„Die Bestie von Gévaudan“

Das Gévaudan ist eine unwirtliche Gegend im Süden des französischen Zentralmassivs. Gerne bezeichnen die Einheimischen das extreme und gleichermaßen harte Klima als „neun Monate Winter, drei Monate Hölle“. 

In dieser Landschaft trieb in den Jahren 1764 bis 1767 ein bis heute mysteriöses Tier sein Unwesen, dem über 100 Menschen, großteils Frauen und Kinder, zum Opfer gefallen waren. Obwohl König Ludwig XV. seine besten Wolfsjäger ausgeschickt hatte, war Experten damals wie heute eines mit ziemlicher Sicherheit klar: ein Wolf war „La Bête“, die Bestie, keinesfalls! Was oder vielleicht auch wer es war, wird wohl immer ein Geheimnis bleiben. 

Die Filmindustrie nahm sich dieses durch historische Belege gesicherten Themas dankbar an. In dunkel-romantischer Atmosphäre inszenierte Regisseur Christophe Gans den „Pakt der Wölfe“, der in unseren Kinos derzeit zu sehen ist.

Vorgeschichte und Quellen

Frankreich verfügt über eine lange Tradition von Schauergeschichten, die von „bösen“ Wölfen handeln. Bereits Karl der Große machte sich diese im Volk verbreitete Abneigung zunutze und schwor im 9.Jahrhundert dem Isegrim die Ausrottung.

In der frühen Neuzeit gab es zum Teil aufsehenerregende Werwolfprozesse, denen zahlreiche Menschen wie Wölfe zum Opfer fielen. Und 1697 veröffentlichte der Historiker Charles Perrault in seinem Buch „Geschichten aus vergangenen Zeiten“ die früheste Version des „Rotkäppchen“-Themas; lange vor Jakob Ludwig Grimm (um 1812). Ein fruchtbarer Boden für Aberglauben und blutgierige Hysterie, auf dem die „Bestie von Gévaudan“ ihre krallenbewehrten Pranken da setzte.

Hintergrund dieser Feindschaft des Menschen zum Wolf bietet zum einen der katholische Glauben, der den Wolf als Sinnbild des Bösen betrachtete; zum anderen die Intoleranz der sich ausbreitenden menschlichen Zivilisation in Territorien, die lange Zeit den Wölfen vorbehalten waren. Doch „La Bête“ war real, so real wie das Grauen der von ihr verstümmelten und verspeisten Opfer. Ihre Taten sind dank einer Überlieferung, die „le procés-verbal“ (kurz P.V.) genannt wurde, erhalten. Dabei nahmen Beamte unter Besein von Zeugen ganz offiziell mündliche Berichte an und schrieben sie nieder. Hunderte Male legten Menschen verschiedener Gesellschaftsschichten Zeugnis vom Unwesen der „Bestie“ ab. Detailliertester Chronist blieb sicherlich der Geistliche Abbé Pierre Pourcher mit seiner „Histoire de La Bête du Gévaudan“ (1889), der eine innige Hassliebe zur Bestie entwickelt gehabt haben dürfte. Schließlich ziert den Sims seiner Tür bis heute eine Schnitzerei, die von von „La Bête zeugt“.

„La Bête“ und ihre Untaten

Zur Dämmerung - im Volksmund die „Stunde zwischen Hund und Wolf“ -  des 6.Septembers 1764 tritt „La Bête“ in Erscheinung. Sie springt einer Frau in einem Garten bei Estrets  an die Kehle und beginnt deren Blut zu saugen. 

Erst das Eingreifen der mit Äxten und Gabeln herbeigelaufenen Nachbarn vertreibt das Tier vom Leichnam der Frau. Zehn Tage später wird in Pradel ein Wolf erlegt. Die Bestie wurde für tot gehalten, was sich alsbald als trügerischer Irrtum erweisen sollte, denn am 26. 9. findet einkleines Mädchen durch „La Bête“ ihren Tod.

 Am Neujahrstag des Jahres 1765 entdeckt man in Milienettes von der kleinen Marie Jeane Rousset nur mehr ihren bis an die Knochen abgenagten Kopf. Lediglich an den herausquellenden Augen konnte sie identifiziert werden. Am 9.März verteidigt Jeane Jouve mit Fäusten und Steinen sich und ihre sechs Kinder vor dem Untier. Ein Kind findet dennoch den Tod, doch „La Bête“ ergriff die Flucht. Die verletzte Madame Jouve wird für ihr mutiges Verhalten vom König mit 300 Livres entlohnt. Am 29. 4. schlägt die Bestie erneut zu. Eine Bedienstete auf dem Weg zur Messe versuchte das mörderische Tier aufzuhalten, da bereits bewaffnete Männer im Anmarsch waren. Eine verhängnisvolle Entscheidung, denn die Frau verlor neben Gesicht und Kehle auch ihr Leben. 21. Juni, „Hexensabbat“ : wieder sterben zwei Menschen, ein weiterer wird verletzt. Immer mehr Unruhe breitet sich unter der Bevölkerung des Gévaudan aus. Der Klerus sieht in „La Bête“ eine Geißel Gottes, als Strafe für den all zu liberalen Kurs des Königs. Manche Geistliche  verkündeten, der Teufel selbst ginge um. Der Pariser Hof mußte rasch reagieren, um größere Unruhen in einer ohnehin politisch instabilen Region zu verhindern. Laut Abbé Pourcher soll der König insgesamt 12.000 Mann auf die Fährte der Bestie gesetzt haben. Diese Zahl mag wohl zu hoch gegriffen sein, dennoch schickte Ludwig seine besten Jäger. Unter ihnen Denneval, der oberste Wolfsfänger. 1.200 Wölfen hatte er schon den Tod gebracht, im Gévaudan sollten weitere 74 hinzukommen. Doch das sinnlose Dahinmetzeln ganzer Wolfspopulationen ließ „La Bête“ unberührt. Ihre blutige Serie ging weiter. Der oberste lokale Leiter der Jagd auf die Bestie war der dubiose Adelige M. Antoine. Er ließ Wachen stets des Nachts postieren, obwohl bekannt war, daß fast alle Attacken am Tage geschehen waren. Das Volk misstraute ihm. Am 13. September 1765 fand man von einem vermissten Mädchen nur mehr ihre Kappe bzw. ihre Holzpantoffeln. Antoine nutzte den Aufruhr, um sich zu profilieren. Am 21. 9. bringt er am Gelände der Abtei den sogenannten Loup de Chazes zur Strecke. Ein unter La Pucelle bekannt gewordenes 16jähriges Mädchen, das die Bestie von Gévaudan Wochen zuvor mit einer Spindel vertrieben hatte, wird als Zeugin zur Identifizierung herangezogen. Alles lief nach Plan. Der Kadaver wird nach Paris gebracht. Ludwig XV. selbst zeigt stolz das Fell der vermeintlich getöteten Bestie. Für Paris war die Sache damit erfolgreich erledigt. Die Tatsache, daß „La Bête“ bereits am 26., 27. und 28. desselben Monats bei Marsillac erneut gesichtet worden war, wurde bewußt vertuscht. Ruhe mußte im Gévaudan einkehren, das war politischer Wille.

Bis zum bitteren Ende

Am kürzesten Tag des Jahres, dem 21. 12. 1765, tötet das Biest die kleine Agnes Mourges. Offiziellen Angaben zufolge blieb vom Körper des Kindes zu wenig übrig, um ihn beizusetzen. Zwischen März und Juni des darauffolgenden Jahres kommt es im Umkreis von sechs Meilen zum Städtchen Paulhac zu 14 Attacken durch „La Bête“. Der oberste Wolfsjäger Denneval schloß mittlerweile definitiv aus, daß es sich bei dem gesuchten Tier um einen Wolf handelte. In den Monaten April und Mai legten er und M. Mercier haufenweise vergiftete Hundekadaver als Köder aus. Wieder schien die Bestie das Aas links liegen zu lassen, stattdessen verendeten zahlreiche Hirtenhunde qualvoll, was zu neuen Unstimmigkeiten mit den Schäfern führte. Das letzte belegte Opfer von „La Bête“ starb am 18. Juni 1667 bei Désges; es war ein unidentifiziertes kleines Mädchen. Zwei Tage danach erlegte Jean Chastel in Sogne d´Auvers ein körperlich deformiertes wolfsähnliches Wesen. Die Bluttaten von „La Bête“ waren zu Ende. Ob Chastel das Untier nun endgültig getötet hatte oder ob es doch am Gift verendete, weiß niemand. Fest steht, daß auch Jean Chastel selbst eine umstrittene Persönlichkeit war . Er soll viele Jahre in Asien verbracht und sich dem Versuch gewidmet haben, Hyänen mit anderen Raubtieren, wie z.B. Großkatzen zu kreuzen (was rein genetisch nicht möglich war).

Was oder wer war „La Bête“?

Den in Schlamm gefunden und von mehreren unterschiedlichen Menschen bezeugten Abdrücken nach, hatte die Bestie starke Krallen. Sie tötete fast ausschließlich Frauen und Kinder. An Herden schien sie desinteressiert. Sie fraß mit Vorliebe Eingeweide, wie etwa die Leber, und hatte ein starken Durst nach Blut. Sie jagte tagsüber und lauerte gerne auf Mauererhebungen. „La Bête“ konnte große Sprünge machen und schüttelte ihre Verfolger gerne im sumpfigen Gelände ab.

Augenzeugen beschreiben die Bestie als seltsam deformiert. Ihre Gesichtshälften sollen ungleich gewesen sein; häufig wird von einem rötlichen Fell gesprochen, aber manchmal auch von punktförmigen Zeichnungen. Das von Antoine dem König übergebene Wolfsfell wurde zu Beginn des 20.Jahrhunderts im Nationalmuseum von Paris verbrannt, nachdem es fast alle Haare verloren hatte. Mit ziemlicher Sicherheit war es ohnehin eine zur damaligen Zeit übliche Fälschungder Trophäe eines geheimnisvollen Tieres. 

Theorien gab es in den letzten zweihundert Jahren viele. Manche sprechen von einer großen Hyäne, andere von einem Afrikanischen Wildhund (Lycaon pictus), wieder andere wollen Großkatzen oder Paviane dafür verantwortlich machen. Hinzu kommt die Idee von seltsamen von Menschen – etwa den örtlichen Adeligen – durchgeführten Hybridisierungen. Da „La Bête” einem Großaufgebot erfahrener Jäger stets entkommen konnte, wird die Mitwirkung von Menschen nicht ausgeschlossen. War es ein Hund-Wolf-Mischling oder etwa ein ganzes Rudel davon, das durch sein Herrchen gut konditioniert auf Menschenjagd ging? War ein politisches Komplott der Hintergrund der Mordserie? Spielte der damals schwelende Konflikt zwischen Katholiken und Hugenotten eine Rolle? Sollte der den Wissenschaften zugeneigte Ludwig XV. von der alten Adelselite gestürzt werden? Ein Beleg dafür könnte sein, daß der König immerhin 12.000 Livres für den Kadaver der Bestie bot.

Die Erinnerung bleibt

Die „Bestie von Gévaudan“ ist kurioserweise außerhalb Frankreichs kaum bekannt. Im Land selbst gilt sie aber als „größtes Enigma der Geschichte“. Außer auf dem bereits erwähnten Türsims des Abbé Pourcher findet sich „La Bête“ als Wetterhahn des Kirchturms von St.Alban-sur-Limagnole wieder. In Marvejols, wo sie nie ihr Unwesen trieb, schuf der Bildhauer Auricoste auf der Place des Cordiliers sogar eine zeitgenössische Statue des Monsters. Natürlich fand sie in zahlreichen fiktiven wie historischen Büchern Eingang, ebenso in Filmen. Das neueste Werk läuft – wie eingangs erwähnt – gerade in unseren Kinos an. „Pakt der Wölfe“ lautet der Titel, Mitwirkende sind u.a. Samuel Le Bihan und Monica Bellucci.

Das Gévaudan wird auch in Zukunft unsere Fantasie beflügeln. Ein Beispiel gefällig? 1798 griff man in einem Teil dieser wilden Landschaft den „Wolfsjungen von Aveyron“ auf, ein 12-jähriges Kind, das scheinbar ohne menschlichen Kontakt aufgewachsen war. Was immer das Geheimnis von Gévaudan auch ausmacht, Wölfe tragen an den Vorkommnissen aber sicher am wenigsten Schuld.

© Mag. Alexander Willer, Tierrechtsverein CANIS

Literatur:

Derek Brockis, The Beast of Gévaudan, ISBN: 0-9532879-0-4 (Übersetzung des Werkes von Abbé Pourcher aus dem Jahr 1889)

Pierre Pelot, Pakt der Wölfe, ISBN: 3-442-45168-X (Fiktion)

 

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