weiteren Anklage wegen unabsichtlichem Totschlag sowie Versagen in der Kontrolle eines Tieres erhoben. Kurz danach kam das Ehepaar nach einer 200 Meilen langen Verfolgungsjagd mit der Polizei wegen Fluchtgefahr in Haft. Die Gerichtsverhandlung wurde aus Gründen der Fairness von San Francisco nach Los Angeles verlegt. Verhandlungsstart ist der 22.Januar 2002.

 

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