Tierseuchen


Neue Erkenntnisse über den „Schwarzen Tod“

Zwischen 1347 und 1351 wurde Europa von einer der schwersten Epidemien der Menschheitsgeschichte heimgesucht. Binnen nur dreier Jahre starben 25 Millionen Menschen, etwa die Hälfte der gesamten Bevölkerung des Kontinents. Die verheerende Seuche wurde als „Schwarzer Tod“ umschrieben, da sie stark geschwollene, dunkel verfärbte Lymphknoten verursachte und letal endete.

Der Schweizer Bakteriologe Alexandre Yersin entdeckte 1894 den Erreger der Beulenpest (Yersinia pestis); er war es auch, der die These vorbrachte, „Schwarzer Tod“ und Beulenpest wären ein und dieselbe Epidemie. Dieser langer Zeit akzeptierten Annahme wird nun von Susan Scott (Demographin der University of Liverpool) und Christopher Duncan (Zoologe) widersprochen. In ihrem Buch „Biology of Plagues: Evidence from Historical Populations“ (Cambridge University Press) weisen die beiden vor allem darauf hin, daß die Verbreitungsmuster von Pest und „Schwarzem Tod“ nicht übereinstimmen.

Pest ist eine Seuche, die ursprünglich bei afrikanischen und asiatischen Ratten auftrat. Normalerweise hatten diese wildlebenden Tiere keinen engen Kontakt mit Menschen. Erst durch das Fortschreiten der Zivilisation, verbunden mit hygienischen Mißständen, kam es zu einer Übertragung der Erregerbakterien. Während mit dem Erreger infizierte europäische Ratten sehr schnell zugrunde gehen, entwickelten ihre entfernten Artgenossen in Afrika und Asien allmählich Resistenzen; ihre Populationen konnten so überleben. Die Übertragung von Ratte zu Mensch geschieht durch Flöhe. Im letzten Krankheitsstadium kann die Ansteckung auch von Mensch zu Mensch direkt erfolgen; nämlich dann, wenn Erreger durch den Blutkreislauf in die Lunge gelangt sind, dort Entzündungen verursacht haben und ausgehustet werden. Die wirksamste Vorbeugung war eine Isolation der Infizierten, die meist 40 Tage dauerte (quarantina). Hier rührt auch der Ausdruck Quarantäne her. Normalerweise konnte man nach dem Verstreichen dieser Zeit annehmen, daß der Erkrankte überleben wird, da die Phase von der Ansteckung bis zum Tod in der Regel 37 Tage dauerte.

Hierin sehen Scott und Duncan ihre Zweifel begründet. Der „Schwarze Tod“ breitete sich weit schneller aus und führte auch viel schneller zum Tod. Ein Vergleich: 1899 kam es in Südafrika, 1907 in Indien zu Pestepidemien, die etwa zwei Prozent der Bevölkerung töteten und sich nur langsam vom Infektionsherd auf benachbarte Gebiete ausweiteten. Der „Schwarze Tod“ hingegen trat 1347 erstmals in Sizilien auf, war bereits ein Jahr darauf in ganz Italien, Österreich, der Schweiz, Frankreich, Spanien und England verbreitet und hatte nach drei Jahren sogar Island heimgesucht. Eine Analyse aus Aufzeichnungen jener Zeit ergab, daß die Verbreitung der Epidemie oft sprunghaft binnen weniger Tage über Hunderte von Kilometern erfolgte, ohne daß z.B. dazwischen liegende Gebiete betroffen waren. Ratten scheiden also als Überträger aus, da sie unmöglich solch große Distanzen in einem so kurzen Zeitraum überbrücken können. Damit blieben die Flöhe über – wenn es sich denn bei der Seuche tatsächlich um die Pest gehandelt hatte. Doch Erfahrungen mit Pestepidemien der jüngeren Vergangenheit zeigen, daß eine Infektion durch Flöhe erst dann geschieht, wenn ein Mensch schon schwer erkrankt ist und eine große Zahl von Blutbakterien in seiner Blutbahn aufweist. Der „Schwarze Tod“ wurde aber aller Wahrscheinlichkeit nach von Mensch zu Mensch direkt übertragen – und zwar vorwiegend von bereits infizierten Personen, bei denen die Krankheit aber noch nicht akut war.

Bis 1670 war der „Schwarze Tod“ in Europa verbreitet. In manchen französischen Städten brach er fast jedes Jahr aus und alle paar Jahre forderten größere Epidemien unzählige Tote. Königin Elizabeth I. von England ließ den Verlauf der Seuche sogar detailliert dokumentieren. 1666 war auch London schwerstens davon betroffen. Der amerikanische Gothic-Romancier Edgar Allan Poe hielt die Epidemie literarisch in seinem Werk „Die Maske des roten Todes“ fest.* Auf den Hauptplätzen vieler europäischer Städten erinnern sogenannte „Pestsäulen“ an diese Seuche, die nach Scott und Duncan gar nicht die Pest war.

Die beiden britischen Wissenschafter nehmen an, daß es sich vermutlich um eine aus Afrika stammende Virusinfektion handelte. Welcher Virus in Frage kommt, ist bisher nicht geklärt. Es ist aber nicht auszuschließen, daß es eine Abart des Ebola  war. Warum der „Schwarze Tod“ Mitte des 17.Jahrhunderts verschwand, bleibt ebenso mysteriös. Möglich wäre, daß der menschliche Organismus Abwehrtechniken entwickelt hatte. Bemühungen, den Virus zu erforschen, bleiben alle Mal gerechtfertigt, zumal ein Comeback in mutierter Form keineswegs auszuschließen ist und wieder Millionen von Leben – seien es tierische oder menschliche fordern könnte. [Weitere Infos: „Der Standard“, 13.12.01; 40 sowie „Die Presse“/Spectrum, 15.12.01;  IX]

* „The ´Red Death` had long devastated the country. No pestilence had ever been so fatal, or so hideous. Blood was its Avatar and its seal – the redness and the horror of blood. There were sharp pains, and sudden dizziness, and the profuse bleeding at the pores, with dissolution. The scarlet stains upon the body and especially upon the face of the victim, were the pest ban which shut him termination of the disease, were the incidents of half an hour.

© Mag. Alexander Willer, Tierrechtsverein CANIS

 

Home

Zurück