Veganismus

"Absolut nichts vom Tier"

Marlies Kullmanns Vegan-Shop

 

Einem namenlosen Schwein verdanken Ernährungsbewußte, Umweltaktivisten und Tierschützer ein Geschäft, in dem sie ohne ethisch-moralisches oder allergiebedingtes Bauchgrimmen einkaufen können. Der "Vegan-Shop" beliefert als einziges Fachgeschäft Deutschlands Kunden, die Nahrungsmittel, Kosmetika und Bekleidung suchen, welche ohne Vernichtung oder Ausbeutung tierischen Lebens produziert wurden.

Die Inhaberin Marlies Kullmann stellte schon im Vorschulalter die Weichen, und Auslöser war jenes längst vergessene und verdaute Schwein. "Das liegt mir irgendwie im Blut", sagt die 35jährige Geschäftsfrau. Als Tochter gesellschaftlich unauffälliger Fleischesser in Frankfurt geboren, entwickelte sie - kaum den Windeln entwachsen - eine ausgeprägte Fürsorge für streunende Katzen, verletzte Hunde oder hungrige Meerschweinchen. Als beim Besuch bei befreundeten Bauern eines Tages ihr Lieblingsspielkamerad, das Schwein, verschwunden war und ihr dämmerte, daß es zwischen der leeren Box im Stall und dem Schnitzel auf dem Teller einen Zusammenhang gab, stand für sie fest: "Nie wieder Fleisch".

Vor zehn Jahren strich Marlies Kullmann, engagierte Tierschützerin und als Sekretärin voll im Leben stehend, alles vom Speiseplan, was auch nur annähernd mit Tieren zu tun hat. Eier, Honig, Käse und alles Milchhaltige. "Ich habe den Joghurt aus dem Kühlschrank verschenkt und mir etwas anderes gesucht". Das war zu jener Zeit - als in Deutschland noch kaum jemand von veganer Kost gehört hatte - gar nicht einfach. "Damals bedeutete das wirklich Verzicht."

Die Idee zu dieser Art der Lebensgestaltung kannte Kullmann aus der Tierschützerszene und aus England, wo es seit 50 Jahren eine Vegan-Bewegung gibt. "Die haben sogar Vegan-Hotels und Restaurants. "Wohingegen sie 1991 beim Amtsgericht Frankfurt kläglich scheiterte, als sie die Deutsche Vegan-Organisation als Verein eintragen lassen wollte. Ausländische Phantasienamen seien nicht erlaubt, hieß es .Mittlerweile gibt es den Verein "MUT" (Menschenrecht und Tierrecht). Gründerin und bundesdeutsche Vorsitzende: Marlies Kullmann. Es war 1993, als eine Freundin der konsequenten Tierschützerin im Haus Höhenstraße/Ecke Burgstraße mit einem Spezialgeschäft für "Kosmetik ohne Tierversuche" pleite ging. "Hier gibt es ja keine Laufkundschaft", sagt die Nachfolgerin und verweist auf die vierspurige Straße mitsamt vorbeidonnernden Autos. Marlies Kullmann gab ihren Job auf und übernahm das 25-Quadratmeter-Lädchen in dem stets angestaubt wirkenden Altbau.

Sie ließ sich zur Ernährungsberaterin ausbilden, schrieb das erste vegane Kochbuch der Republik und verhandelte mit Herstellern, die in vegetarischen Produkten beispielsweise Milcheiweiß verarbeiteten. "Geht das denn nicht anders?" Mittlerweile ist das Lädchen mit milchfreien Käsesorten sortiert - eine davon wird in einer benachbarten Pizzeria auf Wunsch über den Teigboden gestreut - und es gibt Würstchen auf Weizeneiweiß-Basis, Brotaufstriche von Gerstenmalz bis pflanzlichem Schmalz und Tofu in allen Geschmacksvarianten oder Fertigmischungen für Soja-Bratlinge. Für Allergiker ist der Laden ein Geheimtipp. Gerade war eine Reisegruppe aus dem Ruhrgebiet hier, weil man bei Marlies Kullmann lederfreie Schuhe bekommt - aus Hanf oder atmungsaktivem Synthetikmaterial, mit dem man sich in jedem Chef-Büro sehen lassen könnte. Boots kosten um die 170 Mark, Herren-Halbschuhe um 140 Mark. Alte Autoreifen geben perfekte Sohlen ab, ausrangierte Sicherheitsgurte halten auf ihre alten Tage manche Hose. Gürtel und Taschen gibt es allerdings auch aus Hanf oder Synthetik. Alles wird in Familienbetrieben hergestellt, denn wer Tiere schützt, so das Credo der Vegan-Liga, kann zur Ausbeutung von Mensch und Natur durch internationale Konzerne nicht Ja sagen.

Wichtiger als der Laden ist für Marlies Kullmann und ihre heute 71jährige Mutter - mittlerweile überzeugte Veganerin - der Versandhandel. Innerhalb Deutschlands werden Pakete verschickt, aber auch nach Schweden, Finnland, gar bis nach Australien. Inhalt: Nahrungsmittel ohne tierischen Anteil und garantiert nicht gen-manipuliert. Duschlotionen, Pflegecremes und Lippenstifte, deren Hersteller ohne Tierversuche auskommen und sich auf pflanzliche Bestandteile beschränken. "Pferdefett in der Creme muß nicht sein", meint Marlies Kullmann. Oder garantiert politisch korrekte T-Shirts. Vor Weihnachten wird wieder der Run auf Schlagsahne aus Kokosmilch oder veganes Nougat einsetzen.

In jüngster Zeit hat das Geschäft einen neuen Kundenkreis. "In der Hardcoreszene ist Vegan in", sagt die Fachfrau. Und zeigt einen Aufnäher (Kleber enthalten häufig Gelatine, die wiederum aus Tierknochen hergestellt wird), der sehr beliebt sei. Vor einem Fünfzackstern reckt eine geballte Faust in die Höhe. Seite an Seite mit einer Hundepfote.

 

Der "Vegan-Shop" in der Höhenstraße 50 ist Dienstag bis Freitag von 13 Uhr bis 18 Uhr geöffnet, Samstag von 10 Uhr bis 12:30 Uhr. Telefon und Fax (0049)/(0)69-440989

 

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