Der vorliegende Text ist eine vom Tierrechtsverein CANIS International, www.canis.info, durchgeführte Übersetzung eines Artikels der bulgarischen Organisation SEMPERVIVA. Diese Übersetzung darf nur mit ausdrücklicher Genehmigung von CANIS vervielfältigt, verbreitet und weiterverwendet werden. Alle Fotorechte liegen bei SEMPERVIVA.
Wir möchten unseren bulgarischen KollegInnen an dieser Stelle herzlichen und großen Dank für ihre Informationen aussprechen. Wer Näheres über die Arbeit von SEMPERVIVA erfahren – oder noch besser – sie unterstützen möchte, kontaktiere folgende Adresse: (27.05.03)


Atila Sedefchev
Sider Sedefchev
BBPS-SEMPERVIVA
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Karakachanhunde


 

Der Karakachan (auf Bulgarisch "Karakachansko kuche") ist eine sehr alte Rasse. 

 

Sein Stammbaum reicht zu den Hirtenhunden der antiken Thraker sowie zu den Herdenschutzhunden der Proto-Bulgaren zurück, einem Volksstamm, der von den Hindukusch- und Pamirgebirgen Zentralasiens auf den Balkan einwanderte.

 
I) Ein kurzer historischer Rückblick
 
Die Ursprünge des Karakachan reichen wie gesagt bis zu den Thrakern zurück, den ersten zur Gruppe der Indoeuropäer gehörenden Bewohnern des heutigen bulgarischen Territoriums. Die Thraker waren bekannt für ihre zahlreichen Schafherden. 

 

Örtliche Hunde schützten die Herden vor Predatoren wie Wölfen oder Bären sowie fremden Menschen. Ende des dritten, Anfang des zweiten Jahrtausends vor Christus hatten die Thraker aufgrund des Handels mit Westanatolien begonnen, den Einsatz von Tieren in der Landwirtschaft zu differenzieren. Zu dieser Zeit kam es wahrscheinlich zu Kreuzungen der lokalen Hundeschläge mit alten Mastiffrassen und Hirtenhunden asiatischen Ursprungs; der Grundstein

für eine neue regionale Form von Herdenschutzhunden war gelegt. Noch heute kann man Abbildungen dieser Hunde auf dem Goldschmuck der Thraker sehen. Während des 6. und 7. Jahrhunderts nach Christus besiedelten die ersten Bulgaren zusammen mit ihren Nutztieren und Hunden die Balkanhalbinsel. Auf ihrer Wanderung vom Ursprungssiedlungsgebiet im Hindukusch ließen sie sich kurzfristig (420-660) auch im Nordkaukasus nieder.

 

Seinen Rassenamen verdankt der Karakachan den gleichnamigen nomadisierenden Schafhirten. Auch sie waren Nachfahren der Thraker. Im Sommer grasten ihre Herden in den bulgarischen Bergen, im Winter entlang von Mittelmeer und Schwarzem Meer. So konnten die Herden zu allen Jahreszeiten versorgt werden. Aufgrund ihrer konservativen Zuchtmaßnahmen blieben das rauhwollige Zackelschaf sowie primitive Pferdeschläge in Europa erhalten. Diese Viehzüchternomaden und ihre Bedürfnisse spielten eine wichtige Rolle in der Selektion von Herdenschutzhunden; Hunde, die viele und spezifische Anfordernisse erfüllten. Aufgrund seiner perfekt 

angepassten Arbeitsqualitäten wurde der Karakachanhund bald in ganz Bulgarien gezüchtet. Historische Quellen aus dem 19.Jahrhundert zufolge besaß ein Viehzüchter aus dem Rhodopengebirge eine Schafherde von 12.000 Tieren, die er von 80 Herdenschutzhunden beschützen ließ.
 
Bis zum II. Weltkrieg fand der Karakachan in der bulgarischen Armee erfolgreich Verwendung als Grenzschutz- und Wachhund. Es ist mehr als klar, daß der Genotyp des Karakachan wegen konservativer Zuchtselektion bis in die Antike zurückreicht.
 
Verhalten:

 

Der Karakachan ist ruhig, unabhängig, intelligent, mutig und stolz. Seiner Herde und seiner menschlichen Bezugsperson ist er selbstlos ergeben, Fremden gegenüber misstrauisch. Die Rasse ist zudem sehr lernwillig. Gut sozialisierte Karakachanhunde geben ein exzellentes Haustier ab.  Predatoren gegenüber sind sie leicht erregbar und aggressiv. Daraus ergibt sich, daß Herdenschutzhunde die effektivste und natürlichste Maßnahme zum Schutz von Nutztieren darstellen. Auch unter schwierigen Umweltbedingungen wie rauem Terrain oder großer 

Predatorendichte kommen sie ihrer Arbeit problemlos nach. Diese Qualitäten trugen zu ihrem legendären Status in der bulgarischen Folklore bei.


II) Abriss über den Rassestandard
 
-) Verwendung:
Herdenschutz, Objektbewachung, Begleittier. In der Vergangenheit auch Einsatz im Grenzschutz.
 
-) FCI-Klasse:
Gruppe II, Sektion 2.2.

 

-) Allgemeines Erscheinungsbild:


Groß, buschig, wimpelförmige Ohren, aufgerollter Schwanz. Kompakter Körperbau mit robusten Knochen und kräftigen Muskeln. 

Der Dimorphismus der Geschlechter ist stark ausgeprägt. Rüden sind viel größer und massiger mit einem schwererem und breiterem Kopf. Der Körper der Hündinnen ist länglicher.


-) Kopf

 

Kompakt, fast monumental; weiter Abstand zwischen den Ohren. Von der Seite betrachtet, sieht das Backenbein leicht abgerundet aus. 

Die Augenbrauen sind nur gering ausgeprägt, die Frontalfurche kaum sichtbar. Die äußere Hinterkopfwölbung ist stark entwickelt; der Stopp hingegen nur schwach. 

Die Schnauze ist groß und verengt sich in Richtung Nase zu einem stumpfen Ende. Die Nase selbst ist gut pigmentiert. Die Lippen sind dick und trocken. 


Der Kiefer ist stark, die Zähne sind groß. Der Karakachan verfügt über ein Scherengebiss oder einen exakten Zahnschluss. Die Augen sind eher schmal, liegen weitgesetzt leicht seitlich und weisen eine Mandelform auf. Ihre Färbung reicht von dunkel bis hellbraun und ist von der Fellfarbe abhängig. Die Ohren sind klein, in wimpelförmiger „V“-Form und ziemlich niedrig – auf Augenhöhe – angesetzt. Das traditionelle Abschneiden eines Ohres ist erlaubt.
 
-) Nacken


Kurz, dick und muskulös, Wölbung an der oberen Linie. Die losen Hautvorhänge und der dicke, lange Pelz bieten einen natürlichen Schutz der Kehle bei Kampfhandlungen.
 
-) Körper
 
Der Widerrist ist lang, kräftig und muskelbepackt. Der Rücken ist gerade und breit mit kräftigen Muskeln. Die Kruppe ist ebenfalls breit und stark sowie leicht abfallend. Der Brustkorb ist groß, breit und tief. Die Rute ist hoch angesetzt. Sie kann Normallänge aufweisen oder von Natur aus verkürzt sein. Bei entspanntem Zustand hängt sie herunter, wobei das Ende – wie ein Haken – kurvig nach oben weist. Bei Anspannung ragt die Rute über die Rückenlinie hoch empor und ist sichel- bis kreisförmig eingerollt.
 
-) Beine
 
Die Vorderbeine sind robust, weitgesetzt, gerade und stehen parallel. Die Hinterläufe sind kräftig mit leicht erhobenen Gelenkswinkeln. Oft treten eine bzw. zwei Afterklaue(n) auf.
 
-) Bewegung
 
Die Bewegungen geschehen mit Sicherheit und Kraft. Sie zeugen von der außergewöhnlichen Stärke und dem herrischen Charakter des Karakachan. Die übliche Gangweise ist der Trott.

 

-) Fell

 

Das Fell ist lange, gerade und rau mit reicher Unterwolle. An Nacken, Kruppe und Widerrist ist das Haar länger und reicht von 9 bis 28 cm. Auf der Hinterfläche der Beine finden sich viele und sehr schöne Fransen. Die Hunde sind gefleckt: große dunkle (schwarz, grau oder rot) leicht erkennbare Flecken auf weißem Untergrund bzw. auch auf dunklen Untergrund (schwarz, grau, rot eher selten). Im Gesicht, Nacken, am Bauch, an den Gliedern sowie an der Rute sind weiße Punkte.


-) Widerristhöhe
 
Rüden: 63-74 cm
Hündinnen: 60-68 cm
 
III) Gegenwärtiger Status
 
Nachdem private Viehbestände 1957 verstaatlicht worden waren, wurde eine große Anzahl von Karakachanhunden plötzlich nutzlos. Viele Hunde fanden den Tod durch Tötung. In dieser Zeit war in Bulgarien auch der Wolf heftig verfolgt und beinahe ausgerottet worden. Von den 1960ern bis 1980ern führte die sozialistische Regierung mehrere Vernichtungskampagnen gegen Hunde – darunter auch gegen den Karakachan – durch, mit dem Hintergedanken, mit den Fellen der toten Tiere Handel zu treiben. In den 1980ern begannen Hirten, fremde Rassen einzukreuzen (Bernhardiner, Neufundländer, Kaukasischer Owtscharka). Ziel war es, Masse und Größe der Hunde zu erhöhen. Das Ergebnis war aber enttäuschend. Die Arbeitsqualitäten der Karakachan waren drastisch gesunken.

 

Bis zur Mitte der 1990er war eine allgemeine Populationsabnahme der Karakachanhunde zu erkennen; sowohl bei Arbeits- wie auch Begleit- und Showhunden. 

Das Ansehen der Hunde erreichte ein kritisches Tief. Doch nach dieser Phase stieg die Zahl der reinrassigen Karakachans – sowohl bei Züchtern als auch Hundeliebhabern – wieder an. 

Dieser Trend hält an. Allerdings bewirkte er eine Populationsabnahme der ursprünglichen Rasseschläge.

In jüngster Zeit, propagiert durch die Arbeit der Bulgarian Biodiversity Preservation Society SEMPERVIVA (Bulgarische Gesellschaft zur Bewahrung der Artenvielfalt), der Karakachan Dog International Association sowie einiger Züchter, nimmt die Zahl der Arbeitshunde wieder leicht zu.

1994 wurde der  Karakachanhund auf die Rote Liste der in Bulgarien autochthonen [1] Haustiere gesetzt. Sein Status wurde mit „disappearing“ („verschwindend“) und „kritisch“ festgesetzt.

 

Diese Liste ist Teil der offiziellen „Nationalen Strategie für Umweltschutz und Erhaltung der Artenvielfalt in Bulgarien“. Von der FCI [2] wurde der Karakachan noch nicht als Rasse anerkannt.


[1]: autochthon: ursprünglich (heimisch)
[2]: Die FCI – mit Sitz in Thuin, Belgien, www.fci.be  – ist der international bedeutendste Kynologenverband. Sie ist ein Dachverband nationaler Kynologenverbände.

                                

 

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