Veganismus/Tierrechte

Dieser Artikel erschien am 24.Mai 2002 in der britischen Tageszeitung "The Guardian"; 

© deutsche Übersetzung: A. Willer, CANIS

Jesus von Sibirien

Sergei Torop war bis 1989 Verkehrspolizist in der kleinen russischen Stadt Minusinsk, ehe er bekanntgab, der Sohn Gottes zu sein. Nun gebietet er über eine Anhängerschaft von mehreren Tausenden und regiert über eine weite Gegend der sibirischen Berge. Ian Traynor machte eine Pilgerreise. 

Auf einem viertausend Fuß hohen Berg tief in der sibirischen Taiga erscheint der mittelalte Mann in einer scharlachfarbigen Samtrobe; langes braunes Haar umrahmt ein hübsches Lächeln. Er sitzt in einer Holzhütte, die auf einer Hügelkuppe placiert ist. In der Ferne funkeln die schneebedeckten Sayan Berge. 

Das Silber und Pink der Birkenwälder schimmert im klaren Sonnenlicht. Rechts unten zieht einen das klare Wasser des Tiberkul Sees in seinen Bann. Hinter der Hütte – viel weiter als das Auge sehen kann – erstreckt sich beraubt jeder menschlichen Ansiedlung die sibirische Wildnis.

 Es ist alles sehr kompliziert“, beginnt er leise zu erzählen.

 „Aber um die Dinge einfach zu lassen: Ja, ich bin Jesus Christus. Das, was versprochen wurde, muß nun eintreten. Und es wurde in Israel vor 2.000 Jahren versprochen, daß ich zurückkehren werde; zurückkehren werde, um zu vollenden, was begonnen worden war. Ich bin nicht Gott. Es ist ein Fehler, Jesus als Gott zu sehen. Aber ich bin das lebendige Wort Gott Vaters. Alles, was er sagen will, sagt er durch mich.“

Triff den Messias von Sibirien, Vissarion Christus – den Lehrer, als der seinen Tausenden Jüngern bekannt ist, die glauben, er wäre die Reinkarnation des Jesus von Nazareth, der auf die Erde zurückgekommen ist, um die Welt zu retten. Er strahlt unglaubliche Liebe aus”, seufzt Hermann, ein 57 Ingenieur aus Bayern, der nun sein Haus in Deutschland verkauft, um dem selbsternannten Messias der Taiga zu folgen. „Ich traf Vissarion letzten August. Er sagte mir, daß wir zwei Gesetzen zu folgen hätten. Es war wie ein elektrischer Schlag, wie Glockengeläut.“

Um Vissarion zu finden, muß man 3.700 Kilometer östlich von Moskau fliegen, zur südsibirischen Stadt Abakan, nördlich der mongolischen Grenze. Dann geht die Fahrt über durchfurchte Straßen und eine Reihe von Dörfern sechs Stunden weiter. Wo die Straße endet, befindet sich eine Hochschaubahn von Kratern; der Morast beginnt. Drei Stunden lang trottet man knietief durch Schlamm und Eis, ehe der letzte Aufstieg zum „Erretter“ beginnt: eine steile Kletterstunde über einen Bergpass. Wenn man Zeuge der Leben dieser New Age-Aussteiger in den Siedlungen Kuragino, Imisskoye, Petropavlovka und Cheremshanka wird, erhält man eine Ahnung, wie die Dinge bei den Pilgervätern im Neuengland des 17.Jahrhunderts gewesen sein müssen; die sich auch mit ihrem Neuen Jerusalem abgemüht hatten.
 
Das Leben ist hart hier“, sagt Denis, ein 21jähriger russischer Emigrant, der letzte Woche aus Brisbane hier eintraf, um zu sehen, ob Vissarion wirklich die Antwort seiner Fragen wäre. „Es besteht kein Zweifel darüber, Kumpel“ bekräftigt er. „Er ist definitiv der Sohn Gottes.“ Für seine Kritiker aus den etablierten Kirchen, die ihn seinen Anhängern gegenüber der Gehirnwäsche und Veruntreuung beschuldigen, ist er ein Scharlatan einer „destruktiven, totalitären Sekte“, der die ihm Ergebenen irreführt. Mehr prosaisch ausgedrückt ist er Sergei Torop, ein 41jähriger ehemaliger Verkehrspolizist und Fabrikarbeiter aus Krasnodar in Südrußland, der als Jugendlicher nach Sibirien zog, vor einem Jahrzehnt seine „Erweckung“ erfuhr und nun eine der größten und abgelegensten religiösen Kommunen auf diesem Planeten anführt.

Die Vissarioniten kombinieren New Age Eklektizismus mit mittelalterlichem Mönchstum. Verstreut auf rund 30 ländliche Ansiedlungen in Südsibirien, macht ihre Anzahl etwa 4.000 aus. Sie sind ihrem Guru fraglos ergeben. Sie sprechen seinen Namen in Flüstertönen aus. Ihre Wohnungen, Tempel und Arbeitsplätze dekorieren sie mit seinem Abbild. Voller Verehrung tauschen sie Geschichten über jedes Wort und jede Tat ihres Lehrers aus.  Sie brüten über seinen vier fetten Schwarten voller Träumereien. Seine Aphorismen werden auswendig gelernt und täglich neu ausgespieen. Vissarion, der nach seinem angenommenen Vornamen genannt wird, bleibt wie jeder seiner Anhänger der „Kirche des Letzten Testaments“ unberührt über diesen Personenkult und die finstere Resonanz, die er in der russischen Geschichte erzeugt. „Es kommt darauf an, wie eine Person mein Abbild verwendet“, erklärt er. „Der Mensch hat sich vor Gott Vater zu verbeugen. Aber mein Bildnis ist ein Mysterium, das es einer Person ermöglicht, mit mir in Kontakt zu treten. Das Bild kann in diesem Sinne helfen, seine Bemühungen zu stärken.“
 
Vissarions Kommune wird durch geheimnisvolle Rituale, Gesetze, Symbole, Gebete, Hymnen und durch einen neuen Kalender regiert. Ein strikter Verhaltenskodex wird durchgesetzt. Keine Laster sind erlaubt. Veganismus ist für alle verpflichtend, obwohl für Kleinkinder und säugende Mütter, denen Sauermilchprodukte erlaubt sind (soferne sie solche finden), Ausnahmen gemacht werden können. Es gibt keine Haustierhaltung. Geldhandel ist innerhalb der Kommune verboten und mit der Außenwelt nur zögerlich erlaubt. „Es ist uns nicht erlaubt zu rauchen, fluchen oder trinken“, lacht Larissa, eine 28jährige Mutter von drei Kindern, die hier als 18jährige selbst mit ihrer Mutter aus Moskau angekommen war. „Hier ist alles verboten. Wir dürfen nichts tun, außer in Liebe zu fallen.“

Die Ergebenen bestehen aus russischen Musikern, Schauspielerinnen, Lehrern, Doktoren, ehemaligen Obristen der Roten Armee, einen einstigen stellvertretenden Eisenbahnminister aus Weißrußland wie auch aus einer wachsenden Zahl von Anhängern aus Westeuropa. Sie trinken den Saft der Birken, die sie zum Häuserbau, für Werkzeuge und für Möbel fällen. Sie ernähren sich von Beeren, Nüssen und Pilzen, die im Wald gesammelt werden. Sie kratzen Kartoffeln, Kohlköpfe und Jerusalem-Artischoken aus dem unergiebigen Boden. Sie tauschen Handwerksprodukte und Gemüse gegen Buchweizen und Gerste aus nahegelegenen Dörfern. „Der Mensch kann unter extremen Bedingungen leben“, betont Vissarion mit einem permanenten Mona-Lisa-Lächeln um seinen Lippen. „Natürlich ist es hart, vor allem für Intellektuelle und jene, die es gewohnt waren, in der Stadt zu arbeiten. Aber es ist für Menschen wichtig, sich selbst und einander zu betrachten. Das ist einfacher, wenn die Arbeit hart ist. In der Mühsal liegt Erlösung.“

Auf einem angrenzenden Gipfel würde von den Gläubigen eine große Glocke aufgestellt. Sie schallt dreimal pro Tag durch das Tal. Wenn die Wahrhaften sie hören, fallen sie auf die Knie und beten. 270 Kilogramm wiegt die Glocke. Über 50km brachten die Anhänger sie zu Fuß durch strömenden Regen aus dem Dorf, wo sie gegossen worden war, und hievten sie den Gipfel hoch. Vissarion selbst ist vom Großteil der körperlichen Arbeit ausgenommen. Während Gruppen junger Männer neben seinem Chalet Bewässerungsgräben ausheben, verweilt er die langen Tage auf der Bergspitze, Ölbilder malend.
 
Im Alter von 18 Jahren ließ sich Sergei Torop einschreiben. Damit begann sein zweijähriger Pflichtaufenthalt in der Roten Armee, den er als Sergeant auf Baustellen in der Mongolei abschloß. Danach arbeitete er drei Jahre als Metallarbeiter einer Fabrik in der sibirischen Stadt Minusinsk. Von dort begab sich der selbsternannte „Retter“ auf eine Karriere als Verkehrspolizist – ebenfalls in Minusinsk. Während seiner fünfjährigen Dienstzeit erhielt er neun Belobigungen. Jobeinsparungen machten ihn arbeitslos; zum selben Zeitpunkt als auch die Sowjetunion ins Chaos hinabstieg. Millionen von Russen waren bestürzt und suchten nach Antworten. Das Nahen der neuen Ära fiel zufällig mit Sergeis Wiedergeburt als Vissarion zusammen.

Tausende Menschen – die Mehrheit von ihnen aus gebildeten Berufsschichten aus europäischen und russischen Städten –, verlassene  Frauen, Männer und Kinder strömen zur „Kirche des Letzten Testaments“. Das wiederholt die Flucht der Schismatiker, die vor 350 Jahren den europäischen Teil Russlands Richtung Sibirien verließen, um der Verfolgung durch die orthodoxe Kirche zu entkommen. Heute teilen die Nachfahren der Schismatiker einige der Dörfer mit den Vissarioniten, die viele Elemente des orthodoxen Rituals angenommen haben, deren Glaubenssystem aber auch ein eklektisches – manche sagen unstimmiges – Mischmasch von buddhistischen, taoistischen und grünen Werten umfaßt.

Seit Jahrhunderten haben die weit offenen Flächen Sibiriens Sektierer, Verrückte und Nonkonformisten angezogen. Das post-sowjetische Jahrzehnt hat diese Tradition wiederbelebt und einen Boom an Evangelismus und New Age-Kulten mitgebracht. Von 140 religiösen Organisationen, die in der Republik Khakassia registriert sind, sagt Nikolai Volkov, der höchste in der Lokalverwaltung für religiöse Angelegenheiten zuständige Beamte, sind 28 „neue religiöse Bewegungen“, wie New Age-Sekten umschrieben werden.

Für die „Kirche des Letzten Testaments“ ist nun das Jahr 42 der Neuen Ära, deren Beginn die Gläubigen mit Vissarions Geburt 1961 ansetzen. Weihnachten wurde abgeschafft und durch einen Festtag am 14.Januar, des „Lehrers“ Geburtstag, ersetzt. Der höchste Feiertag des Jahres fällt auf den 18.August – den  Jahrestag von Vissarions erster Predigt 1991 –, wenn der „Retter“ auf dem Pferderücken vom Hügel herabsteigt. Dann feiern Tausende und schlagen im Fluß, der beim Örtchen Petropavlovka vorbeifließt, Kapriolen.

Östlich liegt die “Stadt der Sonne”, wo der “Retter” am Fuß des Berges mit seiner Frau und sechs Kindern (eines davon ein von einer alleinstehenden Mutter aus der Kommune adoptiertes Mädchen) lebt. Es ist dort, wo sich die Gläubigsten und Ergebensten der Vissarioniten versammeln. Auf einem Streifen Torfmoor, den sie von Birken und Zedern freigemacht haben, leben 41 Familien in Blockhütten und Filzjurten. Die Männer tragen Ponytails und Bärte, die Frauen langes Haar und lange Röcke. Die meisten von ihnen sind in ihren Mittdreißigern. Das Kichern der Kinder hört man überall. Es gibt eine Schule und einen Kindergarten. Die Geburtsrate liegt hier viel höher als im durchschnittlichen russischen Dorf. Die Stimmung ist heiter-apokalyptisch. „Hast du nicht gehört“ lacht Igor als er uns durch den Sumpf führt, „ein Komet wird nächstens Jahr auf die Erde knallen“. Mit seinem Bart, Birkenstock, seiner Tunika und dem spitzen usbekischen Filzhut sieht der 48jährige geheilte Alkoholiker aus St. Petersburg aus, als wäre er vom „Herr der Ringe“-Set weggelaufen. 

Wenn der sich abzeichnende Komet den Großteil der Menschheit gefährdet, ist die „Stadt der Sonne“ Noahs Arche. Die Mission Russlands ist es – im besten orthodoxen Sine als „Drittes Rom“ – den Rest von uns zu erlösen. „Dieser zentrale Teil Sibiriens ist der Teil der Welt, der am besten überleben kann“, erklärt Vissarion. „Und hier ist eine Gesellschaft, die große Veränderungen überstehen kann und die aufnahmefähiger für ein besseres Verständnis der Wahrheit ist.

“Für jetzt kann aber die Apokalypse mal warten. Es gibt Arbeit zu tun und Botschaften zu verkünden. In den vergangenen Jahren war Vissarion in New York, Deutschland, den Niederlanden, Frankreich und Italien, um Konvertiten zu suchen.

 Vor kurzem wurde er zum ersten Mal nach Großbritannien „eingeladen“, wo er bald zu „predigen“ hofft. So ein internationales Jetsetting gibt natürlich Nahrung für Verdächtigungen, daß er auf Kosten seiner Jünger lebe. Er besteht daher darauf, daß weder er noch seine Kirche über ein „reguläres Einkommen“ verfügen und daß seine Auslandsreisen durch seine Gastgeber „gesponsert“ würden. Sein Chalet, das durch Solarbatterien und eine kleine Windmühle versorgt wird, ist bescheiden, wenn auch komfortabler als die Heime seiner Anhänger. Außerdem ist seine Wohnung auch abgelegener, nämlich eine gute Stunde Aufstieg über einen Pass von der „Stadt der Sonne“.

Ich bin nun schon seit zehn Jahren bei ihm, ich kenne ihn”, sagt Vadim, ehemaliger Schlagzeuger einer russischen Rockband und Vissarions rechte Hand. „Er ist die einzige Person, die ich kenne, die auch das lebt, was sie predigt. Wenn sie sagen, er ist ein Lügner und Betrüger, der das Geld einstreift, dann beschreiben sie nur die Art und Weise, wie sie sich selbst verhalten.“

Um 7 Uhr morgens tauchen die Männer und ein paar Frauen aus ihren Hütten auf, um zum „Stadtzentrum“ zu strömen. Dieses ist durch einen Schlammkreis, der von Steinen umgeben ist, markiert. In der Mitte dieses Zentrums steht ein hölzerner Engel mit ausgestreckten Flügeln, gekrönt vom Symbol der Vissarioniten, einem Kreuz, das ein Kreis umschließt. Das ist ein tägliches Ritual. Die Gläubigen knien auf kurzen hölzernen Planken, murmeln Gebete und singen Hymnen; angeführt von einem Mann mit reichem Bariton. Sie reichen sich die Hände und bilden einen Kreis um die Steine. Dann heben sie ihre Köpfe zum Berg, von wo aus sie glauben, daß Vissarion sie beobachtet, und singen „unserem sanften Vater“ Lobgesänge.

Unsterblichkeit ist eine einzigartige Qualität der menschlichen Seele, aber die Menschheit muß erlernen, sie zu erreichen; sie muß erlernen, wie man ewig lebt“, sagt Vissarion leise, ehe er seinen Kopf in einen weißen Schal hüllt und wegschlurft. „Es gibt eine Stelle im Neuen Testament, wo Jesus sagt, daß die Zeit kommen wird, in der nicht länger in Parabeln gesprochen wird. Diese Zeit ist angebrochen: die Zeit für die Menschen, das Ziel des Lebens zu erkennen.“

Weitere Infos unter: www.vissarion.ru/eng/ 

 

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