(Teil II): - TOTGESAGTE LEBEN LÄNGER ?: DER TASMANISCHE BEUTELWOLF 
  

Tasmanien: südöstlich des australischen Kontinents gelegen - ein Eiland am Ende der Welt. Über Jahrtausende streifte ein geheimnisvolles Wesen durch die Wildnis dieser Insel, ein Tier bedacht mit vielen Namen. Die Ureinwohner nannten es regional unterschiedlich C(o)orinna, Lagunta oder Loarinnha. Die Europäer vermuteten in ihm eine Abart der Hyäne, des Tigers oder des Wolfes, was erneut zu verschiedenen Bezeichnungen führte, wovon Beutelwolf die heute gängigste ist. 1936 starb das nachweislich letzte Exemplar dieser Art in Gefangenschaft. Doch eine Frage blieb bestehen: gibt es noch Überlebende in freier Wildbahn ? Die Chancen sind gering, doch die Faszination der Suche ist groß. 
  
Ein Tier mit vielen Namen

Der erste schriftliche Bericht über den Beutelwolf datiert vom 30. März 1805, als William Paterson, der britische Verwalter Nordtasmaniens, eines von Hunden zerrissenen Exemplars ansichtig worden war: "Die Form des Tieres ist die der Hyäne, zugleich erinnert es den Beobachter aber stark an einen kleinwüchsigen Wolfshund." Patersons Beschreibung wurde von australischen 

Gazetten übernommen, was dem Beutelwolf in Tasmanien die  landläufige Bezeichnung Hyäne einbrachte. Am 18. Juni selben Jahres begegnet fünf entflohenen Sträflingen der erste lebende Beutelwolf. Das Tier wird als tigerähnlich beschrieben. Das führte wiederum zur Bezeichnung Tasmanischer Tiger. Sechzig Jahre später kreierte Alfred Brehm in seinem "Illustrirten Thierleben" drei weitere Namen: Beutelhund bzw. Zebra- und Beutelwolf. Die wissenschaftliche Bezeichnung des mysteriösen Geschöpfes heißt Thylacinus cynocephalus
  
Steckbrief eines Phantoms

Trotz des wildhundähnlichen Aussehens und der Querstreifen über den Rücken, zählte der Beutelwolf weder zu den Caniden, noch zu den Feliden. Er bildete eine eigene Familie (Dasyruridae) innerhalb der Beuteltiere, am ehesten verwandt mit dem heute noch lebenden Beutelteufel. Das einzige Merkmal, das neben der Zeichnung entfernt an Katzenartige erinnert, lag darin, daß seine Hinterbeine höher waren als die vorderen. Hingegen konnte er seine Krallen wie die meisten Feliden nicht einziehen. Der Unterschied zu Hund und Wolf wird schon im Gebiß sichtbar: 46 statt 42 Zähne. Obwohl die Kopfform der des Wolfes ähnelte, war das durchschnittliche Gehirnvolumen deutlich geringer: 53,5 ml zu 134,4 ml. Auch konnte der Thylacinus seine Rute nur vertikal auf und ab bewegen, jedoch nicht seitlich wedeln. 
Sein Fell war kurzhaarig, sandig bis hellbraun und mit 13-19 Querstreifen überzogen. Nach einer Tragzeit von 35 Tagen ( vgl.: Hund und Wolf 63 Tage) kamen zwischen Jänner und März zwei bis drei Junge auf die Welt, die bei ihrer Geburt nur einen halben Zentimeter groß waren und in den Beutel der Mutter krochen, wo sie etwa fünf Monate gesäugt wurden. Bereits im November - zu Beginn des Sommers auf der südlichen Hemisphäre - gingen sie eigene Wege. Beutelwölfe waren langsame aber ausdauernde Läufer. Die Beutesuche setzte mit Dämmerung ein. Sie jagten höchstens zu zweit, nie im Rudel, was in der Regel atypisch für wirkliche Wölfe wäre. Ihre Mahlzeit bestand hauptsächlich aus den Innereien kleinerer Beutler. Der Rest des Kadavers wurde meist von Beutelteufeln verzehrt. 
  
Spuren aus der Traumzeit

Die Ureinwohner Australiens, die Aborigines, bezeichnen die Anfänge ihrer Kultur als die "Traumzeit", in der der Mensch mit Göttern und Tieren gleichwohl kommunizierte. In diese dreamtime und sogar darüber hinaus reichen die ersten Belege für den Beutelwolf. Das älteste Fundstück ist ein zwölf Millionen Jahre alter Zahn. Etwa auf 8000 Jahre bringen es die Felszeichnungen aus dem Kakadu-Nationalpark (Nordaustralien), die einen Thylacinus mit Welpen zeigen. Ein natürlich mumifizierter Beutelwolffund ist 4650 Jahre alt. Bis vor 2500 Jahren bewohnte der Thylacinus - abgesehen von der ariden Zone im Landesinneren - ganz Australien. Sein rasches Verschwinden dürfte mit der Einwanderung des Dingos in Zusammenhang stehen, der dem Beutelwolf in Jagdtechnik und Reproduktion überlegen war. Als die Europäer die terra australis in Besitz nahmen, war er schon lange nur mehr auf Tasmanien vorzufinden. 
  
Chronik eines angekündigten Todes

1642 ging der Holländer Abel Tasman, nach dem die Insel ihren Namen erhalten hat, in Tasmanien vor Anker. 1803 waren die Briten Herren des Eilandes. Sträflinge, Robben- und Walfänger machten das Gros der Bevölkerung aus. Bis 1876 war den Ureinwohnern der Insel der Garaus bereitet worden. Wie sollte es dem Beutelwolf, einmal entdeckt, da anders ergehen ? Die Europäer brachten zur Selbstversorgung Schafe mit. Für den Thylacinus eine willkommene und leichte Beute. 1830 begann die Van Diemens Land Company Todesprämien auf den Viehdieb auszusetzen. Unter permanenten Druck der Schafzüchterlobby zahlt ab 1880 auch die Regierung Abschußprämien. Das, obwohl die meisten Schafe wildernden Hunden zum Opfer gefallen waren. Doch der Beutelwolf mußte als Sündenbock und Kugelfang herhalten. 
Bis 1910 fanden an die 10.000 Beutelwölfe durch Menschen den Tod. Eine Opferzahl, die sich für das Weiterbestehen der Art als zu hoch erweisen sollte. Denn zum einen war die Population auf ganz Tasmanien niemals dicht, zum anderen taten die Zerstörung des natürlichen Habitats und eine bisher nicht erklärbare Seuche das Ihre dazu. Der letzte freilebende Beutelwolf wurde am 13.Mai 1930 in Mawbanna abgeschossen. Die Spezies hatte in der Natur zu existieren aufgehört. 
  
Ein Leben hinter Gittern

Nach 1910 gab es keine Kopfgelder mehr, dafür aber setzte ein reger Handel mit dem Beutelwolf ein. Trophäen und Präparate waren ebenso begehrt wie lebende Exemplare. Als erster hatte bereits 1843 der britische Gouverneur Sir John Eardley-Wilmont drei Beutelwölfe in seinem Garten gehalten. Der Beaumaris Zoo von Hobart sollte folgen, wie auch der Londoner. In Kontinentaleuropa stellte Berlin zwischen

Juli und November 1864 und zwischen 1871 - 1873 als erste Stadt den Thylacinus aus. Es folgten Paris bzw. nach der Jahrhundertwende Köln und Antwerpen. Sydney, New York oder Washington beherbergten ebenfalls Beutelwölfe. Doch meistens starben die Tiere in Gefangenschaft sehr bald. Lediglich in Hobart brachte es der Rüde "Benjamin" auf über zwölf Jahre. Doch am 7.September starb auch dieses Tier. Es war der letzte Vertreter seiner Art. Die Vernichtungspolitik des Menschen hatte voll gegriffen. Als Ironie des Schicksals steht heute aber in Australien auf den Fang oder die Tötung eines Beutelwolfes eine Höchststrafe von 5.000 Dollars oder sechs Monate Haft. 
  
Späte Reue - neue Suche

Dezember galt als Paarungssaison des Beutelwolfes. Für diesen Monat des Jahres 1929 wurde er daher unter Schutz gestellt. Ein lächerlich kleiner Zeitrahmen. Als die Art am 14.Juli 1936 endlich als vollständig geschützt eingestuft wurde, kam die Hilfe zu spät. Nur mehr ein Exemplar war am Leben - im Zoo. Nach dessen Tod führte die Regierung zwischen 1937 und 1980 entweder direkt oder durch Subventionierung Privater Suchexpeditionen nach möglichen wildlebenden Beutelwölfen durch. 1978 stiftete auch der gerade neu gegründete WWF Australien 55.000 Dollars für die Suche. Bisher blieben die Bemühungen allerdings alle ohne Erfolg. Als der US-Medien-Tycoon Ted Turner 1983 die Segelregatta von Sydney nach Hobart gewann, versprach er den Australiern eine Belohnung von 100.000 amerikanischen Dollars für den sicheren Beleg eines noch lebenden Beutelwolfes. Bisher konnte aber auch Turners Versprechen den Thylacinus nicht ins Leben zurückrufen. 
Dies überlegt aber Mike Archer, Direktor des Museums von Sydney. Ein seit 1866 in Alkohol konservierter Beutelwolfembryo soll geklont werden. Dabei stehen aber zwei schwierige Fragen im Weg: Ist die DNA noch brauchbar ? Und wenn ja, welche Tierart soll dem Klon als Leihmutter dienen ? Es käme wahrscheinlich nur der Beutelteufel in Frage. 
  
Totgesagte leben länger ?

Klonierung ist kein Mittel der Kryptozoologie. Hier begibt man sich lieber auf Spurensuche. Eine erste Fährte findet sich 1961 in Sandy Cap (Nordwest-Tasmanien), wo zwei Fischer einen vermeintlichen Beutelwolf erschlugen, was durch Analyse von Haarresten in den Bereich der Möglichkeit rückte. 
Der Kadaver ging von Hand zu Hand bis sich seine Spur verliert. 1995 will ein Wildhüter bei Pyengana (Nordosttasmanien) einen lebenden Thylacinus gesehen haben. Und 1998 tauchte in Australien ein frisches Beutelwolffell auf. Irrtum, optische Täuschung, Fälschung ??? Die Zukunft wird die Antwort geben... 

 

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