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Der Wolf: Vom Gefährten zum Feindbild
In der Zeit, als unsere Gegend noch von einem gewaltigen Ur-Wald bewachsen war, lebten Mensch und Wolf nebeneinander. Obwohl sie beide die gleiche Beute als Nahrung jagten, kamen sie sich vermutlich kaum in die Quere es war genug Platz und genug Wild. Irgendwann wurden beide sogar Partner: der gezähmte Wolf wurde als Hund der beste Freund des Menschen. Den Germanen war der Wolf als Tier des Schlachtfelds heilig, er war in den alten Sagen Begleiter des Kriegsgottes Wodan. Tapfere Kämpfer erhielten Namen wie Wolfhard, Wolfbercht oder Wolfbrant. Geläufig sind noch heute beispielsweise Wolfgang (Held, der dem Wolf des Sieges voran geht) oder Wolfram (dem Wolf weissagend). Die Orte, an denen sich die Rudel einst herumtrieben, sind in unserer Region überliefert in Wolfschlugen (bedeutet Lauerhöhle des Wildes), Wolfsbühl (bei Trochtelfingen), Wolfsschlucht (Lautertal/Niedernau), Wolfert (Ehingen), Wolfenhausen (Neustetten) oder Wilflingen (Riedlingen/Rottweil) sowie in den Namen von über siebzig deutschen Gemeinden. Wandlung zum Feind Als unsere Vorfahren sesshafter wurden und damit begannen, Nutztiere zu halten, wurde der Wolf zum Feind. Das Raubtier, das in Ställen und auf der Weide vor allem in harten Wintern das Vieh riss, konnte natürlich nicht begreifen, daß dies plötzlich das Eigentum seines ehemaligen Gefährten, jetzt eines Bauern und damit der Adeligen war, ja, gar deren Existenzgrundlage darstellte. Die Herrschenden, die zudem die großen Wälder, den Lebensraum der Rudeltiere rodeten, schürten das Hassbild vom Wolf als blutgierige Bestie. Kinder bekamen mit dem Wolf und den sieben Geißlein oder mit Rotkäppchen im wahrsten Sinne des Wortes Märchen aufgetischt. In der Kusterdinger Kirche fand sich 1887, so Heimatforscher Heinz Wolpert, folgendes Bittgebet an der Decke des Altars: Behüte mir Gott mein Blut und Fleisch, daß mich kein Kugel schieß, kein Degen hauen und stechen kann. Das helfe mir Gott mit unserer lieben Frau, daß mich kein Hund beißet, kein Wolf reißet. Die Kirche mischte in der Kampagne gegen den Wolf eifrig mit: Jesu war der gute Hirte mit den Schafen, die er vor den bösen Wölfen, als Sinnbild des Teufels und Satans schützte. Perfider Höhepunkt der Wolfs-Dämonisierung war die Erfindung der Werwölfe: Auf den Scheiterhaufen des Mittelalters wurden nicht nur Hexen verbrannt, sondern auch viele Männer es genügte schon eine starke Körperbehaarung um Opfer der kirchlichen Inquisition zu werden. Geschichten von Wölfen, die Postkutschen und Dörfer überfallen, finden wir in vielen Chroniken, auch wenn sie zumeist maßlos übertrieben waren die Bestie von Gévaudan soll um 1767 in Frankreich über 180 Menschen getötet haben. Aus
Untertürkheim ist überliefert, daß im August 1649 ein Wolf ein dreijähriges
Kind bis auf das Haupt verzehrt hatte. Zuvor war im gleichen
Ort ein Knabe von einem Wolf verschleppt worden, aber durch das Eingreifen
einer resoluten Frau wieder befreit worden. Solche Geschehnisse waren
durchaus denkbar, da Wölfe Kleinkinder aufgrund ihrer Größe nicht als
Mensch sondern als Beute sahen was manche große Hunde übrigens auch
heute noch Die Jagd nach dem Wolf hat in Flurnamen und Symbolen überdauert. Man bediente sich Fangeisen oder einer Wolfsangel, einer Art Fleischerhaken. Mit selbigem beködert wurde sie an einen Ast gehängt. Wenn das Tier hochsprang, blieb es mit dem Maul darin hängen. Theodor Schön schrieb 1900: »Daß die Jagd damit als unritterlich galt, beweist der Umstand, daß mehrere schwächere Adelsgeschlechter Wolfsfallen in ihren Wappen führten Dazu gehörten die Herren von Dettingen/Erms, Salmendingen und Oberndorf/Neckar. Hatz auf den Wolf Ferner legte man Wolfsgärten oder Wolfshecken (Öschingen) an, also mit Planken, Palisaden oder Zäunen umfriedete Dickichte. In ihnen wurden lebende Köder (Wild, Geißen) oder Kadaver (Pferde, Kühe) deponiert. Der Zugang war mit Falltüren versehen, die meist von einem in einem Baum sitzenden Wächter mit einem Seil verschlossen wurden. Herrschaftliche Jäger ließen gar neben der Falle ein beheizbares Wachhäuschen errichten, von wo man bequem auf den Wolf schießen konnte. Württembergs Herzog Ulrich, der persönlich auf Wolfsjagd ging, ließ 1514 bei Sankt Johann/Glems einen der vielen Wolfsgärten anlegen. Pfullinger Untertanen mussten ihr totes Vieh als Köder (Luder) liefern. Von dieser Stelle zeugt noch heute der Wolfsfelsen. Die Wolfsgruben waren weit verbreitet, vermutlich an jedem Dorf in Waldnähe. Naturschutzwart Fritz Krauß nennt Stellen am Kusterdinger Neubaugebiet, am Pfullinger Elisenweg, unterhalb der Reutlinger Deponie oder an der Mössinger Steinlach. Sie waren tief ausgegraben und mit enkrecht stehenden Brettern verschalt. Die obere Öffnung, so eine Beschreibung in den Blättern des Schwäbischen Albvereins von 1900, wurde durch Reisig leicht verdeckt und darauf ein Köder gelegt: Zu dessen sicherer Lage gelegentlich ein mitten in der Grube stehender, senkrechter Pfahl diente. Rings um das Loch führt ein niedriger Zaun. Wollte das Tier den Köder ergreifen, musste es springen. Dummerweise fielen offenbar auch Menschen in diese Gruben, so daß ein Waldverbot erlassen werden musste. Vom Schwabenspiegel (1274 bis 1282) wissen wir, daß Wölfe vom Wildbann ausgeschlossen waren und als allgemein schädliche Tiere jedermann zum Jagen freigegeben wurden. Denn besonders in den Kriegszeiten war das nötig. Als 1499 der Schwabenkrieg mit den Schweizern gefochten wurde, lagen um Konstanz herum viele Leichen unbeerdigt, welche von den Wölfen, in denen eine solche Gier nach Menschenfleisch erwachte, verschlungen wurden. Die Wolfsjagd dezimierte den Isegrim beträchtlich. Im Jahre 1500 stand der Wolfspelz im Preis so niedrig, daß man sich verwunderte, als der reiche Freiherr Hans Werner von Zimmern einen solchen trug. Ähnlich wie bei der Wühlmausjagd gab es für ein Wolfsohr eine Fangprämie. Glaubte man die Wolfsplage im Griff zu haben, machte der Dreißigjährige Krieg ab 1618 wieder alles zunichte. Um 1640 stellten sich die Wölfe im Honauer Tal haufenweise ein, heißt es. Und weiter: "Sollten die Leute unterm Lichtenstein von ihnen nicht aufgezehrt werden, so sollte man den Forstknecht nicht entbehren. Die württembergische Abschlussbilanz von 1641 bis 1662 registrierte im Forst Tübingen 283 Wölfe. Im Forstbezirk Urach waren es 276 erlegte Tiere. Danach führten die Alborte allgemeine Klage über die langen und beschwerlichen Wolfsjagden. Vermutlich ein Zeichen dafür, daß sich die Wolfshatz nicht mehr lohnte. Die letzten (württembergischen) Wölfe unserer Gegend wurden in den 1830er Jahren geschossen. Im Undinger Wald Hohenfleck erlegte der Stettener Revierförster am 11. Januar 1834 ein 84 Pfund schweres Männchen. Der Erpfinger Ortschronik zufolge wurde das Tier mittags um drei ins Dorf hereingebracht, wobei große Freude bei Alten und Jungen herrschte, und alles kam, um es anzusehen. Der letzte Wolf auf zollerischer Markung wurde bereits am 18. Januar 1831 bei Gauselfingen erlegt, nachdem er im Juni in Pferche bei Kettenacker, Hart- und Feldhausen eingebrochen war und drei Schaf gerissen hatte. Er steht ausgestopft als Trophäe im Jagdschloss Josefslust bei Sigmaringen. Info:
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