(Teil I): Geheimnisvolle Wesen Lateinamerikas

 

So alt wie die Menschheitsgeschichte sind Berichte über geheimnisvolle Lebewesen aus dem Tierreich. Egal ob Steinzeit oder High-Tech-Ära, die Faszination, die von ihnen ausgeht, beschäftigt unser Denken. Yeti oder das sogenannte Monster von Loch Ness sind die besten Beispiele. Zumindest vom Hörensagen sind diese Kreaturen fast jedermann ein Begriff. Neben ihnen bevölkern noch eine Vielzahl anderer Wesen die Grauzone zwischen Mythos und Realität: Onza, Chupacabras, Mapinguari uvm.. Doch wo ist die Grenze von Aberglauben und Wissenschaft anzusiedeln? Wie gelingt es, künstlerische Ausschmückung von Fakten zu trennen? Die Kryptozoologie hat sich dieses schwierige Unterfangen zur Aufgabe gesetzt.

Spekulation oder Naturwissenschaft ?  

Als Begründer der Kryptozoologie gilt der Franzose Bernard Heuvelmans. Seit fast 60 Jahren verfolgt er rund um den Globus Spuren mysteriöser oder längst ausgestorben geglaubter Wesen, die von der herkömmlichen Naturwissenschaft ignoriert werden. Fast 150 dieser "steckbrieflich Gesuchten" weist seine Kartei mittlerweile auf,

an die 20.000 Indizien will er haben. Egal ob Illustrationen, mündliche Überlieferungen oder Sichtungserzählungen, Kryptozoologen sammeln alles, in der Hoffnung, die Existenz der mysteriösen Geschöpfe einst beweisen oder endgültig widerlegen zu können. Dabei werden sie von den klassischen Biologen meist belächelt und mißtrauisch beäugt. Schon 1819 hatte der Zoologe Georges Baron de Cuvier vollmundig postuliert, das Tierreich wäre komplett erforscht. Vor allem jede weitere Suche nach "großen" Tieren hielt er für Zeitverschwendung. Er sollte Unrecht behalten. Wesen, die lange Zeit als Sagentiere galten, wurden entdeckt: Riesenpanda (1869), Waldelefant (1899), Okapi (1901), Berggorilla (1903), Komodowaran (1912), Quastenflosser (1938) oder aus jüngster Vergangenheit Himalaya-Elefant (1992), vietnamesischer Spindelbock (1993) und Bondegezou (1994), eine Art Baumkänguruh aus Neuguinea. Heuvelmans Pionierarbeit, den verborgenen (=kryptos) Lebewesen (= zoon) auf die Schliche zu kommen, fiel auf fruchtbaren Boden. In Tucson, im US-Bundesstaat Arizona, entstand die International Society of Cryptozoology (ISC) unter Richard Greenwell. Die ISC kann als zentrale Erfassungsstelle der Kryptozoologie betrachtet werden.

Onza - eine neue Großkatzenspezies ?  

Alleine in Lateinamerika gibt es eine Vielzahl von Erzählungen über geheimnisvolle Geschöpfe. Einer davon, der über den geheimnisumwitterten Onza, geht Richard Greenwell seit Jahren nach. Die Geschichte reicht weit ins 16. Jahrhundert zurück, zum Aztekenherrscher Montezuma, der in seiner Hauptstadt Tenochtitlán einen Zoo angelegt haben soll, in dem er alle Tierarten seines Reiches zu halten trachtete. In der Menagerie befand sich nach Angaben des spanischen Eroberers Bernal Diaz de 

Castillo eine wolfsähnliche Katze mit dem Namen Cuitlamitzli. Zweihundert Jahre später berichtet der in der Provinz Sonora (Mexiko) tätige Jesuitenmissionar Ignaz Pfefferkorn von einem ähnlichen Katzenwesen, dem Onza. Im Unterschied zum Puma wäre das Tier länger, schmäler und viel dünner, so der Padre. 1986 wurde ein vermeintliches Onza-Weibchen in Sinaloa, einer anderen Provinz Mexikos, erlegt. Greenwell besichtigte mit dem Puma-Experten Troy Best den gut erhaltenen Kadaver. Beine, Schwanz und Ohren waren deutlich länger als beim Puma (Felis concolor), das Gewicht erheblich geringer und das Fell an den Vorderläufen zeigte untypische Querstreifen. Bis heute konnte das Tier nicht klassifiziert werden.

Medienstar Chupacabras  

Auf Puerto Rico und in Mexiko soll der Chupacabras sein Unwesen treiben. Dieser "Ziegensauger", der auch Truthähne oder Hühner auf seinem Speisezettel hat, wird als koboldartige Kreatur mit Flügeln beschrieben. Die Volkshysterie nahm derartige Ausmaße an, daß landesweit ganze Fledermauskolonien in ihren Höhlen ausgeräuchert wurden. Offizielle Stellen wollen von diesem "Vampir" freilich nichts wissen und machen Kojoten oder Pumas für den Viehriß verantwortlich.

Auch wenn der Chupacabras reine Fiktion sein sollte, den Sprung zum Kommerzmonster hat er alle Mal geschafft. Er ziert Touristen-T-Shirts und hat eine eigene Homepage.

Mapinguari - Bote der Vorzeit ?

Jedes Jahr im März soll der Mapinguari aus dem Andenvorgebirge ins Amazonasbecken hinabsteigen. Die Indios beschreiben das Wesen als übelriechend, drei Meter hoch und mit einem Maul mitten am Bauch. 1994 machte sich David Oren, Harvard-Absolvent und Biologe am Emilio-Goeldi-Museum in Belém, Brasilien, mit einer Expedition auf den Weg, um das "Untier" zu suchen. Oren vermutet, daß der Mapinguari nichts anderes wäre, als ein Riesenfaultier, das im Unterschied zu Ai oder Unau, den beiden bekannten lebenden Arten, nicht in den Baumkronen lebt, sondern am Boden. Für den Forscher ein Abkömmling des Megatheriums, eines sechs Meter hohen Faultieres, das noch vor 10.000 Jahren Teile des südamerikanischen Kontinents bewohnte.  Im "Maul" am Bauch sieht Oren nichts anderes als eine Düftdrüse, aus der das Mapinguari zur Verteidigung stinkende Sekrete aussondern kann. Leider konnte die Expedition kein Exemplar des Mapinguari ausmachen. Gefunden wurden aber ein Büschel roter Haare sowie 12 kg Kot unbekannter Herkunft. Aus all diesen Berichten wird klar, daß die Kryptozoologie noch in den Kinderschuhen steckt. Es fehlt leider oft sowohl an der nötigen Anerkennung als Wissenschaftsdisziplin als auch an den finanziellen Mitteln. Gerade aus Sicht des Tierschutzes öffnet die Kryptozoologie freudige Perspektiven. Während das Artensterben tagtäglich vielen Spezies das unwiederbringliche Aus bringt, versucht die Kryptozoologie zu belegen, daß viele Geschöpfe der Evolution noch nicht einmal entdeckt sind.

Fortsetzung folgt

 

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