Veganismus/Tierrechte

Englische Tierrechts-Impressionen (II)

 

29.01.05: Anti-Tierversuchsdemo in Oxford

Für Samstag, 29. Januar 2005, hatten die TierrechtlerInnen der SPEAK Campaign zu einer landesweiten Demo in der altenglischen Universitätsstadt Oxford aufgerufen.

Dort, in der South Parks Road, soll für 18 Millionen Pfund Sterling (27 Mio. Euro) ein Primatenversuchszentrum entstehen. Zur Zeit sind die Konstruktionsarbeiten an diesem Rohbau – der von außen eher wie eine Parkgarage wirkt – aber in Stillstand. Sie sind vorläufig eingestellt, weil TierrechtlerInnen eine erfolgreiche Kampagne führen, und viele VertragspartnerInnen sich aus dem tierfeindlichen Bauvorhaben zurückgezogen haben. Doch die Regierung, allen voran Premier Tony Blair und Wissenschaftsminister Lord Sainsbury, setzen alles daran, das Primatenqualzentrum fertig zu stellen. Es gehe um Arbeitsplätze, um den Wirtschaftsstandort England, um die Freiheit der Forschung, um den Kampf gegen AIDS und Alzheimer, so die offizielle Propaganda. De facto hat das alles mit seriöser Wissenschaft wenig zu tun, ebenso wenig mit Arbeitsplatzsicherung – denn von der Tierversuchsindustrie profitiert das Gros der Bevölkerung überhaupt nicht.

Ist das Gebäude erst mal betriebsbereit, werden darin hinter verschlossenen Türen Vivisektionen in großem Stil zur täglichen Routine. Deshalb ist es so wichtig, das Bauvorhaben weiter zu verhindern und die Forschung in Richtung Alternativmethoden zu lenken.

Zur Demo waren etwa 500 Personen gekommen. Organisation und Interaktion liefen einwandfrei. Shuttle-Busse beförderten die TierrechtsaktivistInnen kostengünstig aus London, Coventry, Liverpool, Manchester u.a. Städten nach Oxford. Neben uns waren auch einige DemonstrantInnen aus Deutschland und der Schweiz angereist. Die Marschroute begann in der Innenstadt zum Rohbau des Tierversuchszentrums: skandierend, mit Transparenten und Plakaten und mit rhetorisch mitreißenden Ansprachen. Eine lokale Grünpolitikerin unterstützte die Demo durch ihre Teilnahme. Den Höhepunkt bildete ein Schweigemarsch, nur von Trommelschlägen untermalt, der eine beklemmende Atmosphäre vermittelte – wie vor einer Hinrichtung. Die zahlreichen PassantInnen und TouristInnen fotografierten oder sahen interessiert zu. Zum Abbau der aufgestauten Emotionen verlief das Ende der Demo lautstark: mit Pfeifengetriller, Geschrei und einem sichtlichen Gefühl der Einigkeit. Die – zum Teil berittene – Polizei verhielt sich während der gesamten Demonstrationsdauer zurückhaltend.

 

30.01.05: Demo gegen die Newchurch Guinea Pig Farm

 

Noch am selben Tag fuhren wir weiter Richtung Norden, nach Coventry, um an einer Protestveranstaltung vorm Stadion von Brandon gegen Greyhoundrennen teilzunehmen. Tags darauf ging es in die Grafschaft Staffordshire, wo in der Nähe von Newchurch die Darley Oaks Farm liegt. Dort züchtet die Familie Hall (ähnlich wie Morini in San Polo d’Enza, Italien) Tiere für die Tierversuchsindustrie; in diesem Fall Meerschweinchen. Das Ambiente: ländliche Gegend. Wir mussten am Rand der zur Farm gegenüberliegenden Straße stehen, von einem Polizeiwagen aus ständig observiert. Aufgrund zahlreicher Schikanen ist es mittlerweile sogar untersagt, Pfeifen oder Signalhörner als Demo-Utensilien zu verwenden, nur die eigene Stimmkraft gilt noch als „legal“.  Dennoch verlief die Protestkundgebung lautstark. Wie jeden Sonntag waren an die 20 AktivistInnen angereist. Es gab vegane Verpflegung, die das dreistündige Ausharren im Wind erleichterte. Die Reaktion aus den vorbeifahrenden Wagen war etwa 50:50. Viele hupten und gaben zustimmende Zeichen, andere – meist Geländewagen der gehobenen Klasse – kurvten mit eher grimmigen FahrerInnen am Volant vorbei. In Newchurch kündigte sich schon an, was in den nächsten Tagen Tierrechtsthema Nummer eins in England sein wird: Der Gedenktag für Jill Phipps, eine Aktivistin, die zehn Jahre zuvor bei einer Demo ums Leben kam. Überall, an den Bäumen, Transparenten oder Jacken waren violette Streamers oder Maschen befestigt. Violett, die liturgische Farbe der Trauer, aber auch die Farbe der Anti-Tiertransport-Kampagne, für die Jill ihr Leben gelassen hatte.

 

01.02.05: 10. Todestag von Jill Phipps in Coventry

Nach einem Kurzbesuch bei einer Tierrechtlerin in Wolverhampton ging es zurück nach Coventry, wo wir die nächsten Tage bei John Curtin wohnten. John, vielen österreichischen/deutschen TierrechtlerInnen vom Tierrechtskongress 2004 bekannt, ist so etwas wie eine „living legend“ der Bewegung, oftmals Polizeirepressalien ausgesetzt, mehrfach inhaftiert, aber die Friedliebendheit in Person. John, ein enger Freund von Jill Phipps, war die treibende Kraft zur Vorbereitung des „Jill’s Day 2005“. Durch ihn lernten wir auch Jills Familie kennen, ihre Mutter, ihre Nichte und ihren mittlerweile 15-jährigen Hund „Spider“. Mutter Nancy, fast 80 Jahre alt, war schon vor ihrer im Alter von 31 Jahren getöteten Tochter tierrechtsaktiv und ist es immer noch.

Jill starb am 1. Februar 1995 während einer Demo auf der Zufahrtsstraße zum Flughafen Coventry-Baginton. Sie war unter die Räder eines Tiertransport-LKWs geraten. Der Airport diente als Verladehafen für den Export von Kälbern auf den Kontinent. Der Todeslenker wurde nie bestraft, die Unfähigkeit der für die Sicherheit der anwesenden DemonstrantInnen verantwortlichen Polizei vertuscht. Allerdings stoppte der Boss von Phoenix Aviation nach Jills Tod die Kälberflüge von Baginton nach Europa.

Unweit der Todesstelle liegt heute ein Gedenkstein für Jill; gleich daneben ein so genannter Cairn, ein Steinhaufen, unter dem ihre Lieblingsratte „Tiny“ begraben ist (Jills eigentliche letzte Ruhestätte ist unter einem im Aboriginaldesign gehaltenen Grabstein am Friedhof von Coventry). Plakate mit Jills Konterfei wurden aufgestellt, violette Fahnen in den Boden gesteckt und Kerzen entzündet. Neben der lokalen Presse vom „Evening Telegraph“ war auch ein Reporter des renommierten „Observer“ gekommen, der überrascht war, TierrechtlerInnen aus Österreich anzutreffen.

Nach der kurzen Gedenkzeremonie vorm Flughafen führen wir ins Stadtzentrum von Coventry, wo wir zwei Stunden lang Flugzettel mit Einladungen zum „Jill’s Day“ verteilten, der am Samstag, 5. Februar, stattfand. John und seine Lebensgefährtin hatten für dieses Ereignis den kleinen Swanswell Park „gemietet“, in dem Schwäne und Enten ihre Runden drehen, und der genug Raum bieten sollte, um alle TierrechtlerInnen und Gäste aufnehmen zu können, die Jill zu Ehren anreisen würden. „Jill’s Day“ sollte nichts Kämpferisches an sich haben, sondern friedliche und positive Stimmung vermitteln. Aus zeitlichen Gründen konnten wir leider nicht bis 5. Februar in England bleiben. Wie wir erfuhren, erschienen etwa 500 Personen zum „Jill’s Day“. Für Musik und veganes Catering (durch Privatleute) war gesorgt worden.

Noch ein Wort zu Coventry selbst: Es ist die Stadt der Lady Godiva, jener mittelalterlichen Adligen, die aus Protest gegen die hohe Steuerlast, die ihr Gatte Graf Leofric der Bevölkerung auferlegt hatte, nackt durch Coventry geritten sein soll. Aus Scham senkte er danach die finanzielle Bürde – so will es zumindest die Legende. In der Presse wurde Jill Phipps als „modern day Lady Godiva“ der Tiere bezeichnet. Coventry gilt aber auch als das „Dresden Englands“. In der Nacht des 15. Novembers 1940 begann die deutsche Luftwaffe mit einem zehnstündigen Angriff auf die Stadt. 500 Flugzeuge sorgten Welle um Welle für Bombardement und Vernichtung. Etwa 1.000 BritInnen kamen ums Leben, Dreiviertel von Coventry lagen in Schutt und Asche, darunter nicht nur die kriegswichtigen Industrieanlagen, sondern auch die gotische Kathedrale, von der heute – als Mahnmal – nur mehr die Außenmauern stehen.

 

Text: http://www.canis.info , 28.03.05

Fotos: © CANIS, außer Foto Nr. 7 (West Midlands Animal Action)

 

Weiterführende Links:

SPEAK Campaign: http://www.speakcampaigns.org.uk

Save the Newchurch Guinea Pigs: http://www.liberation-now.org/what.html ,

http://www.geocities.com/wmids_animalaction/Newchurch_Guinea_Pig_Farm.html

"Jill's Day 2005": http://www.jillsday2005.co.uk

 

 

 

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