Montana: „Wolfmanagementplan“ als Büchse der Pandora

Sprecher der US-Bundesbehörden erklärten in den vergangenen Monaten vielfach ihre Bereitschaft, die Spezies Wolf in den Staaten Idaho, Montana und Wyoming aus der Liste der geschützten Arten zu streichen. Der offizielle Grund: Die Bestanddichte der Wildcaniden hätte seit ihrer Wiederansiedelung 1995 in der Region drastisch zugelegt, so daß eine „regulierte Ernte“ (!) nun zu überlegen sei. Der inoffizielle Grund: Druck der Rancher- und Jägerlobby, die in den Präriestaaten besonders einflussreich ist.

Allerdings – so die einzige Voraussetzung – müssen die genannten drei Bundesstaaten zuvor so genannte „Wolfmanagementpläne“ erarbeiten und vorlegen, die einen Fortbestand des Canis lupus gewährleisten sollen. Joe Fontaine, stellvertretender Koordinator des „Wolf Recovery Program Montana“ des U.S. Fish and Wildlife Service (USFWS), der zuständigen Bundesbehörde, gab gegenüber der Presseagentur AP bekannt1, daß mit der Streichung des Wolfes von der Schutzliste im Jahr 2004 zu rechnen sei. Es könne aber zu Verzögerungen kommen, sollten die Pläne von Idaho, Montana oder Wyoming „nachgebessert“ werden müssen.

Montana veröffentlichte seinen Plan zum „Management“ der Wölfe – ein  Euphemismus, der das unschöne Wort Tötung kaschieren soll –  am 21.August. Fontaine begrüßte ihn mit den Worten „good effort“, sprach aber davon, daß er aber – wie jeder Vorschlag – einer „zweiten Betrachtung unterzogen“ werden muss. Carolyn Sime, für den Wolfmanagementplan inhaltlich verantwortlich, betrachtet ihr Werk als einen „ausgewogenen Ansatz“, der sowohl den „biologischen Bedürfnissen der Wölfe“ wie den „öffentlichen Sorgen“ Genüge tut.2

 

Wie sieht der Wolfmanagementplan des Staates Montana in den wichtigsten Punkten aus?

 

1 Das Kernstück der Wolfspopulation sollen 15 „Zuchtpaare“ bilden. Dieser „threshold“ darf nicht unterschritten werden
2. Die „regulierte Ernte“ ist dann wieder erlaubt, wenn die Population „hoch genug“  und „biologisch nachhaltig“ ist.
3. Wird „Vieh“ bedroht oder gerissen, ist Ranchern und Jägern der Abschuss der Wölfe erlaubt
4. Die Wölfe müssen in ein strenges Monitoring-Programm integriert sein.

 

Stimmen zum Plan Montanas

Oberflächlich betrachtet, ist der Plan von Montana im Vergleich zu jenem des Nachbarstaates Wyoming vergleichsweise gut, denn dort gibt es eine „duale Klassifikation“, nach der Wölfe in einigen Gebieten als Wild gelten und demnach „nur“ reguliert bejagt werden dürfen, während sie in anderen  Teilen des Landes als „predators“ ohne viel Federlesens gekillt werden. Nina Fascione von der Tierschutzorganisation Defenders of Wildlife bezeichnet den Entwurf

Montanas als den besten innerhalb der drei Staaten, während sie bei jenem in Wyoming „arge Bedenken“ hegt.3 Brian Vincent, Kampagnenleiter des Animal Protection Institute (API), wird  deutlicher: Er sieht in den Plänen von Idaho, Montana und Wyoming allesamt einen „kollektiven Krieg gegen Wölfe4, und weiter: „Auch der Plan von Montana bedeute eine Fortführung des Krieges gegen Wölfe“.5 In einer gemeinsamen Presseerklärung schlossen sich das Klamath-Sikiyou Wildlife Center sowie die Humane Society of the United States (HSUS), die einflussreichste Tierschutzgruppe Amerikas,  der Meinung von API an.

Wenig Freude löste das Papier auch auf der Gegenseite, bei den Viehzüchtern, aus. Steve Pilcher von der Montana Stockgrowers Association, kritisiert vor allem die Kosten für die Umsetzung des Wolfmanagements: Zwischen US$ 913.000 und US$ 954.000 pro Jahr müsste Montana aufwenden. Eine „Bürde“, die weder den „Sportsmännern, Ranchern“ oder der „Bevölkerung Montanas aufgehalst“ werden darf.6, so Pilcher. Das USFWS bat den U.S. Congress in Washington, D.C., bereits um finanzielle Hilfe. Montanas Und Ministerium für Fischerei, Wild und Parks (FWP) bestätigt ebenfalls: „Die bestehenden finanziellen Ressourcen reichen nicht aus, um die Wölfe in Montana zu managen.“ 7

 

Die Wölfe in Zahlen betrachtet

Weit wichtiger als die Kostenzahl ist die tatsächliche Populationszahl für das „Wolfmanagement“. Geschätzte 660 Wölfe sollen in dem als „Northern Rocky Mountain Recovery Area“ bezeichneten Gebiet in Idaho, Montana und Wyoming leben; aufgeteilt auf 80 Rudel, von denen 43 als solche mit „Zuchtpaaren“ gelten. Bundesbeamte geben die Wolfzahl für Montana alleine mit 183 an; gesplittet auf 35 Rudel und 16 „Zuchtpaare“.8 Aufgrund der Populationszunahme wurde Canis lupus bereits früher im heurigen Jahr in Nordwest-Montana von „endangered“ („gefährdet“) auf „threatened“ („bedroht“) „downlisted“ („rückgestuft“). Im Südwesten des Staates bleibt er wegen des geringen Vorkommens weiterhin unter vollem Schutz nach dem Endangered Species Act (ESA) als „experimental, nonessential“. 2004 droht aus dem „downlisted“ ein „delisted“, also eine gänzliche Streichung des Wolfes von der Liste des ESA zu werden.

 

Was ist vom „Wolfmanagement“ zu halten?

Obwohl Montanas Plan sicherlich noch das geringste Übel unter den drei Regulierungsprogrammen darstellt, ist auch er abzulehnen. Denn entkleidet man das Schriftwerk seiner beschönigenden Formulierungen und liest Klartext, wird Folgendes ersichtlich.

„Management“ steht in diesem Fall für „Tötung“, das heißt, wenig phantasiereich werden Wölfe ihres Lebens beraubt. Alternative Einsätze wie etwa Herdenschutzhunde sind nicht einmal angedacht.

Das „Management“ dient vornehmlich zwei Gruppen: Zum einen Ranchern, zum anderen Jägern. Sowohl die kommerzielle Ausbeutung von „Nutztieren“ als auch die Tötung von „Wildtieren“ aus „Sport“, Lust oder Gewerbe ist aus Sicht der Tierrechte kategorisch abzulehnen.

Jagd wird als „Sport“  verniedlicht.

Die so genannte „regulierte Ernte“ – eine Wortverhöhnung der getöteten Tiere – erlaubt u.a. auch den brutalen Fallenfang.

Abgesehen von Grundsatzfragen weist der Plan Montanas schwammige Formulierungen wie etwa „biologisch nachhaltige Population“ auf. Was ist darunter zu verstehen? Ist in einem riesigen Staat von der Größe Montanas ein Limit von 15 Rudeln mit „Zuchtpaaren“ ausreichend; Garant für die Aufrechterhaltung der Gesamtpopulation? Statistiken machen ganz deutlich klar, daß die Welpensterblichkeit bei Wölfen sehr hoch ist. Strenge Winter, Waldbrände oder simples Überfahrenwerden auf den Highways können die Jungtiere drastisch dezimieren und den  Gesamtbestand erneut gefährden.

Der „Managementplan“ vermittelt ein völlig falsches Bild vom Wolf. Erneut wird Canis lupus primär als Bedrohung, die eingedämmt gehört, vorverurteilt. Warum wird kein nachhaltiges Schutzkonzept, das die Spezies als natürliche Bereicherung ansieht, erarbeitet? Leider kommt ein ganzheitliches, ökologisches Denken zugunsten kurzfristiger materialistischer Überlegungen zu kurz.

 

Aus all diesen Gründen betrachtet der Tierrechtsverein CANIS den Plan Montanas wie „Wolfmanagement“ dieser Art im Allgemeinen als grundsätzlich falsch und schließt sich der Meinung des API an, daß durch derartige Maßnahmen der Krieg gegen Wölfe prolongiert wird. Zementiert sich die Angst vor dem Wolf stillschweigend zum Gesetz, öffnet sich für die Spezies eine neue Büchse der Pandora, aus der der alte Hass – in geschönte neue Worte gehüllt – erneut entweicht und nichts aus der Geschichte gelernt wurde!

© Mag. Alexander Willer, www.canis.info , 27.08.03

 

ANMERKUNG: 

Der 410 Seiten starke „Wolfmanagementplan“, auch als Umweltverträglichkeitsstudie (environmental impact study, kurz EIS) bezeichnet, ist nachzulesen unter: www.fwp.state.mt.us (zur Zeit unter der Rubrik: „Hot Topics“)

 

QUELLEN:

1, 2, 3, 4: „Montana releases wolf management plan“, Becky Bohrer, Associated Press writer, 21.08.03

5, 6: “State completes wolf management plan, a delisting milestone”, Michael Babcock, “Great Falls Tribune”, 22.08.03

7: „State completes wolf EIS“,  Scott McMillon, „Bozeman Daily Chronicle“, 22.08.03

8: siehe 1 und 5 bzw. „Montana releases wolf plan“, „Daily Interlake“, 22.08.03

 

 

 

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