Vegetarismus


SOLLTEN WIR ALLE VEGETARIER WERDEN?

Würden wir gesünder sein? Wäre es der Planet? Über die Risken und Vorteile eines fleischlosen Lebens

(Richard Corliss)  

Fünf Gründe, Fleisch zu essen:

1)      Es schmeckt gut.

2)      Du fühlst dich gut dabei

3)      Es ist eine große amerikanische Tradition 

4)      Es unterstützt Amerikas Farmer

5)      Unsere Eltern taten es

Oh, Entschuldigung ... das sind fünf Gründe, Zigaretten zu rauchen. Bei Fleisch ist das komplizierter. Es ist ein Nahrungsmittel, das die meisten Amerikaner praktisch täglich essen: zur Hauptmahlzeit; in der Cafeteria; beim Barbecue im Hof; mit Senf im Stadion; oder, milliardenmal im Jahr mit speziellen Saucen, Lattich, Käse, Pökelbeize und Zwiebeln auf Sesamkuchen. Rindfleisch ist, sagen TV-Werbespots, „Amerikas Nahrung“ – die Stars and Stripes medium gebraten serviert. Außerdem ist es so sehr mit dem Selbstverständnis der Nation als „robustes Frontier-Erbe“ verbunden wie der „Marlboro Mann“.

Aber heutzutage sehen Amerikas Cowboys im Sattel etwas kümmerlich aus. Die Rinder, die sie zusammentreiben, gelten als „politisch nicht korrekt“. Für viele ist Fleisch eine obszöne Cuisine. Es sind nicht nur die Futtermittelzusätze und Krankheiten, die in Zusammenhang mit dem Verzehr von Rindfleisch stehen (Obwohl ein Gericht voller Hormone und E. coli Bakterien oder das erschreckende Gespenst des Rinderwahnsinns effektiv genug sein könnten, um den Appetit zu unterdrücken); nein, es ist so, daß immer mehr Amerikaner, hauptsächliche junge, eine Verhaltensweise begonnen haben, die einst ihre Eltern schockiert hätte: sie essen ihr Gemüse, ebenso ihre Körner und Sprossen. Etwa 10 Millionen Amerikaner sehen sich zur Zeit als praktizierende Vegetarier (wie aus einer „TIME“ – Meinungsumfrage mit 10.000 Erwachsenen hervorging). Weitere 20 Millionen haben irgendwann in ihrer Vergangenheit mit dem Vegetarismus [zumindest] geflirtet.

Um einen Geschmack davon zu bekommen, wie stolz die Cowboys einst waren und wie defensiv sie sich gegenwärtig verhalten, braucht man nur die Website von Jody Brown, einem Rinderzüchter aus South Dakota, anzuklicken (www.ranchers.net ). Dort sind die neuen Mantras zu lesen: „Vegetarier leben nicht länger, sie sehen nur älter aus.“ Oder „Wenn Tiere nicht dazu bestimmt sind, gegessen zu werden, warum sind sie dann aus Fleisch?“ (Man könnte dieselbe Frage bei Menschen stellen). Für Brown und seine Generation der nicht in Frage stellenden Fleischesser ist die Mahlzeit etwas, das die Eltern auf den Tisch stellen und das die Kinder in ihren Körper tun. Über seine eigenen Kinder sagt er: „Wir erwarten, daß sie von allem ein bisschen essen“. Rindfleisch wird im Heim der Browns fast jeden Abend aufgetischt, ohne daß Jeff (17), Luke (13) oder Hannah (11) einen Muckser machen würden. Zumindest Jody gibt liberales Mitgefühl zu: „Wenn in meiner Gegend ein Vegetarier einen platten Reifen hätte, würde ich raus gehen und ihm helfen.“

Sowohl für den Rancher, der seinen Lebensunterhalt durch Fleisch bestreitet als auch für den Vegetarier, dessen Speiseplan vielleicht eines Tages all diese Züchter-Schlächter in den Bankrott treiben wird, ist nichts mehr so einfach wie es einmal war. Vorbei ist die Zeit der amerikanischen Unschuld bzw. Naivität, als solche Sachen wie Haarschnitte, Handschläge, Familiennamen, Schuluniformen, Farmen, Zoos, Cowboys oder Ranchers keine bestimmte politische Bedeutung hatten. Nun steht alles zur giftigen Debatte. Und kein Aspekt unseres täglichen Lebens – unseres Lebens als Nahrungskonsument – erregt mehr Hitze als Fleisch.

Für Millionen von Vegetariern ist „meat“ ein Vier-Buchstaben-Wort [Anm. CANIS: In Anspielung auf englische Schimpf- und Fluchwörter mit ebensovielen Buchstaben]; Kalbfleisch beschwört Visionen von Kindesmord herauf. Viele Kinder, die mit erfolgreichen Filmen wie „Babe“ oder „Chicken Run“ aufwachsen, nehmen davon Abstand, ihre Leinwandhelden zu essen. Sie wechseln zu einer „nicht gewalttätigen Ernährungsweise“, wie es Fleischgegner ausdrücken. Der Vegetarismus löst bei Menschen mit Gewissen einen inneren Krieg aus, in dem er einen essbaren Komplex des Gute-Taten-Machens liefert: vegetarisch werden, heißt menschlicher werden. Höre auf, Fleisch zu essen – rette Leben!

Sicher, eines dieser Leben, das man retten – oder zumindest verlängern – soll, ist das eigene. Denn Vegetarismus heißt nicht nur, Bestimmtes nicht zu essen, sondern vor allem, sich klug zu ernähren. Um das zu glauben, braucht man kein wiedergeborener Esser zu sein [Anm. CANIS: „born again foodist“: als Anspielung auf „born again buddhist“]. Die Amerikanische Gesellschaft für Ernährung [American Dietic Association], eine Gruppe, die ziemlich in der Mitte positioniert ist, hat proklamiert, daß eine „passend geplante vegetarische Ernährung gesund ist“. Außerdem wäre sie „ernährungswissenschaftlich adäquat und bietet gesundheitliche Vorteile in der Vorbeugung wie Behandlung bestimmter Krankheiten.“

Also, wie wär’s damit? Sollen wir alle Vegetarier werden? Nicht nur Teenager, sondern auch Säuglinge, Alte, Athleten – alle ? Würde uns das helfen, länger und gesünder zu leben? Funktioniert das bei Menschen aller Altersstufen und Arbeitstätigkeiten? Können wir die richtige vegetarische Diät finden und bei ihr bleiben? Und wenn ja, werden wir das auch tun?

Q : „TIME“, 7.7.2002, http://www.time.com/time/covers/1101020715/story.html

Dt. Übersetzung: A. Willer, CANIS

PS: "TIME" führte parallel zu diesem Artikel eine Online Poll mit der Frage: "Ist eine ausgewogene vegetarische Ernährung gesünder als eine, die Fleisch beinhaltet?" (Is a well-balanced veggie diet healthier than one that includes meat?) durch.

Das Ergebnis (Stand vom 15.07.02, 14:10 MEZ): 82,2 % Ja, 18, 8 % nein; (96.652 votes)

 

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