Veganismus/Tierrechte

 

Verrückt nach Soja

Lange Zeit galt das asiatische Nahrungsmittel als Ladenhüter, nun fließt es in den amerikanischen Mainstream. Aber wie gesundheitsfördernd ist es wirklich?

Sie kann eine Bohnenstaude nicht in den Himmel wachsen lassen, aber wenn auch nur die Hälfte der Behauptungen zugunsten der 5.000 Jahre alten Sojabohne der Wahrheit entsprechen, könnte sie jenes Ding auf Erden sein, das einer magischen Bohne [tatsächlich] am Ähnlichsten kommt. Die Sojabohne ist nicht nur eine fettarme Nahrung, man glaubt auch, daß sie im Kampf gegen Krebs eingesetzt werden kann, den Cholesterinspiegel senkt, Erleichterung bei Fieber bringt, die Knochendichte stärkt, die Haut erhellt und sogar Bärte weicher macht.

Obwohl keine dieser Behauptungen bisher bewiesen werden konnte, reiten die Soja-Verarbeiter hoch auf der „Soja-ist-gesund“-Welle. Sie pumpen den Markt förmlich voll mit Sojaartikeln; an die 300 neuen Produkte nahmen alleine letztes Jahr ihren Weg in die Geschäftsregale. Summa summarum sind zur Zeit über 3.000 Sojaprodukte erhältlich – und die Konsumenten langen hungrig zu.

Aber ist Soja wirklich so gesund wie die Leute meinen? Forscher haben sich vor allem auf eine Gruppe von Verbindungen in Soja konzentriert, die Isoflavone, die sich in geringerer Konzentration auch in anderen Hülsenfrüchten befinden. Isoflavone zählen zu den Phytoöstrogenen oder Pflanzenöstrogenen, die auf abgeschwächte Weise das körpereigene Östrogen imitieren: manchmal lösen sie einen östrogenen Effekt aus, ein andermal einen anti-östrogenen. Neben anderen Eigenschaften wird Isoflavonen zugeschrieben, vorbeugend gegen Brustkrebs zu wirken bzw. das Risiko von Herzerkrankungen zu senken. Erst im letzten Monat verweist eine im „Journal des Nationalen Krebsinstituts“ veröffentlichte Studie darauf, daß Isoflavone die Gefahr an Gebärmutterkrebs zu erkranken, ebenfalls herabsetzen.

Daß Sojaprodukte gegen Brustkrebs schützen, wird hauptsächlich durch epidemiologische Studien aus Asien gestützt, wo die Menschen schon seit Jahrtausenden regelmäßig Soja essen, und wo Frauen im Gegensatz zur USA eine markant niedrigere Brustkrebsrate aufweisen. Aber ob das wirklich dem Soja zuzuschreiben ist, bleibt unklar: „Beide Kulturen sind in vielerlei Hinsicht sehr unterschiedlich, nicht nur in der Ernährungsweise, auch in anderen Fragen des Lebensstils“, sagt Mark Messina, Ernährungswissenschafter und Experte für Soja aus Port Townsend, Washington. „Für sich alleine betrachtet, lässt die niedrige Brustkrebsrate in Asien noch nicht viel Einblick auf den Einfluss von Soja auf das Brustkrebsrisiko zu.“

Unterdessen ergaben Labortests mit Ratten, daß Isoflavone das Wachstum eines Brusttumors sowohl hemmen als auch fördern können. Und jüngste Studien, die zeigten, daß Östrogen in der Hormonersatztherapie bei Frauen in den Wechseljahren das Risiko von Brustkrebs und Herzerkrankungen sogar erhöhen, schreckten einige Frauen vom Soja ab.

Ich glaube, gegen den Genuss von Sojaprodukten wie Tofu, Sojamilch oder Miso in moderatem Ausmaß – ein paar Mal die Woche – sollte nichts einzuwenden sein. Das wäre der Ratschlag,, den ich geben würde, hätte ich Brustkrebs oder das Risiko dafür“, sagt Anna Wu, Professorin für Vorbeugende Medizin an der Keck School of Medicine der Universität Südkalifornien. Andererseits empfiehlt Wu aber nicht den Konsum von Soja in Form von Pillen oder Pulver: „Darüber haben wir überhaupt keine Daten. Ich würde Soja nicht als Supplement zu mir nehmen.“

Am Unbestrittensten ist wohl das Forschungsergebnis, daß Soja ein probates Mittel im Kampf gegen einen zu hohen Cholesterinspiegel ist. Der Schlüssel liegt darin, Soja im Zuge einer allgemein herzfreundlichen Ernährung zu konsumieren, sagen Ernährungswissenschafter. Eine Studie, die vergangenen Monat im “Journal of the American Mediacal Association” publiziert worden war, zeigt, daß Menschen mit hohem Cholesterinspiegel, die eine spezielle vegetarische Diät erhielten, ihr Cholesterinlevel um 29% senken konnten. Ihre Diät war reich an Zellulose und Stoffen, die als cholesterinsenkend gelten – wie Soja, Hafer oder Mandeln. Das war fast so eine große Senkung wie bei jener Gruppe [von Probanden], denen einfache fettarme vegetarische Nahrung gemeinsam mit der Droge Lovastatin verabreicht worden war. Bei ihnen hatte der Cholesterinspiegel um 31% abgenommen.

Es braucht vielleicht noch seine Zeit, ehe die Wissenschafter herausfinden, ob Soja wirklich seinem magischen Ruf gerecht werden kann, aber Ernährungsexperten unterstützen es schon jetzt voll und ganz, Soja der durchschnittlichen amerikanischen Ernährung hinzuzufügen – vor allem dann, wenn das Soja den Platz von etwas weniger Gesundem einnimmt. Konsumenten täten zum Beispiel gut daran, herkömmliche Milch durch angereicherte Sojamilch zu ersetzen. „Selbst wenn sich herausstellen sollte, daß Soja das Brustkrebsrisiko nicht senken kann, ist es immer noch eine gute Eiweißquelle mit wenig gesättigtem Fett und wenig Cholesterin“, sagt Messina.

  Die neue Freude am Soja

Wenn einem wirklich danach war, stand Sojaessen einst dafür, in fadem Tofu herumzurühren oder sich mit gummiartigem Tofutti zu begnügen. Das ist nicht mehr länger so. Kellogg’s, Kraft und andere große Konzerne haben viele Forschungsdollars investiert, um bessere Geschmacksrichtungen zu kreieren; diese beinhalten Ravioli, Zerealien, Chips und sogar Salami. „Nicht alle schmecken gut“, sagt Peter Golbitz von der Marktforschungsfirma Soyatech, „aber es ist einmal ein Anfang“. Das Business mit dem Soja-Food wächst um 14% pro Jahr, achtmal mehr als die Nahrungsmittelindustrie als Ganzes. Und die Kosmetikindustrie liegt nicht weit dahinter. Halten Sie doch Ausschau nach Shampoos und Antiaging-Cremes, die mit der Schönheit von Soja auf Kundenfang gehen.

Q: Sora Song, „TIME“, 01.09.03

© Übersetzung: www.canis.info , 21.09.03

 

 

 

 

 

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