"Hundstage": Mythos – Astronomie - Tierquälerei

 

Vielen Menschen ist der Begriff „Hundstage“ geläufig. Sie verbinden hinlänglich damit eine unangenehme Wetterperiode. Schon weniger Leute wissen, wann denn die „Hundstage" im Kalenderjahr beginnen. Den wenigsten ist bekannt, woher die Bezeichnung „Hundstage“ rührt. Die Antwort wissen die Sterne.

Der Terminus Hundstage leitet sich vom Sternbild Großer Hund (Canis maior) ab. Hellste Sonne in dieser astronomischen Konstellation ist der Sirius oder „Hundsstern“ (lateinisch „Canicula“). Etwa im Zeitraum vom 23. Juli bis 23. August ging dieser Stern am Firmament fast gleichzeitig mit der Sonne auf und unter. Die antiken Griechen glaubten, Sirius verstärke so die Wärme der Sonne, was der Grund dafür sei, warum die „Hundstage“ als die heißesten des ganzen Jahres gelten. Aratos (275 v. Chr.) sprach von einem Wachhund, der eine gewaltige Glut aushaucht. Natürlich hat der Sirius aufgrund seiner enormen Entfernung auf das Erdklima keinen Einfluss. Dennoch gingen auch die Germanen während dieser Periode nicht im Freien baden, da sie das Wasser für vergiftet hielten. Und es waren wiederum die Griechen, die Sirius für Gallenbeschwerden verantwortlich machten. Die Sternbilder Großer Hund sowie Kleiner Hund (Canis minor) betrachteten sie als Begleiter des Himmelsjägers Orion (einer weiteren Himmelskonstellation). Am Firmament stellte Orion mit seinen beiden Jagdhunden dem Hasen (Sternbild Lepus) nach, ohne diesen aber je zu erwischen. Viel Mythologisches rund um den Hund. Der Philosoph Geminus ließ Ratio walten. In seiner Einführung in die Astronomie (70 v. Chr.) hält er fest: „Allgemein glaubt man, Sirius ist für die Hitze verantwortlich, das ist aber ein Irrtum. Lediglich fällt der Aufgang des Sirius mit dem der Sonne zusammen.“

Die gewichtigste Bedeutung wurde Sirius im Ägypten der Pharaonenzeit beigemessen. Er war unter dem Namen Sothis bekannt und hatte sogar einen eigenen Kalender. Warum diese Wichtigkeit? Die Erklärung liegt im alljährlichen sogenannten heliaklischen Aufgang (ortus heliacus) des Sirius. Dieser war dann, wenn Sothis – nach Monaten der Unsichtbarkeit für das menschliche Auge – plötzlich kurz vor Sonnenaufgang – am östlichen Morgenhimmel erschien. Nun wussten die Ägypter, daß die Zeit der Nilüberschwemmung gekommen war, die stets zeitgleich mit dem Auftauchen des Sothis einsetzte. Diese Überschwemmung war lebenswichtig für den Ackerbau im kargen Land am Nil. Ohne Nilwasser keine Ernte. Ohne Ernte keine Nahrung und damit keine Kultur. Das Zusammenfallen des Erscheinen des Sirius am Himmel und Nilüberschwemmung machte ihn heilig, zum „Stern der Isis“, der Hauptgöttin Ägyptens.

Auch die frühe chinesische Zivilisation verband mit dem Sirius ein hundeartiges Tier, nämlich den „Himmlischen Schakal“ T’ien-lang. Allerdings verschlang er ihrer Auslegung nach gerne die Ernte, weshalb er von „Pfeil“ und „Bogen“ – südlicher gelegenen Sternbildern – erlegt werden mußte.

 

Zweifellos am Interessantesten steht das westafrikanische Volk der Dogon im Staat Mali zum Sirius. Wahrscheinlich seit Jahrtausenden feiern die Dogon alle 50 Jahre ein großes Fest, das Po, dem unsichtbaren Begleiter des Sirius gewidmet ist. Solange soll dieser nämlich brauchen, um Sirius einmal zu umrunden. Woher die Dogon – ohne Fernrohre – ihr Wissen über einen für das Auge unsichtbaren, 8,7 Lichtjahre entfernten Trabanten herhatten, ist ein ungelöstes Rätsel der Wissenschaft. Denn erst 1834 stellte der Astronom Friedrich Bessel eine sonderbare, wellenförmige Eigenbewegung des Sirius fest, was auf die Schwerkraft eines begleitenden Himmelskörpers schließen ließ. 1862 entdeckte der US-Amerikaner Alvin G. Clark diesen „Sirius B“ bezeichneten Trabanten – und 1914 ergaben Spektralanalysen, daß es sich dabei um einen Weißen Zwerg, einen Stern mit geringer Größe, aber extremer Masse handelt.

Sirius leitet sich vom griechischen „seirios“ ab, was soviel wie „funkelnd“ oder „sengend“ bedeutet – ein passender Name in Analogie auf die Hitzeperiode, in welcher der Stern am Morgenhimmel aufzieht. Von unserem Sonnensystem aus betrachtet, ist der Sirius der fünftnächste Fixstern, in einer Entfernung – wie bereits erwähnt – von 8,7 Lichtjahren. Er weist den 1,8-fachen Durchmesser unserer Sonne auf, hat ihre 2,3-fache Masse und 23-fache Leuchtkraft. Aufgrund der sogenannten Präzession der Erde (= Drehung um Achse), die sich im Laufe der Jahrtausende verändert, verschob sich der Beginn der Hundstage im Vergleich zum alten Ägypten von Ende Juli auf Ende August. Die „dies caniculares“, wie die Römer die „Hundstage“ nannten, beginnen genau genommen in der Jetztzeit daher erst um den 23. August.

Wenn dieser Artikel auch darlegte, daß die „Hundstage“ nur in mythologischem Zusammenhang mit dem Hund stehen, ergibt sich dennoch aus tierschützerischer Sicht ein relevanter Aspekt. Gerade in der Sommerzeit wird viel Schindluder mit dem „besten Freund des Menschen“ getrieben. Hunde müssen in brütend heißen Autos schmachten, weil ihre Zweibeiner shoppen gehen; sie werden rücksichtslos ausgesetzt oder in Tierheimen abgegeben, weil sie im Urlaub lästig wären; und zur größten Mittagshitze – wenn jeder Hund von sich aus Siesta hält – führt man sie Gassi. Alles menschliche Fehlhandlungen, die den Sommer für Hunde oft wirklich zu „Hundstagen“ machen.

 

© Mag. Alexander Willer, www.canis.info, 26. Juli 2003

 

Webtipps: www.sternwarte-kreuznach.de sowie www.wetter-mensch-natur.de

 

 

 

 

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